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StartseiteInterviewDetjen: Ein Bundespräsident mit zwei Gesichtern03.01.2012

Detjen: Ein Bundespräsident mit zwei Gesichtern

DLF-Chefredakteur über den Umgang der Medien mit dem Fall Wulff

Man sehe einen doppelgesichtigen Bundespräsidenten, sagt DLF-Chefredakteur Stephan Detjen. Während Wulff bei seiner Reise in die arabische Welt Respekt vor der Unabhängigkeit der Medien fordere, drohe er im nächsten Augenblick einer Zeitung mit strafrechtlichen Konsequenzen.

Stephan Detjen im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Stephan Detjen, Deutschlandfunk- Chefredakteur
Stephan Detjen, Deutschlandfunk- Chefredakteur

Tobias Armbrüster: Die Debatte um den Bundespräsidenten ist also weiter im vollen Gang, und ein Detail, das viele Zuschauer und Beobachter von Außen wahrscheinlich etwas stutzig macht, das ist die Art und Weise, wie Christian Wulff in den vergangenen Wochen offenbar mit der Bildzeitung umgegangen ist, da ist der Eindruck entstanden, als sei es selbstverständlich, dass Politiker mal so eben in einer Chefredaktion anrufen und versuchen, mitzubestimmen, worüber berichtet wird und auch, worüber nicht. Möglicherweise ist das auch eine Frage, die sich viele Deutschlandfunk-Hörer stellen. Wir wollen darüber deshalb mit dem Deutschlandfunk-Chefredakteur Stephan Detjen sprechen. Er sitzt jetzt bei mir im Studio. Herr Detjen, wie ist das bei Ihnen, wie oft bekommen Sie Anrufe aus Ministerien oder Abgeordnetenbüros?

Stephan Detjen: Sie wollen wissen, ob ich meine Mailbox abgehört habe, bevor wir hier sprechen? Also natürlich sind wir alle hier im Deutschlandfunk – wir sind ein politisches Programm und sind ständig in Kontakt mit Politikern, mit Vertretern der Regierung, des Parlaments, mit den Vertretern der anderen Staatsorgane, und wir erleben es, dass sozusagen der Diskursraum, den wir hier als Deutschlandfunk anbieten in Form von Gesprächen, von Diskussionen, Interviews natürlich ein begehrtes Gut ist. Öffentlichkeit ist kostbar in der Mediendemokratie. Politiker wollen im Deutschlandfunk präsent sein. Was ich aber nie erlebt habe, ist, dass ein Politiker bei mir als Chefredakteur anruft und versucht, auf die Art und Weise Einfluss hier auf ganz konkrete Programmentscheidungen zu nehmen. Also ein Fall, dass jemand angerufen hätte und gesagt hätte, senden Sie etwas nicht, nehmen Sie etwas aus dem Programm, oder versucht gar mit Androhungen von Konsequenzen bestimmte Dinge ins Programm zu bringen, so etwas habe ich weder als Chefredakteur erlebt, noch habe ich es früher in meiner Zeit als politischer Journalist erlebt, dass ich mit Chefredakteuren konfrontiert gewesen wäre, die sich entsprechend verhalten würden.

Armbrüster: Passiert denn diese politische Einflussnahme vielleicht manchmal so etwas um die Ecke herum? Vielleicht nicht unbedingt bei einem Telefonat oder in einer direkten E-Mail, sondern wenn man beispielsweise bei einem Empfang einen Politiker trifft, der einen dann vielleicht aufmerksam macht, dieses oder jenes Thema habt ihr vielleicht ein bisschen zu stark gefahren oder nehmt das wieder zurück oder achtet da noch mal drauf, dass ihr so etwas nicht häufiger macht.

Detjen: Ich glaube, dass zu solchen Versuchen der Einflussnahme ja immer zwei Seiten gehören. Da ist dann einer, der versucht, Einfluss zu nehmen, und einer, der lässt sich beeinflussen. Und insofern hängt das auch ganz stark davon ab, wie wir uns als Journalisten gerieren gegenüber Politikern, in welcher Art und Weise und wie deutlich wir machen, dass wir zur Unabhängigkeit verpflichtet sind. Das gilt ja auch und gerade für uns als öffentlich-rechtliche Journalisten. Und ich glaube, deswegen ist es wichtig, dass wir gar nicht erst den Verdacht aufkommen lassen, wir seien in einer solchen Weise steuerbar. Unsere Maßstäbe sind journalistische, publizistische Maßstäbe, und es ist deswegen wichtig, dass wir uns gegen solche Versuche, wo sie auch nur im Keim erkennbar werden, verwahren. Und ich erlebe es so, dass auch Politiker, die Profis sind im Umgang mit Journalisten, ein sehr feines Gespür dafür haben, wo unter Umständen Einflussnahmen möglich sind, oder wo sie eben einfach nicht möglich sind. Und dann ist es, so habe ich das immer erlebt, so, dass auch Politiker als Medienprofis, die sie nun einmal sind, wissen, dass zum professionellen Umgang mit den Medien, zu einer professionellen politischen Öffentlichkeitsarbeit auch der Respekt vor der Unabhängigkeit der Medien gehört – zumindest da, wo die Medien, wo Journalisten sie einfordern.

