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Der weise Alte in seinem Turm

Zum Tod des Schauspielers und Regisseurs Veit Relin

Von Bernd Noack

Der Maler, Schauspieler und Regisseur Veit Relin (picture-alliance/ dpa / Daniel Karmann)
Der Maler, Schauspieler und Regisseur Veit Relin (picture-alliance/ dpa / Daniel Karmann)

Veit Relin stand als Schauspieler auf der Bühne, dirigierte seine Kollegen als Regisseur, wirkte vor und hinter der Kamera und er war auch Dichter und Maler. Bis kurz vor seinem Tod wollte sich der gebürtige Österreicher nicht festlegen, welche dieser Rollen seine wichtigste war. Im Alter von 86 Jahren ist er jetzt gestorben.

"Aber ich bin überhaupt ein Glückskind – immer gewesen. Eine Handleserin in Wien, die ich gut kannte, sagte: Gib mir deine Hand, Veit. Sagt sie: Oh, macht die Hand mich glücklich. Und das ist geblieben."

Der Schauspieler, Regisseur und Maler Veit Relin hatte einen Pakt mit dem Glück geschlossen. Dabei wusste er zeitlebens, dass dieser Zustand ein flüchtiger, dass das Glück "ein Vogerl" ist, wie er es oft ausdrückte. Man musste es gerecht behandeln, auf dass es einen nie verlässt. Also gehörte für Relin dazu, dass er sein Glück teilte mit anderen Menschen, mit Freunden und Wildfremden, mit Kollegen und dem Publikum. Und ihnen allen ging es wie der Wahrsagerin aus Wien: Der Veit machte sie glücklich.

Da saß er dann auf der winzigen Bühne seines winzigen Torturmtheaters im fränkischen Sommerhausen, ganz der Prinzipal, auch im hohen Alter noch. Groß und schlank, ungestüm und zerbrechlich zugleich, in stets schwarzer Kleidung und mit dem viel zu mächtigen glitzernden Halsschmuck, das dichte Haar schlohweiß, die Stimme ein wenig zitternd schon – ein glücklicher, gütiger König in seinem überschaubaren Reich voll dankbarer Untertanen. Es war da eine fast andächtige Stille, wenn Veit Relin etwa aus Mozarts Briefen vorlas, in der linken Hand das Zigarillo, in der rechten das Rotweinglas. Und lustvoll, mit einer schelmischen Freude und im breitesten österreichischen Dialekt, ließ er ein ums andere Mal das niedliche Wörtchen "Oarsch" in die Ruhe krachen, betont auf allen wirklichen und hinzuerfunden Silben. Und noch ganz andere Anstößigkeiten aus dem Fäkal-Fundus des "Wolferl", wie der Rezitator den Komponisten fast brüderlich, auf jeden Fall geistesverwandt, nannte, ließ er sich auf der Zunge und der Seele zugleich zergehen.

Diesen "Sauschwanz" aus Salzburg, der doch auch so gierig nach Glück war, mochte er schon sehr gut leiden: das Hin und Her des Lebens, das Lieben und Rappeln, das Vergehen in der Kunst und das Verzweifeln an der Dummheit, die Sehnsucht und die Respektlosigkeit eines Mozart kannte Veit Relin selber viel zu gut – mag sein, mit zunehmenden Lebensjahren aus der Vergangenheit nur noch. Aber dann fuhr ganz unvermittelt auf einmal ein dünner Finger drohend in die Luft und aus Relins Augen blitzte es sehr vital und kokett, man war gefangen: "Da bin ich, da habt`s mich", rief er, den Komponisten zitierend, hinterhältig aus.

So einfach lockte er auch noch mit seinen 80 Jahren das Publikum in den verwinkelten Stadtmauer-Appendix des postkartenschönen Weinortes vor den Toren Würzburgs, wo er sich in den 70er-Jahren niedergelassen hatte, ohne zu ahnen, dass es ein gutes halbes Leben werden würde. Man hielt den eigensinnigen Künstler und begnadeten Selbstdarsteller aus der Linzer Vorstadt, der einmal ganz stinknormal Pepi Pichler hieß und sich sein irgendwie nach Mehr klingendes Pseudonym selber zusammenschusterte – man hielt ihn ganz zu Recht für völlig verrückt, als er irgendwie über Nacht die schicke Wirklichkeit an Theatern in Wien oder in den Film-und Fernsehstudios mit der Verwirklichung eines vagen Bühnentraumes tauschte. "Ich war groß im Geschäft", sagte er später über seine große Zeit nur noch beiläufig. Er hatte mit den Stars seiner Zunft zusammengearbeitet, war durch die Ehe mit Maria Schell auch von den Feuilleton- in die Klatschspalten geraten – und machte jetzt plötzlich auf Eremit im Frankenland.

Dort mühte er sich auf ein paar Quadratmetern fast rampenloser Bühne vor Abend für Abend nur knapp 50 Zuschauern ab, die über eine mörderisch steile Treppe zu ihm ins verwunschene Reich unterm Turmdach kamen. Hier spielte er mit meist jungen Kollegen oft Unbekanntes von Turrini und Kroetz (der sein Schwiegersohn werden sollte), von Albee und Leonhard Frank, Rosendorfer und Dauthenday. Hier spielte er aber vor allem auch immer ein wenig sich selber in den von ihm gemalten und gestalteten Bühnenbildern. Das Gesamtkunstwerk im Klitzekleinen, das Zusammenspiel der Farben und Dichterworte, der Gefühle und des Geistes gelang ihm hier. Und er wollte es nicht mehr tauschen mit Karriere und Erfolg in Metropolen und Kulturtempeln, die ihn langweilten, wenn er nur an sie dachte beim Malen, das ihm zum Schluss immer wichtiger wurde, in seinem Garten in Winter oder beim Applaus im Theater in Sommerhausen. Und so amüsierte es ihn eher, wenn man ihm unterstellte, er hätte sich in der Provinz allzu bequem eingerichtet.

"Das ist eine Verleumdung, dass ich in der "Provinz" zuhause wäre. Es kommt immer darauf an, was man aus der Provinz macht und ein bisschen Provinz ist auch sehr gut. Man darf nicht so überheblich sein. Provinz kann auch Vorteile haben: Man wird nicht so ernst genommen."

Der "Zerrissene", der er in Nestroys Stück und im Leben sowieso oft genug war, strahlte tatsächlich die restlose Zufriedenheit eines Theatermachers aus, der sich mit seinem Publikum im Einklang befand: Für die Dauer eines Augenblicks gehörte man zusammen und erfand sich die Welt, wie sie nie wirklich sein würde. "Das Glück ist ein Geschenk", sagte der Spieler und Schöpfer Relin dann, lachte sehr fein und fügte nach einer wohl inszenierten Pause sinnierend hinzu:

"Wenn man es zu fassen weiß. Es haben viele sehr viel Glück und wissen nichts damit anzufangen und die anderen haben kein Glück und wissen auch nichts anzufangen. In dem Volkslied "Des Glück is a Vogerl", ich weiß nicht, woher das kommt, dass des Glück a Vogerl is."

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