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StartseiteBüchermarktDer Zweifel04.08.2003

Der Zweifel

Aus dem Spanischen von Jürgen Dormagen

Die Goytisolos, die Marias und die Sauras, das sind die drei Familien Spaniens, deren künstlerisch hochbegabte Söhne im Kulturleben des Landes unverwechselbare Akzente gesetzt haben. International bekannt sind aus der Saurafamilie der Maler Antonio sowie Carlos, der Fotograf und Filmemacher, der sich mit dem Roman <em>Dieses Licht</em> auch als Schriftsteller hervorgetan hat. Und nun macht auch noch Angeles, das Nesthäkchen der Familie Saura, mit dem Roman <em> Der Zweifel</em> von sich reden. Geschrieben hat Angeles Saura eigentlich schon immer. Undiszipliniert und chaotisch, wie sie sagt, doch stets von den älteren Brüdern unterstützt. Nur mit dein Veröffentlichen hatte sie es nicht eilig, stellte sie doch hohe, vielleicht sogar zu hohe Anforderungen an ihre Texte. Mit ihrem Erstlingsroman hat sie bewiesen, dass sie das Handwerk des Schreibens beherrscht und mit Augenzwinkern, schwarzem Humor und einem guten Schuss Bosheit den Kulturbetrieb und vermeintlich gesicherte Erkenntnisse aufs Korn zu nehmen vermag. Saura:

Margrit Klingler-Clavijo

Im Nachwort der spanischen Ausgabe habe ich die Geschichte des Romans erläutert. Ich wollte eine männliche Stimme, was für mich eine Herausforderung war. In der Frauen-Literatur schreiben Frauen meistens über Frauen, und das wollte ich nicht. Ich erinnere mich noch daran, wie ich eines Tages meinen Bruder im Krankenhaus besuchte und. ihm erzählte, dass ich mit dieser Stimme etliche Probleme hätte und drauf und dran mit der Stimme einer Frau zu erzählen. Er riet mir davon ab, sagte, das» ich das auf keinen Fall tun solle, denn gerade wenn einem etwas schwer falle, werde es interessant, und das gelte ganz besonders für die Kunst.

Protagonist des schmalen Romans ist Don Cesar Rinconeda, ein vierundachtzigjähriger Kunstkritiker, der stolz und selbstgefällig von sich behauptet, das Werk des spanischen Barockmalers Francisco Meltán dem Vergessen entrissen zu haben. Selbstverständlich scheut Don Cesar Rinconeda weder Mühen noch Geld, um auch dessen letztes, bis dato verschollenes Werk, ein asketisches Stilleben in einem verwahrlosten Grafenpalast aufzustöbern, aufzukaufen und wie eine kostbare Trophäe in einem Banktresor aufzubewahren. Der Kunstkritiker könnte mit sich und seinem Lebenswerk zufrieden sein, wenn ihm nicht unverhofft eines Tages die skandinavische Kunststudentin Brunnhild Cornelius Björnström schriebe und kühn behauptete, das mit F. M. signierte Bild des spanischen Barockmalers sei gar nicht von diesem, sondern von der Italienerin Frasquina Mazanini. Don Cesar Rinconeda wittert den Frontalangriff und wähnt durch diesen Zweifel sein ganzes Lebenswerk bedroht. In furiosen Monologen wettert er gegen die junge Skandinavierin, lässt seinem Frauenhass freien Lauf und erweist sich als Macho der üblen Sorte. Saura:

Im heutigen Spanien sind seine Ansichten zwar weitgehend veraltet, wirken allerdings noch unterschwellig weiter. Er kann es sich in seinen langen Monologen erlauben, ganz ehrlich zu sein. Oft denkt man Dinge, spricht sie aber nicht aus: Frauen sind für ihn nur Nervensägen, die er nicht versteht.

Obwohl Don Cesar Rinconeda mit ungeahnter krimineller Energie alles dransetzt, die Publikation der Jungen Skandinavierin zu vereiteln, vermag er den einmal von ihr in die Welt gesetzten Zweifel nicht auszuräumen.

Es wird sich nie voll und ganz klären lassen, ob das Bild nun von ihm oder von ihr ist. Das ist meine Rache. Ich hatte zum Schluss das Gefühl, dass er das so gar nicht wollte, dann dachte ich aber, doch, doch... Das ist das Ende, das er verdient.

Die Idee zu dem Roman kam Angeles Saura nach ehern Pradobesuch mit ihrem älteren Bruder Antonio, dem Maler.

Mein Bruder, der Maler hatte etwa fünf Bilder, die für ihn so etwas wie Fetische waren: Meisterwerke, m denen er ganze Serien gemalt hat. Eins dieser Bilder zeigte Philipp II. Dieses Bild war bis dato dem spanischen Barockmaler Sánchez Coello zugeschrieben worden. Ein wunderschönes, nüchternes Bild im Prado. Wir sahen uns dieses Bild immer wieder an. Vor sieben Jahren hieß es, dieses Bild stamme gar nicht von Sänchez Coello, sondern von einer italienischen Malerin, die lang am Hof Philipp II. gearbeitet habe, Sofonissa de Angiciola. Da sagte Antonio, der stets einen großen Sinn für Humor hatte: Dieses Bild ist typisch spanisch, spanisch und männlich. Und ich fand es einfach wunderbar, dass es weder spanisch noch männlich war. In der Kunst wird es immer Überraschungen geben.

Antonio, der ältere Bruder, der seine jüngere Schwester Angeles großzügig unterstützt und ermuntert hatte, während sie an diesem Roman schrieb, starb noch vor dessen Veröffentlichung an Leukämie. Der schmale Roman ist ihm gewidmet, ist zugleich Hommage und Abschied.. Im Herbst will Angeles Saura einen Band mit Erzählungen veröffentlichen, die sich mit den heute noch spürbaren Auswirkungen des Spanischen Bürgerkriegs auf das politische und kulturelle Leben Spaniens befassen. Dass sie da hin und wieder auf die älteren Brüder und ihr Engagement gegen die Francodiktatur verweisen wird, wird unumgänglich sein. Doch schon jetzt steht fest, dass Angeles Saura, das Nesthäkchen der Familie Saura, ihren eigenen Platz beanspruchen kann und aus dem Windschatten der älteren Brüder herausgetreten ist.

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