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StartseiteBüchermarktDer Witwentröster16.04.2002

Der Witwentröster

KiWi, 352 S., EUR 19,90

Jan Oltrogg leistet Zivildienst im Altersheim. Nachttöpfe leeren, Bettpfannen unters Gesäß älterer Damen schieben - es sind nicht gerade appetitliche Aufträge, die er täglich zu verrichten hat. Der Autor Marc Wortmann hat kein Erbarmen mit seinem Helden. Er liefert ihn den Gerüchen geradezu aus. Das Buch beginnt atmenlos, skandiert in schwer erträglicher Weise eine Art Gedicht der Fäulnis. Jan sieht seinen Zivildienst im Altenheim als eine Mission an. Er begreift seine Arbeit als eine Anleitung zum Witwentrösten:

Claudia Cosmo

Ja das ist ja die These, die er sich so ja zurecht baut. Dass es für die Atmosphäre, die da herrscht, nämlich dieser Gestank einerseits und diese Vergeßlichkeit andererseits und die Unmöglichkeit, vernünftige Gespräche zu führen, dass es da noch andere als organische Ursachen gibt. Dass da noch irgend etwas begraben ist, was man entdecken sollte, damit man es da aushalten kann. Und dementsprechend geht er dann auch brutal teilweise vor.

Jan wäscht die Witwe Piel, bringt den Witwen Meldorf oder Seligmann das Essen und beobachtet Witwe Roth wie sie sich mühselig durch den Korridor schleppt. Witwenwaschen, Witwenanziehen, Witwenfüttern. Das sind nur die Vorstufen. Denn seine Mission, das Witwentrösten, ist eine kompliziertere Angelegenheit und bedarf einer höchstsensiblen Vorbereitung. Jedes sozialpädagogische Seminar würde sich über Jan freuen, denn er entwickelt ein regelrechte Theorie des Tröstens:

Diese Wortwahl: Witwenwaschen, Witwentrösten, Witwenanziehen das ist natürlich auch so ein bisschen manisches Denken, was daraus spricht. Da sehe ich dann schon seinen Größenwahn, dass er alles nur noch durch dieses Objektiv so sehen kann. Das Witwentrösten als Handwerk, worin er nun Meister geworden ist. Er hat denn da auch seine eigene Sprache erfunden.

Diese wirkt belehrend, altklug und lässt eine gewisse Besessenheit erkennen. Jan gefällt sich derart in seiner Rolle, dass er streckenweise genauso wie Winnetou in der dritten Person von sich spricht: Der Witwentröster fragt, der Witwentröster muss geschickt vorgehen...Er sieht sich als Phänomen, als Schöpfer einer neuer Berufssparte. Zum Witwentrösten gehört, ein Interesse für die Vergangenheit der Damen zu entwickeln. Jede Witwe hat einen Mangel, einen wunden Punkt in der Vergangenheit, den Jan aufzudecken versucht: Es gilt den Mangel zu erkennen, den Mangel ins Bewusstsein der Witwe zu rufen und ihn zu beheben. Witwentrösten ähnelt der Arbeit eines Archäologen: Altes und Verdrängtes freilegen und in der Vergangenheit herumstöbern:

Es gibt dann einen Punkt, an dem sich Jan, der Witwentröster, sich durchaus gefällt in dieser Rolle. Eine Rolle, die auch mit Macht verbunden ist. Das gewinnt doch rauschhafte Züge bei ihm.

Jan fasziniert es, dem Geheimnis der Witwe Biesterfeld auf die Schliche zu kommen, die zwei Weltkriege mitgemacht und in Afrika einen schwarzen Geliebten hatte. Jan erfährt von nicht heimgekehrten Ehemännern, von unerfüllten Träumen und kaputten Familienverhältnissen. Emotional bleibt Jan seltsam unbeteiligt. Ihn reizt es lediglich, seine Theorie des Witwentröstens in die Praxis umsetzen zu können:

Das ist sowieso mein Ausgangspunkt, dass alles, was er da macht, so eine subjektive Notwendigkeit hat, nämlich Notwehr. Weil er das so nicht aushält wie er es vorfindet. Er hat auch von vorne herein das Gefühl, die tun zwar alle so, als könnten sie alle nicht mehr bis drei zählen, andererseits wollen die doch eine ganze Menge von ihm. Und sie stürzen sich auch deutlich auf ihn. Diese ganze Gerede von `unserem jungen Mann` das ist ja auch sehr vereinnahmend.

Der `junge Mann´ wird zum Vermittler zwischen den Witwen und ihren Angehörigen, die die Verantwortung Jan übertragen wollen. Als Witwentröster schlüpft er in unterschiedlichste Rollen: Kaum haben die Witwen das Vertrauen in Jan gewonnen und scheinen aus ihrer Lethargie erwacht zu sein, sehen sie in ihm verstorbene Ehemänner oder jugendliche Liebhaber. Jan hat den Mangel aufgedeckt und wird zum Teil der Witwen- Vergangenheit:

Mich hat fasziniert die Erinnerung daran, dass in solchen Häusern tatsächlich die Verwechslungen in der Luft liegen. Dass wenn man da arbeitet und gerade als Mann unter all diesen Frauen, dass das Angebot ständig da ist: Komm! Sei ein anderer für mich ! Diese Bereitschaft, so einen jungen Mann zu nehmen und mit ihm so alte Sachen wieder zu erleben, die glaube ich, gibt es in jedem Altersheim.

Jans moralische und emotionale Haltung gegenüber den Heimbewohnern wird nicht deutlich. Das Witwentrösten ist Ausdruck eines egozentrischen Aktionismus. Ein wirkliches Interesse am Schicksal der alten Damen sucht man bei dem Zivildienstleistenden vergeblich. Ein Austausch an menschlicher Wärme findet nicht statt. Und gegen Ende des Zivildienstes hat sich nicht viel geändert: Einige Frauen sterben, andere verharren in Lethargie. Jan hat nicht die Witwen, sondern nur sich selbst getröstet:

Das ist ja beinahe ein Faktum, das der Witwentröster leugnet, dass es so etwas überhaupt gibt. Als wollte er so gegen die Natur Sturm laufen und wollte er das nicht akzeptieren, dass es so etwas gibt wie natürlichen Verfall und natürliches Vergessen. Als wollte er protestieren und sagen: Das ist doch nur vorgetäuscht, weil ihr etwas zu Verbergen habt. Oder weil ihr irgend etwas nicht mehr wissen wollt. Er ist da wie so ein Don Quijote, der gegen Windmühlen anrennt.

Marc Wortmanns Debutroman Der Witwentröster hat einen großen Mangel. Die Hauptfigur unterbindet mit ihrer verbale Penetranz jede Annäherung an die Schicksale der Heimbewohnerinnen. Die selbstgefälligen Monologe über die Phänomenologie des Witwentröstens töten den Fluss der Geschichte und lassen die Witwen zu Marionetten verkümmern. Marc Wortmann hat versucht, das unangenehme Thema Sterben mit provokaten literarischen Mitteln zu bezwingen. Doch wie er seinen Helden vorführt, nimmt man auch dem Autor die Anteilnahme am Schicksal älterer Frauen nicht ab. Marc Wortmanns Debüt ist in seine ganzen Selbstgefälligkeit nur schwer genießbar.

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