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StartseiteInterview"Gott sei Dank haben meine Eltern nicht auf die CSU gehört"09.12.2014

Deutsch in Migranten-Familien"Gott sei Dank haben meine Eltern nicht auf die CSU gehört"

Deutsch in Migranten-Familien sei nur dann sinnvoll, wenn die Sprache sehr gut beherrscht werde, sagte Cem Özdemir, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, im DLF. Umso wichtiger sei, dass die Kinder frühzeitig in die Kita kämen. Mit dem Betreuungsgeld steuere die CSU aber auch hier gegen und schade den Kindern somit doppelt.

Cem Özdemir im Gespräch mit Dirk Müller

Cem Özdemir, Co-Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen (dpa / Bernd von Jutrczenka)
Cem Özdemir, Co-Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, bedauert, dass die Weitergabe des Schwäbischen in Berlin leidet. (dpa / Bernd von Jutrczenka)
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Der CSU-Vorstoß, dass Eltern mit Migrationshintergrund zu Hause Deutsch mit ihren Kindern sprechen sollen, hat eine heftige Debatte hervorgerufen. Jetzt hat die CSU ihre Aussage leicht verändert und spricht davon, dass Migranten "motiviert" werden sollen, Deutsch zu sprechen.

"Meine Eltern haben mit mir nicht Deutsch gesprochen", sagte Cem Özdemir, Vorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen, im DLF. Eltern sollten mit ihren Kindern immer die Sprache sprechen, die sie am besten beherrschten. Das sei bei ihm zu Hause Türkisch gewesen.

Umso wichtiger sei es, dass in Familien, in denen Kinder von ihren Eltern nicht fehlerfreies Deutsch lernen könnten, möglichst frühzeitig in die Kita kämen. "Aber das will die CSU ja auch nicht," beklagte Özedemir mit Blick auf das Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuten. "Die CSU tritt Migrantenkinder doppelt. Man hat das Gefühl, die haben was gegen Kinder."


Das Interview in voller Länge:

Dirk Müller: So klang das noch gestern Nachmittag nach einem langen Wochenende der hitzigen Diskussionen: "Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie Deutsch zu sprechen." Genau das wollte die CSU auf ihrem Parteitag in gut zehn Tagen beschließen, formuliert in einem Leitantrag. Es hagelt Hohn, Spott, Kritik, Unverständnis auch aus den eigenen Reihen. Gestern Nachmittag nach der Sitzung der Parteispitze in München klingt das nun so: "Wer dauerhaft hier leben will, soll motiviert werden, im täglichen Leben Deutsch zu sprechen." Ist jetzt alles wieder im Lot? - Darüber sprechen wir nun mit Cem Özdemir, Parteichef der Grünen, und für uns jetzt noch wichtiger: Er hat türkische Eltern, ist in Baden-Württemberg aufgewachsen, also ein türkischer Schwabe. Guten Morgen!

Cem Özdemir: Guten Morgen, Herr Müller.

Müller: Herr Özdemir, warum sprechen Sie so gut Hochdeutsch?

Özdemir: Einer der Gründe, warum ich halbwegs Hochdeutsch kann und nicht nur Schwäbisch schwätze oder gebrochenes Deutsch, liegt daran, dass meine Eltern mit mir nicht Deutsch gesprochen haben. Denn hätten meine Eltern versucht, mit mir radebrechend Deutsch zu reden, wäre das Ergebnis gewesen, dass ich ganz sicher nicht Parteivorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen geworden wäre, oder Bundestagsabgeordneter, sondern dann wäre ich irgendwie Kfz-Mechaniker oder sonst was geworden.

Das heißt, Gott sei Dank haben meine Eltern nicht auf die CSU gehört, denn wenn Eltern mit ihren Kindern eine Sprache schlecht lernen, kann der beste Lehrer der Welt dagegen kaum noch ankommen.

"Entscheidend ist, dass Eltern überhaupt mit ihren Kindern sprechen"

Müller: Das ist ja das, was viele Lehrer, Lehrerverbände ja auch fordern, auch viele Sprachwissenschaftler sagen das: Die Muttersprache, ganz gleich welche, ist die absolute Voraussetzung.

Jetzt haben Sie das als Kind ja nicht aktiv und reflektiert realisiert, warum das so ist. Haben Sie eine Erklärung dafür, dass Ihre Muttersprache, das Türkisch eine gute Grundlage dafür war, hinterher auch gut Deutsch zu sprechen?

Özdemir: Das ist doch ganz einfach. Ich würde es sogar noch präziser sagen. Ich würde nicht einmal Muttersprache sagen. Ich würde sagen, Eltern sollen mit ihren Kindern die Sprache sprechen, die sie am besten sprechen. Wenn das Deutsch ist, wunderbar. Das gibt es ja auch. Und wenn das Türkisch ist, dann sollen sie Türkisch sprechen, und wenn es Kurdisch ist, dann Kurdisch, wenn Englisch, dann Englisch. Entscheidend ist, dass Eltern überhaupt mit ihren Kindern sprechen.

Wir leben doch in der Zeit, wo leider der Fernseher manchmal die Rolle von Ersatzmutter und Ersatzvater eingenommen hat, oder das Internet, oder sonst irgendwas. Insofern müsste die präzise Forderung eigentlich lauten, wenn man überhaupt in dem Zusammenhang was fordern kann: Eltern müssen mit ihren Kindern sprechen, und zwar die Sprache, die sie am besten sprechen. Sollte das allerdings nicht Deutsch sein, dann - und da spricht der Erzieher und Sozialpädagoge - sollte man dafür sorgen, dass das Kind möglichst früh in die Kita geht.

Jetzt kommt aber wieder die CDU ins Spiel. Das will sie ja auch nicht, denn durch die Herdprämie oder durch das Betreuungsgeld, das sie durchgesetzt hat, sorgt sie ja dafür, dass genau diese Kinder zuhause bleiben.

Das heißt, die CDU trifft Migrantenkinder doppelt. Sie sagt, zuhause redet Deutsch, damit ihr schlecht Deutsch lernt, und dann geht bitte nicht in den Kindergarten, sondern nehmt Geld vom Staat, damit eure Mütter zuhause bleiben. Man könnte also das Gefühl haben, die haben was gegen Kinder!

"Das ist eine absurde Politik"

Müller: Sie meinen jetzt die CSU; das würde die CSU ja doch sehr stark bestreiten. - Noch eine andere Frage ...

Özdemir: Aber das Ergebnis ist doch entscheidend. Das Ergebnis der CDU-Politik ist, dass Migrantenkinder schlechter Deutsch sprechen, schlechtere Abschlüsse bekommen, dem Staat viel mehr Geld kosten. Das ist eine absurde Politik, wo man sich fragt, wissen die das nicht, oder machen sie es mit Absicht.

Müller: Das behauptet die Union auch mit Blick auf die Grünen-Politik in den Bundesländern, dort wo die Grünen mitregieren.

Özdemir: Und deshalb haben wir eine Regierung mehr als die CDU mittlerweile. Genau weil die Menschen das offensichtlich auch so sehen, regieren wir über 50 Millionen Deutsche mittlerweile.

Müller: Gestatten Sie mir, Herr Özdemir, noch eine kleinere Frage, etwas losgelöst von diesem gesamtpolitischen, großpolitischen Kontext. Wenn Sie nach Hause kommen ins Schwabenland, ins Elternhaus, immer noch Türkisch die Amtssprache?

Özdemir: Mittlerweile ist das eine Mischung aus Türkisch mit schwäbischen Worten durchsetzt. Immerhin leben meine Eltern ja jetzt auch schon seit Anfang der 60er-Jahre im Schwabenländle und haben viele schwäbische Worte ins Türkische eingegliedert. Was da passiert ist nicht etwa, dass Deutsch mit anderen Worten durchdringt wird, sondern das türkische nimmt immer mehr deutsche beziehungsweise in dem Fall schwäbische Worte an, und das hat es überlebt.

Vielsprachigkeit ist eine riesige Chance

Müller: Und mit Ihrer Frau und den Kindern, wie regeln Sie das?

Özdemir: Meine Frau redet konsequent Spanisch mit den Kindern, denn sie ist Argentinierin und möchte, dass diese Sprache weitergegeben wird, weil das für die Kinder ja auch eine riesige Chance ist, wenn sie dadurch einen ganzen Kontinent, nämlich Südamerika für sich erschließen können. Und ich rede konsequent Deutsch mit ihnen, denn mein Deutsch ist vom Wortschatz her besser im Vergleich zu meinem Türkisch. Und meine Eltern, die immer noch in meinem Geburtsort Bad Urach leben, die reden mit den Kindern Türkisch und in der Schule lernen sie mittlerweile Englisch, und das schadet den Kindern nicht, ganz im Gegenteil.

Müller: Das ist aber ein anstrengendes Leben, als junger Mensch vier Sprachen.

Özdemir: Das geht hervorragend, wenn man darauf achtet, dass die Eltern im Kopf klar sind und die Sprachen nicht vermischen. Wenn ein Elternteil mit einem Kind immer dieselbe Sprache spricht und nicht hin- und herspringt und darauf achtet, dass es halbwegs die Sprache auch richtig spricht, dann klappt das.

Das Einzige was ich bedauere - das will ich an der Stelle ehrlich zugeben - ist, dass leider in Berlin die Weitergabe des Schwäbischen etwas leidet. Das tut mir als einem überzeugten praktizierenden Schwaben sehr leid.

Müller: Und Wolfgang Thierse ist Ihr Gegner?

Özdemir: Wolfgang Thierse ist nicht mein Gegner. Der hat das ja mittlerweile, glaube ich, auch eingesehen, dass der Spaß etwas nach hinten losging. Damit hat er seinen Sozialdemokraten in Baden-Württemberg sicher keinen Gefallen getan.

Müller: Wir haben etwas später losgelegt, sind dennoch zu einem Ergebnis gekommen. Vielen Dank, Cem Özdemir, Grünen-Parteichef, bei uns heute Morgen im Deutschlandfunk. Schönen Tag noch.

Özdemir: Gerne. Ebenfalls!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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