Dienstag, 12.12.2017
StartseiteBüchermarktDeutsche Schande als Verkaufsschlager18.09.2006

Deutsche Schande als Verkaufsschlager

Modicks "Bestseller" macht sich über die Literaturbranche lustig

Klaus Modicks neues Buch "Bestseller" ist eine Satire auf den Literaturbetrieb. Seine Botschaft: Nichts ist leichter, als einen Bestseller zu produzieren. Der Autor prügelt mit großem Vergnügen auf seine Branche ein, lässt kein Klischee und keinen bissigen Kommentar aus.

Von Eva Pfister

Fast könnte man meinen, Klaus Modick hätte Günter Grass' Geständnis vorausgeahnt. (AP)
Fast könnte man meinen, Klaus Modick hätte Günter Grass' Geständnis vorausgeahnt. (AP)

"Höchste Zeit, die Wahrheit zu sagen." Mit diesem Satz beginnt Klaus Modicks neuer Roman, denn der ist ein Bekenntnis: das Bekenntnis eines Fälschers. Der Literaturbetrieb ist in seinen Mechanismen so berechenbar, dass nichts leichter ist, als einen Bestseller zu produzieren. So könnte man Modicks Botschaft zusammenfassen, der mit großem Vergnügen auf seine Branche einprügelt.

Der Ich-Erzähler des Romans, der Autor Lukas Domcik, befolgt einfach die Lehren seines Lektors beim Lindbrunn-Verlag, der bei einem Exposé über zwei Fragen nachdenkt: "Was würde Hollywood dazu sagen?" und "Wie lässt sich ein Produkt im Markt positionieren?"

Dieser zum Produktmanager mutierte Lektor legt seinem Autor das Genre der "Dokufiktion" ans Herz, möglichst zum Thema deutsche Vergangenheit. Denn wunderbar verkäuflich seien nach wie vor alle Bücher, die mit einem gewissen authentischen Touch von Krieg, Holocaust und Nationalsozialismus handelten. Einwände lässt der Lektor nicht gelten und bringt starke Argumente vor:

"Fest steht allemal, dass die Aufarbeitung der deutschen Schande zu einem kulturindustriellen Faktor ersten Ranges geworden ist, zu einer multimedialen Bonanza"

und ohne die "hätten es Böll und Grass nie zum Nobelpreis gebracht".

Beim Namen Grass zuckt man zusammen. Aber Klaus Modick kann beim Schreiben noch nichts von Grass' spätem und brisantem Geständnis gewusst haben, das nun - ob beabsichtigt oder nicht - zum Verkaufsmotor seines neuen Buches geworden ist. Modick studierte nur die Mechanismen des Marktes und beschreibt süffisant, wie die Medien - pawlowschen Hunden gleich - auf bestimmte Themen reagieren.

Und so funktioniert die Produktion des Bestsellers: Lukas Domcik erbt von einer Großtante einen Koffer mit Manuskripten: Liebesgedichten, fanatischen Elogen auf den Nationalsozialismus, aus späterer Zeit katholische Bekennerschwulst.

Aus dieser pseudoliterarischen Hinterlassenschaft macht Domcik nun das dokufiktionale Werk einer ganz anderen Person: Er lässt Tante Thea noch während des Krieges zu tieferen Einsichten kommen und sich in einen jüdischen Arzt verlieben. So wird daraus (nach dem Muster: Verblendung - Bekehrung - Happy End) "Die Odyssee einer tapferen Frau durchs tausendjährige Reich".

Mit Vergnügen liest man das Exposé, in dem kein Klischee ausgelassen wird und das im Lindbrunn-Verlag begeisterte Reaktionen auslöst. Zumal Domcik auch nicht vergessen hat, eine passende Autorenfigur zu präsentieren:

Er macht die junge attraktive Engländerin Rachel, eine Hilfskellnerin und Möchtegern-Schauspielerin, zur Halbjüdin und zur Großenkelin von Tante Thea. Nicht nur, weil er sich in das Mädchen verguckt hat, sondern weil er weiß, dass gut aussehende junge Frauen, die - wie er schreibt - mit der Tastatur eines Computers halbwegs zurecht kommen, die besten Karrierechancen haben.

Man sieht, die Seitenhiebe dieses Domcik (oder vielleicht auch Modick?) sind nicht eben fein. Das schadet manchmal dem Buch, auch dass man den fiktionalen nicht so recht vom realen Autor trennen kann. Lukas Domcik ist sicher nicht zufällig ein Anagramm vom Namen des Autors. Aber zunächst zeichnet Modick seinen Ich-Erzähler durchaus als eigene Figur:

Ein eher einfältiger, geschwätziger und eitler Schreiberling, dessen Blick auf die Welt auch von der Dackelperspektive des Zukurzgekommenen getrübt ist - und der sogar mit seinem Bestseller auf die Nase fallen wird. Mit der Zeit aber schleichen sich immer mehr geistreiche und kluge Passagen ein, denn der Autor kann einfach keinen bissigen Kommentar auslassen. Sie machen ihm offensichtlich zu viel Spaß, so wie all die persiflierenden Texte: Vom Waschzettel des Verlags bis zu den Rezensionen seines Bestsellers. Die sind übrigens nur in jenen Blättern kritisch, in denen der Verlag keine Anzeigen geschaltet hat.

Klaus Modick: Bestseller. Roman. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2006

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk