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StartseiteBüchermarktDer Wind weht unsere Worte fort03.06.2002

Der Wind weht unsere Worte fort

Aus dem Englischen von Elke Hosfeld

Siebenundsechzig Jahre alt ist Doris Lessing 1986, als sie zu einer Reise in die afghanischen Flüchtlingslager an der pakistanischen Grenze aufbricht. Beseelt vom lodernden Drang nach Wahrheit will sie dort die Lage der Frauen erkunden, Licht ins Dunkel der afghanischen Tragödie bringen. Acht Jahre währt zu diesem Zeitpunkt der Kampf der Mudschahidin gegen die sowjetische Besatzungsmacht, Hunger und Krankheiten bestimmen das Bild in den Dörfern und Flüchtlingslagern. Die Lage an den verschiedenen Fronten ist ebenso verworren wie die ideologische Zusammensetzung der einzelnen Widerstandsfraktionen, und daß der Kampf David gegen Goliath schließlich zugunsten Davids ausgehen würde, läßt sich zu diesem Zeitpunkt zwar erhoffen - und die Autorin tut dies inbrünstig -, aber keineswegs prophezeien. Zu groß ist das technologische und militärische Gefälle zwischen der Supermacht Sowjetunion und den rückständigen Bergvölkern Afghanistans, die einem Panzerangriff schon mal mit Steinen und Äxten begegnen. Nur in einem Punkt sind die Afghanen den Russen überlegen, und er wird sie Jahre später zum Sieg, zugleich aber auch in die Talibandiktatur führen: Sie haben den stärkeren, ja einen unbezwingbaren Glauben.

Florian Felix Weyh

Es ist ein gespenstisches Buch, das nun - 16 Jahre nach seiner englischen Erstausgabe - den Weg zum deutschen Leser findet. Gespenstisch, weil sich Wahrheiten und Irrtümer, heiße Gefühle und kühle Beobachtungen auf eine sonderbare Weise mischen. Doris Lessing reist nicht als Privatfrau, sondern als Vertreterin der "Afghan Relief", einer amerikanischen Hilfsorganisation. Dementsprechend engagiert fällt ihr Bericht aus, was 1986 seine Berechtigung hatte. Heute, im Jahr 2002, wird daraus ein Stück westlicher Mentalitätsgeschichte: So konnte man denken in der Endphase der amerikanisch-sowjetischen Konfrontation. Daß die Autorin den Text im unveränderten Wortlaut beläßt und ihn nur um ein kurzes Vorwort erweitert, läßt sich als Geste der Souveränität deuten. 1986 ist von den späteren Siegern Taliban nichts zu sehen und nichts zu hören. Diese fanatischen jungen Männer werden in pakistanischen Koranschulen ausgebildet, ihre Zeit steht noch bevor. Der große Held heißt Scheik Massud, ein für örtliche Verhältnisse gemäßigter Islamist; später unterliegt er den Taliban und wird als Führer der sogenannten "Nordallianz" wenige Tage vor dem 11. September 2001 ermordet.

Die zornige alte Dame aus England zeigt sich in der Zuordnung ihrer Sympathien vorsichtig, in ihren Schuldzuweisungen aber eindeutig. Daß die Sowjetunion als Reich des Bösen alle Verachtung trifft, nimmt nicht Wunder. Wohl aber, daß die USA nicht minder schlecht abschneiden. Ausgerechnet dem strikt antikommunistischen Reagan-Amerika wirft Doris Lessing 1986 Vertuschung und Kumpanei vor - als hätten sich beide Supermächte abgesprochen, es nach Korea und Vietnam nicht zu einem dritten, offenen Stellvertreterkrieg kommen zu lassen. Gleich mehrfach fordert die weltberühmte Autorin, die Mudschahidin mit Stinger-Raketen auszustatten, damit sie sich gegen russische Luftangriffe zur Wehr setzen könnten. Eine im pazifistisch orientierten intellektuellen Establishment dieser Tage sehr abweichende Meinung, die erklärt, warum es Doris Lessing trotz ihrer Berühmtheit schwer fiel, die afghanischen Aufzeichnungen zu publizieren. Heute wissen wir, daß die dann doch gelieferten amerikanischen Raketen zwar den Rückzug der Sowjetarmee beschleunigten, das geschundene Land aber mitnichten in den Frieden bombten.

Bringt die Lektüre eines solchen Berichts mit begrenztem Wahrnehmungshorizont nach anderthalb Dekaden überhaupt noch etwas? Ja - weil Doris Lessing eine große Erzählerin ist. Ihre Beschreibungen aus den Flüchtlingslagern, ihre Diagnose des Islams als Katastrophe für gebildete und emanzipierte Frauen überragt die situativen Kurzschlüsse im politischen Bereich. Geboren im Iran, aufgewachsen in Rhodesien, erweist sich diese Tochter des britischen Weltreichs als interessierte und mitfühlende Beobachterin. Immer wieder wirkt das Fremde merkwürdig vertraut, erinnern sie Geräusche und Gerüche an die persische Kindheit. Ja ihre Sympathie geht so weit, daß sie - Urbild der westlich-emanzipierten Frau - die Verschleierung als legitime Rückzugsmöglichkeit in Erwägung zieht. Später probiert sie diese Kulturtechnik in London selbst aus. Sofort gesteht sie sich das Bedürfnis ein, die Augen stark schminken zu wollen, denn sie sind das einzige zur Kommunikation und Aufmerksamkeitserheischung freigebliebene Areal. Solch fesselnde Stellen von anderthalb Seiten befreien das Buch von seiner Zeitgebundenheit. Es macht eben doch einen Unterschied, ob eine Dichterin oder ein Kriegsberichterstatter hinter der Schreibmaschine sitzt.

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