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StartseiteBüchermarktDer wahren Geschichte ehrlicher Roman25.11.2007

Der wahren Geschichte ehrlicher Roman

Eduardo Mendozas "Mauricios Wahl" bringt das Barcelona der 80er Jahre zu neuem Leben

Eduardo Mendozas neuester Roman spielt zu einer Zeit, in der Ratlosigkeit über die wiedergewonnene Freiheit und Unabhängigkeit nach dem Franco-Regime herrscht. Wider Erwarten schildert Mendoza nicht die spektakulären politischen Ereignisse, sondern präsentiert stattdessen lieber eine spanische Alltagsgeschichte, in welcher der Protagonist in einer politisch aufgeheizten Atmosphäre agiert. Man findet hier keinen typischen historischen Kriminalroman, vielmehr ein Stück sensible Geschichtsschreibung.

Von Martin Grzimek

1986 erschien in Spanien der umfangreiche Roman "Die Stadt der Wunder" von Eduardo Mendoza und wurde ein großer Erfolg. Erzählt wird darin die Geschichte von Onofre Bouvila, einem jungen Mann aus der katalanischen Provinz, der im Barcelona der 20er Jahre eine unerwartet steile Karriere macht, es vom Haarwachsmittelverkäufer bis zum wohlhabenden Spekulanten bringt und sein Geld durch Diamantenschmuggel und Waffenschieberei verdient. Es ist die Geschichte eines Abenteurers und zugleich das Portrait einer im Aufschwung begriffenen Stadt und ihrer Gesellschaft.

Wer heute Barcelona besucht und dabei in diesem Roman von Eduardo Mendoza liest, wird doppelt belohnt: durch die kulturelle Vielfältigkeit dieser faszinierenden Stadt und durch ihre Schilderung in einer vergangenen Epoche, in der aus einem Hafenstädtchen ein schillerndes modernes Zentrum Spaniens geworden ist. Mendoza hat seiner Heimatstadt, in der der 65-Jährige auch heute noch wohnt, ein Denkmal gesetzt, und die ironische Leichtigkeit, mit der sich sein Roman lesen lässt, weist ihn als einen ebenso unterhaltsamen wie hintergründigen Erzähler aus. "Die Stadt der Wunder", übersetzt in 20 Sprachen und mit zahlreichen Preisen bedacht, ist zum Maßstab geworden, an dem von da an die folgenden Publikationen des Autors gemessen wurden, wie zum Beispiel die Romane "Die unerhörte Insel", "Das Jahr der Sintflut" oder der 1996 erschienene Roman "Eine leichte Komödie", der wiederum in Barcelona spielt, diesmal aber nach dem Spanischen Bürgerkrieg in den 40er Jahren. All diese Bücher fanden das Lob der Kritik, reichten aber in ihrer Intensität an "Die Stadt der Wunder" nicht heran.

Vor einem Jahr nun wurde Mendozas neuester Roman "Mauricios Wahl" zum besten Buch des Jahres gewählt: Die zwölf namhaftesten Verlagshäuser Spaniens einigten sich darauf, ihm den mit 150.000 Euro dotierten "Premio Fundacion José Manuel Lara" zu verleihen, eine Auszeichnung, deren Reputation und Höhe für die unumstrittene Qualität der Publikation stehen sollte. Doch etwas Merkwürdiges geschah: Für die Kritik fiel "Mauricios Wahl" weit hinter "Die Stadt der Wunder" zurück. Der Roman sei gut geschrieben, ohne Zweifel, aber es fehle ihm an Spannung und Überzeugungskraft, und man vermisste auch die von Mendoza gewohnte Ironie, seinen verschmitzten Humor. Die Vergabe des Preises also ein Fehlurteil? Und wenn die enttäuschte Rezeption nicht an mangelhafter sprachlicher Eleganz oder Geschicklichkeit liegt, woran dann?

