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StartseiteBüchermarktDetails eines Umweltverbrechens05.08.2007

Details eines Umweltverbrechens

Buch der Woche: "Niagara" von Joyce Carol Oates

"Niagara" ist ein klassischer Familienroman vor dunkler Kulisse – genau das, wofür die Altmeisterin des Genres, Joyce Carol Oates, seit Jahrzehnten geliebt und gescholten wird. Geliebt von jenen, die auf hohem Unterhaltungsniveau die vertrauten Geschichten von Liebe und Hass, Nähe und Fremdheit der amerikanischen Middle class lesen wollen, gescholten von einer eher hochnäsigen deutschen Literaturkritik.

Von Florian Felix Weyh

Schiff vor den Niagara-Fällen. (AP)
Schiff vor den Niagara-Fällen. (AP)

Dreitausend Tonnen Wasser schießen pro Sekunde über den Abgrund. Die Luft donnert, bebt. Als wolle sich die Erde selbst teilen und in kleinen Partikeln in ihr geschmolzenes Zentrum hinabstürzen. Als habe die Zeit zu existieren aufgehört. Die Zeit ist zersprungen. Als sei man dem strahlenden, pochenden, wahnsinnigen Innern allen Seins zu nahe gekommen. Hier werden deine Venen, deine Adern, deine Nerven mit ihrer minutiösen Präzision und Vollkommenheit sofort zerrissen. Dein Gehirn, in dem du wohnst, diese einmalige Heimstatt dessen, was du bist, wird in seine chemischen Bestandteile zerschlagen: Gehirnzellen, Moleküle, Atome. Noch der Schatten und das Echo aller Erinnerung werden ausgelöscht.

Die Niagarafälle – mächtiger Beweis dafür, dass die Natur stärker, größer und dauerhafter ist als der schwache Mensch. Doch welch seltsamer Ort, um dorthin seine Hochzeitsreise zu unternehmen. Was suchen die abertausenden Flitterwöchner pro Jahr an diesem Platz? Den spektakulären Anblick der Naturschönheit? Das Gefühl der Geborgenheit am sicheren Ufer? Oder vielleicht doch eher den Schauder einer verborgenen Sehnsucht danach, sich nicht mit einem anderen Menschen zu vereinen – Sinn und Ziel der Hochzeitsnacht –, sondern sich stattdessen mit dem Wasser zu vermählen, in seinem ätherischen Dunst aufzusteigen und alle Mühen des irdischen Lebens abzustreifen? Denn die Niagarafälle sind nicht nur eine Touristenattraktion, sondern auch ein Ort mit überdurchschnittlich hoher Suizidquote. Keineswegs weil die Bewohner der Umgebung besonders depressiv wären, sondern weil Selbstmordgefährdete von weither anreisen, um sich dort das Leben zu nehmen. Manchmal wissen sie beim Aufbruch zu Hause noch nicht einmal, welcher Wunsch auf Verwirklichung drängen wird, sobald sie vor den monumentalen, herabstürzenden Wassermassen stehen, die jeden Zweifel an der gleich folgenden Tat übertönen. Ich springe jetzt.

Die leiblichen Überreste des siebenundzwanzigjährigen Gilbert Erskine waren, von Intestinalgasen grotesk aufgebläht, fast nicht mehr als menschlich zu erkennen. Der einst dünne Leib war kugelig wie ein Ballon, war nackt, unbehaart und ohne Zehen- und Fußnägel. Eine schwarze, geschwollene Zunge ragte aus einem bizarr lächelnden Mund über einem nach unten geklappten Unterkiefer heraus. Die Augen waren milchig, lidlos, ohne Iris. Die Genitalien waren gleichermaßen aufgeschwemmt, wie aufgeplatzte Pflaumen. Das Grässlichste war jedoch, dass die oberste Hautschicht abgeschält war und eine rötlichbraune, von geborstenen Kapillaren gefärbte Schicht der Lederhaut freilag. Ein Gestank, giftiger als Schwefeldioxid, stieg von dem Leichnam auf. (…) Ariah erkenne, sagte sie, ihren Mann an dem »zornigen Grinsen« des Leichnams. Und an dem weißgoldenen Ehering, dem Gegenstück zu ihrem eigenen, um den herum der schwarz gewordene Ringfinger zum Mehrfachen seiner Größe angeschwollen war. »Ja. Es ist Gilbert.«

Vor unseren Augen entwickelt sich ein Drama sondergleichen. Nur einen Tag lang ist Ariah Littrell mit Reverend Gilbert Erskine verheiratet, dann macht er sie zur Witwe, indem er sich die Niagarafälle hinabstürzt. Vorangegangen kein Streit, sondern eine verstörende Hochzeitsnacht zweier sexuell unaufgeklärter, bigott aufgezogener Erwachsener im Alter nahe der Dreißig. Wir schreiben das Jahr 1950, und in der amerikanischen Provinz, zumal in religiösen Familien, ist die Moderne noch nicht angebrochen. Die frischgebackenen Eheleute lieben sich nicht, ja kennen sich kaum, ihre Verbindung verdankt sich dem Verkupplungseifer der Eltern, die im Falle Ariahs schon kurz nach der Geburt einen entscheidenden Fehler begingen ... jedenfalls meint das die Tochter:

An der Highschool war Ariah überzeugt davon, dass ihr Leben ins falsche Fahrwasser geraten war, als ihre Eltern sie auf diesen lächerlichen Namen getauft hatten. Auf den Namen einer alten, ledig gebliebenen Tante ihres Vaters, die lange tot war.

Diesem Altjungfernschicksal muss Ariah entgehen, koste es, was es wolle, und so nimmt sie den unattraktiven und verbissenen Theologen Gilbert Erskine zum Mann. Der allerdings stellt einen unüberwindlichen Ekel vor der Körperlichkeit seiner Frau – aller Frauen? – in der Hochzeitsnacht fest und bricht im Morgengrauen zu seinem letzten Gang auf. Wasser wäscht rein, die Taufmetaphorik des Suizids im Katarakt liegt auf der Hand. Wenn der Plan Erskines aufgeht, bleibt nichts von seiner leiblichen Existenz übrig, kein Schmutz und keine Sünde, denn die Strudel am Fuße der Niagarafälle geben selten wieder her, was sie einmal verschlangen. Manchmal aber doch, und so taucht nach sieben Tagen der Reverend als aufgedunsene Wasserleiche empor. Bis dahin verbringt die spröde, in sich gekehrte Musiklehrerin Ariah Tag und Nacht an den Niagarafällen und wird darüber berühmt. Weil ihre roten Haare und die altmodisch-provinzielle Kleidung besondere Aufmerksamkeit erwecken, stürzen sich die Medien auf die junge Frau und schaffen so die Basis für eine Legende, die Ariah noch Jahre später wieder begegnen wird – dann losgelöst von konkreten Umständen, als eine der vielen Sagen rund um das Naturwunder:

Niemand konnte sich erinnern, wie die wunderschöne junge Rothaarige hieß, die sieben Tage und sieben Nächte lang die Niagaraschlucht absuchte nach ihrem vermissten Bräutigam, der sich an den Hufeisenfällen in den Tod gestürzt hatte. Niemand konnte mit Gewissheit sagen, wann sich die Tragödie ereignet hatte: ob vor ein paar oder vor fünfundzwanzig oder schon vor hundert Jahren.

Ariah Littrell, verwitwete Erskine, heißt zu diesem Zeitpunkt bereits Burnaby, hat zwei Kinder und ist Mitglied der besten Kreise von Niagara Falls geworden – allerdings von diesen weitgehend geschnitten. Denn dass der Anwalt Dirk Burnaby, Erstgeborener einer schwerreichen Patrizierfamilie, sich ausgerechnet in die exzentrische Auswärtige verliebt, die skandalöse Schlagzeilen gemacht hat, kostet ihn gewaltig an Reputation. Ein Schritt in den späteren Niedergang, von dem er freilich noch nichts ahnt, als er während der einwöchigen Verstörungszeit Ariahs eher hilflos an ihrer Seite verbringt. Sein Freund Colborne, Hotelbesitzer vor Ort, hat ihn um diese ungewöhnliche Anwaltsdienstleistung gebeten, damit zum PR-Desaster eines Selbstmords in der Hochzeitsnacht nicht noch Schlimmeres hinzutritt, die Nachfolgetat der Witwe etwa. Doch diese sucht nur Gewissheit über ihren Status, dann kehrt sie heim in ihr Provinznest, in dem Dirk Burnaby sie Wochen später aufspürt. Der Schwerenöter vom Dienst weiß nichts über diese komplizierte Frau und hält doch spontan um deren Hand an, denn er fühlt sich maßlos von ihr angezogen. Trotz ihrer Prüderie geht es der Pastorentochter nicht anders. Wie ein Wasserfall lässt Joyce Carol Oates die Zustimmung auf den Leser hernieder prasseln:

Sie sagte ja. (…) Ja zu seinem hübschen Gesicht, so groß wie der Mond. Ja zu seinen verblüfften blaugrauen Augen. (…) Ja zu dem, was sie scharfsinnig als die Freundlichkeit dieses Mannes wahrnahm, als seine Anständigkeit. Ja zu seinem Mund, der durch ein unbedachtes Wort von ihr verletzt werden konnte. Ja zu seinem Mut. (…) Ja, obwohl ein Teil von ihr wusste, dass sie verflucht war. Ja, obwohl sie, als Verfluchte, ein solches Glück nicht verdiente. (…) Ja zu der offensichtlichen Intelligenz des Mannes. Ja zu seinen guten Manieren und zu seinem Humor. (…) Ja zu dem Risiko, schwanger zu werden von einem Mann, den sie kaum kannte. Ja, obwohl sie (in ihrer fatalistischen Art) in Angst und Schrecken war, dass sie bereits schwanger sein könnte nach ihrer katastrophalen Hochzeitsnacht. (…) Ja zu dem, was in seinen Augen leuchtete, seiner Liebe für sie. Ja zu der Tatsache (es war ihr wohl bewusst!), dass er sie kaum kannte.

"Niagara" ist ein klassischer Familienroman vor dunkler Kulisse – genau das, wofür die Altmeisterin des Genres, Joyce Carol Oates, seit Jahrzehnten geliebt und gescholten wird. Geliebt von jenen, die auf hohem Unterhaltungsniveau die vertrauten Geschichten von Liebe und Hass, Nähe und Fremdheit, Aufstieg und Untergang der amerikanischen Middle class lesen wollen, gescholten von einer eher hochnäsigen deutschen Literaturkritik, die wiederkehrende Strickmuster bemängelt und der Autorin vorwirft, was man jüngeren Schriftstellern gern als Programm empfiehlt: Routiniertheit im Umgang mit Spannungsmitteln und Sprache zu entwickeln. Ja, Joyce Carol Oates ist eine Vielschreiberin. Alle paar Jahre kommt sie zuverlässig mit einem dicken, neuen Roman nieder, solcher Fleiß macht verdächtig. Wahre Künstler sind eben nicht fleißig. Sie hängen hilflos in den Wellengängen von Ebbe und Flut und warten darauf, dass ihnen das Schicksal Stimmungen zuspült, aus denen sich Literatur destillieren lässt. Derartiger Stimmungsabhängigkeit unterwirft sich Joyce Carol Oates ganz offensichtlich nicht. Doch ihre Figuren leiden verblüffend oft darunter. Ariah Burnaby erlebt die eigene Existenz unter dem Damoklesschwert eines persönlichen Fluchs, ist mithin nur bedingt glücksfähig, da immer wieder die Ahnung aufflackert, das Schicksal meine es schlecht mir ihr.

Wenn du weißt, der Erstgeborene kann dir jederzeit durch höhere Gewalt genommen werden, musst du ein zweites Kind haben. (…) Und sind, nach derselben Logik, deine ersten beiden Kinder Jungen, bist du gezwungen, es noch einmal zu versuchen in der Hoffnung, eine Tochter zu bekommen. Eine Tochter. »Dann wäre mein Leben vollständig. Gott, dann bitte ich Dich um nichts mehr, ich verspreche es.« Es war nur logisch. Wenn du weißt, dein Mann kann dich eines Tages verlassen oder dir genommen werden, musst du wenigstens mehrere Kinder haben. Es war nur logisch. Ariah Burnaby war eine logische Frau. Sie wurde mit den Jahren zu einer Frau, die mit dem Schlimmsten rechnete, nur um das bange Hoffen loszuwerden. Sie wurde zu einer Frau, die sich Gelassenheit und Fatalismus zum Prinzip machte und die ihre Zukunft mit dem Gleichmut eines Wetteransagers betrachtete.

Dimensionen des Unerwarteten zeichnen den neuen Roman von Joyce Carol Oates aus. Dabei schlägt sich die Könnerschaft der 69-jährigen Autorin vor allem in Charakteren nieder, denen die Sympathie des Lesers gilt, obschon sie keine strahlenden Helden repräsentieren. Die Entwicklung der Eheleute Burnaby bewegt sich gegenläufig. Während sich Dirk Burnaby vom achtlosen Vertreter der amerikanischen Oberschicht, dem alles in den Schoß gefallen ist, zu einem Beinahe-Rebellen gegen die eigene Klasse mausert, nimmt Ariah die umgekehrte Richtung. Sie, inzwischen mit drei Kindern gesegnet, wird engstirnig und konzentriert sich immer mehr auf einen winzigen Weltausschnitt, der die Begrenzungen der eigenen vier Wände kaum überschreitet.

Die Familie ist das Wichtigste auf der Welt.

