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StartseiteKultur heuteDeutsche Nationalbibliothek wird 10003.10.2012

Deutsche Nationalbibliothek wird 100

Direktor Michael Fernau beschreibt Aufgaben der Zukunft

100 Jahre alt ist die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Direktor Michael Fernau unterstreicht deren Aufgabe, Medienwerke dauerhaft aufzubewahren. Angesichts der rasanten Entwicklung digitaler Publikationsformen werde ein Hauptaugenmerk auf deren Bereitstellung liegen.

Fragen von Michael Köhler an Michael Fernau

Der alte Lesesaal der Nationalbibliothek Leipzig (picture alliance / dpa / Jan Woitas)
Der alte Lesesaal der Nationalbibliothek Leipzig (picture alliance / dpa / Jan Woitas)

Michael Köhler: Sie, um die es jetzt geht, sammelt nicht nur deutschsprachige Werke, sondern auch etwa den japanischen Reiseführer über Deutschland. Dass man bei ihr 300 Tageszeitungen und demnächst noch mehr täglich einsehen kann, ist auch ganz selbstverständlich. Die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig, sie feierte gestern Abend ihren 100. Geburtstag. Kriegsbedingt und der deutschen Teilung geschuldet hat sie zwei Standorte, in Frankfurt am Main und in Leipzig, und erst 2006 wurden sie zusammengelegt und erhielten per Gesetz einen erweiterten Auftrag. Erinnert wurde also an die Gründung, die Vorgängereinrichtung, die deutsche Bücherei 1912, aber natürlich auch über gegenwärtige und künftige Aufgaben nachgedacht. -

Michael Fernau, den Direktor der Deutschen Nationalbibliothek, habe ich zuerst gefragt, was diese Deutsche Nationalbibliothek etwa, sagen wir, von der Stadtbibliothek in Duisburg oder der Unibibliothek in München oder Berlin unterscheidet?

Michael Fernau: Von der Ausgangssituation her ist das wichtigste Merkmal des Unterschieds, dass der Hauptzweck unserer Sammlungstätigkeit der ist, das Material, die Medienwerke, die wir einsammeln, die Bücher, die Schallplatten, die CDs, dauerhaft aufzubewahren. Der Hauptzweck dieser anderen Bibliotheken, die Sie genannt haben, Universitätsbibliotheken, Stadtbibliotheken, ist die ganz stark benutzungsorientierte Verfügbarmachung, und wir werfen die Medienwerke nachher nicht weg, auch wenn sie völlig veraltet sind, sondern heben sie dauerhaft auf.

Köhler: Herr Fernau, es ist wahnsinnig reizvoll, jetzt mit Ihnen einen Parforce-Ritt durch die Geschichte zu machen, bis zum Zweiten Weltkrieg und danach. Aber ich möchte das Ereignis des Gründungstages mit Ihnen noch ein bisschen bedenken. Bibliotheken sind Häuser des Wissens. Sie haben schon erklärt, dass ein Schwerpunkt auf der nationalen Sammeltätigkeit liegt. 1912, da erscheint die Inselbücherei zum ersten Mal mit Rilkes "Weise von Liebe und Tod des Cornets". Das ist das Jahr, in dem ein gewisser Dr. Med. Gottfried Benn auf den Plan tritt und mit "Kleine Aster" einen neuen Ton in die Literatur bringt. Worauf ich hinaus will: War eigentlich diese Gründung so naheliegend und so selbstverständlich, dass wir heute 100 Jahre feiern können, oder stand dem einiges doch im Wege? War da so ein nationalpatriotischer Gedanke dabei?

Fernau: Beides, ja. Es stand dem ziemlich viel im Wege und es war ein nationalpatriotischer Gedanke. Wir blicken auf 100 Jahre Gründerzeit eigentlich zurück. Das war die Zeit auch der Nationenfindung noch mal in Deutschland, und die war für die Nationalbibliothek oder so eine zentrale Bibliothek, die alle Literatur sammeln sollte, die Bezug zu Deutschland hat, ein Ergebnis eines damals 60 Jahre dauernden Kampfes. In den 48er-Jahren des 19. Jahrhunderts, 1848 Paulskirchenversammlung, hatten die deutschen Verleger schon versucht, eine Nationalbibliothek zu initiieren, indem sie der Paulskirchenversammlung eine Bibliothek schenkten. Die ist heute Teil unserer Sammlung, die sogenannte Reichsbibliothek. Aber dann setzten die deutschen kleinstaatlichen Auseinandersetzungen ganz massiv ein und es dauerte eben bis 1912, bis die verschiedenen Widerstände überwunden waren, und dabei war gleichzeitig klar, dass diese Initiative immer von Kaufleuten, von Verlegern, vom herstellenden und vertreibenden Buchhandel ganz massiv gefördert wurde, und erst die Stadt Leipzig hat wirklich kapiert, dass es Wirtschaftsförderung ist. Seit den 40er-Jahren ist es dann komplett vom Reich finanziert worden, und das sind nicht nur die deutschen kleinstaatlichen Entwicklungen, die da zunächst sehr stark im Vordergrund standen, sondern durchaus auch große Rivalitäten unter Bibliothekaren. Das darf man jetzt nicht vergessen.

Köhler: Herr Fernau, Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat gesagt, dass die Nationalbibliothek auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar ist als so eine Art nationaler Wissensspeicher. Sind Sie für die nächsten 100 Jahre gut gerüstet?

Fernau: Ja! Wir sind jedenfalls bereit, zu lernen und uns mit den fantastischen Entwicklungen, die sich da für alle Felder der digitalen Publikationen auftun, auseinanderzusetzen. Wir arbeiten daran. Wir stellen jetzt zum Beispiel Tageszeitungen, schon 300 verschiedene jeden Tag, zur Verfügung als E-Papers und bauen das auch aus. Nächstes Jahr werden es sicherlich 600 sein. Das ist aber unser Hauptthema zurzeit. Wir haben gleichzeitig den Anspruch, Verfahren zu entwickeln, seriöse authentische Widerspiegelungen des Internets, der Veröffentlichungen im Internet zu archivieren und diese Verfahren dafür bereitzustellen. Es wird alles sehr aufwendig sein und ist natürlich ungeheuer spannend, weil wir versuchen, den Ausbruch der menschlichen Fantasie einzufangen. Das war schon immer ein großartiges Geschäft und wird mit den neuen Publikationsformen sich rasend schnell weiterentwickeln und das alte wird erhalten bleiben, glaube ich gleichzeitig. Wir werden auch künftig das Buch, diese Ausdrucksform, diese Wiedergabeform haben mit seiner Haptik, mit seinem Auftritt, seiner Würde und dem, was es dauerhaft bewahren kann.

Köhler: Und dass ein Buch– und Schriftmuseum natürlich auch dazugehört, die alte Buchhandels- und Verlagsstadt Leipzig mit dem Erweiterungsbau vom letzten Jahr ein Stück attraktiver ist, das sei nur nebenbei erwähnt. - Michael Fernau, Direktor der Deutschen Nationalbibliothek, war das zum 100. Geburtstag der Einrichtung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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