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StartseiteEssay und DiskursDer Universalist07.04.2013

Der Universalist

Multitalente von Goethe bis Schlingensief (1/6) - Goethe

Wer als anerkannter Künstler mehr als eine Disziplin beherrschte, wurde bislang gern verdächtigt, in einer der beiden eher ein Dilettant zu sein. Dass diese Ansicht ungerecht ist und einem tiefsitzenden Ressentiment entspringt, soll unsere neue Essay-Serie unter Beweis stellen.

Von Rüdiger Goerner

"Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst": Goethe über Goethe  (AP Archiv)
"Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst": Goethe über Goethe (AP Archiv)

In der heute beginnenden Essay-Serie porträtieren wir eine Reihe prominenter Multitalente des 19. und 20. Jahrhunderts. Den Auftakt macht der in London lehrende Literaturwissenschaftler Rüdiger Goerner mit seinem Essay über das Universalgenie Johann Wolfgang von Goethe.

Die ungebremste Kreativität: Multitalente von Goethe bis Schlingensief (1/6)
1. Goethe, der Universalist und die Kunst der Beschränkung


Jedes Ich ist ein Globus, eine Welt für sich, ein kleines Universum. Entsprechend forderte Novalis das "Universalisieren der individuellen Situation" und nannte Goethes "Wilhelm Meister" und seine Prosadichtung "Das Märchen" als Beispiele für dieses Phänomen.

Die frühen Romantiker hatten eben weitaus weniger Schwierigkeiten mit Goethe als dieser mit ihnen. Goethe war ihr Ideal für das, was Friedrich Schlegel "Universalpoesie" genannt hatte, und sein "Wilhelm Meister ihr" Beispiel für einen modernen Universalisten.

Das Universale, zuweilen versehen mit dem Zusatz "Genie", der Universalgelehrte im Verständnis der Renaissance - diese Vorstellung beerbte das, was seit dem antiken Denken und vor allem in der mittelalterlichen Scholastik als "die Universalien" bekannt war, allgemeine Begriffe, die ihrerseits ein eigenes Recht, eine eigene Wirklichkeit beanspruchen, wie etwa der Begriff "der Mensch" oder "die Zahl". Die klassische Definition lieferte Thomas von Aquin:

"Wenn ein Ding von dem her benannt wird, was ihm und vielen gemeinsam ist, dann sagt man, dass ein solcher Name ein Universale bezeichnet, denn der Name bezeichnet so eine vielen Dingen gemeinsame Natur oder Disposition."

Für die frühen Romantiker war "Goethe" als Name und Gestalt, ja, als Idee des Poetischen und Wissenschaftlichen selbst eine solche Universalie. Er stand und steht noch immer für das Beispiel eines Universalisten, gerade weil er gleichzeitig der Vielgestaltigste unter den Dichtern gewesen war, und das als Wissenschaftler, Künstler und Politiker, Verwaltungsfachmann und Theaterdirektor.


Goethe war aber auch der seltene Fall eines Universalisten, der dennoch wusste, dass sich der Meister in der Beschränkung zeige. Damit stellt sich die Quellenfrage. Auf welchen Goethe beziehen wir uns? Wie wird sein Universalismus greifbar, wie das Besondere seines Denkens? Sprechen wir von Goethe dem Theoretiker der Farben, dem Dichter des "Werther" oder "Faust", dem Wolkenbetrachter und passionierten Meterologen, dem Autor der "Wahlverwandtschaften" oder dem Entdecker des Zwischenkieferknochens und damit des alle Säuger verbindenden Kennzeichens?

Es handelt sich hier in der Tat um ein - wie Nietzsche meinte - Plurividuum, das den Namen "Goethe" trug. Der Name "Goethe" wäre damit geradezu ein Kollektivname, der eine Vielzahl von Identitäten bezeichnet, die Goethe in spannungsvollen Beziehungen erfuhr, gleichzeitig aber auch in sich selbst zu harmonisieren verstand.

Ein weiteres Definitionsproblem stellt sich: Bereits vor der Goethezeit, aber auch vor der Romantik entsteht in der französischen Aufklärung ein enzyklopädisches Verständnis von Universalismus. Die Enzyklopädisten von Diderot bis d’Alembert setzten auf eine systematische Erfassung von Welt und Wissen, was Goethe zu schätzen und zu nutzen wusste, sich aber nicht als Methode zueigen machte.

Wiederum knüpfte Novalis an diese aufklärerische Tradition unmittelbarer an mit seinen verschiedenen enzyklopädischen Projekten. Er fasste sie unter dem Stichwort "Enzyklopädistik" zusammen und verstand darunter das Wechselverhältnis aller Wissenschaften und Künste. Novalis:

"Wenn es eine Philosophie des Lebens gibt, so kann man auch nach einer Philologie, Mathematik - Poetik, und Historie des Lebens fragen."

Der Unterschied zu Goethes universalistischem Denken und Schaffen besteht darin, dass er sich nicht mit fragmentarischen Ansätzen begnügte, sondern - eine häufige Wendung bei ihm - diese Ansätze ausführen wollte und das auch tat. Es ist gelebte Wissenschaft und Poesie in Goethes Fall. Wobei er sich selbst als lebende Universalie begriff, als der Eine in Vielen.

Eins und doppelt sein war seine Lebensmaxime. Er war Hafiz und Tasso, Götz von Berlichingen und bester Kenner Italiens als renaissancehafter uomo universale in der anbrechenden Moderne. Wir kommen Goethe jedoch nicht durch Aufzählungen nahe. Er ist wohl das und alles andere, aber auch etwas Ureigenes, von dem die Moderne so keinen Begriff mehr haben kann. Er war ein Urphänomen des gelebten Geistes und dabei sein eigener Mephisto.

Verneiner und Bejaher. Wie aber verhält es sich mit den Hauptquellen, um bestimmen zu können, was Goethes Universalismus, seine späthumanistische universale Gelehrsamkeit bedeutete? Getreu seinem Frage- und Antwortpaar:

"Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Fälle."


Die unzähligen "Fälle", das sind die mit Goethe gesagt "Forderungen des Tages". Aus ihnen ergibt sich das Ganze. Dann sollten wir uns aber sogleich über ein Paradoxon bei Goethe verständigen. Denn er behauptete bekanntlich:

"Klassisch ist das Gesunde, romantisch das Kranke."

Gerade die Romantik aber wollte das Universale. Friedrich Schlegel spricht von der "romantischen Poesie" als einer "progressiven Universalpoesie". Universalität sah der Romantiker als Vollendung seines Kulturprogramms. Es wäre nicht das erste Mal dass Goethe romantischer war als er es sich selbst zugestanden hatte. Werther, das Gedicht An den Mond, der Wilhelm Meister, was wäre im landläufigen Sinne "romantischer" gewesen. Auch für Goethe galt offenbar: Man will nicht wahr haben, geschweige sein was man geworden ist. Zu den Tag-und Jahresheften.

"Bei zeitig erwachendem Talente, nach vorhandenen poetischen und prosaischen Mustern, mancherlei Eindrücke kindlich bearbeitet, meistens nachahmend, wie es gerade jedes Muster andeutete. Die Einbildungskraft wird mit heiteren Bildern beschäftigt, die sich selbstgefällig an Persönlichkeit und die nächsten Zustände anschlossen. Der Geist näherte sich der wirklichen, wahrhaften Natur durch Gelegenheitsgedichte; daher entstand ein gewisser Begriff von menschlichen Verhältnissen mit individueller Mannigfaltigkeit: Denn besondere Fälle waren zu betrachten und zu behandeln. Vielschreiberei in mehreren Sprachen, durch frühzeitiges Diktieren begünstigt."

In diesem Zitat liegt das ganze Geheimnis der Goetheschen Universalität. Wozu rät der Direktor im faustischen "Vorspiel auf dem Theater" dem Dichter?

"Gebt Ihr ein Stück, so gebt es gleich in Stücken!
Solch ein Ragout, es muss Euch glücken;
Leicht ist es vorgelegt, so leicht als ausgedacht.
Was hilft’s, wenn Ihr ein Ganzes dargebracht,
Das Publikum wird es Euch doch zerpflücken."


Darauf kommen wir zurück, wenn es gilt, zu bestimmen, was dieses "Universale" bei Goethe im Kern ausmachte.

Um es noch einmal zu betonen: Dieses Universale wollte mehr sein als bloßes enzyklopädisches Wissen. Denn:

"Wenn einem Autor ein Lexikon nachkommen kann, so taugt er nichts."

Zurück zu unserem ausführlichen Zitat. Es eröffnet die "Tage-und Jahreshefte" und umspannt die Jahre 1749 bis 1764 von der Geburt bis zum Beginn des Studiums in Leipzig. Das zeitig erwachende Talent übt sich. Vermittels vorgegebener "poetischer und prosaischer Muster". Es bearbeitet Eindrücke. Es ahmt nach. Einbildungskraft setzt ein; schließt an Bekanntes an. Durch Gedichte nähert sich dieses junge Ich der Natur. Schafft also poetische Bilder von der physischen Wirklichkeit. Produziert demnach eigene poetische Wirklichkeiten.

"Daher entstand ein gewisser Begriff von menschlichen Verhältnissen mit individueller Mannigfaltigkeit."

Dann kommt Goethe auf die "besonderen Fälle" zu sprechen, die "zu behandeln und zu betrachten waren". Wie lautete das andere Zitat?

"Was ist das Allgemeine?
Der einzelne Fall.
Was ist das Besondere?
Millionen Fälle."


Das Besondere ist was die Fälle sind - das Allgemeine was der Fall ist. Und dann das:

"Vielschreiberei in mehreren Sprachen, durch frühzeitiges Diktieren begünstigt."

Der Diktierende gebietet. Ob schon der junge Goethe sehr aufrecht mit auf den Rücken gelegten Händen auf und ab schritt und dabei diktierte? Oder erst später in Weimar seinem jeweiligen Geist-Faktotum? Das ist die Urhaltung der Welt gegenüber: Auf und ab gehen, mehrsprachig diktieren. Die Dinge erfassen, so viele wie nur möglich, sie in sich neu bilden. Jedem Ding seine Sprache. Doch nur er wählt sie aus. Er befindet, welche Sprache zu welchen Dingen passt. Er, sich sein Universum schaffend zwischen Jena und Weimar, Karlsbad und Teplitz, dem Maskenspiel in Venedig und dem Urpflanzengarten bei Palermo.

Dazu sein späteres Korrespondentennetz, verteilt über den ganzen Globus. Nachrichten und Mineralien gehen ihm von da zu, Pflanzen von dort. Er ist auf "Le Globe" abonniert, den Vorläufer von "Le Monde"; er liest sie in ihren tausend Zeichen, die Welt. Und was ihn nicht erreicht, imaginiert er. Ja, die "Einbildungskraft". Doch sie allein genügt nicht.

"Einbildungskraft wird nur durch Kunst, besonders durch Poesie geregelt. Es ist nichts fürchterlicher als Einbildungskraft ohne Geschmack."

Denn ohne Geschmack droht der Kitsch. Und eine Einbildungskraft im freien Fall. Goethe wollte das Viele, das Alles-Erfassen-Können.

"Lasst uns doch vielseitig sein! Märkische Rübchen schmecken gut, am besten gemischt mit Kastanien, und diese beiden edlen Früchte wachsen weit auseinander."

Dem Universellen geht das Vielseitig-Sein voraus. Und das Vielseitige führt nur dann nicht zur Selbstverzettelung, wenn der Anspruch des Universellen, des Suchens nach größeren Zusammenhängen erkennbar bleibt. Doch zurück zu den Tag- und Jahresheften.

"Die Rezensionen in den ‚Frankfurter Gelehrten Anzeigen‘ von 1772 und 1773 geben einen vollständigen Begriff von dem damaligen Zustand unserer Gesellschaft und Persönlichkeit. Ein unbedingtes Bestreben, alle Begrenzungen zu durchbrechen, ist bemerkbar."

Ausgreifen ist alles. Über sich Hinausgreifen, über sich wachsen.

"[…] da der Dichter durch Antizipation die Welt vorwegnimmt, so ist ihm die auf ihn losdringende, wirkliche Welt unbequem und störend; sie will ihm geben, was er schon hat, aber anders, das er sich zum zweiten Mal zueignen muss."

Goethe sagt von sich, er wollte damals um 1780, überall "Verzahnungen" darstellen, solchen zwischen Leben und Werk, Hoffen und Wirken, Denken und Handeln. Die "Tag- und Jahreshefte" schreibt er zwischen Ende 1822 und 1825, als ein summarisch Rückblickender, einer, der Episoden seines Lebens weniger zusammenfasst als rafft, Kondensate sichtbar macht, mineralogische Ablagerungen entlang des Lebensstromes.

