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Seit 09:05 Uhr Kalenderblatt
StartseiteBüchermarktDetektivroman trifft auf Fantasy17.11.2009

Detektivroman trifft auf Fantasy

A. Lee Martinez: "Der automatische Detektiv". Piper Verlag

Der US-amerikanische Fantasyautor A. Lee Martinez verlegt die Handlung eines durchschnittlichen Detektivromans in eine ferne Zukunft und lässt einen Roboter den Ermittler spielen. Doch die Verquickung von Science-Fiction und hartgesottenem Kriminalroman gelingt nur unzureichend.

Von Hartmut Kasper

Dieser Detektiv wirkt  wie ein Roboter im Trenchcoat.  (Stock.XCHNG / Peter Saddington)
Dieser Detektiv wirkt wie ein Roboter im Trenchcoat. (Stock.XCHNG / Peter Saddington)

Wir befinden uns in unbestimmter Zukunft, in einer Stadt, die aussieht, als wäre sie den technomanen Träumen der 1950er-Jahre entsprungen – in Empire City nämlich.

Der gelehrte Rat hatte eine offizielle Bezeichnung für Empire City: Technotopia. Natürlich hatte Empire auch noch eine ganze Menge inoffizieller Spitznamen. Mutantenburg. Robotville, die Stadt, die Niemals Funktioniert.

In dieser Stadt der vielen Namen spielt die Geschichte, und die Person, die sie uns erzählt, heißt:

Mack Megaton. Ich bin ein Robo. Oder ein automatischer Bürger, wie der Gelehrte Rat es gerne nannte.

Ein Roboter also, komplett mit adaptiv-intuitiver Programmierung, Vernunft-Emulgator und Spekulator. Dabei ist Mack alles andere als ein ganz normaler Haushalts-Robo. Seine Erbauer haben ihn als Kampfmaschine konstruiert. Er aber ist zu Selbstbewusstsein gekommen, hat einem Dasein als intelligenter Waffe abgeschworen und versucht, ein ehrbarer Bürger von Technotopia zu werden. Oder von Empire City. Oder von Robotville.

Dazu muss er sich eine gewisse Zeit bewähren. Er lebt unter Menschen, hat sich mit der Nachbarsfamilie angefreundet und geht einer geregelten Tätigkeit nach: Er fährt Taxi. Nun ist das Motiv des Kunstwesens, das gerne Mensch werden möchte, seit Pygmalion und Pinocchio nicht eben neu. Und Mack schwärmt schon ganz menschlich von seiner Stadt:

Empire hat zwar seine Probleme, aber es hat auch einen Vorteil: Es hält nichts von Verschwendung. Alles wird recycelt. Ein ganzes Kapitel des Kodex des Tempels des Wissens predigt das gute Wort der Wiederaufbereitung.

Auch der Autor des Romans hat anscheinend das Prinzip des bedingungslosen Wiederaufbereitens verinnerlicht. Mack Megaton wirkt tatsächlich ein wenig so, als hätte man den Androiden Mr. Data vom Raumschiff Enterprise demontiert, dann und unter Zuhilfenahme von Bauelementen des Terminators neu zusammengesetzt und ihm schließlich den Job verschafft, den Bruce Willis in "Das fünfte Element" ausgeübt hat, in Luc Bessons bonbonbuntem Zukunftsmärchen: Taxifahrer in der Zukunftsstadt.

Aber nicht nur was die Hauptfigur betrifft wird tief in die Mottenkiste der Science-Fiction gegriffen. Es fehlen weder die Laserkanonen noch die fliegenden Autos noch auch der intelligenzoptimierte sprechende Gorilla noch irgendein gewisser Doktor Zort oder Doktor Zarg und am Ende –
aber Pardon, bis zum Ende des Schmökers ist noch ein wenig Handlung unterzubringen. Und das kommt so: Mack, der Taxifahrer, hat eine nette Nachbarin, Mensch von Geburt, die ihm täglich die Fliege bindet. Denn das kann er mit seinen Kampfmaschinenhänden nicht. Eines Morgens wirkt die Nachbarin verstört. Mack geht dem nach. Ein Fremder ist in ihre Wohnung eingedrungen und bedroht die Familie, ihren Mann und ihre beiden Kinder. Die Geschwister sind übrigens Mutanten. Das ist in Empire City schnell passiert. Schließlich wimmelt es von mutagenen Keimen, Nebeln, undefinierbaren Flüssigkeiten. April, die Tochter, ist eine Hellseherin; Holt, der Sohn, ist

der offensichtlichere Mutant. Er hatte Schuppen und einen langen Schwanz. Nichts allzu Ernstes.

Es kommt zu einem kurzen Gefecht zwischen Mack und dem Eindringling. Der Fremde flieht. Noch am selben Tag aber wird die Familie entführt. Mack macht sich auf die Suche. Der Kampfroboter außer Dienst wird Detektiv – ein automatischer Detektiv.

Dieser Detektiv ist jedoch so tough und schnodderig, so hard-boiled, dass er wie ein Roboter im Trenchcoat von Humphrey Bogart in "Die Spur des Falken" wirkt. Denn der Autor kreuzt den Themenpark der Science-Fiction mit dem des hartgesottenen Kriminalromans.

Deswegen begegnet der automatische Held nicht nur der kompletten Menagerie der traditionellen Science-Fiction, sondern all den kleinen Gaunern, tumben Schlägern, billigen Flittchen dieses Genres; und dem Officer mit der rauen Schale und dem großen Herz; und der blonden Nymphomanin beziehungsweise – schließlich sind wir in Empire-oder-wie-auch-immer-City – einer verführerischen Technophilen, die ein Auge auf unseren stählernen Helden geworfen hat.

Selbst dem Ich-Erzähler scheint diese Nähe zur literarischen Vorlage eher peinlich zu sein, er wendet sich an den Leser und sagt:

Sie kennen die Szene. In einem Dutzend Krimis gesehen. Irgendein Trottel sitzt in einem winzigen Raum mit einem Cop, der ihm seine Rechte vorliest. Das ist ziemlich genau das, was mir passierte.

Oh ja, diese Szene kennen wir. Und die meisten anderen auch. Am Ende erfahren wir die Lösung: Die Erde erleidet – große Überraschung – eine Invasion von Außerirdischen. Freilich sind die Außerirdischen gar so böse nicht, ihre Invasion ist eher ein Betriebsunfall:

"Es war purer Zufall, dass wir auf die Erde kamen. Wir waren ein Kolonisationsschiff, das gerade zu einem ganz anderen Sternensystem unterwegs war. Eine unglückliche Fehlfunktion in unserem Warpantrieb brachte uns vom Kurs ab. Wir wären im Weltraum gestorben, hätten wir diese Welt nicht glücklicherweise entdeckt. Diese Welt war indessen bereits von intelligenten Lebensformen bewohnt, und sie waren nicht fortschrittlich genug, um uns zu akzeptieren."

Also beginnen die gestrandeten Aliens, die Einheimischen mutieren zu lassen. Inmitten vieler Mutanten würden auch die bizarr geformten Zuwanderer aus dem Weltraum nicht weiter auffallen.

Da trifft es sich gut, dass man in einem Menschenjungen ein Supermutagen entdeckt, das den Transformationsprozess zu beschleunigen verspricht – natürlich in Holt, den geschuppten Knaben mit dem langen Schwanz. Mack befreit Holt und April und die Mutter der beiden. Alles wird gut. Auch die Nebenfiguren sind zufrieden:

"Also, Mack, du hast die Lage gerettet, bist zum Bürger geworden. Was kommt als Nächstes?"
"Ich denke darüber nach, ein Detektivbüro zu eröffnen."


Wir schließen das Buch mit den vielen allzu bekannten Szenen und denken: Ein Detektivbüro eröffnen? Weitere Fälle lösen? Nur nicht!

A. Lee Martinez: "Der automatische Detektiv"
396 Seiten, Roman. Aus dem Amerikanischen von Karen Gerwig
Piper Verlag, München 2009, EUR 9,95

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