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StartseiteBüchermarktDer Wahnwitz dieser Welt14.12.2010

Der Wahnwitz dieser Welt

Michael Stavaric: "Europa. Eine Litanei"

Das neue Werk von Michael Stavarič eröffnet ein Panorama, in dem plötzlich alles lebendig wird: Ein Sammelsurium an Geschichten, Neurosen und Kuriositäten, Mähren und wahren Begebenheiten verleiht dem alten Glanz Europas eine neue Politur.

Von Oya Erdogan

Eine EU-Fahne weht vor der EU-Kommission in Brüssel  im Wind. (AP)
Eine EU-Fahne weht vor der EU-Kommission in Brüssel im Wind. (AP)
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Vom Rockmusiker zum Buchautor

Europa. Eine Litanei ist eine Litanei ist eine Litanei. Eine literarisch parlierende Gebetsmühle könnte nicht besser neu erfunden werden. Vor allem, wenn es um Europa geht. Und es geht: um fröhlich kursierende Meinungen, Gewissheiten, Redeweisen, um Gemeinplätze und Klischees, geht um Gesetze, Reglements und Stereotypen, geht um alles, was Menschen erschaffen können, was Menschen von einander denken, was sie sich gegenseitig zumuten und antun.

Europa ist von Welt: ein Karussell an unglaublichen Wahrheiten, in dem auch Gott ein Bein schwingt, sowie an glaubhaften Unwahrheiten und Skurrilitäten, die kein Ende nehmen wollen. Was Michael Stavarič hier auf kluge und ironische Weise betreibt ist keine Innenschau, sondern vielmehr ein Zirkus von tiefgründiger Oberflächenphänomenologie.

Das alles und mehr steht in Aussicht, wenn man "Europa. Eine Litanei" von Michael Stavarič zur Hand nimmt. Und das Buch lässt sich lesen: wie geschmiert! Spaßeshalber auch von hinten nach vorne, diagonal oder kreuz und quer, das hat der Autor so angelegt. Auch, dass es nicht einmal nötig wäre, das ganze Buch zu lesen, wenn man den genetischen Code dieser Schrift auf einer beliebigen Seite geknackt hat. Und je nach Veranlagung wird man sich beim Lesen von einem monotonisierenden Klang einlullen oder berauschen lassen.

Der verquere Zauber der Litanei liegt darin, dass man beim Lesen nichts wirklich Neues gewinnt, aber dennoch - oder gerade deshalb? - in ungezügelter Neugier entbrennt, immer und immer weiter lesen zu wollen, bis dass die Seiten sich scheiden. Michael Stavarič gibt sich da ganz bescheiden:

" 'Europa. Eine Litanei' ist nur ein Bruchteil dessen, was den Wahnwitz dieser Welt ausmacht. Ich merke, die Menschen wollen darüber reden, weil sie etwas dazu zu ergänzen haben, weil sie etwas völlig anders sehen und es widerlegen möchten. Das Widerlegen der Aussagen dieses Buches ist spannend, weil ich gerne widerlegt werde, weil das Buch ja auch Provokation ist. Die Litanei ist eine lexikalische Auseinandersetzung, die aber noch nicht zu Ende geschrieben ist und im Grunde: Die Textsorte der Litanei eignet sich dazu, jedes Mal etwas dazu zu ergänzen, ich habe es ja auch selber gemacht, und es funktioniert immer wieder neu."

"Europa. Eine Litanei" schreit förmlich danach, stets daran weiter zu schreiben. So hat Michael Stavarič sein Prosadebüt aus dem Jahre 2005 modifiziert, um viele Passagen erweitert und in eine neue Fassung gebracht, die nun in einer schönen Neuausgabe als Hardcover erschienen ist, natürlich wieder bei kookbooks, dem kongenialen Verlag für solche Texte.

Stavarič verfasst für Zeitschriften und Anthologien auch neue Litaneien, wie etwa "Humans. Eine Litanei" oder "Porno unplugged. Eine Litanei". Zudem hat er eine Litanei-Reihe im Residenz-Verlag angeregt, der bereits das dritte Buch, zuletzt von
Blixa Bargeld, herausgebracht hat. Die Litanei scheint in Mode zu kommen. Und es besteht die Aussicht, dass Europa und die Litanei als expansionsfähige literarische Gattung für Michael Stavarič bei weitem noch nicht ihren Abschluss gefunden haben.

"Ich würde das gerne weiter betreiben, vielleicht wird das sogar so ein Lebensprojekt, dass ich immer wieder, wenn ich Zeit habe, wenn ich nicht am narrativen Erzählen arbeite, versuche, diese Litanei weiter auszubauen. Es sind ja über 100 neue Seiten und die anderen sind überarbeitet, es ist schon ein neues Buch, auch die, die das alte Buch kennen, haben hier ganz viel Neues zu lesen. Eigentlich könnte man es so im Laufe der Jahre und Jahrzehnte immer dicker machen, und am Ende meines Leben liegt eine 700 Seiten Litanei da."

So umtriebig und vielseitig, wie Michael Stavarič ist, könnte ihm das durchaus gelingen. Der österreichische Autor tschechischer Herkunft nahm seine Laufbahn als Lyriker und veröffentlichte nach seiner ersten Litanei jedes Jahr einen neuen Roman, vier sind es inzwischen, der fünfte folgt im nächsten Jahr.

Er übersetzt regelmäßig aus dem Tschechischen und ist zudem ein erfolgreicher Kinderbuchautor. Bei kookbooks erschien auch das witzig bebilderte "Gaggalagu", in dem es um menschlich/tierische Sprachen-Lautvielfalt geht. Sprache! In allen seinen Texten gibt die Sprache mit ihren rhythmischen Wechselfällen den Ton an, bestimmt ihre Form den Inhalt. In der Litanei gießt sich eine Aufzählungskette nach der anderen in ein Wortgeplätscher, das erst auf seiner Meta-Ebene über das Unausgesprochene - das, worüber man nachdenken könnte - Auskunft gibt, es gleichsam nichtsahnend und unumgänglich in das körperliche Empfinden einschreibt.

"Was den Rhythmus betrifft, ich habe es verglichen mit einer Zugfahrt, dieses dada dada, da wird man mitgenommen, irgendwann ist man so in diesem Rhythmus drinnen, man schläft fast beim Lesen, ist aber noch wach, und bekommt trotzdem noch was mit. Es ist aber auch gar nicht wichtig, dass man alles draußen in der Landschaft mitbekommt, weil die Landschaft, die an einem vorbeisaust, die Berge, Sträucher, Täler, Seen, das ist so ein husch, man hat es gesehen und doch nicht gesehen, man hat es empfunden und doch nicht empfunden. "

Eine unerwartete Nebenwirkung, die das Lesen von "Europa. Eine Litanei" hervorrufen kann, ist die Einstimmung auf den Bereich der Alpha-Gehirnfrequenzen, und somit ein entspannter Zugang zu kollektiven Wahrscheinlichkeiten und Absurditäten, zu Nationalitätenfragen und zivilisatorischen Wahrnehmungen. Angenehm ist auch, dass man von jeglichen Wertungen verschont bleibt, es weder mit hämmerndem Lamenti noch mit Heldengetümmel zu tun hat.

Umsichtig, wie es einem Wort- und Sound-Komponisten gebührt, sorgt Stavarič für eine fließend glatte Lese-Erfahrung, mutiert und mythisiert dabei das Niveau von Stammtischgesprächen, stilisiert Geschwätz und hohe Rede, bringt das Große und Kleine, Wichtige und Unbedeutsame auf gleiche Augenhöhe.

"Ich glaube dass dieses Buch eher dazu einladen soll, augenzwinkernd auch über manche Unzulänglichkeit hinwegzusehen und sich klar darüber zu werden, dass wir eben sind wie wir sind, dass es da weder etwas zu verteufeln noch was zu beschönigen gibt. Ich glaube tatsächlich, dass alles andere offen ist. Es gibt keinen status quo, es gibt nichts zu bewahren, nichts zu beschützen, es geht immer weiter, die Veränderung ist die einzige große Konstante, je nach dem wie sehr man Lust zur Veränderung hat, kann man sofort von einem Augenblick auf den anderen Europa verändern."

Aus diesem Grund ist "Europa. Eine Litanei" nicht nur eine zeitgenössische Bestandsaufnahme, sondern ein alternierendes Geschichtsbuch, das sowohl Geschichten erzählt als auch erfindet und zugleich die vernachlässigte Geschichte all der - gut gemeinten oder schwachsinnigen - Dinge, die Menschen in die Welt setzen, übermittelt. Auf diese Weise könnte dieses Buch möglicherweise in die Geschichte eingehen.

Michael Stavarič: "Europa. Eine Litanei", kookbooks, 208 Seiten.

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