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StartseiteBüchermarktDer Traum von einem Lande29.10.2003

Der Traum von einem Lande

Salomon Korn auf der Suche nach der deutsch-jüdischen Normalität

Der Autor Salomon Korn kam während des Zweiten Weltkriegs in Polen zur Welt, als Sohn jüdischer Eltern. Nach dem Krieg zog er mit seiner Familie nach Deutschland - mit dem klaren Ziel vor Augen, in die USA oder nach Israel auszuwandern. Dieses Ziel hat Salomon Korn allerdings nie realisiert – er entschloss sich zu bleiben und sein Leben als Jude in Deutschland zu gestalten. Dabei ist der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Frankfurt von einer Vision getrieben: von dem Traum eines deutsch-jüdischen Zusammenlebens, das sich nicht vornehmlich durch Gehemmtheit und Unsicherheit charakterisiert. In diesem Traum, so schreibt Salomon Korn, würde "das Wort ‚Jude’ ohne Beklommenheit ausgesprochen und es würde ihm nichts Herabsetzendes mehr anhaften." Es wäre gleichgültig, ob eine bestimmte Aussage von einem Juden oder Nichtjuden getroffen würde – und jeder einzelne würde nicht als Vertreter eines Kollektivs angesehen, sondern vorrangig als Individuum.

Nicole Ruchlak

Salomon Korn, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland (AP)
Salomon Korn, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland (AP)

Dieser Traum einer deutsch-jüdischen Normalität, wie der Autor ihn in dem Untertitel seines Buches nennt, ist allerdings in weiter Ferne. Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander erscheint vor allem dann schwer erreichbar, wenn man sie ständig problematisiert, meint Salomon Korn:

Solange wir über deutsch-jüdische Gegenwart, über deutsch-jüdische Normalität sprechen, und solange wir sie einfordern, solange werden wir sie nicht haben. Die deutsch-jüdische Normalität entsteht eben nur dadurch, dass man Dinge akzeptiert, wie sie sind, dass man versucht, miteinander im Alltag zu leben, dass man selbstverständlich im Alltag zusammen lebt und irgendwann mal nicht mehr nach der deutsch-jüdischen Normalität fragt.

Aber genau das macht Salomon Korn: Er fragt in seinem Buch nach der Normalität. Trägt er damit nicht selbst dazu bei, eine solche zu verhindern?

Ja. Ich bin mir des Paradoxes voll bewusst. ... Aber: die Alternative wäre zu Schweigen, und es allen anderen zu überlassen... Ich komme aus diesem Paradox, Widerspruch nicht heraus, aber ich habe es vorgezogen, mich in diesen Widerspruch zu begeben, als zu schweigen, und die Dinge, über die ich nachgedacht habe und zu deren Ergebnisse ich gekommen bin, für mich zu behalten.

Die Ergebnisse seines Nachdenkens finden ihren Ausdruck in einer Sammlung von Texten, die Aspekte des deutsch-jüdischen Verhältnisses aus dem literarischen, historischen, architektonischen und politischen Bereich thematisieren und eine Art seismographische Bestandsaufnahme der Gesellschaft liefern. Dazu gehört etwa ein Essay über den Struwwelpeter und dessen implizite Kritik an der Benachteiligung der Juden, ein Aufsatz über die Wannsee-Konferenz 1942, auf der die planmäßige Ermordung der Juden protokollarisch festgehalten wurde, eine Ansprache zum Tod von Ignatz Bubis und eine Rede anlässlich der Eröffnung des Jüdischen Museums Berlin.

Diese Aufzählung lässt vermuten, was sich im Laufe der Lektüre bestätigt: die Zusammenstellung des Bandes ist etwas beliebig – als einziges Publikationskriterium für die Texte scheint die weite Thematik "Judentum in Deutschland" zu dienen. Hier wäre ein Lektorat vonnöten gewesen, das eine stringente Auswahl getroffen und die Texte überarbeitet hätte - vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass man bei der Lektüre nicht nur auf immer wiederkehrende Argumente stößt, sondern sogar auf Passagen, die wortwörtlich in vorangegangenen Aufsätzen bereits zu finden sind.

Hier enden jedoch die Mängel – die übrigens bei weitem geringer sind als die Stärken des Bandes: Salomon Korn schreibt mit leichter Feder eindringlich über deutsch-jüdische Probleme, ohne dabei zu moralisieren. Er vermittelt dem Leser ein facettenreiches Bild des deutsch-jüdischen Verhältnisses und wesentlicher Aspekte, die dieses Verhältnis prägen. Einer davon zieht sich durch alle Aufsätze: die Frage nach der Bedeutung von Anpassung und Differenz für das gesellschaftliche Zusammenleben. Diese Überlegung spiegelt bereits die Diskussion um die Synagogalarchitektur im 19. Jahrhundert wider, erklärt der Autor. Hier standen die jüdischen Architekten vor folgender Entscheidung:

Bauen sie romanisierende Kirchen, also im deutschen Stil, oder orientalisierende Kirchen, also in einem fremdländischen Stil. Im einen Fall, bei den romanisierenden Synagogen haben sie sich zum Vaterland bekannt, aber gleichzeitig von ihrem Judentum verabschiedet äußerlich, das wird als Selbstverleugnung gewertet, und wenn sie orientalisieren bauten, dann haben sie sich aus der deutschen Gesellschaft ausgegrenzt – und aus diesem Konflikt, der einem gesellschaftlichen Konflikt entsprach, sind die Juden nie herausgekommen.

Die sogenannten "Örgler" haben nach christlichem Vorbild die Orgel in die Synagoge eingeführt, um sich der nichtjüdischen Bevölkerung anzugleichen und so zu gleichberechtigten Bürgern zu werden. Diesen "Örglern" standen die "Nörgler" gegenüber: sie haben die Anpassung der Örgler abgelehnt und sich dafür eingesetzt, den jüdischen Weg strikt beizubehalten, keine Kompromisse zu machen und ihre Andersheit zu wahren.
Diese Frage nach Differenz und Identität prägt nun nicht nur die innerjüdische Debatte, sondern auch die Auseinandersetzung der nichtjüdischen Deutschen mit Juden. Salomon Korn:

Ich glaube, das ist eine Angst, die viele Deutsche seit 45 mit sich tragen. Einerseits spüren sie und wissen, es gibt Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden, und sei es als Schicksalsgemeinschaft – es ist ein Unterschied ob man Nachkommen von Täter- oder von Opfergeneration ist. Aber ich habe das Gefühl, dass in den letzten Jahrzehnten die Unterschiede übergangen worden sind, weil man Angst hatte, wenn man Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden herausstreicht, dass das den Keim von neuer Diskreditierung in sich trägt.

Den Versuch, die Gemeinsamkeiten zwischen Juden und Nichtjuden herauszustreichen, wertet Salomon Korn als Bestreben, sich politisch korrekt zu verhalten. Die Deutschen wollten nicht mehr den Fehler begehen, den Juden als das radikal Andere zu stigmatisieren, wie es nicht nur in der NS-Zeit geschah.

Das ist eine ganz alte Tradition in Deutschland, die ihre Wurzeln im religiösen Bereich hat: die Juden als Christusmörder und Juden, die sich nicht bekehren lassen und Martin Luther, der die genialste Bibelübersetzung geschrieben hat, die ich kenne, war in seinen späten Jahren als er feststellte, dass die Juden sich nicht zum wahren Glauben, die er dafür hielt, bekehren lassen, ein eingefleischter Judenfeind. .. Und bis nach 1945 glaubten und glauben immer noch Menschen auf dem flachen Land, und ich kenne die Beispiele, dass die Juden zu Ostern das Blut von christlichen Kindern in ihre Matze mischen. ... Da sind noch Dinge im kollektiven Unbewusstsein, die nachwirken und die eben untergründig vorhanden sind und es wird Generationen dauern, bis das einigermaßen verschwunden ist.

Die erwünschte "Normalität" zwischen Juden und Deutschen muss also gesucht werden in einem Spannungsfeld zwischen der radikalen Andersheit und der absoluten Gleichheit – um sie zu fördern gilt es, so Salomon Korn, die Differenz zu achten und gleichzeitig verbindende Gemeinsamkeiten zu erkennen.

Mit seinem Buch trägt der Autor dazu bei, diese Form der Wahrnehmung zu schärfen: Er gewährt dem Leser Einblicke in die Besonderheiten jüdischen Lebens, erinnert dabei aber immer wieder an die Jahrtausende alten Grundlagen des Zusammenlebens von deutschen Juden und deutschen Nichtjuden – so fragil sie auch sein mögen.

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