Interview / Archiv /

 

Deutsch als verbindliche Sprache im Grundgesetz

Sprachschützer kritisiert Vorstoß des CDU-Parteitages

Rudolf Hoberg im Gespräch mit Tobias Armbrüster

"Man muss genau überlegen, was man eigentlich will." (AP)
"Man muss genau überlegen, was man eigentlich will." (AP)

Nach Vorstellung der CDU soll die deutsche Sprache verbindlich im Grundgesetz verankert werden. Der Sprachexperte Rudolf Hoberg hält den Parteitagsbeschluss dagegen für einen Schnellschuss. Man müsse zwar etwas für Deutsch tun, so Hoberg, aber eine Grundgesetzänderung bringe da nichts.

Tobias Armbrüster: Es war ein ungewöhnlicher, ein eigenwilliger und auch ein unerwarteter Beschluss, den die CDU gestern bei ihrem Parteitag gefasst hat. Die deutsche Sprache soll fest und verbindlich im Grundgesetz verankert werden. Unter anderem wollen die Befürworter damit erreichen, dass sich Ausländer, die nach Deutschland kommen, intensiv darum bemühen, Deutsch zu lernen und Deutsch zu sprechen. Es gab zunächst mal vor allem Kritik an diesem Vorschlag. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat dagegen gestimmt. Und auch aus der CSU kommen Stimmen, man solle mit Grundgesetzänderungen dieser Art vorsichtig umgehen. Aus der Linkspartei heißt es, die CDU bediene mit diesem Vorstoß alte ausländerfeindliche Ressentiments. - Am Telefon bin ich jetzt verbunden mit Rudolf Hoberg, dem Vorsitzenden der Gesellschaft für deutsche Sprache. Herr Hoberg, guten Tag erst mal!

Rudolf Hoberg: Guten Tag!

Armbrüster: Die Sprache der Bundesrepublik ist Deutsch. Was würden Sie von einem solchen Satz im Grundgesetz halten?

Hoberg: Ich bin nicht dagegen. Ich muss aber sagen, ich bin auch nicht dafür. Ich halte das für einen Schnellschuss. Man hat überhaupt nicht überlegt, welche Konsequenzen das hat. Ich habe heute schon mehrere Interviews gegeben, und da wurde zum Beispiel gefragt, darf man denn jetzt keine englischen Wörter mehr gebrauchen, oder dürfen die Türken jetzt in Deutschland nicht mehr türkisch sprechen. Es gibt also viele Dinge, die da ungeklärt sind, und deshalb meine ich, man sollte so etwas gründlicher überlegen.

Armbrüster: Nun haben Sie gesagt, Sie sind weder dafür, noch dagegen. Was gibt es denn für eine Stimme in Ihrem Herzen, die dafür spricht?

Hoberg: Ich bin natürlich dafür, dass man etwas für Deutsch tut. Deutsch ist die Sprache in Europa, die am meisten als Muttersprache gesprochen wird, bei weitem am meisten, und wir müssen etwas für Deutsch tun, auch in der Europäischen Union. Dafür setzt sich die Gesellschaft für deutsche Sprache und viele andere Vereinigungen auch ein. Da kann ich mir sehr viele konkrete Dinge vorstellen, die man machen kann, und die werden ja auch zum Teil gemacht. Aber einfach nur ins Grundgesetz zu schreiben, die Sprache in Deutschland ist Deutsch, das ist zu wenig, und wie gesagt, es bringt auch nichts.

Armbrüster: Meinen Sie denn, dass man damit möglicherweise Ausländer, die zu uns kommen, tatsächlich auch verstören und einschüchtern könnte?

Hoberg: Das weiß ich nicht. Die meisten lesen wahrscheinlich das Grundgesetz nicht so genau. Von daher gesehen sehe ich da keine Gefahren. Und in den Ländern, in denen es solche Bestimmungen gibt - und das sind ja etliche -, gibt es da auch keine großen Probleme. Aber ich sehe im Augenblick nicht so richtig, warum man das jetzt so unreflektiert machen muss, und da gebe ich Frau Merkel völlig Recht. Dafür muss man sich Zeit nehmen. Man muss genau überlegen, was man eigentlich will, und ich vermute, die meisten würden dann eher davon ablassen.

Armbrüster: Wie könnte man denn - Sie haben es ja angesprochen - den Schutz vor Anglizismen - und Ihre Gesellschaft kümmert sich ja vor allem darum - wie könnte man einen solchen Schutz sozusagen der deutschen Sprache erreichen?

Hoberg: Das ist ein Missverständnis. Wir kümmern uns nicht um Anglizismen. Wir halten Anglizismen nicht für schlimm. Es gibt überall Dinge, die man besser meiden soll. Es gibt Anglizismen, die ich auch nicht für gut halte. Aber generell ist die deutsche Sprache offen für Fremdwörter. Wir haben im Deutschen etwa 15 Prozent Fremdwörter insgesamt: lateinische, griechische, französische und so weiter. Wir haben aber nur bis jetzt 1 Prozent englischer Fremdwörter. Ich halte das für völlig in Ordnung, dagegen habe ich gar nichts.

Das Problem ist viel ernster. Die Frage ist, was aus Deutsch überhaupt noch wird. Ich irritiere hier in Berlin manchmal Politiker damit, dass ich sage: Sie kriegen in 20 Jahren auf einem deutschen Rathaus, auf einem deutschen Rathaus kein Formular mehr in deutscher Sprache, ganz egal ob diese deutsche Sprache mit Anglizismen durchsetzt ist. Das glaube ich so selbst nicht, dass das so wird, aber diese Tendenz, dass insgesamt international alles englisch wird, führt dazu, dass natürlich die anderen Sprachen zurückgedrängt werden. Das halte ich für eine ernste Gefahr.

Armbrüster: Und sollte man so einer Gefahr nicht vorbeugen?

Hoberg: Ja. Das sollte man gerne, aber nicht mit einer allgemeinen Bestimmung im Grundgesetz, weil ich ziemlich sicher bin, dass das nichts bringt. Ich sehe im Übrigen das Ganze jetzt bei der CDU als Eintagsfliege. Man kann das im Wahlkampf gut gebrauchen. Ich vermute, in drei Tagen spricht niemand mehr davon. Das wird ja erst dann interessant, wenn man das wirklich im Bundestag bespricht, und da bekommt die CDU, so weit ich das im Augenblick sehe, keine Mehrheit.

Armbrüster: Nun ist einer der Hintergründe dafür ja sicher auch die allgemeine Debatte darum, wie man Ausländer, die zu uns kommen, dazu bringen kann, intensiver Deutsch zu lernen und nicht in ihrer alten Sprache zu verharren. Was könnte man da tun?

Hoberg: Es gibt ja Bestimmungen, dass jemand, der die deutsche Staatsbürgerschaft haben will, Deutsch lernen muss. Jeder muss merken, wenn er auf dem deutschen Arbeitsmarkt irgendetwas erreichen will, muss er selbstverständlich Deutsch lernen. Und es ist ja auch nicht so, als ob alle Ausländer bei uns kein Deutsch können. Die meisten können hervorragend Deutsch, und viele können ganz gut Deutsch. Es geht um die wenigen - das sind vor allen Dingen diejenigen, die in den Familien bleiben, also die Frauen hauptsächlich -, die nicht auf dem Arbeitsmarkt sind. Die muss man natürlich immer mehr animieren, Deutsch zu lernen. Da gibt es viele Möglichkeiten, aber ich kann nur wiederholen: Eine Grundgesetzänderung bringt da nichts.

Armbrüster: Rudolf Hoberg war das, der Vorsitzende der Gesellschaft für deutsche Sprache, zum Vorstoß der CDU, die Sprache Deutsch fest und verbindlich im Grundgesetz zu verankern. Vielen Dank, Herr Hoberg.

Hoberg: Auf Wiedersehen.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Atomverhandlungen mit dem Iran"Das Misstrauen ist zu groß auf beiden Seiten"

Verhandlungen zwischen den 5+1-Mächten und dem Iran am Montag in Lausanne. (imago/Xinhua)

Bei den Atomverhandlungen mit dem Iran wird es aus Sicht des Konfliktforschers Christian Hacke zu keinen detaillierten Ergebnissen kommen. Hacke sagte im DLF, mit Blick auf die geostrategische Lage der Welt sei nichts anderes zu erwarten gewesen. Der Iran werde erst mit dem Westen verhandeln, wenn er auf Augenhöhe behandelt wird.

Atomverhandlungen mit dem Iran"Massive einseitige Zugeständnisse"

Shimon Stein, Botschafter a.D. des Staates Israel in Deutschland (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Fortschritte in den Atom-Verhandlungen im Iran habe es bislang nur durch Zugeständnisse der UNO-Vetomächte gegeben, sagte der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Shimon Stein, im DLF. Für ein Abkommen habe sich Iran zu wenig bewegt und zu wenig Misstrauen abgebaut.

Atomverhandlungen mit dem Iran"Ohne Abkommen keine Kontrolle"

Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen (dpa / Hannibal Hanschke)

Dass der Westen und der Iran verhandeln, ist für Omid Nouripour ein gutes Zeichen, denn ein Abkommen sei dringend nötig. "Für den Iran gibt es keinen schnelleren Weg zur Bombe, als wenn wir in Lausanne kein Ergebnis haben", sagte der Grünen-Außenpolitiker im Deutschlandfunk.

 

Interview der Woche

Heinz Buschkowsky"Unsere Lebensregeln gelten für alle"

Heinz Buschkowsky in einer Talk-Show. (imago/Müller-Stauffenberg)

Der scheidende Bürgermeister von Berlin-Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), kritisierte im Deutschlandfunk das Bundesverfassungsgericht, das ein pauschales Kopftuchverbot für Lehrerinnen untersagt hatte. Die Richter hätten keine Ahnung, wie es in vielen Stadtvierteln zugehe. Sie stützen die falsche Botschaft: Die Frau habe zu gehorchen, sie sei das Eigentum ihres Mannes.

LänderfinanzausgleichScholz: "Große moralische Aufgabe"

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz im Gespräch mit DLF-Chefredakteurin Birgit Wentzien. (picture alliance  / dpa / Nils Heider)

Hamburgs Erster Bürgermeister, Olaf Scholz, plädiert für eine rasche Neuregelung der Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern. Innerhalb dieser Legislaturperiode müsse man sich einigen, sagte der SPD-Politiker im DLF. Im Streit um den Solidaritätsbeitrag fordert Scholz eine Diskussion ohne Egoismus.

Sigmar Gabriel"Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung"

Sigmar Gabriel bei einem Pressestatement in Berlin (dpa / Stephanie Pilick)

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hält die Vorratsdatenspeicherung für notwendig. Im DLF sagte der SPD-Chef, er wisse zwar, dass das Thema hochumstritten und die Vorratsdatenspeicherung kein Allheilmittel sei - sie könne aber durch eine schnellere Aufdeckung von Straftaten helfen, die nächste Straftat zu verhindern.