• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 19:05 Uhr Kommentar
StartseiteDeutschland heute"Ich mache mir Sorgen, dass ich verhaftet werde"28.07.2016

Deutsch-Türken meiden Türkei"Ich mache mir Sorgen, dass ich verhaftet werde"

Seit dem Putschversuch in der Türkei führt Präsident Erdogan einen unerbittlichen Kampf gegen seine Gegner. Viele Deutsch-Türken sind verunsichert, ob sie ihren Urlaub problemlos in der Türkei verbringen können. Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft sollten besonders vorsichtig sein.

Von Kemal Hür

Ein türkisches Reisebüro in Berlin-Schöneberg. (imago/Schöning)
Ein türkisches Reisebüro in Berlin-Schöneberg. (imago/Schöning)
Mehr zum Thema

Türken in Deutschland "Der verlängerte Arm von Erdogan ist schon lange hier"

Grünen-Chef Cem Özdemir "Der Arm Erdogans darf nicht nach Berlin reichen"

BGA-Präsident zu deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen: "Man wird sich zurückziehen, soweit man kann"

Deutsch-türkisches Neukölln Integration in alle Richtungen

Türkei nach Putschversuch "Ein Klima der Angst"

Dossier: Die Türkei nach dem Putschversuch

"Ich habe Angst, ja. Ich habe Angst dorthin zu fahren. Und ich mache mir Sorgen, dass ich verhaftet werde."

Der kurdische Tanzlehrer Niyazi, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, ist nicht politisch organisiert, seine Angst hat andere Gründe. Der 41-Jährige verfolgt das aktuelle Geschehen in der Türkei über die Online-Seiten türkischer Zeitungen und schreibt oft Kommentare zu den Artikeln.

AKP- und Erdogan-Trolle könnten ihn angeschwärzt haben, befürchtet er. Denn seit dem Putschversuch werden die Bürger aufgerufen, Personen, Vereine und Geschäfte, die Erdogan-Gegner sein könnten zu denunzieren.

"Aus Angst meine Verwandten nicht besuchen?"

Niyazi will aber trotz der Beschimpfungen und Drohungen, die er über Facebook bekommt und der Gefahr, festgenommen zu werden, in ein paar Tagen in die Türkei fahren. Man muss für die Meinungsfreiheit kämpfen, sagt er.

"Wenn wir kämpfen wollen, dann soll man keine Angst haben. Soll ich denn, weil ich Angst habe, weil ich mir Sorgen mache, soll ich denn meine Verwandten und meine Geschwister nicht besuchen?"

In einem Reisebüro in Kreuzberg bekommt Abidin Polat seit dem Putschversuch in der Türkei Dutzende Anfragen von seinen Kunden, die verunsichert sind.

"Unsere Kunden haben Angst gehabt. Sie fragen, ob sie stornieren oder umbuchen können. Wie sieht es überhaupt aus? Wir müssen täglich mindestens 50 oder 60 Anrufe beantworten."

Stornierung nicht kostenlos

Zehn bis 15 Prozent hätten ihre Flüge in die Türkei storniert, 20 Prozent umgebucht, sagt Polat. Aber die Veranstalter berechnen Stornogebühren, die zwischen 20 und 60 Prozent des Ticketspreises liegen.

Der Ausnahmezustand erfülle nicht die Voraussetzung, kostenfrei von einer Reise zurückzutreten, sagen die Reiseveranstalter. Auch Saniye Celik, eine Kundin von Abidin Polat hat ihre Reise in die Türkei storniert und noch kein Geld zurückerstattet bekommen.

Die Psychotherapeutin wollte in Antalya eine Konferenz besuchen und daran ein paar Tage Urlaub anschließen. Aber nach dem Ausreiseverbot für Akademiker und weil so viele Menschen festgenommen wurden, trat sie von der Reise zurück, erzählt Celik:

"Ich will nicht so tun, als ob nichts passiert ist und dort Urlaub machen. Ich habe 1997 meine Arbeit über Folteropfer geschrieben, hatte mit Amnesty International zu tun. Auch in Berlin äußere ich meine Meinung relativ offen und habe im Hamburger Institut für Sozialforschung auch bestimmte Artikel geschrieben. Und eine Freundin, die mit mir fliegen wollte, hat immer Probleme in der Türkei."

Lage an den Urlaubsorten sicherer?

Saniye Celik ist deutsche Staatsbürgerin. Auf die Hilfe eines deutschen Konsulats wolle sie sich aber nicht verlassen; denn die Lage in der Türkei sei unberechenbar. Eine alevitische Kurdin, die gerade ihr Ticket im Reisebüro abholt und ihren Namen nicht im Radio hören möchte, meint, in den Urlaubsorten sei die Lage sicherer als in Istanbul oder Ankara.

Sie fliegt mit ihren zwei Kindern an die Ägäis. Bedenken habe sie schon, aber es sei beruhigend, dass sie als deutsche Staatsbürgerin Deutschland hinter sich wisse.

"Ich lese das meiste in den Zeitungen oder höre mir die Nachrichten an und weiß schon, wie die Lage ist. Aber ich will unbedingt fragen, wenn da was los ist, wie ich da vorgehen muss. Also ich möchte auf jeden Fall das deutsche Konsulat anrufen und nachfragen, wenn da irgendwas sein sollte, was ich dann machen muss, oder wie ich vorgehen muss."

Keine konsularische Hilfe deutscher Behörden

Übrigens können sich deutsche Staatsbürger auf der Internetseite des Auswärtigen Amtes für die Dauer ihrer Reise registrieren, um bei Notfällen Informationen zu bekommen.

Personen, die die deutsche und türkische Staatsbürgerschaft besitzen, können im Notfall keine konsularische Hilfe deutscher Behörden bekommen. In der Türkei gilt ihre türkische Staatsbürgerschaft.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk