Freitag, 24.11.2017
StartseiteKultur heuteDer Menschenfresserberg10.11.2017

Deutsch-Französisches GedenkenDer Menschenfresserberg

Es ist eine Mischung aus historischer Erinnerungsstätte und Museum: das neu eröffnete "Historial" auf dem Hartmannswillerkopf im Süd-Elsass. An diesem Ort, einem der höchsten Punkte der Vogesen, ließen 25.000 französische und deutsche Soldaten im Ersten Weltkrieg ihr Leben - im Kampf um ein paar Quadratmeter Boden.

Von Rainer Volk

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Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 10.11.17 in der Gedenkstätte am Hartmannswillerkopf (AFP / POOL / Christian Hartmann)
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am 10.11.17 in der Gedenkstätte am Hartmannswillerkopf (AFP / POOL / Christian Hartmann)
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Auf den Karten der Westfront lag der Hartmannswillerkopf ganz unten, im äußersten Süden. Der legendäre Schlieffen-Plan sah jedoch vor, Frankreich im Norden anzugreifen - also: ganz oben. Das Elsass - für die Deutschen im Ersten Weltkrieg Nebensache, für die Franzosen Herzensangelegenheit. Die Region war seit 1871 deutsches Reichsland. Kurz nach Weihnachten 1914 begannen die Kämpfe um den 956 Meter hohen Berg, von dessen Kuppe man die Rheinebene von Mulhouse bis Freiburg beobachten und beschießen konnte.

Der Krieg zog weg, die Front blieb

Doch die Sache ging schief: Die Front erstarrte, die Soldaten gruben Unterstände, bohrten Höhlen, schossen aus Gräben aufeinander. Der Historiker Gerd Krumeich, einer der besten Kenner des Ersten Weltkriegs, erklärt:

"Spätestens Ende 1915 ist der Krieg ja längst weggezogen. Der Krieg ist nach Verdun gezogen, der Krieg ist an die Somme gezogen. Der Krieg beachtet diese Ecke nicht mehr, diese deutsch-französische Ecke. Und trotzdem hauen die sich hier die Köppe ein - bis zum Ende 1918."

Der Hartmannswillerkopf wurde zu einem Symbolort, ähnlich Verdun und der Isonzo-Front in den Alpen: für das verschwenderische Prestigedenken von Generälen und Wahnsinn als Kriegsmethode. Die ihn in den Stollen und Laufgräben durchlitten, nannten die Höhe "Menschenfresserberg" und waren sich nach 1918 über die Fronten hinweg einig im "Nie wieder!"

Zweite Tote pro Quadratmeter

Einer der Veteranen, Charles Auguste Bock, gab Führungen über das Gelände und resümierte ein halbes Jahrhundert nach dem Gemetzel:

"Dieser Berg hier hat sehr große Opfer gebracht. Und sind gefallen Deutsche und Franzosen -zwei Mann auf einem Quadratmeter. Etliche deutsche und französische Formationen haben 70 Prozent von ihren Leuten hier gelassen."

Der Hall in der Aufnahme erklärt sich durch ihren Entstehungsort: die Krypta am Berggipfel. Das Bauwerk wurde 1932 als Teil eines Nationaldenkmals errichtet; in ihr liegen die Gebeine von 12.000 gefallenen Soldaten - auch deutschen. Das verhinderte eine Sprengung des Monuments durch Hitlers Wehrmacht.

Vermintes Gelände - auch politisch

Nach 1945 pflegten Mitglieder eines deutsch-französischen Soldatenvereins den Friedhof am Gipfel. Sie zeigten die Überreste der Stellungen: 60 Kilometer Gräben, unterirdische Lazarette und Magazine mit rostenden Maschinen. Bei Rundgängen herrschte Helmpflicht; abseits der Trampelpfade lauerten Stacheldraht und Munitions-Reste im Boden. Auch politisch war der Hartmannswillerkopf vermint. Denn das Gedenken war verknüpft mit der Frage: Wer hatte gewonnen, wer verloren?

Der spezielle Blick der Elsässer auf die Wechselfälle der Geschichte interessierte in Paris dagegen kaum. Das Gemetzel am Hartmannswillerkopf war Teil des "Grande Guerre" gegen Kaiser Wilhelm. Die deutsche Sichtweise reduzierte das Drama von 1914-18 hingegen zum Vorspiel der Hitler-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs.

Ein Symbolort des Nationalismus

Erst in jüngsten Jahren wuchs die Kongruenz, zeigte die Regional-Forschung, wie viele Familien links und rechts des Oberrheins durch den Konflikt getrennt und zerrissen wurden. Das meinte der damalige Bundespräsident Gauck im Sommer 2014, der bei der Grundsteinlegung für das "Historial" sagte:

"Die Generationen vor uns, sie hätten gerne die Schwierigkeiten von heute gehabt. Wir können an einem historischen Projekt arbeiten, in dem nicht die einen Sieger und die anderen Verlierer sind - sondern alle miteinander gewinnen."

Die Schwierigkeiten Europas mögen seither zugenommen haben. Aber: Der Hartmannswillerkopf liegt inzwischen nicht mehr am Rand irgendwelcher Militärkarten, sondern mitten in Europa. Ein guter Ort, um die Folgen von Nationalismen für den Kontinent zu zeigen - einstige wie gegenwärtige.

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