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Der Vater der modernen Türkei

Vor 125 Jahren wurde Atatürk geboren

Von Niels Kadritzke

Türkische Frauen beobachten eine Militärparade von einem Istanbuler Krankenhaus aus, das mit einer türkischen Fahne und dem Bild von Atatürk geschmückt ist. (AP Archiv)
Türkische Frauen beobachten eine Militärparade von einem Istanbuler Krankenhaus aus, das mit einer türkischen Fahne und dem Bild von Atatürk geschmückt ist. (AP Archiv)

Vor 125 Jahren wurde im damals noch osmanischen Saloniki ein Junge namens Mustafa geboren. Aber sein bekanntester Name lautet Atatürk. Der Ehrentitel "Vater der Türken" wurde ihm vom türkischen Parlament verliehen, für seine Verdienste als Verteidiger des Vaterlandes und Gründer des modernen türkischen Staates.

Die Straßenmusiker lassen es noch heute ahnen. Das griechische Thessaloniki war einst die multinationale Metropole des südlichen Balkan. In diesem osmanischen Salonica wurde 1881 der Vater der modernen Türkei geboren. Auf einer Plakette am Geburtshaus steht sein Ehrentitel Atatürk. Ein Geburtsdatum fehlt. Der Grund ist einfach: Man kennt es nicht.

Der Familienkoran mit dem genauen Geburtsdatum ist verschollen. International durchgesetzt hat sich der 12. März. Das echte Datum dürfte früher liegen. Auf keinen Fall ist es der 19. Mai, den man in der Türkei feiert, meint Andrew Mango in seiner Atatürk-Biografie.

"In der Lebensgeschichte von Atatürk sind Realität und Legende nur schwer auseinander zu halten. Die Hauptquelle der Legenden war Atatürk selbst. Was er von sich gab, wurde von Freunden und Verwandten weitergetragen, und diese wiederum sagten vieles, um Atatürk zu gefallen. Der Biograf stößt also auf einen Kanon von Geschichten und Aussprüchen, die meist einer politischen Absicht dienen."

Das gilt auch für den Geburtstag. Den 19. Mai hat Atatürk dekretiert, um an ein wichtiges nationales Datum zu erinnern. Viel wichtiger ist freilich der Ort, an dem er geboren ist: Salonica war das Zentrum der Opposition gegen das erstarrte Sultansregime. Getragen wurde sie von Offizieren der osmanischen Balkanarmee, die man "Jungtürken" nannte. Zu ihnen gehörte auch Mustafa Kemal. Für den späteren Atatürk war der Militärdienst eine Art Erweckungserlebnis, wie er später bekannte:

"Erst als ich in die Militärschule aufgenommen wurde und eine Uniform trug, spürte ich ein Gefühl der Stärke in mir aufsteigen, als wäre ich erst jetzt zum Herrn meines eigenen Selbst geworden."

Die Offiziere ahnten: Um nicht aus Europa hinausgedrängt werden, mussten die Türken sich europäisieren. Die Jungtürken blickten nach Westen. Das galt besonders für Mustafa Kemal, meint Andrew Mango:

"Von Anfang an hasste er die äußeren Merkmale des orientalischen Lebens und sehnte sich danach, wie ein westlicher Offizier und Gentleman auszusehen."

Der Gentleman-Offizier wurde zum Gründer der neuen Türkei, als 1922 unter seiner Führung die griechische Invasion zurückgeschlagen wurde. Doch die große Herausforderung kam erst nach dem militärischen Sieg:

"Als Atatürk die moderne Türkei schuf, stellte er sich die Aufgabe, das multi-ethnische Erbe des Osmanischen Reiches in Anatolien in einen an europäischen Vorbildern orientierten Nationalstaat umzuwandeln. Er verlieh der Bezeichnung 'Türke’, das zum Schimpfwort geworden war, einen neuen Inhalt und gab damit seinen Landsleuten ein neues Selbstwertgefühl."

Um die islamisch geprägte Gesellschaft zu reformieren, setzte der Vater der Türken auf das einzige Transportmittel, das für die Reise in die Moderne verfügbar war – einen säkularen Nationalismus.

Ein gesellschaftlicher Umbruch, wie ihn Atatürk auf den Weg brachte, ist nur von oben durchzusetzen. Wahrscheinlich war die Erziehungsdiktatur damals unumgänglich. Aber die Folgen sind bis heute zu spüren, klagen Intellektuelle wie Murat Bilge:

"Die türkische Republik hatte immer eine autoritäre politische Kultur. Die Eliten, die den neuen republikanischen Staat gestalteten, glaubten an die Notwendigkeit der Verwestlichung, der Modernisierung. Aber ihre historische Existenzweise ließ sie vor allem an ihre eigene Rolle glauben. Sie mussten eine Gesellschaft anleiten und beschützen, die noch nicht reif war, weil die Osmanen die Segnungen der Aufklärung nicht zugelassen hatten."

Diese Bevormundungskultur prägt die Türkei bis heute. Doch das ist weniger Atatürk anzulasten als der neuen kemalistischen Staatselite. Die sah das autoritäre Erbe nicht als notwendiges, aber zu überwindendes Übel. Sie verklärte das Übel zum überzeitlichen Ideal und machten Atatürk zum Nationalheiligen, wie auch der kemalistische Historiker Esat Ozan sagt:

"Einige historische Figuren waren umsichtige Sozialreformer oder erfolgreiche Feldherren, kluge Gesetzgeber oder berühmte Linguisten. Aber noch nie in der Geschichte gab es einen, der all diese Fähigkeiten in sich vereinigt hätte."

Der Superman, der alle genialen Qualitäten verkörperte, war Atatürk.

"Er erhebt sich als monumentale Gestalt hoch über all die anderen 'Großen' des 20. Jahrhunderts."

Wenn der Kemalismus aus seinem Helden eine Comicfigur macht, stellt sich die Frage: Wäre der nüchterne Realpolitiker Atatürk heute ein Kemalist? Die Antwort lautet: eher nicht. Der Gründer der modernen Türkei stand immerhin auf der Höhe seiner Zeit.

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