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StartseiteKultur heuteDie Misere der Filmförderung22.06.2016

Deutsche Filmbranche Die Misere der Filmförderung

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) plant, die Filmförderung zu reformieren. Das ist nötig, denn die Förderung strotzt vor Widersprüchen: Einerseits ist Film der höchste Posten im Etat von Grütters, andererseits ist er, wie alle Kulturgüter erst einmal Ländersache. Und das bringt die Branche in Schwierigkeiten.

Von Rüdiger Suchsland

Die Schauspielerinnen Sina Tkotsch, Carolyn Genzkow, der Regisseur Akiz und die Schauspielerin Lynn Femme bei der Premiere des Films "Der Nachtmahr". (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)
Einige der besten deutschen Filme der letzten Zeit, wie zum Beispiel "Nachtmahr" (im Bild die Premiere), entstanden ganz ohne, oder mit kaum Filmförderung. (picture alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)
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Wenn das deutsche Filmfördergesetz richtig gut gestaltet wäre, dann könnte es allerlei erreichen: Ästhetischen Reichtum, Festivalerfolge und Filmwerke, die relevante und nachhaltige Debatten auslösen. 

Wie man das macht, darüber streitet alle paar Jahre die Filmbranche. Immer dann, wenn wie in diesen Monaten die Novellierung des Filmfördergesetzes ansteht, melden sich die diversen Lobbyverbände zu Wort, und es häufen sich die Runden Tische und irgendwann werden dann wieder ein paar "Stellschrauben" ganz sachte gedreht - im Kern aber bleibt alles beim Alten: Der große Wurf findet nicht statt und auch für die nächsten Jahre ist sich die deutsche Filmbranche über alle Unterschiede hinweg zumindest in einem einig: Der Klage über die Misere der Filmförderung. 

Denn die Fördersituation ist tatsächlich nicht gut. Einige der besten deutschen Filme der letzten Zeit entstanden ganz ohne, oder mit kaum Filmförderung: Ob der aufregende, romantische Coming-of-age-Horror-Verschnitt "Nachtmahr", ob "Sex & Crime", die freche Komödie über einen Schriftsteller in der Krise.

Ein Ärgernis für viele Filmemacher ist der Zwangs-Einfluss des Fernsehens

Die Schwierigkeiten erklärt Jonas Rothlaender, der mit seinem Debütfilm "Fado", zugleich der Abschlussfilm beim Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken einen der Hauptpreise gewann:

"Dieser Film, wäre niemals entstanden, wenn er nicht als Abschlussfilm entstanden wäre - weil es ein schwieriges Thema ist, eine schwierige Hauptfigur. Und selbst bei dieser Abschlussfilmförderung hat es unglaubliche Widerstände gegeben, die mich auch erschrocken gemacht haben. Wie geht's jetzt weiter?"

Ein Ärgernis für viele Filmemacher ist der in den Fördergesetzen verankerte Zwangs-Einfluss des Fernsehens - also eines eigentlich gegenüber dem Kino sekundären Mediums, auf die Gestaltung und die Geschichten. Dazu noch einmal Jonas Rothlaender: 

"Aus meiner Perspektive ist das grundlegende Problem: Wie sehr ist das Fernsehen involviert? Wenn ich jetzt vor allem nach Österreich gucke oder nach Skandinavien, da gibt's ganz ganz andere Möglichkeiten, Filme zu machen, auch beim Fernsehen. Da müssten wir eigentlich hin, um wieder Qualität zu bekommen." 

Wenn heute eine öffentliche Anhörung im Bundestags-Ausschuss für Kultur und Medien zur Situation der Filmförderung stattfindet, kommen viele Lobbyverbände zu Wort. Sie werden für ihre legitimen und wohlverstandenen Interessen kämpfen, um Frauenquoten, um Urheberrechte - da streiten sich schon Regisseure mit Produzenten und alle mit den Sendern - und um Prozentanteile vom viel zu kleinen Finanzkuchen. 

Das Prinzip ist Widersprüchlichkeit

Das grundlegende Problem wird vermutlich auch diesmal wieder nicht debattiert: Was für ein Kino will man? Wie vielfältig darf das deutsche Kino sein? Wie einförmig muss es sein, um Gnade in den Gremien zu finden? Wie bildet man das Publikum, und interessiert es für sperrigere Stoffe? 

Im Verhältnis zu anderen Künsten und Ländern ist der Stellenwert des Kinos in Deutschland immer noch sehr gering im Vergleich zu anderen Ländern.

"Marginalisiert würde ich es nicht nennen, aber es wird nicht als Hochkultur wahrgenommen ... ist nicht so ein Kulturgut, wie in Frankreich oder in Italien, da hat Film eine andere Bedeutung und das sieht man dann der Filmkunst an",

sagt etwa Julia Teichmann aus München, Kuratorin für das Münchner Dok-Festival und andere Institutionen. 

Auch Teichmann kritisiert die Zahlenhörigkeit und den Quotendruck der Sender. 

"Der Quotendruck wird immer höher. Obwohl der sich von so einer Rationalität abgelöst hat. So 'ne Gier nach Quote auch bei ARTE oder Sendern, die das gar nicht brauchen. Ich weiß nicht, worum es da eigentlich noch geht: Das ist absurd. Es gibt bei den öffentlich-rechtlichen Sendern einen Kulturauftrag."

Das Prinzip der deutschen Filmförderung ist Widersprüchlichkeit. 

Man will Kunst und Kasse zugleich. Die Vermischung von Wirtschaftssubvention und Kulturförderung produziert im Kino einen Haufen von merkwürdigen Mischproduktionen, geprägt von biederem Realismus und thematischer Pseudo-Relevanz. So kamen im vergangenen Jahr gleich drei Filme über den Staatsanwalt und Nazi-Jäger Fritz Bauer heraus. 

Ein Kino der Bilder und der Sinnlichkeit, des Experiments und der Irritation gibt es in Deutschland dagegen einstweilen weiterhin nur am Rand der Filmlandschaft.

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