"Mauricio Greis arbeitete seit einem knappen Jahr als Zahnarzt in der Klinik Torralba von Dr. Robartes, als er auf einem Gang der Zahnklinik einem ehemaligen Schulkameraden begegnete, den er seit jenen Jahren nicht mehr gesehen hatte. – "Greis!" – "Fontán. Was für eine Überraschung!" – Sie umarmten sich herzlich und lösten sich dann lachend wieder. (...) Als sie sich zum letzten Mal gesehen hatten, waren sie noch zwei Jungen gewesen, und jetzt wirkten beide sehr seriös."

Mit dieser klassischen Wiederbegegnungsszene zweier alter Schulkameraden beginnt Eduardo Mendozas Roman "Mauricios Wahl", ein Titel, der den der Originalausgabe ein wenig verfälscht. Denn das Buch heißt ursprünglich "Mauricio o las elecciones primarias" mit einem deutlichen trennenden Vergleich zwischen der Hauptfigur Mauricio Greis und bzw. oder wichtigen politischen Wahlen, den "elecciones primarias". Inhaltlich gesehen beschreibt jedoch der deutsche Titel "Mauricios Wahl" den Roman recht treffend, denn der noch junge Zahnarzt befindet sich tatsächlich in einer Lebenslage, in der eine ganze Reihe von Entscheidungen auf ihn einstürmen: Es geht um seine berufliche Karriere, um die Zuneigung zu zwei ganz unterschiedlichen Frauen, es geht darum, sich nach einer studentisch revolutionären Nach-Franco-Zeit erneut politisch in der Sozialistischen Partei Kataloniens zu engagieren, also alte Tugenden trotz Erreichens eines gutbürgerlichen Lebens nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Unter diesen Gesichtspunkten müsste der Roman auch im Spanischen "Mauricios Wahl" heißen, also etwa "La eleccion de Mauricio". Aber das genau ist es, was Eduardo Mendoza nicht tut. Er trennt schon im Titel seines Romans das Leben seines Protagonisten von der politischen Ebene, auf der es spielt, und erzählt auf diese Weise unspektakulär und jenseits jeder Effekthascherei so etwas wie eine wahre Geschichte. Und diese wahre Geschichte, die Ereignisse, oder besser gesagt "Nichtereignisse" der späten 1980er Jahre, bestimmen die Atmosphäre des Romans.

Sein Held, Mauricio Greis, führt ein komfortables Leben. Barcelona, in das er nach seinem Studium und Aufenthalten in Deutschland und Madrid zurückgekehrt ist, ist nicht mehr die "Stadt der Wunder", nicht die der Ramblas und Jugendstilarchitektur. Mit Mauricio lernen wir ihre alltägliche Seite kennen, ihre eher tristen Außenbezirke. Der Sinn des Lebens besteht nicht in Abenteuern sondern in so realen Dingen wie dem Kauf und der Finanzierung eines neuen Autos. Kultur wird nicht am idealen, sondern am finanziellen Wert gemessen und im Gespräch ist der neueste Kinohit aus den USA wie "Ein Offizier und ein Gentleman". Politik aber ist nur noch ein müder Kampf um Wählerstimmen. Nach Francos Tod, nach faschistischer Ideologie, Folter, Mord und Unterdrückung, macht sich Leere breit und Ratlosigkeit darüber, wie denn die gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit zu verwirklichen und zu gestalten sei. Das Bild, das Mauricios Schulfreund Fontán davon ausmalt, ist ernüchternd.

"Die meisten von uns Spaniern haben kein anderes Regime als die Diktatur gekannt. Wir haben nie wirklich geglaubt, sie könnte einmal zu Ende sein. Jetzt sind wir von der Freiheit überrumpelt worden. Viele meinen, die Demokratie bestehe darin, ungestraft gegen sämtliche Regeln verstoßen und den Nachbarn umlegen zu können. Andere dachten, in der Demokratie würden sie pausenlos vögeln, und da es nicht so ist, fühlen sie sich verraten."

In dieser Zeit der inneren Enttäuschungen und der alltäglichen Routine, wie sie auch Mauricio Greis in der Zahnklinik erlebt, scheint die Wiederbegegnung mit dem alten Schulfreund wie ein vielversprechender Lichtblick. Der Roman beginnt also dramaturgisch verheißungsvoll damit, dass mit dem Aufeinandertreffen unterschiedlicher Charaktere die Handlung sogleich in eine Spirale aus Neid und Eifersucht, ein Kampf um Frauen oder ideologische Werte vorangetrieben werde. Zu erwarten sind spannende und amüsante Wortgefechte oder Intrigen und Feindseligkeiten, wie es etwa jüngstens die Verfilmung von Martin Walsers Novelle "Ein fliehendes Pferd" vorgemacht hat. Doch bei Mendoza gibt es keine unerhörte Begebenheit, kein schicksalhaftes Aufeinanderprallen von exzentrischen Temperamenten und divergierenden Biografien. Kaum nimmt er den Spannungsfaden auf, lässt er ihn auch schon wieder fallen. Denn Mauricio entdeckt zwar schnell das verschwenderische, beinahe gedankenlose Leben, das sein ehemaliger, aus wohlhabendem Hause stammender Schulfreund führt, aber er beneidet ihn nicht darum, sondern hört seinem Freund mit zurückhaltender Bewunderung zu, wie dieser sein Leben beschreibt.

"Ich bin ein praktisch veranlagter Mensch, der in den Tag hineinlebt, um das Gute zu genießen, das mir das Schicksal beschert. Das ist nicht der Rat eines Philosophen, sondern eines Ökonomen. Das Leben ist vergänglich, flüchtig und unberechenbar, aber das ist nichts im Vergleich zum internationalen Währungssystem. Die meisten Menschen weigern sich, diese Offensichtlichkeit zu akzeptieren. Die einen aus Angst, weil sie nicht wissen, wie sie der Unsicherheit begegnen sollen. Andere aus ideologischen Gründen, weil sie nicht zugeben, dass das System in dem sie eingebunden sind und nach dem sie ihr Leben organisiert haben, nur ein Kartenhaus ist. Und das gilt ebenso für die Verteidiger wie für die Verleumder des Systems. Diejenigen, die die Vernichtung des Kapitalismus auf ihre Fahne geschrieben haben, beweisen damit, dass ihr Glaube etwas Besseres verdient hat – sie sehen den Teufel, wo bloß Trägheit, Improvisation und Inkompetenz herrschen."

Fontán lädt seinen alten Freund in ein vornehmes Restaurant ein, in eine Welt, mit der sich Mauricio normalerweise nicht konfrontiert und in der er sich auch nicht recht wohl fühlt. Aber sie fordert ihn zumindest heraus, über seine eigene Position nachzudenken. Dabei kommt er zu dem Resultat, dass sich sein Leben irgendwo in der Mitte zwischen Reichtum und Armut, zwischen wohlmeinender Dekadenz und kritischem sozialem Engagement angesiedelt hat. Mauricio ist eigentlich eine blasse Figur – er bezeichnet sich selbst als Langweiler – und so unentschieden, ja fast spießig und verklemmt, dass er sich in seiner Freudlosigkeit nicht einmal dem guten Essen hingeben kann, zu dem Fontán ihn eingeladen hat.

"Er lebte unabhängig, gestattete sich aber keinen Luxus, nicht aus Geiz, sondern weil er nicht wusste, wie er das Geld verschwenden sollte. Wenn am Ende des Monats etwas übrigblieb, ließ er es auf der Bank und vergaß es. Die Freizeit widmete er der Weiterbildung und der Lektüre, er hatte keine Hobbys und kleidete sich schlicht. Jetzt fragte er sich in dieser steifen Umgebung, in der er sich als Eindringling vorkam, ob er hochstapelte oder einen Blick in die Welt tat, die ihm eigentlich entsprach und der er sich bis dahin fern geglaubt hatte aufgrund einer Täuschung, die ausschließlich seiner Ruhe gedient hatte. Er dachte auch daran, wer die Rechnung für diesen Festschmaus bezahlen würde. All diese sich kreuzenden Gedanken hinderten ihn daran, die Wonnen des guten Essens zu genießen."

Genuss, Lust und Empathie sind Eigenschaften, die Mauricio zwar irgendwo in seinem Hinterkopf hat, die er sich aber eigentlich nicht zugestehen will. Von dieser Unentschlossenheit sind alle seine Handlungen bestimmt. Sie sind beliebig, lassen aber auch Wünsche entstehen, die er sich gern erfüllen würde, aber in seinem ambivalenten Zustand ebenso schnell wieder unterdrückt, wie sie in ihm auftauchen. Durch den Bekanntenkreis seines Freundes Fontán lässt er sich dazu überreden, für die Sozialistische Partei Kataloniens zu kandidieren, geht nach seiner Arbeit sogar zu Veranstaltungen, auf denen er Reden hält, und lernt dabei Menschen kennen, die ihn eine Zeit lang begleiten.

Adela, die Porritos, die Kifferin genannt, eine junge Frau aus der Kleinkunstszene, wird so eine der wichtigen Figuren dieses Romans. Ebenso wie die attraktive Clotilde, angehende Rechtsanwältin in einer Kanzlei, in der sie durch Beziehungen für ein Taschengeld Arbeit findet. Diese beiden Frauen werden nach und nach immer bestimmender in Mauricios Leben. Sie zeigen ihm, dass er zwei Seiten hat, bestehend aus unerfüllbaren Wünschen wie jenen nach Freiheit und Freizügigkeit, die dem Erbe der Franco-Diktatur entstammen, und aus Wünschen, die es bisher noch nicht gab: sich selbst zu verwirklichen, ohne zu wissen, wer man denn selbst eigentlich ist.

"Mauricio lebte mit der Angst vor einer Zufallsbegegnung zwischen Clotilde und der Porritos. Er wollte die Beziehung mit dieser endgültig beenden, aber nie fand er den richtigen Zeitpunkt, um das Problem unverblümt zur Sprache zu bringen, und im Grunde wollte er das auch gar nicht. Er war überzeugt, dass Clotilde die Frau seines Lebens war, aber mit der Porritos hatte er viel Spaß. War er jedoch mit ihr zusammen, so litt er bei der Vorstellung, welch dramatische Folgen sein Doppelleben haben konnte, falls eine der beiden dahinterkäme."

Das Motiv der Doppelexistenz durchzieht den ganzen Roman und jedes seiner einzelnen Segmente und Figuren. Mendoza trifft darin nicht nur den sensiblen Punkt jener Generation nach Franco, die im Spanien der 80er Jahre versucht, eine selbstbestimmte und private Identität zu finden, er spürt den Rhythmus einer Periode auf, die in der Unentschiedenheit gegenüber politischen Richtungen und in der Ambivalenz zwischen persönlichen Vorteilen und öffentlichen Problemen ihr Gleichgewicht in der Gleichgültigkeit zu finden sucht. Extreme, wie die aus der Rebellion hervorgegangene Sozialistische Partei Kataloniens oder die unverhohlene Geschäftigkeit des Kapitalismus mit seiner Dekadenz und sozialen Morbidität, stellen nur scheinbar sich ausschließende oder gar bekämpfende Gegensätze dar.

In den beiden Frauenfiguren des Romans sind diese Seiten des Doppellebens einer ganzen Gesellschaft eindrucksvoll verkörpert. Die junge Anwältin Clotilde, die noch die revolutionären Ambitionen aus der Studentenzeit mit sich herumträgt, gefällt sich in ihrem opponierenden Verhalten, lebt aber notgedrungen noch immer bei ihren Eltern und ahnt schon den Preis, den sie für eine Karriere im bürgerlichen Milieu wird zahlen müssen, den der Anpassung. Die Sängerin Adela hingegen, der mit ihrem früheren Decknamen – die Porritos – noch die Sphäre antifaschistischer Untergrundbewegungen anhaftet, ist die Ungebändigte, die ihre Gefühle und ihre Unabhängigkeit höher stellt, als irgendein gesellschaftliches Ansehen und dafür in Kauf nimmt, in den niederen sozialen Verhältnissen der Randbezirke Barcelonas zu verkommen. Mauricio fühlt sich zu jeder dieser Welten hingezogen, zu Clotildes emanzipatorischer Dominanz und zur Schutzbedürftigkeit des labilen Charakters von der Porritos.

