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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Der totale Krieg der USA gegen Korea21.01.2008

Der totale Krieg der USA gegen Korea

Publizist Friedrich prangert den Vernichtungskrieg in Asien an

Der Korea-Krieg beginnt im Morgengrauen des 25. Juni 1950 mit dem Angriff der nordkoreanischen Kommunisten auf den Süden. Er dauert drei Jahre uns kostet Millionen Menschen das Leben. 37.000 amerikanische Soldaten sterben darin, mehrfach gerät die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Doch schon bald wird der Krieg in Korea zum "vergessenen Krieg" - in den USA, aber auch hierzulande. Vor allem das will der Publizist Jörg Friedrich ändern.

Ein US-Soldat im Koreakrieg (AP)
Ein US-Soldat im Koreakrieg (AP)

Seit seinem Buch "Der Brand" gilt Jörg Friedrich als Experte für die Geschichte des Luftkrieges gegen Deutschland, zuvor hatte er sich lange Zeit mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Da stellt sich schnell die Frage, warum sich Friedrich im Zenit seines Erfolges einem ganz anderen Thema und einer ganz anderen Weltregion widmet, nämlich dem atomaren Wettrüsten der Großmächte und dem Krieg in Korea. Seinen überraschenden Interessenschwenk erklärt Friedrich damit, dass er mit einer Analyse des Korea-Konfliktes das bisherige Bild vieler Deutschen vom Zweiten Weltkrieg korrigieren wolle. Bisher sei der Zweite Weltkrieg aus deutscher Sicht überwiegend als Krieg der Guten gegen die Bösen interpretiert worden, so Friedrich:

"Die deutschen Historiker haben die Legende, den Mythos des Zweiten Weltkriegs liebgewonnen, als der Krieg der Unfreien gegen die Freien, der Aggressoren gegen die Verteidiger von Demokratie und Menschenrecht, der Weg nach Westen, wie ein sehr berühmter Kollege von mir geschrieben hat, ist eine Heilsgeschichte, endlich bekennt sich Deutschland zu den Werten des Westens."

Doch der Mythos von den guten Siegermächten lasse sich nicht mehr aufrechterhalten, sobald man auch den Krieg im Pazifik berücksichtige. Denn dort hätten Amerika, Großbritannien und Frankreich vor allem ihre Eroberungen und Einflussgebiete - von Indien bis nach China - verteidigen wollen. So sei der Sieg der Briten über Deutschland für die indischen Freiheitskämpfer Gandhi und Nehru ein Sieg der Unfreiheit gewesen.

"Die Masken des guten Krieges, der Westen als der Advokat von Freiheit, Demokratie und Völkerrecht, diese Masken fallen im asiatischen Krieg, niemand in Asien fasst diesen Zweiten Weltkrieg als einen solchen um Freiheit, Demokratie und Völkerrecht auf, es sind die gleichen Beteiligten, England, Amerika, Frankreich, aber sie tauchen in einer anderen Kriegsbemalung auf, sie verteidigen Herrschaft, nichts anderes."

Auch zum Erreichen dieses Ziels hätten die Amerikaner in Korea massive Luftangriffe benutzt. In der historischen Erinnerung werde der Bombenkrieg der Alliierten gegen Deutschland oft als eine, wie Friedrich sagt, "gerechte Strafe gegen das Volk der Judenvernichter und Sklavenhalter" empfunden und damit gerechtfertigt. Doch mit diesem Prinzip von Schuld und Sühne lasse sich der totale Krieg der USA gegen Korea eben nicht schönreden, denn die Koreaner seien im Gegensatz zu den Deutschen keine Täter gewesen:

"Das war kein Volk der Völkermörder und Angriffskrieger, sondern die Koreaner waren ein Sklavenvolk, sie wurden von Japan auf dem Status von Arbeitstieren gehalten, von Zwangsprostituierten, und fünf Jahre nach der Befreiung dieses Volkes vom Joch der Japaner wurden sie nicht nur genauso wie die Deutschen in der gleichen Art und Weise, sondern mit einer viel, viel höheren Intensität in Stücke gebombt, für die die Geschichte der Kriegführung kein weiteres Beispiel kennt."

Tatsächlich kam durch die Bomben der Alliierten auf deutsche Städte etwa eine halbe Million Menschen ums Leben, knapp ein Prozent der Bevölkerung. In Nordkorea dagegen starben 30 Prozent der Bevölkerung bei den Luftangriffen, eine Opferzahl von geschätzten drei Millionen. Napalm sei in apokalyptischem Ausmaß eingesetzt worden. Doch dieser Terror gegen die Nordkoreaner sei sinnlos gewesen, weil der eigentliche Gegner die Chinesen mit ihren von Russland gelieferten Waffen waren. Den Vernichtungskrieg gegen die Nordkoreaner erklärt Friedrich teilweise mit der Frustration der Amerikaner, dass sie ihren Hauptfeind nicht treffen konnten. Der Fluss Yalu, der Korea von China trennt und dem Buch seinen Titel gegeben hat, sei wie ein Styx gewesen, seine Überschreitung hätte direkt ins Totenreich geführt. Der massive Einsatz von Atombomben gegen die Bevölkerungszentren an der Küste von China sei zwar von Politik und Militär in den USA geplant, aber als zu riskant verworfen worden. Denn darauf hätte Stalin womöglich mit der Eroberung von Westeuropa geantwortet.

