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Seit 17:05 Uhr Kulturfragen
StartseiteMarkt und MedienDer Zauber der Zahlen14.09.2013

Der Zauber der Zahlen

Kritik an der Demoskopie-Hörigkeit der Medien

Mehr denn je behandeln Medien die Wahlumfragen wie Wahlergebnisse. Dabei ist die Geschichte der Demoskopie eine Geschichte der Fehleinschätzungen. Wissenschaftler fordern deshalb mehr Transparenz von den Instituten – und von den Medien einen kritischeren Umgang mit Umfrageergebnissen.

Von Tobias Feld

Bei den Wahlen 2005 lagen die Meinungsforscher bei ihren Prognosen um 11 Prozent daneben (picture alliance / dpa - Lehtikuva Sari Gustafsson)
Bei den Wahlen 2005 lagen die Meinungsforscher bei ihren Prognosen um 11 Prozent daneben (picture alliance / dpa - Lehtikuva Sari Gustafsson)
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Ein Leben im Zeichen der Demoskopie

Glaubt man deutschen Medien, ist die Bundestagswahl entschieden. Tatsächlich liegt die CDU nach aktuellen Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Forsa weit vor der SPD. Mehr denn je behandeln Medien diese Wahlumfragen als Wahlergebnisse. So heißt es etwa im "Focus" zu den aktuellen Umfragewerten: "Der Absturz in den Umfragen so kurz vor der Wahl bringt die Grünen ins Grübeln: Lag es an den Steuerplänen? Oder an der Debatte über einen "Veggie-Day"? Die grünen Spitzenleute kämpfen verzweifelt gegen die sich breit machende Panik in den eigenen Reihen." Doch wie seriös sind solche Umfragen? Die Geschichte der deutschen politischen Demoskopie ist eine Geschichte voller Fehleinschätzungen. Zuletzt zur Bundestagswahl 2005. Auch damals sah Forsa CDU/CSU bei bis zu 43 Prozent, am Ende wurden es rund 35. Die Erhebungen der Meinungsforscher wichen damals im Schnitt um über 11 Prozent vom amtlichen Endergebnis ab. Warum werden in den Medien dennoch Wahlumfragen beinah wie Wahlergebnisse verkündet?

"Medien mögen Zahlen. Und Demoskopie liefert Zahlen."

Achim Goerres, Publizist und Politik-Professor an der Universität Duisburg-Essen.

"Man kriegt nun das, was unglaublich präzise klingt – ohne den ganzen Unsicherheitskram, der damit eigentlich einhergeht. Trotzdem wird da sehr viel Aufmerksamkeit draufgetan. 1957 brauchten sie keine großen Umfragen, weil das Parteiensystem viel einfacher war. Heute lohnt es sich aus Mediensicht möglichst mehr dazu zu sagen, und möglichst spät dazu auch noch viel zu sagen."

Die Meinungsforscher nehmen für sich in Anspruch, ein repräsentatives Stimmungsbild zur Wahl zu zeichnen. In den Augen von Medienforschern wäre hierfür eine Auswahl unter mindestens 3000 Personen nötig. Viele Institute greifen für Ihre Umfragen aber auf rund tausend Wähler zurück. Schon vor Jahren zeigte der Statistik-Professor Fritz Ulmer, dass so die Unsicherheit bis zu plus/minus sechs Prozentpunkte betragen kann.

"Die meisten Umfragen geschehen heute per Telefon, und Wähler ohne Festnetzanschluss haben dabei schlechte Karten."

Walter Krämer, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Universität Dortmund.

"Oder sie verweigern die Auskunft. Dann wieder lügen viele Gefragte wie gedruckt. Der größte Unsicherheitsfaktor bei Wahlprognosen sind aber die Unentschlossenen, die zwar wählen, aber noch nicht wissen, wen."

Entgegen der bisherigen Praxis veröffentlicht das ZDF dieses Mal noch kurz vor der Bundestagswahl eine letzte Umfrage. Walter Krämer:

"Kein Mensch kann so naiv sein zu glauben, dass Wahlprognosen das Verhalten der Wähler nur abbilden, aber nicht beeinflussen. Parteien, die hoch in Führung liegen, ziehen gerade deshalb viele weitere, vorher unentschlossene Wähler an. Aber umgekehrt kann auch ein großer Rückstand ein 'Jetzt erst recht!'-Gefühl erzeugen."

Achim Goerres plädiert deshalb für mehr Transparenz bei der Veröffentlichung von Umfragen in den Medien:

"Typischerweise gewichtet man mit Geschlecht, Alter, Bildung und Ost-West. Aber wahrscheinlich ist das eine viel zu einfache Gewichtung. Je komplexer ich meine Gewichtung mache, desto mehr Annahmen treffe ich. Wenn ich das nicht offenlege, dann lasse ich einen wichtigen Teil des Prozesses, der diese schönen Zahlen generiert, weg. Deshalb müsste das offenlegt werden."

In der Schweiz ist man nach Kritik bereits dazu übergegangen, die erhobenen Rohdaten transparent zu machen. Entscheidend dabei: Auch die Medien dort ordnen die Umfrageergebnisse seither kritischer ein.

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