So könnte man sagen. Nur, was genau heißt das alles? Dieses Universale, Welthafte, ja, Weltumspannende - es braucht einen Protagonisten. In der Sprache der Zeit: das Genie. Und das, obgleich Goethe erinnert:

"Ich hatte die Maxime ergriffen, mich soviel als möglich zu verleugnen und das Objekt so rein, als nur zu tun wäre, in mich aufzunehmen."

Das Ich wird umso präsenter, je demonstrativer es sich zurückzunehmen versucht. Das Objekt ... es konnte eine Reise sein, Länder, Menschen, Knochen - das Verschiedenste, aber doch aufeinander Bezogene.

Das ist der - im wörtlichen Sinne - springende leuchtende Punkt: Der vom Einen zum Anderen unverhofft überspringende Funke. Man nehme folgende Konstellation, die Goethe für das Jahr 1790 beschreibt. Seinen Herzog ins schlesische Quartier begleitend, inmitten der marschierenden und manövrierenden Regimenter ...

".... beschäftigte mich unaufhörlich, so wunderlich es auch klingen mag, die vergleichende Anatomie, weshalb mitten in der bewegtesten Welt ich als Einsiedler in mir selbst abgeschlossen lebte."

Eine solche Wunderlichkeit hat ihre Vorgeschichte:

"Dieser Teil des Naturstudiums war sonderbarlich angeregt worden. Als ich nämlich auf den Dünen des Lido, welche die venezianischen Lagunen von dem Adriatischen Meere sondern, mich oftmals erging, fand ich einen so glücklich geborstenen Schafschädel, der mir nicht allein jene große, früher von mir erkannte Wahrheit: die sämtlichen Schädelknochen seien aus verwandelten Wirbelknochen entstanden, abermals bestätigte, sondern auch den Übergang innerlich ungeformter organischer Massen, durch Aufschluss nach außen, zu fortschreitender Veredelung höchster Bildung und Entwicklung in die vorzüglichsten Sinneswerkzeuge vor Augen stellte, und zugleich meinen alten, durch Erfahrung bestärkten Glauben wieder auffrischte, welcher sich fest darauf begründet, dass die Natur kein Geheimnis habe, was sie nicht irgendwo dem aufmerksamen Beobachter nackt vor die Augen stellt."

Gefunden war das os intermaxillare, der Zwischenkieferknochen. Man beachte den Satzbau, der alles umschließen und durchdringen möchte in einer Art Universalsyntax, einem Wortgeflecht, in dem sich diese "unerhörte Begebenheit" , diese erlebte Wissenschaftsnovelle transportieren ließ: Goethe, auf dem Lido spazierend, erschließt sich ein anatomisches Geheimnis: die Struktur des Schädelknochens springt ihm sozusagen ins Auge.

Genau auf diese "Sonderbarlichkeiten" legt Goethe augenscheinlich Wert in den "Tag- und Jahresheften". Er untersucht zu Hause "prismatische Erscheinungen", die er, wie er sagt, "ins Unendliche vermannigfaltigt" - und das in einer in Weimar eigens eingerichteten Dunkelkammer, um gleichzeitig "mit Vergnügen die Leitung des Hoftheaters" zu übernehmen.

Das Genie genügt nicht nur den "Forderungen des Tags", es fordert von sich selbst das kaum Menschenmögliche. Was nun versteht man unter "Genie" zu dieser Zeit? In etwa das was Schelling in seinem System des transcendentalen Idealismus von 1800 darunter versteht, nämlich einen streng auf das eigene Ich bezogenen ästhetischen Pantheismus. Das Ich wird auf diese Weise universal.

"Das Genie ist die bewusstlos-bewusste Tätigkeit des Ich; sein Produkt, das Kunstwerk, ist die vollendete Darstellung vom Wesen des Ich. Es ist das Ergebnis von zwei Tätigkeiten: der bewussten (Kunst) und der (unbewussten). Das Genie ist dasjenige, was über beiden steht, Poesie. [...] Im Kunstwerk allein decken sich sinnliche und geistige Welt; denn das Genie ist die Intelligenz, die als Natur wirkt."

Und Schelling weiter:

"Was wir Natur nennen, ist ein Gedicht, das in geheimer wunderbarer Schrift verschlossen liegt."

Der Unterschied fällt ins Auge: Goethe meint das Reagieren des jungen Dichters auf die Natur mit Hilfe von Gedichten. Schelling spricht davon, dass die Natur selbst schon Gedicht sei. Eine philosophisch gemeinte Analogie, die freilich auch Goethe im Auge hatte, wohlgemerkt: der reife Goethe, den jungen Goethe erinnernd. Wenn nämlich die Natur bereits Gedicht ist, dann ahmt der Dichter dieses natürliche Gedicht in seinem Schaffen nach. Das Genie aber schafft eine eigenständige, zweite Natur in seinem Werk.

Das Genie tritt mit Weltgeltungsanspruch auf. Weil es in sich eine Welt hat, eine Welt für sich ist und die Welt als allgemeine Lebenswelt auf eine einzigartige Weise interpretieren kann. Und das weil das Genie in alle Bereiche des Lebens und des Wissens vordringt oder vorgibt in alle Lebensbereiche vordringen zu können. Goethe als Universalgenie, das aber nicht abhebt, sondern den "Forderungen des Tags" verpflichtet bleibt. So präsentiert er sich in "Dichtung und Wahrheit", aber eben noch mehr in den "Tag-und Jahresheften". Für das Jahr 1801 überliefert er Erinnerungen an eine ernstliche, ja, existenzielle Krise bedingt durch eine schwere Krankheit.

"Es vergingen einige Tage, ohne dass ich zu einem völligen Bewusstsein zurückkehrte, und als ich nun durch die Kraft der Natur und ärztliche Hülfe mich selber wieder gewahr wurde, fand ich die Umgebung des rechten Auges geschwollen, das Sehen gehindert und mich übrigens in erbärmlichem Zustande."

Daran fällt auf, dass die Formel des "Bewusstlos-Bewussten" den Hintergrund dieser Selbstbeschreibung liefert, wobei er sogleich - kaum dass er wie sein eigener Orest durch Heilschlaf genesen - ins Genialisch-Universelle ausgreift: Er liest Theophrasts Abhandlung "Über die Farben", arbeitet am "Faust" weiter, übersetzt ein französisches Stück und nimmt sich das Drama "Die natürliche Tochter" erneut vor.

Doch verfügte Goethe über innere Souveränität genug, um auch die Grenzen seiner Universalität anzusprechen und zu reflektieren. So geschehen beim Tode Schillers, als er glaubte, seinem Freunde dadurch einen Dienst erweisen zu können, dass er dessen fragmentarische Tragödie "Demetrius" vollende.

"Es auf allen Theatern zugleich gespielt zu sehen, wäre die herrlichste Totenfeier gewesen, die er sich selbst und seinen Freunden bereitet hätte."

Goethe spricht nun davon, dass ein "leidenschaftlicher Sturm und Verworrenheit" seinen Plan vereitelte.

"Nun war mir Schiller eigentlich erst entrissen, sein Umgang erst versagt. Meiner künstlerischen Einbildungskraft war verboten, sich mit dem Katafalk zu beschäftigen, den ich ihm aufzurichten gedachte."

Der "Katafalk" wäre der von Goethe vollendete Schillersche "Demetrius" gewesen. Doch das Universalgenie scheitert an dieser Aufgabe. Da klang es wieder an, das Wort "Einbildungskraft" und Goethe wird ihm gegenüber in den "Tag- und Jahresheften" immer kritischer.

"Was hilft es, die Sinnlichkeit zu zähmen, den Verstand zu bilden, der Vernunft ihre Herrschaft zu sichern: Die Einbildungskraft lauert als der mächtigste Feind, die hat von Natur einen unwiderstehlichen Trieb zum Absurden, der selbst in gebildeten Menschen mächtig wirkt und gegen alle Kultur die angestammte Roheit fratzenliebender Wilden mitten in der anständigen Welt wieder zum Vorschein bringt."

