Kalenderblatt / Archiv /

 

Der ungewürdigte Insulin-Entdecker

Vor 90 Jahren ließ sich Nicolae Paulescu die Herstellung von "Pankrein" patentieren

Von Martin Winkelheide

Seit 90 Jahren hilft Insulin Zuckerkranken
Seit 90 Jahren hilft Insulin Zuckerkranken (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Die Entdeckung des Insulin war 1923 einen Nobelpreis wert, aber nicht für Nicoalae Paulescu. Der rumänische Physiologe meldete bereits anderthalb Jahre zuvor das Patent auf "Pankrein" an - auf den Stoff, den wir heute unter Insulin kennen. Den Ruhm erntete Paulescu aber erst spät.

Diabetes ist eine rätselhafte Krankheit, …

... schrieb um das Jahr 100 der griechische Arzt Aretaios.

Ein furchtbares Leiden (…) Das Leben ist kurz, unangenehm und schmerzvoll, der Durst unstillbar (…) und der Tod unausweichlich.

Die Zuckerkrankheit, der Diabetes mellitus, ist schon seit der Antike bekannt. Aber erst im 20. Jahrhundert haben Mediziner entdeckt, dass Zuckerkranke einen wichtigen Stoff nicht bilden können: das Insulin.

"Insulin ist ein Hormon."

Michael Roden ist Direktor des Deutschen Diabetes Zentrums in Düsseldorf.

"…das heißt ein Botenstoff und wird in einem speziellen Gewebe des Körpers in der Bauchspeicheldrüse, dem Pankreas, und zwar dort in ganz speziellen Zellen, den sogenannten Betazellen, produziert."

Als der 1869 geborene Nicolae Paulescu 1914 - als Professor für Physiologie in Bukarest - begann, mit Schlachthofabfällen zu experimentieren, war das Insulin noch unbekannt. Paulescu, der in Paris studiert hatte, wusste aber, dass die Bauchspeicheldrüse das Hormon bildet, das den Zuckerstoffwechsel reguliert.

1916 stellte er aus Inselzellen von Rinder-Bauchspeicheldrüsen ein wässriges Extrakt her. Mit diesem "Pankrein", wie er es nannte, behandelte er gesunde und zuckerkranke Hunde und fasste seine Beobachtungen 1921 auf Französisch in einem renommierten Fachblatt zusammen.

Forschung bezüglich der Rolle des Pankreas in der Nahrungsmittelassimilation.

Das wichtigste Ergebnis der Studie: Wurde zuckerkranken Hunden "Pankrein" in eine Vene gespritzt, normalisierten sich ihre Blutzuckerwerte. Mit seinem "Pankrein" hatte Paulescu das Hormon entdeckt, das heute "Insulin" heißt. Am 10. April 1922 ließ er sein Herstellungsverfahren beim Ministerium für Industrie und Handel in Bukarest patentieren. Das Patent trägt die Nummer 6254.

Als eineinhalb Jahre später, am 10. Dezember 1923, der Nobelpreis für Medizin und Physiologie für die Entdeckung von Insulin vergeben wurde, da ging Nicolae Paulescu leer aus. Das Komitee sprach den Nobelpreis Frederick Banting und John MacLoad von der Universität von Toronto zu. Die Kanadier kannten Peaulescus Experimente, wiederholten seine Versuche und kamen zu den gleichen Ergebnissen. Sie zitierten seine Arbeit aber falsch. Frederick Banting entschuldigte sich später:

Ich weiß nicht mehr, wie es passieren konnte. Entweder hatte ich mich auf meine lausigen Französischkenntnisse verlassen oder auf eine schlechte Übersetzung.

Er entdeckte die Insulintherapie, den Ruhm aber sammelten andere: Der rumänische Physiologe Nicolae Paulescu meldete heute vor 25 Jahren das Patent auf die Insulinherstellung an, kurz vor den Kollegen der Universität Toronto, die später den Nobelpreis gewannen. Lange wurde Paulescus wissenschaftlicher Beitrag bei der Bekämpfung der Zuckerkrankheit verkannt.

Nachdem Banting und MacLoad 1922 den ersten Patienten behandelt hatten, reichten sie ebenfalls ein Patent ein. Sie vermachten es zum symbolischen Preis von einem Dollar der Universität Toronto. Die Universität verteilte freizügig Lizenzen, das Patent zu nutzen. Michael Roden:

"Über die nächsten Jahrzehnte ist es zuerst geglückt, diese Isolationsmethoden für Insulin zu verbessern und letztlich auch, biosynthetisch Insulin herzustellen. Das heißt, das Insulin, das heute zur Verfügung steht, wird in Labors nachsynthetisiert."

Heute können viele Diabetiker die Insulin-Ersatz-Therapie weitgehend selbstständig durchführen. Sie messen regelmäßig ihren Blutzuckert.

"Der ist 150. Das ist ein bisschen hoch."

Sie berechnen, wie viel Insulin ihr Körper braucht, damit der Blutzuckerspiegel wieder auf einen normalen Wert sinkt.

"Sieht aus wie ein Kuli, zieh dann dort die acht Einheiten auf, und steche mir die in den Bauch rein."

Trotz der Insulin-Ersatzbehandlung kommt es häufig zu Folgeerkrankungen. Dieses Problem haben Mediziner bis heute nicht lösen können.

Nicolae Paulescu starb 1931 in Bukarest. Sein wissenschaftlicher Beitrag zur Behandlung der Zuckerkrankheit wurde erst spät anerkannt. Im Sommer 2003 sollte in Paris am Hotel-Dieu eine Gedenktafel zu seinen Ehren enthüllt werden. Ein Artikel in der Tageszeitung "Le Monde" über die politischen Aktivitäten Paulescus führte dann zu einer Absage der Feierstunde. Paulescu hatte 1922 die Nationale Christliche Union mitgegründet, aus der die faschistische "Eiserne Garde" hervorging. Er veröffentlichte aggressiv-antisemitische Pamphlete mit Titeln wie: "Die jüdisch-freimaurerische Verschwörung" oder "Juden und Alkoholismus". In ihnen rief er sogar zum Mord an Juden auf.

Mehr zu den Themen Insulin und Diabetes:
Sprechstunde - Radiolexikon Insulin
Forschung Aktuell - Pilze statt Bakterien
Forschung Aktuell - Diabetes am Ende?
Sprechstunde - Inhalierbares Insulin mit Risiken?
Sprechstunde - Beschränkte Diabetes Behandlung

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kalenderblatt

Schriftsteller Samuel BeckettKarfreitagskind aus Dublin

Undatiertes Porträt des irischen Dramatikers und Erzählers Samuel Beckett (1906-1989). Er erhielt 1969 den Nobelpreis für Literatur und wurde vor allem durch seine Stücke z.B. "Warten auf Godot" (1952) weltbekannt.

Er rauchte und trank exzessiv, Depressionen gehörten zu seinem charakterlichen Grundgerüst - einsam war er aber nicht. Als Samuel Beckett 1969 den Literaturnobelpreis bekam, verschenkte er das Geld an Freunde. Vor 25 Jahren starb der irische Schriftsteller in Paris.

Dramatiker Jean RacineSein Stoff waren Schuld und Begehren

Die französischen Schauspieler Carole Bouquet und Lambert Wilson als Berenice und Titus in einer Szene des Stücks "Berenice" von Jean Racine, Januar 2008 am Nord theatre in Paris

In Frankreich kennt jedes Schulkind seine Verse. Jean Racines dramatische Texte über Leidenschaft und unerfüllte Liebe gelten bis heute als Höhepunkte des klassischen Theaters. Doch seine Biografie gibt Rätsel auf.

Verhaltensforscher Otto KoehlerEr war überzeugt: Tiere können denken

Ein Eichhörnchen hockt am 23.10.2012 in einem Garten nahe Zella-Mehlis (Kreis Schmalkalden-Meiningen) auf dem Dach eines hölzernen Vogelhauses und frisst Sonnenblumenkerne.

Er zeigte, dass Eichhörnchen zählen und Mäuse abstrakt denken können. Der Tierpsychologe und Verhaltensforscher Otto Koehler war vor allem ein präziser und geduldiger Beobachter, der sich ganz auf die Welt der Tiere einließ. Vor 125 Jahren wurde er geboren.