Beide versucht er zu lieben, mit beiden Frauen schläft er, legt sich aber nie auf die eine oder andere fest und hat nur unregelmäßig, ganz wie es seine eigenen ärztlichen Verpflichtungen erlauben, Kontakt zu ihnen. Er kann und will sich nicht entscheiden. Am liebsten hätte er es, wenn über ihn entschieden werden würde. Deshalb betrachtet er es als Schicksal, als eine dunkle Macht, wenn er erfährt, dass die Porritos an AIDS erkrankt ist und er sich möglicherweise und dadurch auch Clotilde angesteckt haben könnte. Ganz seiner indifferenten Egozentrik entsprechend, nimmt Mauricio dieses mögliche Todesurteil einfach hin; statt an seine Freundin denkt er an sich wie jemand, der sein eigenes Leben nur noch mit Desinteresse betrachten kann.

"Die Aussicht zu sterben, machte ihm keinen Eindruck. ... Ob gut oder nicht, der Tod barg kein Mysterium. Es wurde nur das Bewusstsein für eine Welt abgeschnitten, die ihm in diesem Augenblick sehr wenig Anreize bot. Er dachte, wenn er in Kürze sterben müsste, hätte er ein recht langweiliges Leben aus nicht verwirklichten Projekten, frustrierten Hoffnungen und unerfüllten Träumen gelebt. Er hatte sämtliche Chancen ungenutzt gelassen, die ihm das Leben geboten hatte, um sich eine jetzt vor seinen Augen verschwindende Zukunft zu erarbeiten. Würde ich wiedergeboren, so würde ich ganz anders handeln, dachte er; aber ich werde nicht wiedergeboren werden. Mir ist nur ein einziges Leben gegeben, und das habe ich gedankenlos verschwendet."

In Mauricio spiegeln sich die Empfindlichkeiten einer, wie Mendoza sagt, "Zeit der Unwichtigkeit". Darüber einen Roman zu schreiben, birgt das hohe Risiko, selbst etwas Unwichtiges zu produzieren, und es ist anzunehmen, dass den Autor gerade dieses Risiko reizte. Er verbietet sich gewissermaßen Spannungsbögen seiner Geschichten in Höhepunkten aufzulösen, Anstrengungen seiner Protagonisten durch Erfolge krönen zu lassen. Daher gibt es zum Beispiel in dem ganzen Roman keine einzige Stelle, an der eine Darstellung der Liebe zwischen Mauricio und einer der beiden Frauen folgt. Oft ist es nur ein halber Satz, der auf die Sexualität zwischen ihnen hinweist. Mauricio und Clotilde sind etwa zum Abendessen verabredet, sie sprechen miteinander, gehen in Mauricios Wohnung und am nächsten Morgen jeder zu seiner Arbeit. Dass sie in der Nacht miteinander geschlafen haben, kann man nur erahnen.

Es gibt keinerlei genüssliche Beschreibungen, es gibt keine Intrigen, keine Bissigkeiten, keine Verfolgungen, keinen Skandal. Mendozas Sprache ist schlicht, lakonisch und einfühlsam und bedarf keiner dramatischen Überhöhungen. Als Clotilde die Verlobte von Mauricios Schulfreund Fontán kennenlernt und sie an einem Nachmittag zum Kleidereinkauf begleitet, macht die Verlobte Clotilde völlig unvermittelt ein sexuelles Angebot und sagt zu ihr: "Lecken wir uns die Muschi?" Eduardo Mendoza setzt als Kommentar hinzu:

"[Clotilde] fühlte sich nicht von Frauen angezogen, aber auch nicht angewidert, und jetzt war die Verlockung, Fontán kurz vor seiner Heirat Hörner aufzusetzen, stärker als ihre Neigungen. Als sie das Haus verließ, war es bewölkt, und es fielen bereits einige Tropfen."