In der Einleitung zu den Tag-und Jahresheften war noch von der Beschäftigung der - naiven - Einbildungskraft mit "heiteren Bildern" die Rede gewesen. Eine Vorstellung, die Goethe mehr und mehr aufgab. Was an dieser Stelle geschieht, ist bemerkenswert: Goethe hebelt an sich selbst eine der zentralen Charakteristika des Universalgenies aus, die Einbildungskraft eben, und bringt sie in Verbindung mit dem, was ihm am verhasstesten war - mit dem Absurden. Sie war ihm offenbar unheimlich (geworden), stand für das Ungeschlachte, negativ Dämonische, das Archaische, Strukturlose.

Wozu es keiner "Einbildungskraft" mehr bedurfte - auch das geschah in jener Zeit und wird nüchtern notiert. Goethe, immerhin Weimarer Minister und Mitglied des Geheimen Consiliums, erfährt durch die Zeitungen die Nachricht, das Deutsche Reich sei aufgelöst. Danach setzt er in den "Tag-und Jahresheften" drei Punkte, Auslassungszeichen, an denen eigentlich ein scharfsinniger, tiefgründiger Kommentar zu erwarten wäre. Doch wie er selbst vermerkt, finden sich zum Tod Schillers nur leere Blätter in seinem Tagebuch und zum Tod des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation nur eine Leerstelle. Offenbar also gab es Momente, in denen das universale Denken sich einen Leerlauf gönnt.

Goethe, der Universalist. Der Weltliterat, der sich mit Byron auseinandersetzt und mit Calderón, der mit dem Erzromantiker Friedrich Schlegel hätte sagen können, dass die Poesie "orientalisch" werden müsse, der sich - je weiter er in die Weltkultur ausgreift - zuletzt wieder für "deutsche Baudenkmale" interessiert, das Kölner Dombauprojekt als Inbegriff eines universalen Vorhabens und katholischen, also allumfassenden Symbols dessen, was Menschen über die Jahrhunderte hin an Kulturstiftendem vermögen.

1817 - die deutschen Mandarine feiern das Wartburgfest - vermerkt er die Lektüre von Leonardo da Vincis Aufsatz über blaue Farberscheinungen. Ihn interessieren die "Marmoren des Lord Elgin", der diese nach London verschleppt hatte. Vor allem aber vermerkt er Folgendes über sein eigenes Verfahren der Weltaneignung:

"Seit Schillers Ableben hatte ich mich von aller Philosophie im stillen entfernt und suchte nur die mir eingeborne Methodik, indem ich sie gegen Natur, Kunst und Leben wendete, immer zu größerer Sicherheit und Gewandtheit auszubilden."

Gegen Natur, Kunst und Leben - signalisierte er hier eine Abkehr vom Prinzip des Universalen? Wollte er das unbedingt Eigene triumphieren sehen? Eine Methode gegen die Methode entwickeln? Er beginnt ein "Wolkendiarium”. Der frühere Versuch, Wolken zu zeichnen, sich auf das andere Medium auch in dieser Hinsicht schaffend einzulassen, sollte nun durch die Beschreibung der Wolkenformationen ergänzt werden.

Desgleichen studiert er eine Grammatik des Arabischen, liest Abhandlungen über arabische Gedichte und die "Religionsgebräuche der alten Parsen". Zoroaster erscheint als Liebender und geht in den Divan-Gedichten auf. Goethe will der deutschsprachige Hafiz werden.

Ein unerhörter Gedanke: Die Tendenzen der Zeit zusammen mit ihren Gegenwirkungen auf die eigene Person konzentriert und durch diese repräsentiert zu sehen. Es ist geradezu die Vorbedingung des universalen Menschen. Und diese Universalisten - waren sie die globalen Denker der ersten Stunde? Sie waren es in gewisser Hinsicht, jedoch ohne uniformen Anspruch. Sie hielten ihren Individualismus gegen alles Konforme. Hören wir dazu wieder Goethe:

"Erst war ich den Menschen unbequem durch meinen Irrtum, dann durch meinen Ernst. Ich mochte mich stellen wie ich wollte, so war ich allein. [...] Und so ging mein Leben hin unter Tun und Genießen, Leiden und Widerstreben, unter Liebe, Zufriedenheit, Hass und Missfallen anderer. Hieran spiegele sich, dem das gleiche Schicksal geworden."

