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Der ungeschickte Präsident

Christian Wulff demontiert sich selbst

Von Stefan-Andreas Casdorff, Der Tagesspiegel

Bundespräsident Christian Wulff mit Sternsingern
Bundespräsident Christian Wulff mit Sternsingern (dpa / picture alliance / Maurizio Gambarini)

Das Internet quillt über, Hohn und Spott ergießen sich über den, der Präsident aller Deutschen sein soll. Doch Christian Wulff ist selber schuld, ist er doch ständig in eigener Sache zu vernehmen, und dann meistens wie ein Rechtsanwalt.

Und jetzt wollen ihm Demonstranten auch noch den Schuh zeigen, ganz so wie in arabischen Staaten, wenn sie den Potentaten sagen wollen: Verzieh dich! Ja, wo leben wir denn?

Na, in Deutschland, im Land der Rigoristen. Hier muss einer, der ein öffentliches Wahlamt bekleiden will, vorher ein Gelübde ablegen. Ich werde ein guter Mensch sein, besser als ihr, die ihr mich wählt. Und am besten ist es, so einer hat immer schon so gelebt, mönchisch, asketisch. Na ja, gut, das ist jetzt alles übertrieben, klar. Aber ein bisschen was von dem, was ich sage, stimmt doch, oder? Wie beim Bundespräsidenten. Ein bisschen was ist immer richtig. Oder anders: Was er sagt, ist nie ganz falsch. Nur möglicherweise nie das ganze Bild.

Ach herrje, ist das alles furchtbar. Kleinlich. Gewöhnlich. Irgendwie vulgär. Unser Präsident soll doch eine Art König sein, mindestens seit Richard von Weizsäcker, der in der Kutsche mit der Queen ganz wie einer aussah. Oder ein ganz kluger Kopf sein, wie Roman Herzog. Oder eine Art Oberschiedsrichter, so wie Theodor Heuss oder meinethalben auch Johannes Rau. Aber ein Jedermann? Einer, der ganz bewusst zeigt, dass jeder Bundespräsident sein oder werden kann? Auch wenn er oder sie es nicht kann? Kann man ja lernen, findet der Präsident.

Einerseits, andererseits. Also, einerseits ist es ganz toll zu wissen, dass der Bundespräsident auch nur ein Mensch ist. Echt. Nicht besser als wir alle. Das bringt uns das Amt näher. Dumm nur, dass das Amt eben darauf angelegt ist, Distanz zu wahren. Damit es respektiert wird, der Inhaber auch. Aber wer respektiert einen, der sagt: Ich brauch noch Zeit, bevor ich weiß, wie es geht? Was ist in der Zwischenzeit?

Genau die Zwischenzeit hat der Präsident nicht. Denn die Zeiten sind unruhig, im Inneren und Äußeren, sehr unruhig sogar, wir alle hoffen darauf, dass die Politik das Land durch alle Krisen bringt. Dafür braucht die Politik Kompass und Autorität. Der erste Bürger der Bundesrepublik und oberste Repräsentant der res publica – der sollte beides besonders haben. Denkt man sich so als einfacher Mensch.

Das Amt lebt nur, es hat nur Wirkung, wenn es respektiert wird. Es lebt vom Respekt der Politiker gegenüber dem Amtsinhaber; es lebt vom Respekt des Inhabers vor Aufgabe und Rang des Amts; und es lebt davon, dass sich der Präsident durch Wirken und Sein Respekt verschafft. Sonst kann er nicht die "Integrationsagentur des Staates" sein, wie Roman Herzog mal gesagt hat. Und Christian Wulff will doch genau das sein: Integrator. Wenn wir an seine ersten Reden denken.

Jetzt denken die meisten daran aber erstmal nicht mehr. Das zeigt sich im Internet, in Umfragen, überall. Das ist mehr als schade. Das ist – offen gesagt – Mist. Die Republik braucht einen Präsidenten, der nicht einfach abgetan wird wie der Onkel, der auch noch was sagen will, dem aber keiner mehr richtig zuhört.

Das kann Christian Wulff passieren. Die Mehrheit der Deutschen sagt: Er kann im Amt bleiben. Aber die Mehrheit sagt auch: Wir glauben ihm nicht. Das klingt so egal, so beliebig. Ist es aber nicht, nein, nein, nein. Einmal nein, weil die Statik der Gewaltenteilung auch darauf beruht, dass wir einen Präsidenten haben, einen ohne exekutive Macht, aber mächtig als sinngebende und sinnsuchende Institution. Zweimal nein, weil die aktive Politik einen außerhalb der Presse benötigt, der Korrektiv oder Mahner sein kann, auch weil er mit Zeit und Konsistenz an die Beurteilung des Handelns herangeht. Und dreimal nein, weil der Bundespräsident die Werte verkörpern soll, für die dieser Staat steht, für die er arbeitet. Er soll sie verkörpern, was heißt: in sich tragen und nach außen demonstrieren.

Und unser Präsident? Der legt sich mit der Bild-Zeitung an, heftig. Dann schickt er deren Chef jetzt öffentlich einen offiziellen Brief – wie von einem Verfassungsorgan ans andere. Der Bild-Chef kann sich geschmeichelt fühlen. Aber der Bundespräsident? Will man das von ihm lesen? Will man nicht lieber kluge Sachen von ihm hören? Sachen, die Respekt einflößen?

Christian Wulff ist stattdessen gerade ständig in eigener Sache zu vernehmen, und dann meistens wie ein Rechtsanwalt. So wie einer aus amerikanischen Serien, ein Strafverteidiger, nicht unsympathisch, nur halt ein bisschen tricky. Er will ja den Mandanten raushauen. Bloß ist der Bundespräsident besser selber kein Mandant. Und sein Mandat hat er für ganz anderes.

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