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StartseiteKultur heuteDes Teufels Regisseur22.04.2009

Des Teufels Regisseur

Eine Dokumentation über Veit Harlan

Durch den nationalsozialistischen Hetzfilm "Jud Süß" wurde der Regisseur Veit Harlan berühmt-berüchtigt. Über einhundert Millionen Menschen in Europa haben seine filmische Eloge von Schuld, Sühne und Todesverklärung gesehen. In seinem Dokumentarfilm "Harlan - im Schatten von Jud Süß" hat Regisseur Felix Moeller versucht, sich der schillernden und umstrittenen Persönlichkeit Veit Harlans zu nähern.

Von Rüdiger Suchsland

Repräsentativer Regisseur des Dritten Reichs: Veit Harlan (1950). (AP)
Repräsentativer Regisseur des Dritten Reichs: Veit Harlan (1950). (AP)

"Ich habe soviel Liebe zu einem Künstler noch nie gesehen, wie die zu meinem Vater nach dem Krieg. Das kann man sich überhaupt nicht vorstellen. Das war eine Seelenwelt in der sie sich trafen. Das ist einmalig, dass einer den Publikumsnerv so perfekt trifft."

Thomas Harlan, der inzwischen 80-jährige Sohn von Veit Harlan, und selbst Filmemacher und Schriftsteller, bringt in diesem Film auf den Punkt, was das Werk seines Vaters bis heute faszinierend macht, und gerade darum auch abstoßend, und was die Auseinandersetzung mit Harlans Schaffen erzwingt.

Veit Harlan, geboren 1899, war nicht nur der Verantwortliche für zwei der abstoßendsten Propagandafilme der Nazi-Zeit, für den antisemitischen "Jud Süß" von 1939 und für den von Durchhaltemoral und Volkssturm-Ästhetik getränkte Kriegsfilm "Kolberg" von 1945.

Er war auch der Regisseur von Melodramen wie "Opfergang" oder "Die Goldene Stadt", die so schwerblütig wie verführerisch, so betäubend wie verklärend wirkten und noch Autorenfilmer wie Fassbinder faszinierten. Gerade diese Verbindung von Propaganda und Eskapismus, von unbestreitbarer Filmkunst und platter Amoral machte Harlan, mehr als die ungleich primitivere Leni Riefenstahl zu "Des Teufels Regisseur".

Es beginnt mit sichtbar privaten Bildern: Super-Acht-Aufnahmen, man erkennt an der Mode, dass es sich um die späten 50er, frühen 60er-Jahre handeln muss. Man sieht Capri, die Blaue Grotte, einen älteren Mann und seine jüngere Frau. Man sieht Zärtlichkeit und Glück. Als diese Bilder entstehen, liegt der deutsche Völkermord an den Juden schon über 15 Jahre zurück. Zwanzig Jahre zuvor entstand "Jud Süß":

"Jude! Jude! Totschlagen den Schinder. Der Jude muss weg! Der Jude muss weg!"

Welchen Anteil Veit Harlan an diesem Film hat, und welcher Anteil "Jud Süß" an der geistigen Vorbereitung des Völkermords zukommt, diese Frage lag wie ein Schatten über Harlans Leben nach 1945. Es ist die eine zentrale Frage dieses Films. Die zweite Frage ist die, wie Harlans Familie mit dessen Erbe umgeht.

"Ich war furchtbar betroffen davon. Ob das jetzt gut gespielt war oder nicht, das war mir egal. Ich war betroffen von dem Geist, der dahinter steckt","

so Jan Harlan, der Neffe des Regisseurs. Und Enkelin Jessica Jacoby ergänzt:

""Ich glaube, dass er sehr wohl mit der jüdischen Kultur und der jüdischen Religion ein massives Problem hatte. Und außerdem schöpft er aus dem Vollen, was diese ganze antijüdische Bilderwelt der letzten Jahrhunderte angeht. Da kommt genau das an Ressentiments auch an Abneigung gegen die Kultur zum Ausdruck."

Regisseur Felix Moeller ist ein ausgewiesener Experte für das Kino des Dritten Reichs und der Nachkriegszeit. Er hat ein Buch über Joseph Goebbels und das Kino geschrieben ("Der Filmminister"), und mehrere Dokumentationen zum Thema gedreht. Sein neuer Film entfaltet - ohne platte Psychologie - aus den Äußerungen der vier überlebenden Harlan-Kinder und mehrerer Enkel und anderer Verwandter ein intensives Familiendrama.

"Wollte er ja auch nicht machen. Aber warum er die dann so toll macht, so einen richtig schönen Film daraus macht, das kann ich nicht nachvollziehen. Das ist für mich der Vorwurf, der bleibt."

Die gegeneinander geschnittenen Aussagen aller Familienmitglieder zeichnen ein facettenreiches Bild von Harlans persönlicher Wirkung, seiner Arbeit, und von einer möglichen Interpretation seines Verhaltens im NS-Staat und danach. Unbestritten ist sein frühes, öffentliches Bekenntnis zur Politik der Nationalsozialisten, schon 1933 in einem Interview mit dem Völkischen Beobachter.

Aber trotz aller Eindeutigkeit bleiben Rätsel und ungeklärte Fragen. Eindringlich spürt man das in Felix Moellers Film vor allem Thomas Harlans Liebes-Hass-Beziehung zu seinem Vater. Der älteste Sohn stellt die präzisesten Fragen, ist bereit, erstaunlich viel zu erklären und zu verzeihen, und öffnet gerade so den Blick hinein in den tiefsten Abgrund:

"Ich sag mal so. Seine Behauptung, ich bin gezwungen worden, ... Doch dann kommt doch die Frage: Wieso zwinge ich meine Frau? Wieso biete ich meiner Frau eine Lage an, in der sie etwas Verwerfliches tun muss, was ich doch eigentlich gar nicht tun wollte. Ich würde sagen: Der Umstand, das sie spielt, ist fast der Beweis dafür, dass er sich nicht große Sorgen gemacht hat. So einfach ist die Erklärung, und die erschreckt mich sehr."

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