Montag, 11.12.2017
StartseiteCampus & KarriereIdeologie auf dem Lehrplan18.05.2017

Der Zweite Weltkrieg an russischen SchulenIdeologie auf dem Lehrplan

Wenn es im russischen Geschichtsunterricht um den Zweiten Weltkrieg geht, dann stehen oft Ruhm und Heldentaten Russlands im Vordergrund. Die Historikerin Natalja Potapowa warnt vor noch immer ideologisch geprägten Lehrplänen in ihrem Land. Doch zunehmend stellen Schüler auch kritische Fragen - zum Beispiel: Wer ist schuld?

Von Thielko Grieß

Berlin, Sowjetisches Ehrenmal im Treptower Park Berlin (imago stock&people)
Sowjetisches Ehrenmal im Berliner Treptower Park. Der russische Geschichtslehrplan neigt zum Heldengedenken. (imago stock&people)
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Die Abiturientin Alexandra nimmt die Kopfhörer ab. Sie hat lange gesessen und gehört, vor allem, was deutsche Soldaten in ihren Briefen nach Hause schreiben. Wie sie Leningrad belagern, welche Zerstörung sie sehen, wie sie ihr Handeln rechtfertigen – oder dies nicht können. Von dem Leiden der Zivilisten in der Stadt hat sie im Unterricht gehört, aber wenig über die Seite des Gegners, über die Deutschen.

"In unserer Gesellschaft sollte der Schwerpunkt nicht allein auf den eigenen Verlusten liegen, sondern auch auf den Verlusten der anderen. Ich finde Erinnerung nicht nur an die Menschen wichtig, die auf unserer Seite gekämpft und nicht überlebt haben, sondern an jeden Menschen, der umgekommen ist. An sie sollten wir uns erinnern."

Der Krieg ist großes Thema in den Stundenplänen

Der Zweite Weltkrieg oder der Große Vaterländische Krieg, wie die Zeit vom deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941 bis zum Kriegsende 1945 in Russland genannt wird, ist in russischen Schulen häufig Thema. Boris, auch Abiturient eines Moskauer Gymnasiums, erzählt:

"Bei uns gab es Wahlfächer, das heißt, sogar in der unterrichtsfreien Zeit haben wir über das Thema Krieg gesprochen. Wir haben Projektarbeiten gemacht wie etwa 'Die Liebe im Ghetto'. Wir haben das 'Blockadebuch' gelesen und uns näher mit dem Thema Krieg auseinander gesetzt. Es hat eine große Rolle gespielt. Man hat uns erklärt, was Krieg ist, warum er geschehen ist und uns von dem Schrecken erzählt, den das sowjetische Volk durchlebt hat."

Wie sieht es an anderen Schulen aus? Piotr Masaew unterrichtet Geschichte an einem Gymnasium im Moskauer Norden.

"Im üblichen Lehrplan der elften Klasse wird der Zweite Weltkrieg sehr lange behandelt. Manchmal geht das bis zu anderthalb oder zwei Monaten: der Weg zum Krieg, der Krieg selbst, seine Folgen, das Heldentum des sowjetischen Volkes."

Die Schüler werden kritischer

Der Lehrplan habe sich in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten kaum geändert. Auch in unteren Klassen kämen Schülerinnen und Schüler mit diesem Teil der Geschichte in Berührung. Außerdem gebe es jährlich verschiedene Gedenktage, über die auch gesprochen werde. Seit einigen Jahren aber bemerkt der Geschichtslehrer, wie die Fragen der Schüler kritischer werden:

"Eine der schwierigsten Fragen: Wer ist schuld? Wer ist daran schuld, dass die Sowjetunion sich so lange, während der ersten Hälfte des Krieges, zurückgezogen hat? Die Befehlshaber oder wer? Warum ist das passiert, warum gab es derart gewaltige Verluste? Die Schüler verurteilen das nicht. Sie verstehen einfach nicht, wie man so etwas hat zulassen können."

Vermittelt werden Heldentaten, keine Schicksale

Wenn die Schüler Glück haben, stoßen sie auf Lehrer, oft jüngere, die sich ihrer Fragen annehmen. Viele aber haben dieses Glück nicht. Das zeigt eine Untersuchung der Historikerin Natalja Potapowa von der privaten Europäischen Universität Sankt Petersburg. Dort hat sie Schüler und Lehrer im Unterricht beobachtet und befragt. Sie sagt, darüber, was im Unterricht behandelt wird, entscheidet vor allem, was im "Einheitlichen Examen" drankommt, der russlandweit gleichen Prüfung.

"Die Darstellung des Krieges ist eine alte Tradition, das ist das Zeigen einer Karte, abstrakte Kenntnisse. Man kommt im Krieg nicht ums Leben, man ist in Einsätzen, die Armee erkämpft Durchbrüche. Im Krieg werden nicht Menschen, sondern Batterien vernichtet. Wenn Leute im Krieg ums Leben kommen, sind das nicht unsere. Unsere Leute leisten Heldentaten."

Persönliche Erinnerungen von Kriegsteilnehmern, Erzählungen über das Leiden und die Verheerungen finden kaum einen Platz.

"Der Krieg erscheint wie ein dehumanisierter und abstrakter Prozess. Dieses Narrativ leistet einer militaristischen Ideologie Vorschub: Krieg ist nicht schrecklich, er ist der Gewinn von Territorien."

Das Lernziel ist ideologisch geprägt

Der Staat, ob nun sowjetisch oder russisch, wird Potapowa zufolge stets als starker Staat dargestellt. Und als einer, der sich unabhängig von Europa entwickelt hat.

"Russland ist von den anderen Ländern isoliert. Das heißt: Unsere Geschichte entwickelt sich irgendwie selbstständig, ist nicht in internationale Prozesse eingeschlossen, unter anderem nicht in den internationalen Handel. Dabei ist das Land stets von Feinden umgeben. Diese These taucht wieder und wieder auf: im Einheitlichen Examen und auch in Lehrbüchern."

Die Befunde der Historikerin sind eine schlechte Nachricht für all jene, die darauf setzen, dass in den Schulen Russlands eine Generation heranwächst, die aus dem einstigen sowjetischen, ideologisch geprägten Geschichtswissen herauswächst. Der Lehrplan betont nach wie vor Heroismus, Kampf und Stärke.

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