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StartseiteKalenderblattDer verkörperte Widerspruch19.03.2007

Der verkörperte Widerspruch

Vor 100 Jahren wurde Hans Mayer geboren

Ob als Literaturwissenschaftler, Kulturkritiker oder Schriftsteller, im Zentrum seiner Arbeit stand für Hans Mayer die Europäische Aufklärung als der einzigen Ideologie jenseits der Ideologien. Als "Deutscher auf Widerruf", so der Titel seiner Erinnerungen, durchlebte und überlebte er alle Regime und Systeme der jüngeren Vergangenheit.

Von Jürgen Wertheimer

Mayer lebte viele Jahre als Honorarprofessor in Tübingen. (DRadio)
Mayer lebte viele Jahre als Honorarprofessor in Tübingen. (DRadio)

Hans Mayer, das ist der verkörperte Widerspruch in sich: Tramp und Bürger, hochdekorierter Anarchist, subversiver Kulturträger, Außenseiter und Innenseiter zugleich und keines von beiden ganz. In der Nazi-Zeit als Jude verfolgt, kehrte er nach dem Krieg nach Deutschland zurück, lehrte zunächst in Leipzig, dann in Hannover und lebte zuletzt fast 30 Jahre lang in Tübingen. Dort ist der am 19. März 1907 geborene Hans Mayer im hohen Alter von 94 Jahren gestorben. Gleich ob als Literaturwissenschaftler, Kulturkritiker und Schriftsteller: Im Zentrum seiner Arbeit stand von Beginn an ein Mythos, der der Europäischen Aufklärung als der einzigen Ideologie jenseits der Ideologien. Und er warnte davor, einmal gewonnenes Terrain wieder preizugeben:

"Es gibt aber keine weiterführende Aufklärung von Lessing bis Heine und über Heine hinaus, die irgendetwas preisgeben dürfte von den einstigen Errungenschaften einer heftig umkämpften und opfervollen Befreiung der Geister. Eine nachbürgerliche Aufklärung, die bürgerliches Denken preisgibt statt es dialektisch aufzuheben, die verdient den Namen einer Aufklärung wahrhaftig nicht."

Hans Mayer stand für dieses Prinzip ein in ungezählten Essays, Büchern, Gesprächen und nicht zuletzt in seinen großen, frei gehaltenen Reden, in denen er seine Methode entfaltete: in großen Zusammenhängen und oszillierenden Konstellationen zu denken, auf unterschiedlichen Bezugsfeldern zu sondieren und die Befunde immer wieder miteinander in erhellende Berührung zu bringen. Kühne Rückblenden, Parallelblicke, Fluchtlinien bestimmen den Duktus seiner Argumentation, erhellende Zeitsprünge und blitzartig aufklärende Anachronismen. Obwohl die Zunft der Philologen diese Vorgehensweise nicht immer goutierte und er so auch im eigenen Fach zum Außenseiter wurde, eröffnet sein Ansatz bis heute vielen Lesern einen faszinierenden Zugriff auf die komplexe Vernetzung der Wirklichkeit: dialektisches Denken als humanes Verfahren, bei Hans Mayer konnte man dies lernen, eine Ästhetik des Widerstands , die sich gegen jede Tendenz gesellschaftlicher Resignation und Kapitulation richtete und die er in seinem vielleicht wichtigsten Buch, den "Außenseitern", zur politischen Verpflichtung erhob. Denn er sah ganz klar,

"dass heute jeder Mensch, jede Gruppe, jede nationale Gemeinschaft international gesehen imstande ist, eine Außenseitergruppe zu werden. Anders ausgedrückt: Jeder kann heute zum Juden des anderen werden."

Für einen, der so beschaffen war, musste Tübingen als später Lebensort auf Widerruf geradezu idealtypisch geeignet sein. Sein "Kein Ort, nirgends", wie er das umschreibt, Tübingen als leerer Raum:

"Tübingen hatte keine Erinnerungsbilder zu liefern aus früherer Lebenszeit: Das war blanke Fläche, unzerkratzt, und deshalb glücklicherweise reizlos. Ich befand mich im Wartestand."

Heimgekehrt in die deutsche Fremde, anonym, fast inkognito. Mit dem Satz "Eine Lehrmeinung zuviel" war Hans Mayer von den ideologischen Hardlinern aus der DDR gemobbt worden. Denn wer sich Kafka, Joyce, Proust, Brecht nicht mit dem Argument, diese Autoren seien dekadent, aus dem Kanon streichen lässt, ist ein Risikofaktor für jedes System, das auf Erstarrung angelegt ist. Und ein Risikofaktor wäre dieser Querdenker, da darf man sicher sein, auch heute, im Zeitalter des stumpfsinnigen Quantitätswahns, der Format- und Quoten-Idolatrie, die unsere Denkfähigkeiten rapide regredieren lassen. Eine Tendenz, die Mayer hellsichtig bereits früh in den 80er Jahren erkannte:

"Und wir stehen heute in einer Konstellation, die Aufklärung verstehen muss als Kritik eines widerspruchsfreien Fortschrittsdenkens, als Kritik des Quantitätsdenkens und der Verklärung eines jeglichen Wachstums, vor allem als Kritik der Gewalt. Negation ist heute das erste Positive, alles andere muss daraus folgen. Negation meint aber heute und hier den permanenten Protest gegen weitere Zerstörungen und Zurücknahmen aller bisherigen Aufklärung."

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