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StartseiteInterview"Das Vertrauen ist verloren"08.06.2015

Deutsche Bank"Das Vertrauen ist verloren"

Der Bankenexperte Hans-Peter Burghof hält den Rücktritt des Führungsduos der Deutschen Bank, Jürgen Fitschen und Anshu Jain, für folgerichtig. Das Vertrauen des Aufsichtsrats und der Aktionäre sei verloren, sagte Burghof im Deutschlandfunk. Vor allem Jain sei für viele Altlasten verantwortlich.

Hans-Peter Burghof im Gespräch mit Bettina Klein

Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft (11.05.2012) (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)
Hans-Peter Burghof, Professor für Bankwirtschaft (dpa / picture-alliance / Karlheinz Schindler)
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Anshu Jain tritt schon zum 30. Juni zurück. Jürgen Fitschen bleibt noch bis Mai 2016, Nachfolger ist der Brite John Cryan. "Bei Fitschen dachte man eigentlich, dass er in der gegenwärtigen Situation besser nicht zurücktreten sollte, denn das könnte auch als Schuldeingeständnis gewertet werden", sagte Hans-Peter Burghof, Professor für Bankenwirtschaft an der Universität Hohenheim. Der Rücktritt sei allerdings so gestaltet, dass er eben kein Eingeständnis wäre. 

Die Staatsanwaltschaft wirft fünf Bankern der Deutschen Bank versuchten Prozessbetrug im Verfahren um Schadenersatz für die Erben des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch vor. Fitschen soll keine falschen, wohl aber bewusst vage und unschlüssige Angaben gemacht haben. Das Vertrauen des Aufsichtsrats sei verloren, so Burghof. Die Aktionärsversammlung habe den Vorstand zudem mit nur rund 60 Prozent entlastet.

Fitschen sei in der Öffentlichkeit ohnehin das kleinere Problem in der Doppelspitze gewesen, betonte Burghof. Der zweite Vorstandvorsitzende Anshu Jain dagegen war "Chef der Abteilungen, die früher für die Deutsche Bank hohe Gewinne gemacht hat, aus der heute aber hohe Rechtsrisiken und finanzielle Risiken folgen". Die Bank musste hohe Strafzahlungen leisten. "Das ist sein Verantwortungsbereich gewesen." Bei der Aufklärung habe die Deutsche Bank zu wenig mitgearbeitet.


Das Interview in voller Länge:

Bettina Klein: Wieder einmal müssen zwei Top Banker abtreten, wie wir gestern gelernt haben. Anshu Jain und danach dann Jürgen Fitschen verlassen ihre Spitzenpositionen bei der Deutschen Bank. Ein Nachfolger steht auch schon fest namens John Cryan. Wir sprechen darüber jetzt mit Hans-Peter Burghof. Er ist Professor für Bankwirtschaft an der Universität Hohenheim. Herr Burghof, wir hören, alle waren auch in der Szene selbst überrascht. Sie auch?

Burghof: Ein bisschen schon. Einerseits, weil es jetzt plötzlich so schnell ging, so kurz nach der Hauptversammlung, wo man doch versucht hat, noch mal Nägel einzuschlagen, zum anderen, weil vor allem bei Fitschen man eigentlich dachte, in der gegenwärtigen Situation sollte er besser nicht zurücktreten, denn das könnte auch als Schuldeingeständnis gewertet werden. Allerdings sieht man jetzt ja, auch der Rücktritt von Fitschen ist so gestaltet, dass das kein Schuldeingeständnis ist in diesem ganzen Verfahren, in dem er jetzt drinsteckt.

Fitschen ist im Kirch-Prozess angeklagt

Klein: Schuld wofür?

Burghof: Er ist ja vor Gericht. Er ist angeklagt in einem Verfahren des Prozessbetruges. Wie viel Gehalt das hat, das kann man jetzt diskutieren. Das ist das alte Kirch-Verfahren, wo es um die Frage geht, ob die Deutsche Bank, ein Deutsche Bank Vorstand, nicht Fitschen, jemand anders durch eine Aussage einem Kunden geschadet hat. Da ist es zu einer Anklage gekommen und wenn man dann zurücktritt, könnte man ja damit signalisieren, ja, eigentlich bin ich es gewesen. Man sieht jetzt, Fitschen bleibt noch ein bisschen länger im Amt, es ist also kein Schuldeingeständnis. Aber trotzdem hat es mich deswegen überrascht.