Armbrüster: Dann können wir festhalten, Christian Wulff ist definitiv kein Medienprofi?

Detjen: Na ja – er hatte ja in dieser Mailboxnachricht, so wie sie überliefert worden ist, von einem Bruch eines Verhältnisses gesprochen. Und die Frage ist ja, was ist da eigentlich gebrochen, und auch da gehören wie immer zwei dazu. Nicht alle Medien verhalten sich da gleich, und die "BILD"-Zeitung ist eine Zeitung, die Kontakte zu Politikern auf eine ganz bestimmte Art und Weise pflegt, die Politiker fördert, die Politikermacht hochmacht – Guttenberg etwa, auch durch eine Berichterstattung, die weit ins Private hineinging, gepflegt und zu dem politischen Star gemacht, der er dann eben auch mithilfe der Bildzeitung geworden ist.

Armbrüster: Was sagt uns diese ganze Geschichte nun über das Verhalten vom Chefredakteur der "BILD"-Zeitung, Kai Diekmann?

Detjen: Er hat ja sich darauf berufen, dass er diesen Anruf in der Redaktion zur Diskussion gestellt hat, dass man sich entschieden habe, die Entschuldigung, die Wulff abgegeben hat Diekmann gegenüber, dass man die also zunächst einmal angenommen hat. Ansonsten wissen wir ja auch über das, was in der "BILD"-Zeitung vorgegangen ist und was die "BILD"-Zeitung bewegt, noch relativ wenig. Die Berichterstattung, die ich jetzt heute und gestern wahrgenommen habe, ist zunächst mal sehr nüchtern, sehr professionell. Man kann sicherlich auch die Frage aufwerfen: Wie ist diese Geschichte aus der "BILD"-Zeitung an die Öffentlichkeit gegangen? Klar ist, dass viele davon gewusst haben, dass gerade die Geschichte mit dem Telefonanruf auf die Mailbox von Diekmann ihr Eigenleben sozusagen in der Öffentlichkeit entwickelt hat. Sie ist schon vor längerer Zeit in Randnotizen in der Berichterstattung der "Frankfurter Allgemeinen" erwähnt worden, auch in dem Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der diese neue Diskussion jetzt ausgelöst hat, stand diese Tatsache nicht alleine im Mittelpunkt, sondern wurde eher beiläufig erwähnt. Und jetzt ist natürlich etwas passiert, was der ganzen Sache eine ganz neue Dynamik gibt. Jetzt geht es wirklich fundamental um das Verhältnis des Bundespräsidenten zu den Medien, zur Öffentlichkeit. Und das, was hier passiert ist, ist ja, dass wir hier einen doppelgesichtigen Bundespräsidenten sehen, der einerseits auf seiner Reise in die arabische Welt auftritt und Respekt vor der Unabhängigkeit der Medien einfordert und dann quasi im nächsten Augenblick zum Telefon greift und dann einer Zeitung, egal, welches Verhältnis da vorher bestanden hat, einer Zeitung strafrechtliche Konsequenzen für den Fall einer Berichterstattung offenbar angedroht hat. Das ist das, was auch die Autorität und was das Ansehen dieses Bundespräsidenten jetzt weiter und so nachhaltig beschädigt.

Armbrüster: Könnte es auch sein, dass hier die "BILD"-Zeitung beschädigt herauskommt? Ich meine, man könnte ja sagen, gerade diese Nähe zwischen Bundespräsident und Chefredakteur zeigt, dass da gewisse journalistische Standards nicht gewahrt werden.

Detjen: Ich glaube, dass wir dazu im Moment nicht allzu viele Anhaltspunkte haben. Wie gesagt, das, was ich in den letzten Tagen an Berichterstattung auch in der "BILD"-Zeitung gesehen habe, war professionell, so wie wir überhaupt ersehen können, dass hier die Medien in dieser ganzen Affäre ihre Wächterrolle in der Demokratie durchaus professionell wahrgenommen haben. Man muss noch mal daran erinnern, es hat einen Rechtsstreit gegeben, der vom "Spiegel" ausgelöst worden ist, der bis hin vors Bundesverfassungsgericht getragen wurde, in dem es um die Frage ging, ob die Grundbücher über dieses Haus in Großburgwedel eingesehen werden dürfen, wo das Bundesverfassungsgericht am Ende festgestellt hat: Nein, da dürfen die Medien reinschauen, das ist keine Privatsache. Es hat eine intensive, natürlich in Teilen erregte Diskussionen gegeben, aber da, wo es um Investigation, da, wo es um Recherche geht, haben Medien hier professionell ihre Arbeit getan.

Armbrüster: Sagt der Chefredakteur des Deutschlandfunks, Stephan Detjen. Besten Dank für Ihre Einschätzungen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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