Es ist symptomatisch, dass diese wenigen Zeilen, die keine andere Funktion haben, als wieder einmal Clotildes Widerspenstigkeit und rebellisches Wesen zu illustrieren, - dass diese an sich unbedeutende Miniszene in einem 380-Seiten-Roman von einer Reihe von Kritikern wie ein zentrales Geschehen herausgehoben wird, weil sie das anzubieten scheint, was man heute von einem Roman verlangt: das Ungewöhnliche, das Sensationelle, Überraschende, die sogenannte Spannung. Mit solchen, am Kriminalroman orientierten Normen der Unterhaltung lässt sich Eduardo Mendozas Roman nicht messen. Er hat einen anderen Rhythmus, eine andere Sensibilität. Er ist für die Zeit, die er beschreibt, das Ende der 80er Jahre bis 1992, als Barcelona die Ausrichtung der Olympischen Spiele zugesprochen wird, der Seismograph kaum erwähnenswerter politischer oder menschlicher Erschütterungen. Wenn sich etwas in irritierender Weise bewegt, dann im Privaten, für die Gesellschaft Unscheinbaren. Wer von einem Roman automatisch Nervenkitzel und pittoreske Unterhaltung erwartet, wird bei Mendoza zwangsläufig enttäuscht werden, denn es ist ja die Enttäuschung selbst, die er darstellt, der Glaube nämlich, das Leben sei ein Ablauf ständiger Aufregungen, Umwälzungen und Überraschungen.

Die Spannungskurve, die in Mauricios Biografie nachzuzeichnen ist, gleicht eher dem regelmäßigen Kardiogramm eines unauffälligen Herzschlags. Ein Herzschlag, dies darf nicht vergessen werden, der mit seinem gleichmäßigen, um nicht zu sagen ‚gleichgültigen’ Pochen gewissermaßen nur noch in einer historischen Aufnahme vorliegt. Dem widerspricht auch nicht, wenn Mendoza am Schluss seines Buches ein romaneskes Happy End anbietet. Nachdem die Porritos ihrer Krankheit erlegen ist, nachdem Barcelona zur Olympiastadt gewählt wurde und sich einen wirtschaftlichen Aufschwung erhoffen kann, nachdem also die Realität das Fenster in eine noch unbeschriebene Zukunft geöffnet hat, ist auch für Mauricio gewissermaßen der Weg frei für ein Leben mit Clotilde.

Trotz dieser zufriedenstellenden Vision endet der Roman mit dem wehmütigen Bedauern, dass mit dem Sinnbild der Widerstandskämpferin, mit der Illusionistin und politischen Sängerin, die die Porritos darstellen sollte, eine – wie Mendoza schreibt – "ganze Epoche" dahingegangen ist. Die Geschichtsschreibung kennt solche Wehmut nicht, sie muss nüchtern bleiben und den Fakten den Wert überlassen, den sie für andere haben. Der Geschichtenschreiber ergreift Partei, fühlt sich ein und stellt das Geschehen aus seinem Blickwinkel dar. Eduardo Mendoza ist mit seinem jüngsten Roman der Versuch geglückt, Geschichtsschreibung und das Aufschreiben der Empfindungen der in der Geschichte involvierten Menschen zu vereinen. Was sie als Unwichtigkeit erleben, wird mit einem Mal wichtig. Aus einem ehrlichen Roman kann nur eine wahre Geschichte werden, und aus einer wahren Geschichte nur ein ehrlicher Roman. Das ist Eduardo Mendoza gelungen.


Eduardo Mendoza: "Mauricios Wahl". Roman
Aus dem Spanischen von Peter Schwaar
Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2007
383 Seiten, 19,80 Euro

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