• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 08:35 Uhr Am Sonntagmorgen
StartseiteKommentare und Themen der WocheEs ist Zeit zu handeln12.05.2017

Deutsche Journalistin in türkischer HaftEs ist Zeit zu handeln

Wie schon so oft sei die Reaktion Deutschlands und der EU auch im Fall einer in der Türkei inhaftierten deutschen Journalistin viel zu zurückhaltend gewesen, kommentiert Kemal Hür. Der Autokrat Erdogan kenne und verstehe die Sprache der Diplomatie nicht. Deshalb müsse es im Zweifelsfall heißen: Auf Wiedersehen, Herr Erdogan.

Von Kemal Hür, Landesstudio Berlin

Eine türkische Fahne ist in Düsseldorf (Nordrhein-Westfalen) beim Deutsch-Türkischen Wirtschaftstag auf einem Tisch zu sehen. (dpa-Bildfunk / Young David)
Der Sprecher des Auswärtigen Amtes warf der Türkei indirekt Völkerrechtsbruch und Unanständigkeit vor, die deutlichste Kritik an der Türkei und in der Diplomatensprache wohl eine Rüge. (dpa-Bildfunk / Young David)
Mehr zum Thema

Deutschland/Türkei Neue Belastungsprobe

Auf die Presse! Konzert am Brandenburger Tor Ein Zeichen für die Pressefreiheit

Pressefreiheit "Der Begriff Wahrheit kommt ins Schwanken"

Dreyer, Reporter ohne Grenzen "Journalisten müssen ständig mit Verhaftungen oder Verfahren rechnen"

Tag der Pressefreiheit Proteste vor türkischer Botschaft in Berlin

Nazi-Kritik an Merkel Deutsche Politiker empört über Erdogan

Korrespondenten in der Türkei "Man muss damit rechnen, angepöbelt zu werden"

Deutschland lässt sich von der Türkei so lange schon an der Nase herumführen, dass es einem leid tut, wie ein Tier in einem Zirkus. Wieder wurde eine Journalistin festgenommen, eine deutsche Journalistin, und wieder spricht die Bundesregierung von Sorge. Und das obwohl das Außenministerium von einem außergewöhnlichen Fall spricht. Das Außergewöhnliche dabei ist, dass die türkischen Behörden das zuständige deutsche Konsulat erst gar nicht über die Festnahme der Journalistin Meşale Tolu informiert haben. 

Tolu ist deutsche Staatsbürgerin. Sie besitzt keinen türkischen Pass. Nach völkerrechtlichen Abkommen hätten die türkischen Behörden Deutschland unverzüglich über ihre Festnahme in Kenntnis setzen müssen. Doch – um im Bilde zu bleiben – der türkische Präsident Erdogan agiert mittlerweile in der Manier eines Dompteurs und braucht nur mal die Flüchtlingspeitsche zu schwingen, schon verstummt der EU-König Deutschland und spricht zaghaft und zahm von Sorge und Bedauern. 

Die bislang deutlichste Kritik an der Türkei in der Diplomatensprache

Fairerweise sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Sprecher des Auswärtigen Amtes der Türkei indirekt Völkerrechtsbruch und Unanständigkeit vorwarf. Das ist bislang die deutlichste Kritik an der Türkei und in der Diplomatensprache wohl eine Rüge. Doch der türkische Autokrat Erdogan kennt und versteht diese Sprache nicht. Er selbst beherrscht nicht die Sprache der Diplomatie oder eines Staatsmannes. Er spricht die Sprache der Straße, um den einfachen Bürger zu erreichen. Nach dem knapp und vermutlich unrechtsmäßig gewonnenen Verfassungsreferendum verfolgt er das Ziel, die türkische Bevölkerung gegen einen potenziellen Feind von außen hinter sich zu vereinen. Er braucht Feindbilder und baut diese gezielt mit Provokationen auf. Darauf müssen EU und Deutschland in der Sprache antworten, die er versteht. Wenn er beispielsweise, wie kürzlich geschehen, der EU ein Ultimatum stellt, indem er sagt: Entweder ihr eröffnet weitere Beitrittskapitel, oder wir wollen euch nicht mehr, dann gibt es nur eine Antwort, die ihn beeindrucken und mäßigen würde. Die EU müsste nämlich sagen: Auf Wiedersehen, Herr Erdogan. 

Reisewarnung für Journalisten mit türkischer Herkunft

Die Türkei muss die deutschen Bürger aus der Haft entlassen und sich an Rechtsstaatlichkeit halten. In der Türkei sind sechs deutsche Staatsbürger inhaftiert. Gegen mehrere andere laufen strafrechtliche Ermittlungsverfahren. 

Der Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen spricht eine Reisewarnung für Journalisten mit türkischer Herkunft in das Land aus. Deutschland hat sich nun genug gesorgt und all diese Fälle bedauert. Es ist Zeit zu handeln. Das Flüchtlingsabkommen ist tatsächlich nur ein Abkommen und darf keine Diplomatie-Peitsche sein. Wir wollen keinen Zirkus mehr mit Tieren sehen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk