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StartseiteBüchermarktDer Tod liegt in der Luft28.11.2005

Der Tod liegt in der Luft

Ulrike Draesner: "Spiele"

Der Tod liegt in der Luft von Anfang an. Denn für das Huhn, das sich verirrt hat in die nagelneue Münchner U-Bahn mit Ziel Olympisches Stadion, geht es ums nackte Überleben. Das spürt auch die kleine 12-jährige Katja, die mit ihrem Großvater Josef voller Mitleid den Todeskampf des Tieres verfolgt. Was keiner der Anwesenden, ja niemand an diesem Morgen Anfang September 1972 ahnt: Dass dies erst ein mildes Preludium ist zu dem Schlachthaus, als das sich die Heiteren Spiele erweisen sollten.

Von Claudia Kramatschek

Die Olympiade in München wurde von einem Geiseldrama überschattet.  (AP)
Die Olympiade in München wurde von einem Geiseldrama überschattet. (AP)

"Etwas Großes lag in der Luft. Hart, wie gehämmert hing der Himmel über den Türmen der Stadt. Gehämmert aus blauen und weißen Blechen, aus denen man Spiele würde machen können. Nicht mit Brettern, Plastikhütchen und Würfeln, gefügig, willig, Spiele, die man verlieren konnte, ohne verloren zu gehen. Nein. Diese Spiele würden anders sein. Erwachsene hatten sie sich ausgedacht. Für Erwachsene waren sie gemacht."

Mittlerweile ist auch Katja eine erwachsene Frau von 43 Jahren und eine angesehene Fotojournalistin. Als solche bereist sie die ganze Welt – und ist doch nirgendwo richtig zu Hause. Genau das will sie nun ändern. Heimat wird plötzlich eine Sehnsucht für Katja, deren Großvater ein Vertriebener war und deren Vater Edgar als Rechtsanwalt sein Leben mit Geld und Gerechtigkeit zu festigen sucht. Doch Katja ahnt, dass es Zukunft nur dort gibt, wo Vergangenheit geklärt ist. Katja aber fühlt noch immer eine alte Schuld – und die führt zurück in das Jahr 1972: In diesem Sommer war sie verliebt in Max – doch was vielversprechend beginnt, endet damit, dass Max zur Polizei gehen wird – und seinen ersten Einsatz ausgerechnet in jenem Kugel- und Flammeninferno von Fürstenfeldbruck absolviert, in dem alle neun israelischen Geiseln das Leben verlieren. Auf beängstigende Weise, so wird Katja klar, haben sich in diesem Jahr die große und die kleine Geschichte durchdrungen – und so fährt sie an den Ursprungsort, nach München, zurück, um ihre Zukunft mittels einer Reise in die Vergangenheit neu zu belichten.

An diesem Punkt des Geschehens, im Jahre 2002/2003, setzt Ulrike Draesner auch mit ihrem Roman ein – was ein bewusster Griff ist, um sofort von Anfang an zu verdeutlichen, dass der Blick auf die Vergangenheit bereits gefiltert ist durch das Heute, das als Fortsetzung der Vergangenheit zu denken ist. Warum aber nun erst nach über 30 Jahren, ein Roman über die Geiselnahme Olympia 1972 möglich ist, obwohl dieser Stoff, so Draesner, alle Elemente eines klassischen Dramas besitzt, und derzeit nun auch von Starregisseur Steven Spielberg verfilmt wird, das hat, so Draesner, zu tun mit unserem Umgang mit Historie:

"Jahrzehntelang hat die bayrische Regierung einer der Angehörigen gegenüber immer wieder behauptet, es gibt einfach nur einen 69-seitigen Bericht. (..) Und ich glaube, zum 20 oder 25. Jahrestag des Attentats hat diese Angehörige (..) im Deutschen Fernsehen (..) gesagt, dass sie das nicht glaubt. (..) Und darauf hin bekam sie einen Anruf in Israel von jemandem aus dem Staatsarchiv, der ihr sagte, die Akten, die sie einfordert, die gibt es sehr wohl, es sind über 4000 Aktenstücke, und sie soll ihm die Adresse geben, er schickt ihr Beleg und Beweismaterial. (..) Und damit sind die Angehörigen zu einem RA gegangen, es gab eine Klage gegen die Bayrische Staatsregierung und gegen die Bundesregierung, und im Zuge dieser Klage, die dann Anfang 2000 durch einen Vergleich beigelegt wurde, sind all diese Aktenstücke erst öffentlich geworden. Und das heißt, erst seit einigen Jahren ist es möglich, sich mit dieser Geschichte genauer auseinanderzusetzen. (..) Und (..) es lag natürlich durchaus im Interesse der bayrischen und bundesdeutschen Regierungen, diese Ereignis nicht allzu sehr in die Medien immer wieder zu tragen. Man kann nicht sagen, dass man das Vergessen erzwungen hat, aber man hat bestimmt nichts dagegen getan."

Versagen und Vertuschung, Schuld und Scham, Intrigen und Ignoranz – dies sind die menschlichen Ingredienzien, die Draesner dabei hinter den so genannten Fakten ans Licht ihrer literarischen Recherche holt. Von Anfang an spiegelt sie dabei die große in der kleinen Geschichte und springt dafür zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her, wobei die Erzählung wie in einer Helix spiralförmig voranschreitet, da das Attentat aus je zwei Zeitperspektiven wieder gegeben und zugleich auch je zweimal gebrochen wird: Da ist die junge Katja, die im Fernsehen – verzerrt also durch die mediale Selektion, – verfolgt, was vom 5. September dort zu sehen ist. Für sie ist dieser Tag ein Tag, an dem sie ihre Kindheit, und das heißt ihre Unschuld, auch in zweifacher Weise verliert: Denn sie ahnt nicht nur bereits, dass Max mitten im Geschehen sein könnte; ihr Vater, seit langen Jahren Witwer, hat zudem die erste Nacht mit einer fremden Frau verbracht. Die erwachsene Katja dagegen sichtet im Rahmen ihrer Recherche Akte um Akte, Filmdokument um Filmdokument, und wird sogar nach Hongkong fliegen, um einen Zeitzeugen zu befragen. Am Ende wird sie sich zwar verliebt haben in Paul, den Direktor der Bibliothek, in der sie recherchiert – aber der Wahrheit wird sie nur auf indirekte Weise näher gekommen sein.


"Nach dieser Recherche bin ich mehr als je zuvor davon überzeugt: es gibt keine Fakten. Von Anfang an. Es gibt von Anfang an nur fragmentarisierte Erzählungen darüber, was gewesen sein könnte. Und am schönsten sieht man das eigentlich an dieser Szene in FFB. Den ganzen Tag über sitzen die Geiselnehmer mit ihren Geiseln mitten im Olympischen Dorf. (..) Die gesamten Medien der Welt sind versammelt, (..) und alle halten ununterbrochen ihre Kameras auf dieses Ereignis. (..) Und dann kommt man mit diesen Verhandlungen nicht voran, Israel gibt den Forderungen nicht nach, man einigt sich, zumindest auf der Oberfläche, darauf, dass die Geiselnehmer gemeinsam mit den Geiseln ausfliegen dürfen. (..) Niemand von den Medienvertretern weiß das, es gibt nur Gerüchte, und in dem Moment, wo die im Hubschrauber sitzen, hört die mediale Deckung dieses Ereignisses vollkommen auf. Ab jetzt gibt es nur noch Zeugenaussagen.

Und wie unverlässlich Zeugenaussagen sind, weiß man auch. Es gibt einen schönen Kanon von 17 Verformungskriterien und die treffen natürlich auch alle auf dieses Ereignis Olympia ’72 zu. Und Fiktion ist dann eigentlich auf der einen Seite nur noch ein kleiner Unterschied, nämlich das achtzehnte Verformungskriterium sozusagen. (..) Aber es ist zugleich ein qualitativer Unterschied. Denn anders als der Historiograph kann ich in einem Roman sagen: ja, es ist Fiktion. Ich nehme mir genau diese Freiheit und (..) erzähle euch nicht eine Geschichte, sondern die ganz unterschiedlichen Möglichkeiten, darauf zu sehen."

Deshalb auch erzählt Draesner diesen Tag nicht nur aus zwei unterschiedlichen Zeitebenen, sondern zerlegt ihn auch in einzelne Szenen, die wiederum aus dem – je nach Interesse divergierendem – Blick unterschiedlicher Figuren erinnert werden – sei das Max, sei das der Busfahrer, der die Geiseln und Geiselnehmer zum Flughafen fährt, seien das Politiker in Fernsehsendungen. "Spiele" ist somit nicht als ein Roman angelegt, der zu erklären sucht, was damals an jenem 5. September 1972 wirklich passiert ist – auch, wenn Draesner mit Hilfe ihres weiblichen alter ego Katja Details vor Augen führt, die einem noch heute die Haare zu Berge stehen lassen. Doch Draesner setzt diese Details bewusst wie Schlaglichter ein – zumal sie an dem interessiert ist, was den Historiker nicht reizen würde: an Körpern, an Gerüchen, an einem Sondieren also der Ränder. Genau dieser Blick vom Rand her aber vermag ins Zentrum zu treffen, wenn wir etwa einer Todesangst nahe kommen, die alle politische Mehrdeutigkeit, alle menschliche Unzulänglichkeit und alles technische Versagen dieses Tages in einem Moment erhellt:

"Kurz nach 22.00 Uhr kamen sie dann. Stanken nicht nach Schweiß oder Scheiße, waren dreckig, das schon, doch über allem rochen sie, süßlich, nach ihrer Angst. .. Sie schauten ihn an, beim Einsteigen, beim Aussteigen nicht. Die Geiselnehmer ebenso. Die kämpften nicht für Freiheit, für ihn waren das Mörder, Mörder von Anfang an, denen helfen, nein, er half den Geiseln, hatte den Geiseln geholfen, sagte er sich, noch in der Nacht zuvor hatte er sich gesagt, jetzt sind alle gerettet .. aber am Morgen war alles falsch, und er hörte das Gegenteil im Radio."

Alle handelnden Figuren in "Spiele" sind übrigens erfunden; die realen historischen Akteure von einst treten nur auf als Zitat. Imaginative Verdichtung ist somit die Blende, durch die Draesner auf das damalige Geschehen blickt. Spürbar wird durch dieses Verfahren vor allem das gesellschaftliche Klima, das auf deutscher Seite die Katastrophe mit ermöglichte: eine politisch so naive wie verlogene Bundesrepublik, die sich in Unbedarftheit ebenso sehr wie in noch in Demokratie übt – und die von der eigenen Geschichte, gegen die gerade diese "Heiteren Spiele" angelegt waren, umso traumatischer eingeholt wird. Draesner verweist auf diese geschichtlichen Ereignisketten, wie sie es im Roman nennt. Der Geist von Olympia 1936 spukt daher ebenso durch den Roman wie übrigens auch der 11. September 2001; der globale Terror, so Draesner, habe nämlich bereits am 5. September 1972 begonnen. Diese jüngste, allzu prominente zeitliche Klammer ist nachvollziehbar, aber nicht wirklich überzeugend – wie übrigens auch nicht so ganz das Heimat-bzw-Vertriebenen-Motiv.

Doch das tut dem großen Ganzen keinen Abbruch. "Spiele" ist glücklicherweise gerade nicht der Politthriller, den viele vielleicht erwarten. Dennoch liest sich der Roman spannend wie ein Film, der den Leser mit Fragen, nicht mit Letztgültigem belohnt. Spiele gibt es darin übrigens erstaunlich viele – nicht zuletzt in der Liebe, von der Ulrike Draesner in diesem Roman mit wunderbarer Nahaufnahme erzählt.

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