… intoniert sie permanent ihre Leitmelodie, die zugleich ein Signal an den Ehemann darstellen soll, sich niemals aus diesem Kraftzentrum zu entfernen. Doch die Verbissenheit, mit der sich Ariah daran festklammert, macht sie blind für die Realität. Schlimmer: Sie legt das Fundament für eine fatale Fehleinschätzung. Denn Dirk Burnaby entfernt sich tatsächlich von der Familie, allerdings aus beruflichen Gründen. Er, der sonst immer nur lukrative Wirtschaftsmandate angenommen hat, lässt sich auf einen brisanten Fall von Umweltkriminalität ein – absolutes Novum in den frühen 60er-Jahren, die wir mittlerweile erreicht haben. Bei Ariah beißt er damit auf Granit, nicht zuletzt, weil seine Auftraggeberin eine attraktive, jüngere Frau ist. Dass deren Tochter an Leukämie starb, besänftigt Ariahs Eifersucht nicht. Sie begreift auch nicht die Motivlage ihres Mannes, für die Rechte von armen Geschädigten auf eigene Kosten einzutreten, weil eben diese genau dasselbe Motto wie Ariah beherzigen, nämlich familiäres Glück leben zu wollen. Dirk Burnaby wird von fremdem Leid angerührt, weil er es in Beziehung zum eigenen Glück zu setzen vermag – eine Empathiefähigkeit, die Ariah gänzlich fehlt. Im Streit enthüllt sie ein hässliches Antlitz:

»Ich habe nichts mit ihnen zu tun und sie nichts mit mir. In China, in Indien, in Afrika gibt es Menschen, die hungern! Ich muss für meine eigenen Kinder sorgen, ich muss meine eigenen Kinder beschützen. Sie stehen an erster Stelle, und – an zweiter kommt nichts.«

Gleich den Mechanismen der griechischen Tragödie löst Ariah das Unglück erst aus, vor dem sie ihre drei Kinder beschützen will. Sie verstößt Dirk, dessen Arbeit nun einen manischen Charakter anzunehmen droht – freilich auch erschütternde Wahrheiten zutage fördert. Das tote Kind seiner Klientin ist kein Einzelfall. Je tiefer Dirk Burnaby bohrt, desto mehr schreckliche Details eines riesigen Umweltverbrechens kommen ans Licht:

Fehlgeburten, Totgeburten, Missbildungen der Föten. Neurologische Störungen, Schlaganfälle. Herzerkrankungen, Erkrankungen der Atemwege. Emphyseme. Leber-, Nieren-, Gallenbeschwerden. Und Fehlgeburten. Augenentzündungen, Ohrentzündungen, Struma. Migräne. Noch mehr Fehlgeburten. Tumore! Tumore alter Arten. Eine Fülle von Krebserkrankungen. Lungen-, Darm-, Brust-, Gebärmutter-, Eileiter-, Prostata- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. (Bauchspeicheldrüsenkrebs war eine seltene Tumorerkrankung, nicht jedoch in Colvin Heights.) Leukämie. Leukämie bereits bei Kindern. (Siebenmal so häufig wie in der Normalverteilung.) Bluthochdruck, krankhaft niedriger Blutdruck. Nephrosen, Nephritis. (Erkrankungen, die bei Kindern sehr selten waren, nicht jedoch in Colvin Heights.) Und Fehlgeburten.

Wieder eine Kaskade, die auf den Leser eintrommelt und auf formaler Ebene darauf verweist, dass Joyce Carol Oates große, rhapsodische Sinfonie »Niagara« nicht nur menschliche Helden kennt. Der Wasserfall, die Landschaft, die Gegend selbst stehen im Mittelpunkt, ja beeinflussen die Familiengeschichte höchst unerwartet. Dirk Burnaby wird auf den Love Canal oberhalb der Niagarafälle aufmerksam gemacht, ein Projekt des späten 19. Jahrhunderts, das unvollendet blieb und seinen Namen vom Initiator William T. Love bezog. Dieser nutzlose Stichkanal wurde später zugeschüttet und an die regionale Schulbehörde verkauft, die darauf eine Grundschule und Einfamilienhäuser errichten ließ. Hinter dem harmlos Namen verbirgt sich jedoch ein todbringender Styx. Über Jahrzehnte hinweg verklappte die Chemieindustrie hochgiftige Abfälle im Graben, bis kein Platz mehr war und man die Deponie notdürftig abgedichtet an den Staat abstieß – sämtliche Regressansprüche vertraglich ausgeschlossen. Kein Wunder, wird die Lokalpolitik doch von den Profiteuren der Chemieindustrie beherrscht. Alle Fabriken am Oberlauf des Niagara gehören jener örtlichen Oberschicht, der auch Dirk Burnaby entstammt. Sein Kampf für die geschädigten Hausbesitzer wird damit zur Kriegserklärung an die eigenen Schul- und Studienfreunde – und endet tödlich. Dirk Burnaby stirbt als Folge eines Mordkomplotts in den Niagarafällen. Zuvor hat er seinen Prozess vor einem selbst in die Sache verstrickten Richter mit Aplomb verloren. Nicht zufällig, wie Jahre später seine Söhne erfahren:

