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StartseiteBüchermarktDer Zögling am katholischen Internat21.02.2013

Der Zögling am katholischen Internat

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck

In "Wir in Kahlenbeck" wendet sich Christoph Peters einem katholischen Internat zu. Im Zentrum der Geschichte steht der pubertierende Carl Pacher, der sich nicht nur mit den strengen Internatsregeln, sondern auch mit Glaubensfragen und fleischlichen Gelüsten auseinandersetzen muss.

Von Michael Opitz

Der Autor Christoph Peters auf der Frankfurter Buchmesse (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Der Autor Christoph Peters auf der Frankfurter Buchmesse (picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Die zentrale Figur in Christoph Peters neuem Roman heißt Carl Pacher. Dessen Initialen C. P. sind identisch mit denen des Autors. Carl Pacher ist Zögling am katholischen Internat Kahlenbeck. Das Haus garantiert ein geregeltes, aber auch ein reglementiertes Leben und gerade die Einhaltung der Regeln erweist sich für den pubertierenden Carl als Herausforderung.

"Carl Pacher beginnt als jemand, der fromm ist und der von zu Hause eine natürliche Frömmigkeit mit bringt und auf diesem Weg gerät er immer tiefer in die Irrungen und Wirrungen des religiösen Extremismus, wobei dieser Extremismus kein bösartiger ist, sondern einer, der nach dem Absoluten, nach dem absolut Absoluten absolut sucht. Diese Suchbewegung führt ihn in Dunkelkammern und in Irrungen und Wirrungen des Spirituellen, des Religiösen, die dann, neben allem anderen, was sein Leben aus ausmacht, die Liebe, die Freundschaft und auch die Bösartigkeit, die er in sich spürt, kollidiert."

"Wir in Kahlenbeck" ist ein Internatsroman. Das Institut bietet genügend Raum, sich religiösen Fragen zu widmen, wobei das im Internat herrschende geistige Klima geradezu dazu angetan ist, sich über Fragen des Seins und des Glaubens zu verständigen. Allerdings wachen nicht nur die Lehrenden, sondern auch die Eleven untereinander peinlich genau darauf, dass die kirchlichen Glaubensvorschriften nicht unterlaufen werden. Gar keinen Platz ist hingegen an diesem Ort für jegliche Gelüste des Fleisches, sodass die Heranwachsenden denn das Dilemma durchleben müssen, dass ihnen, getrieben von der Lust, stets nur der Frust der Entsagung bleibt. Carl will zwar entsagen, aber zugleich wird er magisch vom ewig Weiblichen angezogen.

"Der faustische Strang zieht sich ja als ein Leitmotiv durch das Ganze Buch. Also, das Motiv des Teufelspaktes spielt eine Rolle. Dabei ist die Suche nach der absoluten Erkenntnis, die zwischen Glauben, Philosophie und Naturwissenschaft ein Leitmotiv, das den gesamten Roman durchzieht. Nicht umsonst wird auch Goethe nachher zitiert. Da gibt es einen alten Wissenschaftler, der nachweist, dass es einen direkten Weg von Goethe zu Hitler gibt, und der führt natürlich über diese faustische Figur. Insofern ist der Strang selbst im Roman angelegt, wobei ich ja finde: Faust ist eigentlich kein alter Mann, sondern er ist eher der Prototyp des ewig Pubertierenden. Ich glaube, Faust berührt Pubertierende fast mehr als Erwachsene. Jedenfalls mich als Pubertierenden hat Faust als Figur extrem angeregt und auch zu extremen Spekulationen geführt, was man denn so machen könnte, um an die Frauen und an das Glück der Liebe zu kommen."

Carl Pacher, dieser aufstrebende junge Mann, der wissen will, was die Welt im innersten zusammenhält, fragt sich häufig, weshalb Gott ihn so harten Prüfungen aussetzt. Gern würde er sich der um dreieinhalb Jahre ältere Ulla nähern, aber das Objekt höchster Begierde bliebe unerreichbar für ihn, ginge es nach der Gottes Wort umsetzenden Schulordnung. Kahlenbeck ist ein Jungeninternat, in dem Sittenstrenge herrscht. Die aber lädt förmlich dazu ein, sie zu übertreten, denn der Roman spielt ja nicht im 19., sondern zu Beginn der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts.