Wie oft Goethe doch experimentiert hat mit der Schilderung seines universal ausgerichteten Ich. "Welt" war für ihn gleichbedeutend mit dem Erfahren seines Lebens, mit dem Ausschreiten jedes Kreises, das sein Leben zog. Es war ein Erfahren bis zur Neige, wobei er lernte, dass in jedem menschlichen Leben jeder Aspekt von "Welt" mehr oder minder ausgeprägt vorhanden ist: Jeder Aspekt von Wissenschaft und Empfindung, Sprachkunde und Bedeutung der Wolken. Diese ganzen Lebenssphären sah er einen Globus bilden, auf dem es sich auszukennen galt.

Bezeichnenderweise war es ein Mensch der Renaissance, Benvenuto Cellini, der ihn in seinem lebensbeschreibenden Interesse bestärkt hatte; folgerichtig hatte Goethe auch dessen Autobiografie übersetzt. Von Cellini leitete er auch zwei Maximen der Selbstbeschreibung ab:

"Cellini hat ganz recht: [...] es ist keine Frage, dass uns die Fülle der Erinnerung, womit wir jene ersten Zeiten [unseres Lebens] zu betrachten haben, nach und nach erlischt, dass die anmutige Sinnlichkeit verschwindet und ein gebildeter Verstand durch seine Deutlichkeit jene Anmut nicht ersetzen kann.

Hierbei ist aber noch ein bedeutender Umstand wohl zu beachten: Wir müssen eigentlich noch nah genug an unseren Irrtümern und Fehlern stehn, um sie liebenswürdig und in dem Grade reizend zu finden, dass wir uns lebhaft damit abgeben [...]."


Und zu ihnen, diesen Fehlern, stand Goethe auch, gehörten sie doch zu jenen eigenen Sphären, aus denen das Universelle sich zusammensetzt. Goethe trug diese Selbstkritik in einer Schärfe vor, die doch überrascht:

"Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst, und dass ich das sage, zeigt schon, dass wahr ist, was ich sage."

Eine bei Goethe eher unvermutete Selbstkritik als Voraussetzung für die allgemeine Gültigkeit der eigenen Person: Ob der universale Mensch immer auch zumindest etwas "präsumptuös", also anmaßend sein muss?

Wichtig ist hier doch vor allem, dass Goethe sich einerseits gemein macht ("ich war ein Mensch wie andere"), andererseits aber das Augenmerk auf seine Fähigkeit lenkt, das durch seinen universalistischen Zugriff auf die Dinge der Welt Erfasste durcharbeiten und sich dadurch aneignen zu können. Ohne diese Fähigkeit würde ein Universalist zum Illusionisten und - bei schlimmstmöglicher Wendung - zum pathologischen Fall. Das eben machte Goethes Wirklichkeitssinn aus, die Einsicht in die anthropologischen Gegebenheiten.

"Die Vernunft in uns wäre eine große Macht, wenn sie nur wüsste, wen sie zu bekämpfen hätte. Die Natur in uns nimmt immerfort eine neue Gestalt an und jede neue Gestalt wird ein unerwarteter Feind für die gute, sich immer gleiche Vernunft."

Das ist auch deswegen bedeutsam, weil Goethe jegliche "Kritik der Vernunft" ins Allzumenschliche verlagert und fordert, dass wir mit der "Natur" des Menschen zu rechnen haben. Den universalen Sinn dieses Wirklichkeitsverständnisses, Goethes Sinn für die realen Gegebenheiten als den Ergebnissen unserer Deutung von Situationen, hatte Max Frisch in seinem "Tagebuch 1946 – 1949" scharfsichtig unter dem Stichwort "wirklich sein" diagnostiziert:

"Wirklich, würde ich sagen, ist Goethe. [...] er stellt dem Gedanken, ohne ihn zu widerrufen, eine Erfahrung gegenüber. [...] Das ist das scheinbar Versöhnliche seiner Reflexionen, dass sie fast immer Licht und Schatten zeigen. Scheinbar; denn sie versöhnen den Widerspruch keineswegs. Sie halten ihn nur in der Balance, in einem Zustand wechselseitiger Befruchtung, Balance zwischen Denken und Schauen. Nichts geht ins Tödliche, weil es die widersprechende Erfahrung nicht überrennt, nicht übermütig unterjocht, sondern die Kraft hat, sie aufzunehmen - die Kraft, wirklich zu bleiben, oder genauer: immer aufs neue wirklich zu werden."

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