»Ihr Vater hat einen Fehler gemacht, den man als Prozessbevollmächtigter nicht machen darf: Er hat die moralische Verkommenheit des Gegners unterschätzt. Er gehörte zur selben Kaste, hatte aber nicht kapiert, wie korrupt sie waren, denn wenn er sie sah, sah er Männer wie sich selbst. Und in gewissem Maße traf das ja auch zu. Aber die waren – die sind – übel. Sie haben Anwälte, Ärzte, Wissenschaftler aus der Forschung, Gesundheitsinspektoren angeheuert, die die Drecksarbeit für sie gemacht haben. Besitzen die Stirn, einer Mutter zu sagen, ihr Kind hätte angeborene Leukämie und nicht etwas, was durch Benzol ausgelöst wird, und dabei kommt das Benzol im Hof der Frau am Love Canal schon aus der Erde hoch. Oder sagen Männern und Frauen in den Dreißigern, sie hätten eine pathogene Leber oder pathogene Nieren, also wären schon damit geboren, während die Erkrankung davon kam, was sie aus ihren eigenen, vom Love Canal verseuchten Gärten gegessen hatten. Hirntumore, die mit großer Wahrscheinlichkeit durch Tetrachlorethylen verursacht wurden, haben sie auf Fernsehröhrenstrahlung dritten Grades zurückgeführt.

Diesen Teil des Romans musste Joyce Carol Oates nicht erfinden; er ist historisch belegt. Erst der Eingriff des damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter setzte 1978 dem langwährenden Justizskandal um den Love Canal oberhalb der Niagarafälle ein Ende. Der Staat kaufte die verseuchten Parzellen zurück und entschädigte die Anwohner. Bis in diese 70er-Jahre hinein zieht sich auch der Roman. Dirk Burnabys Söhne, von der Mutter zu eisernem Schweigen über den Vater verdonnert, emanzipieren sich nur langsam vom erdrückenden Klima ihres Elternhauses, in dem Ariah die Fiktion einer autonomen Familienzelle aufrecht erhält, die von einer Berührung mit der Außenwelt nur zerstört werden könne. Ihre einst sehnlichst herbei gewünschte Tochter Juliet, die den Vater nicht mehr bewusst erlebt hat, reagiert auf den Druck mit pathologischen Symptomen: Sie hört Stimmen, die sie zu den Wasserfällen locken, womit sich ein drittes Mal in Ariahs Leben eine Verlustkatastrophe anbahnt.

Doch so weit lässt es – der Leser senkt schon schicksalsergeben sein Haupt – die Autorin nicht kommen. Im Schlusstableau laufen viele locker geknüpfte Personenstränge zusammen, um wenigstens Dirk Burnaby zu rehabilitieren. Mit der Erkenntnis, dass ihr Vater kein reicher Nichtsnutz und Lebemann, sondern ein tragisch gescheiterter Idealist gewesen ist, wächst den beiden Söhnen jene Lebenskompetenz zu, an der ihnen bis dato mangelte; auch Juliet fängt sich wieder. Nur Ariah kann ihr selbst gemauertes Verlies nicht mehr verlassen, unfähig zu einer Geste des Verzeihens, die sich in erster Linie auf sie selbst beziehen müsste: sich den tragischen Grundirrtum der angeblich mangelnden Loyalität ihres Mannes einzugestehen. Doch so sind Menschen, und Joyce Carol Oates kommt das Verdienst zu, in "Niagara" wieder einmal eine große Menschenerzählung abgeliefert zu haben, die trotz ihrer populären Ingredienzien niemals an Tiefe missen lässt. Dass sie dies handwerklich routiniert tut, gereicht ihr zur Ehre, und vielleicht wäre der 70. Geburtstag im kommenden Jahr die passende Gelegenheit, ein paar Vorurteile abzulegen. Zum Beispiel, dass spannende und ergreifende Literatur notgedrungen niveaulos sein muss.

Joyce Carol Oates: "Niagara". Aus dem Amerikanischen von Silvia Morawetz
S.Fischer Verlag, 566 Seiten, 22,90 Euro

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