"Kahlenbeck ist eigentlich ein Ort aus einer anderen Zeit. Er gehört eigentlich nicht ins 20. Jahrhundert, sondern er ist ein Ort, der irgendwo zwischen Mittelalter und 19. Jahrhundert angesiedelt ist, sowohl was seine geistige Ausrichtung als auch was seine pädagogische Methodik anbelangt. Im Grunde lebt der Roman von dieser abgeschottet-separierten Welt, die im Kontrast zur Moderne ringsum steht. Eines der Themen im Roman ist eben auch diese Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen, dass es eben einen Ort wie Kahlenbeck gibt, der spirituell fast noch der Scholastik und der mittelalterlichen Theologie und ihren Höhenflügen verpflichtet ist, dem Kathedralbau auch, dass so ein Ort Ende des 20. Jahrhunderts immer noch existiert und mit diesen Gesetzmäßigkeiten dort Jungs ausbildet und eben in Räume führt, die der moderne Jugendliche einfach gar nicht mehr kennen lernt."

Als kleine Welt ist Kahlenbeck ein Ort inmitten der großen Welt. Fast anachronistisch mutet dieses abgeschottete Refugium an, aber darin ist Platz für eine noch kleinere Welt. Carl der sich für Fische interessiert, richtet sich eines Tages ein Aquarium ein. Er holt sich ein Stück Südsee in die Studierstube und schaut mit wachsendem Interesse in die exotische Unterwasserwelt, wobei ihn besonders das Paarungs- und Brutverhalten der Zierfische interessiert.

"Carl möchte ja Ichthyologe werden, also Fischkundler und er betrachtet das Aquarium als sein erstes, großes Experimentierfeld, um herauszufinden, wie sich bestimmte Sorten Fische sich verhalten, wie die sich paaren, wie die ihre Nester bauen uns all diese Dinge. Der Kontrast, zwischen ihm als Naturwissenschaftler und ihm als Gläubigen spielt natürlich eine gewichtige Rolle in dem Buch. Insofern ist das Aquarium einerseits so einer der Schlachtplätze, die es in diesem Buch gibt, zwischen Glauben und Wissenschaft, zwischen moderner Auffassung der Welt und einer alten, aus dem religiösen geprägten Auffassung der Wirklichkeit und es ist natürlich auch so etwas wie ein Realsymbol dieses Institut selber.

Und der Blick auf das Institut, den ich als Autor auf das Institut habe mit meiner Figur, ist eigentlich der eines Wissenschaftlers. Ich schaue die Leute in diesem Aquarium Kahlenbeck mit sympathisierender aber auch befremdeter Neugier an wie ein Wissenschaftler eben die Fische im Aquarium anguckt und sich anschaut: Aha, so funktioniert das also bei den Fischen und so schaue ich auch diese Figuren an, fast wie sich ein Ethnologe eine abgezirkelte Reservatspopulation angucken würde."

Carl ist ein Beobachter. Er vertraut dem, was er sieht. Aber er muss auch aufmerksam zuhören, wenn seine älteren Mitschüler Kuffel und Holzkamp in ihm das geeignete Objekt sehen, an dem sie ihre weltlichen und religiösen Anschauungen erproben können. Sie wollen, dass er ganz Ohr ist. Was er zu sagen hat, halten sie von vornherein für Unsinn. Nichts hat er ihren geballten Wissensentladungen entgegenzusetzen. Als wäre es Weihwasser, so überschütten ihn Kuffel und Holzkamp mit ihren intellektuellen Geistesergüssen. Doch die beiden orthodoxen Glaubensvertreter erweisen sich als gute Lehrer, denn er lernt zu widersprechen und nein zu sagen.

"Er steht einfach zwischen den Welten, weil er als Wissenschaftler am genauen Beobachten interessiert ist. Und gleichzeitig hat man die Gegenbewegung, durch die theologischen Freunde, die er da hat. Die sagen: Es kommt nicht darauf an, was du beobachtest, sondern die geistige Wirklichkeit ist längst vorgeformt. Alles, was du siehst, ist aus dieser geistigen Wirklichkeit hervorgegangen und wenn du die Prinzipien der geistigen Wirklichkeit und der göttlichen Schöpfung und der göttlichen Namen und Ordnungen begreifst, dann begreifst du die Wirklichkeit.

Nicht wenn du hinguckst. Denn das, was du hinschauend sehen kannst ist immer nur ein Detail und es wird dir nie gelingen, über die Anhäufung von Details, den Blick auf das Ganze zu bekommen. Es kommt aber auf den Blick auf das Ganze an, wenn man begreifen will, dass diese Welt aus Gott stammt, und das wir in dieser aus Gott stammenden Welt von Gott gemeint sind. Alles aber, was du mit Beobachtung herausfindest, führt im Grund nur dazu, da es nie vollständig ist, dass es dich irritiert."

Christoph Peters war neun Jahre lang Schüler eines katholischen Internats. 1977, mit Beginn der 5. Klasse, kam er nach Gaesdonck und mit 19, nach dem Abitur, verließ er das Internat. Seinem Roman "Wir in Kahlenbeck" liegt zugrunde, was Christoph Peters in dieser Zeit erlebt hat, aber eine Autobiografie hat er nicht geschrieben.

"Der Roman ist sehr stark autobiografisch grundiert, wobei die autobiografische Grundierung weniger auf die konkreten Ereignisse und Eckdaten sich beziehen, sondern eher auf das innere Erleben, auf die inneren Auseinandersetzungen, die die Figuren haben. In einer bestimmten Weise bin ich alle diese Figuren in ihren Widersprüchlichkeiten, und ich bin diese ganzen Argumentationsstränge, und ich bin das Ganze Elend und die ganze religiöse Vertiefung im Rahmen meiner eigenen bescheidenen Möglichkeiten. Das ist das, was eine gewisse Emotionsgrundlage für das Buch gibt, wobei ich diese Emotionsgrundlage des religiösen Extremismus, wobei mir das Wort eigentlich nicht gefällt, des religiösen Fundamentalismus, wobei das Wort auch so negativ besetzt ist, die ich als katholischer Junge in mir selber gemacht habe, auch benutzt habe für die Beschreibung des islamischen Fundamentalisten in "Ein Zimmer im Haus des Krieges". Er ist im Grunde auch geprägt von den emotionalen Grundlagen, die ich als katholischer Extremist bei mir selber mit vierzehn, fünfzehn gelegt habe."

Christoph Peters hat sich in "Ein Zimmer im Haus des Krieges" mit dem Islam und in "Mitsukos Restaurant" mit der asiatischen Kultur auseinandergesetzt. Dabei interessierten ihn die Religion stets als Teil der Menschheitskultur, wobei er die Welt des Glaubens mit dem säkularen, der Aufklärung verpflichteten Gedankengut konfrontierte. In "Wir in Kahlenbeck" setzt sich dieser Spezialist für Glaubensfragen nun mit der Religion auseinander, die ihn entscheidend prägte.

"In einer bestimmten Hinsicht brauchte ich erst einmal den Gang durch die anderen Religionen, um genügend Distanz zu der zu entwickeln, in der ich selber groß geworden bin. Erst dann konnte ich das mit einer gewissen Neutralität angucken, mit einem Abstand, der es erlaubte, es phänomenologisch zu begreifen, also weder als Gläubiger noch als Betroffener, sondern als einer, der irgendwo dazwischen steht. Der Blick auf die anderen Religionen hat auch dazu geführt, dass mein eigener Blick auf das Phänomen des Religiösen und auf den Glauben sich geweitet hat, und das ich raus bin aus allen Absolutheitsvorstellungen, die die meisten Religionen erst einmal für sich auf der primitiven Ebene entwickeln, um die Gläubigen zu binden. Auf der Spirituellen- und auf der Herzensebene können, glaube ich, alle diese Religionen nebeneinander existieren und miteinander sein. Aber um das sehen zu können, brauchte ich die großen Ausflüge, die ich immer noch mache."

"Wir in Kahlenbeck" bildet den Auftakt einer Folge von Romanen, in denen Christoph Peters den weiteren Weg Carl Pachers verfolgen will. Es wird also eine Wiederbegegnung mit Kahlenbeck geben. Auf diese Fortsetzung darf man gespannt sein, denn als Autor verfügt Christoph Peters nicht nur über ein beeindruckendes erzählerisches Talent, sondern er ist auch ein außergewöhnlicher Sprachkünstler. Seine lyrischen Beschreibungen landschaftlicher Räume sind ebenso ausdrucksstark wie die hochphilosophischen Dispute, die Carl mit seinen Freunden führt. Darüber hinaus vermag Christoph Peters eindrucksvoll in Sprache zu übersetzen, was Carl empfindet, wenn er Liszts ‘Mephistowalzer’ hört oder Bekanntschaft mit Glenn Goulds Goldberginterpretation macht. Diese sprachliche Eleganz sollte für das mehrbändige Romanprojekt Konstanz garantieren, während sich Carl und wohl auch Kahlenbeck unweigerlich verändern müssen.

Christoph Peters: Wir in Kahlenbeck
Roman
Luchterhand Verlag, München 2012
506 Seiten, 22,99 Euro

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