"Das heißt diese ganze Freiheit von Adolf Hitler wäre eine Episode gewesen von Frühling 45 bis irgendwann 50, 51, und es waren die Europäer, die den Amerikanern die Knie umfassten, doch um Gottes willen diese Waffe nicht einzusetzen, weil man völlig schutzlos war gegenüber der sowjetischen Panzer- und Menschenwoge, die auf einen zukam durch die norddeutsche Tiefebene, der damalige amerikanische stellvertretende Kriegsminister Lovett sagte, das einzige, was die Russen brauchen, um zum Atlantik zu kommen, sind Schuhe."

Mit seinem Buch über den Korea-Krieg liefert Jörg Friedrich keine neuen historischen Fakten, denn vor allem amerikanische Historiker haben dessen Geschichte längst gründlichst aufgearbeitet. Neu ist aber die eigenwillige Sichtweise von Friedrich auf diesen Konflikt: Er versteht ihn nicht nur wie üblich als Facette im Kalten Krieg, sondern als Teil einer Art Weltauseinandersetzung zwischen dem Westen und den asiatischen Völkern. Er sieht den Korea-Krieg als Wendepunkt und Ende der westlichen Vorherrschaft. Asien den Asiaten, mit diesem Schlachtruf sei Japan in den Krieg gegen die USA gezogen. Mao Tse-tung habe das Gleiche gesagt.

"Das gerade aus dem Bürgerkrieg geborene, rote, kommunistische China, das sich aber im Wesentlichen auffasst nicht als kommunistischer Staat, sondern als das wiedererstandene viertausendjährige Reich der Mitte. Mao ist gerade Herbst 1949 im Amt, und schon wendet er sich den Amerikanern zu und kämpft hier eingestandenermaßen den Krieg aller unterdrückten asiatischen Mächte, er nimmt die Fahne der Freiheit und Emanzipation dieser Völker von der imperialen Beherrschung auf, und in ihrem Namen und als Vormacht dieser Völker tritt er eigentlich in die japanischen Fußstapfen des Zweiten Weltkrieges."

Doch diese Betrachtungsweise verursacht ein inhaltliches Problem für dieses Buch: Friedrich hat nämlich ursprünglich eine Geschichte des westlichen Imperialismus seit Kolumbus geschrieben. Die Analyse des Korea-Krieges sollte das letzte Drittel dieses Werkes sein, das unter dem Arbeitstitel "Nemesis" entstanden ist. Nemesis ist die Göttin der strafenden Gerechtigkeit. Friedrich will darin zeigen, wie nach Jahrhunderten westlicher Unterwerfung des Erdballs das Pendel der Macht zurückschlägt zu den einstigen Kolonialvölkern von Asien. Der Korea-Krieg habe zwar formal in einem Patt geendet, doch in Wirklichkeit habe der Westen auf der koreanischen Halbinsel die Auseinandersetzung mit Asien erstmals verloren und seitdem nie wieder gegen Asien gewonnen.

"Schon eine Frage, in welcher Welt der Mächte lebe ich, und zu welchem Zweck ist dieser Zweite Weltkrieg eigentlich ausgefochten worden? So bin ich über die Betrachtung des Bombenkrieges und seiner strategisch-politischen Rolle gekommen zur Kontur der Mächte, die sich im Zweiten Weltkrieg in Deutschland und die sich seit dem Zweiten Weltkriege auf der Welt zu behaupten suchen."

Doch die Grundthese vom Niedergang des westlichen Zeitalters wird in dem jetzt veröffentlichten Teil des Gesamtwerkes "Nemesis" nur selten deutlich. Das Buch "Yalu" leidet zudem darunter, dass der Leser vergleichsweise viele Vorkenntnisse haben muss, um manche Beschreibung und Bewertung zu verstehen. Das liegt auch an dem Schreibstil von Friedrich, der mit oft schiefen Bildern das Verständnis der historischen Ereignisse und seiner eigenen Analyse erschwert. Dennoch verhilft dieses Buch dem Leser zu einer Weitwinkelperspektive auf den Zweiten Weltkrieg, der für Asien mindestens so tief greifende Folgen hatte wie für Deutschland und Europa.

Eine Empfehlung von Martin Fritz für das Buch von Jörg Friedrich mit dem Titel: "Yalu. An den Ufern des dritten Weltkrieges. Es ist im Verlag Propyläen erschienen, hat 624 Seiten und kostet 24,90 Euro.

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