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StartseiteThemen der WocheZahlt den Zwangskredit zurück!14.03.2015

Deutsch-griechische Spannungen Zahlt den Zwangskredit zurück!

Deutschland muss die Zwangsanleihe zurückzahlen, die den Griechen 1942 mit Panzergewalt abgepresst wurde. Alles andere wäre moralisch falsch und nicht vermittelbar. Dieser Schritt könnte Deutschland aber auch helfen, seine Führungsrolle in Europa besser auszufüllen, findet unser Kommentator.

Von Marco Bertolaso

Luftaufnahme von mehreren Kampfflugzeugen über der Akropolis in Athen. Schwarzweiß-Aufnahme. (dpa)
Dass die deutsche Luftwaffe über Athen flog, wie hier 1941, ist nur ein kleiner Teil dessen, was in Griechenland unvergessen ist. Auch deshalb, so findet unser Kommentator, muss die Zwangsanleihe aus dem Jahr 1942 endlich zurück gezahlt werden. (dpa)
Weiterführende Information

Reparationszahlungen - Pfändung von deutschem Staatseigentum in Griechenland?
(Deutschlandfunk, Informationen am Mittag, 12.03.2015)

Mögliche Reparationen an Griechenland - Historiker hält Forderungen für kontraproduktiv
(Deutschlandfunk, Interview, 12.03.2015)

Wehrmachtsverbrechen - Auch Italiener fordern Reparationen
(Deutschlandfunk, Europa heute, 13.03.2015)

Es geht hoch her zwischen Deutschland und Griechenland. Die neue, wie soll man sagen, links-rechts-nationalistische Regierung in Athen fordert Reparationen und pocht auf die Rückzahlung eines Zwangskredits. Die Bundesregierung und weite Teile der deutschen Öffentlichkeit deuten das als Revanchefoul in der Eurokrise und als völkerrechtlich haltlosen Entlastungsangriff  eines angeschlagenen Landes.

Zwangsanleihe von 1942 moralisch nicht haltbar

Es ist aber völlig egal, welches die Motive der Regierung Tsipras sind, zumindest in einem Punkt hat sie Recht. Die den Griechen 1942 abgepresste Zwangsanleihe von damals 476 Millionen Reichsmark gehört ordentlich verzinst und zurückgezahlt. Man muss sich das  mal vorstellen: In der Hausordnung der Eurozone steht weit oben und in deutscher Sprache: "Kredite werden zurückgezahlt". Daran wird gerade jeder erinnert, der das Wort Schuldenschnitt in den Mund nimmt. Und das alles soll für eine mit Panzern erzwungene Anleihe nicht gelten? Die Vorstellung ist doch abenteuerlich!

Politische Klugheit gebietet Einlenken

Sicher, die Bundesregierung fürchtet einen Domino-Effekt. Sie will verhindern, dass ein Präzedenzfall eine Forderungslawine auslöst. Sie verweist auf Formen der sogenannten Wiedergutmachung und auf die völkerrechtlichen Regelungen rund um die deutsche Einheit. Doch neben rechtlichen Fragen gibt es auch moralische Verpflichtungen  - und es gibt Erwägungen der politischen Klugheit.  Und genau die politische Klugheit empfiehlt, dass Deutschland sich aus der rechtlichen Angststarre löst, im eigenen Interesse.

Krieg und NS-Zeit sind noch nicht vergessen – zum Beispiel hierzulande. In Dresden und anderswo beschäftigen sich Menschen mit dem Luftkrieg. Andere verlangen, dass über ihre vergewaltigten Mütter und Großmütter gesprochen wird.  Soll heißen: Auch deutsche Opfer dürfen kein Tabu mehr sein. Diese Forderung ist verständlich. Denn nur so können Wunden heilen, kann die Gefahr versteckter Ressentiments kleiner werden.

Was aber für Deutschland gilt, das gilt erst recht für Griechenland. Krieg, Besatzung, Massaker, Hungersnöte - in Griechenland haben Deutsche ab 1941 furchtbar gewütet. Aber auch in Italien und anderen Ländern lassen sich anti-deutsche Gefühle immer noch ganz leicht reaktivieren. Das ist schlecht für Deutschland und gefährlich  für das europäische Einigungs- und Friedenswerk.

Dessen erstes Ziel war aus deutscher Sicht, nach den Jahren der Barbarei wieder von den Nachbarn akzeptiert zu werden. Diese Rehabilitierung ist auf eine spektakuläre Art und Weise gelungen. Inzwischen ist das vereinte Deutschland aber nicht mehr ein Partner neben anderen. Es ist auch nicht mehr nur der wirtschaftliche Riese, der politisch Frankreich den Vortritt lässt. Deutschland ist zur führenden Macht Europas geworden.

Die deutsche Führungsrolle braucht Akzeptanz

Wer führen will oder führen muss, der wird nicht immer geliebt. Aber er sollte keine unnötigen Angriffsflächen bieten, wenn er seine Verantwortung ernst nimmt. Der griechische Kredit ist so eine Angriffsfläche. Daher der Vorschlag: Deutschland zahlt die je nach Zinssatz zehn oder etwas mehr Milliarden Euro an Athen zurück. Deutschland geht außerdem rasch auf noch lebende NS-Opfer zu, die sich in Griechenland, Italien und anderswo vernachlässigt fühlen.

Dann kann die Bundesregierung Reparationsforderungen weiter ablehnen. Sie kann stattdessen diskret auf den deutschen Beitrag zu den milliardenschweren europäischen Transferleistungen verweisen. Dann kann ruhig in der Sache gestritten werden. Dann kann Deutschland griechische Drohungen mit dem Export von Flüchtlingen anprangern oder Korruption kritisieren.

Wenn der Weltkriegs-Kredit zurückgezahlt wird, dann gibt es immer noch genug Probleme in der EU und in der Eurozone. Aber zumindest eine moralische Wunde wäre geheilt, ein politischer Sprengsatz entschärft. Nur Mut, kann man den Regierungsparteien zurufen, und keine Angst vor der Reaktion der Öffentlichkeit. Vielleicht hat ja sogar das große Boulevardblatt ein Einsehen. Axel Springer hat seinen Zeitungen die Verantwortung gegenüber den Juden und Israel als Leitlinie verordnet. Dazu würde es doch ganz gut passen, hin und wieder an das Leiden Südeuropas in der NS-Zeit zu erinnern.

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