Klein: Aber alle beide gehen, Anshu Jain und Jürgen Fitschen. Wofür genau tragen Sie die Verantwortung?

Burghof: Jeder für etwas gänzlich anderes. Bei Fitschen haben wir diese Belastung durch den Prozess. Es ist auch ein bisschen so, dass er schon etwas älter ist, und wenn man neu anfangen möchte, dann würde man auch sagen, dann muss halt der Ältere mal Platz machen. Ansonsten gilt Fitschen als sehr honorig, als sehr ehrenwert und da hält sich die Kritik noch eher in Grenzen. Bei Anshu Jain ist es natürlich noch viel schwieriger. Er war Chef der Abteilungen, die früher für die Deutsche Bank hohe Gewinne gemacht haben, aber aus denen heraus heute ganz hohe Rechtsrisiken und vor allem auch finanzielle Risiken folgen, denn die Deutsche Bank wird da angeklagt von den Aufsichtsbehörden und muss teilweise ganz, ganz hohe Strafzahlungen leisten, und da ist halt die Frage, ist er dafür verantwortlich. Manchmal kommt auch die Frage, was wusste er davon. Da ist er bisher unbelastet. Aber dennoch: Es ist sein Verantwortungsbereich gewesen.

Klein: Jemand, der offensichtlich nicht oder nicht genügend aus dem Desaster der Finanzkrise 2007/2008 gelernt hat?

Burghof: Das ist ein Vorwurf, der sehr, sehr schwer wiegt. Die britische Finanzaufsicht hat gesagt, die Deutsche Bank hat nicht genug mitgeholfen, die Dinge aufzuklären, und das wäre dann ganz eindeutig auch die Verantwortung des heutigen Vorstands in der Gesamtheit.

Klein: Der müsste eigentlich auch gehen?

Burghof: Bitte?

Klein: Der gesamte Vorstand müsste eigentlich gehen, oder wie?

Aufsichtsrat hat offenbar Vertrauen verloren

Burghof: So weit würde ich jetzt nicht gehen, denn dann haben wir natürlich auch ein großes Chaos zunächst mal. So eine Bank lebt ja auch von einer gewissen Konstanz an der Stelle. Und das ist ja zunächst auch mal nur eine Behauptung der britischen Finanzaufsicht. Da wird die Deutsche Bank sicher eine ganz andere Meinung zu haben. - Man ist einen gewissen Schritt weitergekommen. Entscheidend ist natürlich: Der Aufsichtsrat hat anscheinend das Vertrauen verloren und er reagiert auch auf die Hauptversammlung, die ja den beiden Vorstandssprechern zwar die Entlastung gewährt hat - das macht man auf Hauptversammlungen; da fragt man, war das okay letztes Jahr, wollt ihr uns entlasten -, aber normalerweise wird man als Vorstand von deutschen Unternehmen mit großer Mehrheit entlastet. Hier haben wir mal gerade 60 Prozent gehabt.

Die Bank hat sich auf Aufsichtsbehörden verlassen

Klein: Sie haben es angedeutet, die Deutsche Bank hält sich da im Augenblick relativ bedeckt. Aber wie ist dann Ihre Einschätzung? Hat man nicht die richtigen Lehren gezogen und im Grunde genommen riskant weiter gespielt wie gehabt?

Burghof: Mein Gefühl war, dass man schon auch in der rechtlichen Verfolgung der Taten, die da offenbar doch begangen worden sind, nicht hart genug und konsequent genug rangegangen ist. Man hat da zwar Leute freigestellt, verschoben, in andere Positionen, aber auch aus dem Unternehmen raus, aber man hätte wahrscheinlich da auch gleich rechtlich gegen vorgehen müssen. Teilweise hat die Deutsche Bank dann eher auf die Aufsichtsbehörden gewartet und geguckt, was sagen die denn, wie sie das jetzt einschätzen. Es ist halt sehr schwer, aggressiv gegen die eigenen Mitarbeiter zu werden, aber man hätte es wahrscheinlich tun müssen. Aber ob das jetzt die Schäden, die entstanden sind, verhindert hätte, ist eine andere Frage. Das glaube ich eher nicht, denn das ist zunächst mal sehr, sehr viel Altlast auch.

Nachfolger Cryan ist im bisherigen Prozess integriert

Klein: Dennoch haben sich ja, wenn ich mich richtig erinnere, auch an Anshu Jain große Hoffnungen geknüpft, dass der doch einen Neuanfang hinbekommen würde. Jetzt haben wir einen neuen Nachfolger, John Cryan. Wird er jetzt alles anders und besser machen?

Burghof: Das glaube ich kaum. Man hat ja nun in einem internen Prozess in der Deutschen Bank unter gewissen Schmerzen auch sich eine neue Strategie ausgedacht. Die kann man jetzt nicht einfach wegwerfen, weil man sagt, neuer Mann, neuer Besen, jetzt wird alles ganz anders. Und Herr Cryan ist ja schon im Aufsichtsrat gewesen. Das heißt, er ist in diesen Prozess integriert. Ich denke, man hat vor allem eines abgeschnitten, nämlich die Risiken aus der Vergangenheit. Das heißt, man hat gesagt, okay, jetzt machen wir einen Neuanfang. Die Strategie, glauben wir, ist richtig, da wollen wir dran festhalten, aber wir müssen jemand an der Spitze haben, bei dem wir nicht das Risiko haben, dass irgendetwas am nächsten Tag in der Zeitung steht, was ihn so belastet, dass er dann nicht mehr haltbar ist.

Klein: Und das ist bei Cryan gegeben oder nicht?

Burghof: Das ist wohl bei Cryan gegeben. Der hat seine Karriere nicht bei der Deutschen Bank gemacht zur Zeit der Finanzkrise, er sitzt auch nicht so schrecklich lang im Aufsichtsrat, ist da auch ein bisschen von Herrn Paul Achleitner [Anmerkung der Redaktion: Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank] installiert worden als jemand, der in Bereitschaft steht, wenn es denn nötig werden könnte. Er steht auch so ein bisschen mehr für langfristigere Anlagen. Auch sieht man in seiner Berufskarriere, dass er da häufig in Bereichen ist, wo es eher um langfristige und solide Strategien geht. Andererseits: Er hat auch die Kapitalmarkterfahrung, die Erfahrung auf den internationalen Märkten. Das ist sicher in dem Bündel keine schlechte Wahl. Ich lese heute Morgen so ein bisschen im "Spiegel", der da heftig deutschtümelt, der sagt, aber wieder ein Ausländer, nicht so toll, weil der kommt aus dem angelsächsischen Bereich. Dieses Problem, das eigentliche Grundproblem der Deutschen Bank, dass jeder in die Deutsche Bank sich irgendwas hineinwünscht, was er da gerne hätte, das kann er natürlich auch nicht lösen.

Klein: Dennoch müssen wir vielleicht sagen, es ist vielleicht ein bisschen wenig an Anspruch zu sagen, wenigstens steht morgen nicht der nächste Skandal in der Zeitung.

Burghof: Wenn Sie bedenken, wie teuer diese Skandale sind auch für die Reputation der Bank, dann ist das schon eine ganze Menge, wenn wir das erreicht haben.

Cryan muss bei Krisenaufbereitung anders vorgehen

Klein: Vielleicht noch mal ein Beispiel, Herr Burghof. Was muss jetzt John Cryan konkret einleiten, welchen nächsten Schritt, um auch eine Glaubwürdigkeit für die Deutsche Bank zurückzugewinnen?

Burghof: Ich vermute mal, dass die Aufarbeitung der Krisen ganz vorne steht, das heißt, dass er da eine andere Gangart anlegt als der andere Vorstand. Mal gucken, ob ihm das gelingt. Auch der Fehler der Spekulationen, da muss Licht hinein. Man muss wissen, was jetzt wirklich passiert ist, und ob das jetzt wirklich eine Sache ist, das ist natürlich problematisch, weil man sich da eventuell auch rechtlich in schwierige Situationen bewegt, weil das ist ein ziemlicher Eiertanz.

Klein: Haben wir denn immer noch kein Licht?

Burghof: Zu wenig meines Erachtens. Ich bin persönlich immer so ein bisschen unglücklich, weil das geht im Moment nach dem Motto, ja, die Aufsichtsbehörde erhebt einen Vorwurf, dann wird das diskutiert und dann kaufen sich die Banken, alle Banken, nicht nur die Deutsche, alle kaufen sich dann mit hohen Milliarden-Beträgen frei. Damit weiß ich immer noch nicht, wer beschädigt worden ist, damit weiß ich nicht, wer geschädigt hat, wenn das stimmt, was die Aufsichtsbehörden sagen, wer im Grunde genommen durch gemeinschaftlichen Betrug sich an anderen bereichert hat und deswegen eigentlich ins Gefängnis gehört. Das weiß ich alles immer noch nicht und das stört mich persönlich schon so ein bisschen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

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