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StartseiteSport am WochenendeNGOs mehr als ein Feigenblatt?18.06.2017

Deutsche Fußball-EM-Bewerbung NGOs mehr als ein Feigenblatt?

Deutschland will die Euro 2024. Dieses Mal soll es anders werden beim Bewerbungsverfahren als bei der Bewerbung zur WM 2006. So hat es der DFB versprochen. Aber wie lässt sich das sicherstellen? Der DFB hat Transparency International Deutschland dazu ins Boot geholt, die UEFA arbeitet mit der Rights and Sports Alliance zusammen. Aber wie viel können NGOs überhaupt leisten?

Von Jessica Sturmberg

Porträtbild der Sportbeauftragten von Transparency International, Sylvia Schenk (dpa / picture-alliance / Hannibal Hanschke)
Sylvia Schenk, Sportbeauftragte Transparency International (dpa / picture-alliance / Hannibal Hanschke)
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Korruption im Sport Ungeniert geschmiert?

Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wie genau die Zusammenarbeit zwischen DFB und Transparency International läuft, verweist Sylvia Schenk, Leiterin der Arbeitsgruppe Sport der Nichtregierungsorganisation, auf den Siemens-Korruptionsskandal und den Lehren, die daraus gezogen wurden. Fast alle größeren Unternehmen haben inzwischen sogenannte Compliance-Abteilungen. Diese sollen für die Einhaltung von gesetzlichen Bestimmungen und internen Standards sorgen.

"Das macht jetzt auch der DFB, da hat er schon verschiedene Schritte gemacht, wir sind in Diskussionen, was die nächsten Schritte da noch sind und das sind Mechanismen, die in der Wirtschaft funktionieren und dann gehen wir mal davon aus, dass sie in einem Verband wie dem DFB auch funktionieren."

Heißt: Transparency schaut auf die Strukturen und nicht auf Kontoauszüge. Dies wäre von den wenigen ehrenamtlichen Transparency-Mitarbeitern auch gar nicht leistbar.

Umgang mit Ehrenamt beobachten

Anders als in der Wirtschaft sei im Sport allerdings noch das Problem, wie gehe man mit dem Thema Ehrenamt um? Menschen, die sich engagieren und kein Gehalt bekommen, aber möglicherweise durch ihr Amt und ihre Kontakte auf andere Weise profitieren.

 "Auch da sind wir im Gespräch, dazu haben wir einen Code of Conduct mit dem DFB vereinbart. Da haben wir mitgeholfen, dass der die Punkte enthält, die wir für wichtig halten und wir werden auch das weitere Vorgehen beobachten."

Verhaltenskodex, Offenlegung des Bewerbungsverfahrens für die Spielorte und die Liste der vom DFB eingebundenen Personen in das nationale Bewerbungsverfahren. Diese und weitere Dokumente können alle auf der DFB Homepage heruntergeladen werden. Mehr Transparenz gehe nicht, sagt Sylvia Schenk.

"Wir gucken genau hin"

"Wir leben in einer anderen Zeit als Ende der 90er Jahre, als es um die WM ging, auch noch in einer anderen Zeit als es vor 8 Jahren um die Vergabe der aktuellen WM 2018 und 2022 ging. Also da ist auch die UEFA inzwischen anders aufgestellt, da haben wir alle möglichen Kontrollmechanismen. Wir gucken genau hin, andere auch. Ich sehe im Moment nicht, dass wir jetzt die Riesenbefürchtung haben müssen, dass im Kampf türkische Fußballverband gegen DFB jetzt der DFB da Bestechungsgelder zahlt."

Kann damit tatsächlich ausgeschlossen werden, dass dieses Bewerbungsverfahren ohne Schmiergeldzahlungen oder andere Leistungen vonstatten geht? Das, nachdem die Vorgänge um die WM 2006 nie richtig aufgeklärt wurden? Was, wenn auch heute die Euro 2024 nicht anders zu bekommen wäre, als dass der DFB den Entscheidern irgendwelche Vorteile verschaffen müsste? Dazu sagt Schenk:

"Sie unterstellen jetzt der UEFA, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugehen wird. Wir haben mit der UEFA verhandelt auf internationaler Ebene, nicht nur TI [Transparency International, Anm.d.R.], sondern auch andere Organisationen. Wir haben den Eindruck, dass da ernsthafte Leute arbeiten, die alles tun was sie können um durch entsprechende Mechanismen und Maßnahmen und durch klare Kriteriensetzung, die dann auch transparent veröffentlicht wird, dort schon Prävention betreiben."

Bahnbrechender erster Schritt

Das, was Sylvia Schenk anspricht, ist die Zusammenarbeit der UEFA mit der sogenannten Rights and Sports Alliance, einem Zusammenschluss aller wichtigen NGOs wie Amnesty International, Terre des hommes, Transparency International oder der Internationalen Gewerkschaftsorganisation. Weil Deutschland sich bewirbt, ist die deutsche Sektion von Transparency International hier nicht eingebunden. Was genau Sports and Rights Alliance macht, beschreibt Marc Joly vom Kinderhilfswerk Terre des hommes:

"Es ist hauptsächlich eine beratende Rolle, wir haben aufgrund unserer Erfahrungen eingebracht, wie Menschenrechte und Schutz vor Korruption in die Ausschreibung hineingeschrieben werden könnten."

Erstmals hat die UEFA in ihre Ausschreibung Anforderungen an die Einhaltung von Menschenrechten und Anti-Korruption geschrieben. Das ist ein Riesenfortschritt, sagt Marc Joly: "Für uns ist das ein sehr wichtiger, offensichtlich bahnbrechender erster Schritt."

Realitätscheck fehlt noch

Er schränkt aber zugleich ein: "Wir können diesen Willen sehen in der Weise, dass sie zumindest Veränderungen auf dem Papier Machen, aber wir sind weit davon entfernt zu sagen, die UEFA macht alles richtig, weil diese Maßnahmen auf dem Papier auch den Realitätscheck bestehen müssen."

Auch der Schweizer Anti-Korruptionsexperte Mark Pieth weist darauf hin, dass die Vergangenheit schon oft gezeigt habe, dass formal die besten Strukturen eingerichtet sein können und trotzdem im Hintergrund wieder Mauscheleien abliefen. Entscheidend sei, wie diese Kriterien tatsächlich gelebt würden. Inwieweit das von den NGOs kontrolliert werden kann, die überhaupt nicht die Einblicke erhielten, bezweifelt Pieth. Insofern bliebe die Gefahr, dass sie am Ende nur als Feigenblatt dienten.

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