Kultur heute /

Deutsch-französische Musikerseele

Venedig entdeckt den Komponisten Théodore Gouvy wieder

Von Jörn Florian Fuchs

Louis Théodore Gouvy war weder zu Lebzeiten noch posthum richtig erfolgreich.
Louis Théodore Gouvy war weder zu Lebzeiten noch posthum richtig erfolgreich. (Institut Gouvy)

Das Zentrum für französische Musik der Romantik in Venedig widmet dem deutsch-französischen Komponisten Théodore Gouvy ein Festival. Gerade im Wagnerjahr 2013 ist die Wiederentdeckung von Gouvys Klangräumen bedeutsam, weil er sich klar abgrenzt von den Klangräuschen des Kollegen.

Das schöne Venedig! Nach dem auch in Italien eher trüben Winter herrschte am Wochenende Hochsommerwetter, Straßenmusiker und Gondolieri warben mit dem einen oder anderen Liedchen um zahlende Zuhörer beziehungsweise Mitfahrer. Die einschlägigen Touristenfallen lockten natürlich mit dem üblichen Vier-Jahreszeiten-Potpourri.

Doch in der Nähe von San Rocco und Frari-Kirche, etwas abseits vom lauten Trubel, gab es ganz andere Töne. Man hörte sehr Feines, aber auch expressiv Ruppiges. Im Palazzetto Bru Zane begann ein Théodore Gouvy (1819 - 1898) gewidmetes Festival - als Beitrag zum Wagnerjahr!

Gouvy ist quasi die Schnittstelle französischer und deutscher Strömungen der 1860er- bis 80er- Jahre. Er wurde im heutigen Saarland geboren, bereiste (wie Wagner) Paris und Leipzig und stand in regem Austausch mit klugen Zeitgenossen. Zunächst studierte er allerdings Philosophie und Juristerei, erst allmählich setzte sich der Wunsch durch, Komponist zu werden. Richtig erfolgreich war er weder zu Lebzeiten noch posthum, dabei sprüht und funkelt seine Musik oft so vor Esprit und Einfällen.

Dazu kommt jedoch eine fast intellektuelle Bändigung, chromatischer Wildwuchs, rabiate Ideenfetzen sind Fehlanzeige. In Venedig hörte man unter anderem Gouvys Streichquintett in d-Moll, ein Wunderwerk an Frische und Komplexität.

In den kommenden Monaten wird Gouvy aber nicht nur in Venedig gespielt. Der Palazzetto Bru Zane arbeitet mit diversen Partnern zusammen - Konzerthäusern, Plattenlabels, Dirigenten. Bald liegen erstmals sämtliche Symphonien Gouvys auf CD vor. Gerade im Wagnerjahr ist die Wiederentdeckung von Gouvys Klangräumen bedeutsam, weil er eine ganz eigene Richtung verkörpert, die sich klar abgrenzt von den Klangräuschen des Kollegen.

Dass Wagner in Venedig starb, ist übrigens nicht der Anlass für dieses Festival. Der Palazzetto Bru Zane beherbergt nämlich ein Forschungszentrum für französische Musik der Romantik, wobei der Epochenbegriff ein wenig weit gefasst ist. Finanziert wird es von der Bru-Stiftung.
Nicole Bru ist Pharmaunternehmerin und betrachtet das Institut als Herzensangelegenheit. Das Gebäude gehörte einst der reichen venezianischen Familie Zane.

Nun gibt es ja viele Stiftungen und manch eine arbeitet in schönen alten Häusern. Das Besondere ist hier jedoch der Umfang sowie die internationale Vernetzung. Seit Kurzem arbeitet man zum Beispiel mit Institutionen in Berlin, Wien oder Nürnberg zusammen. Dort werden französische Opern ausgegraben, verschollene Komponisten samt ihren Stücken wiederentdeckt. Vieles erscheint in aufwendig gestalteten Ausgaben, die ebenso Audiophile wie Bibliophile erfreuen.

Alexandre Dratwicki ist wissenschaftlicher Direktor der Stiftung:

"Es ist eine fantastische Arbeit, bei der es darum geht, jene Komponisten zu rehabilitieren, von denen es zwar schon einiges gibt, deren Partituren aber schwierig zu beschaffen sind. Man muss außerdem die Künstler überzeugen, ihr ganzes Können in solch Unbekanntes zu investieren. Es ist wichtig, diese Werke wirklich mit vollem Einsatz zu spielen, da die romantische Musik oft sehr fragil und schwierig ist - es war ja das Zeitalter des Virtuosentums."

Inzwischen haben Ausnahmekünstler wie der Dirigent Marc Minkowski Feuer gefangen. Minkowski wird in Kürze zwei "Fliegende Holländer" nacheinander aufführen. Neben Wagners Opernreißer gibt es die völlig unbekannte Version von Pierre-Louis Dietsch. Als Wagner wieder einmal in akuter Finanznot war, verkaufte er Dietsch sein Holländer-Konzept, das dieser sofort begierig vertonte.

Gerade frisch eingespielt und auf CD erschienen ist eine Rarität von Jules Massenet. Seine späte Oper "Thérèse" ist äußerst interessant. Der Schöpfer schwelgerischer Melodien erweist sich hier fast schon experimentell. Manches klingt ausgedünnt, große Gefühle werden durch eher intime Couleurs vermittelt.



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