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StartseiteInterview"Die Freundschaft ist keine Kopfgeburt"04.08.2014

Deutsche und Franzosen"Die Freundschaft ist keine Kopfgeburt"

Deutschland und Frankreich sind Freunde geworden, sagte die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) im DLF. Dies habe vor allem das gemeinsame Gedenken beider Länder an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren gezeigt. Besonders erfreulich: Die Freundschaft finde nicht in Politikerköpfen statt, sondern werde von den Menschen gelebt.

Annegret Kramp-Karrenbauer im Gespräch Friedbert Meuer

(picture-alliance / dpa / Oliver Dietze)
Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (picture-alliance / dpa / Oliver Dietze)
Weiterführende Information

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Die Betrachtung des Ersten Weltkriegs habe sich in Deutschland geändert, sagte die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer(CDU) im DLF. Die Singularität der Auseinandersetzung sowie das Leid der Menschen sei in den Fokus gerückt. In Bezug auf das deutsch-französische Verhältnis der Gegenwart sagte die Bevollmächtigte der Bundesrepublik für deutsch-französische Beziehungen, dass die beiden Völker echte Freunde geworden seien.

Die Schuldfrage spielt laut Kramp-Karrenberger keine Rolle mehr im Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich. Die deutsch-französische Freundschaft sei keine Kopfgeburt der Politiker beider Länder, betonte die Politikerin: "Das Interesse an Frankreich ist deutschlandweit." Das zeige sich auch besonders im Saarland. In dieser Grenzregion zu Frankreich lernten die Kinder schon im Kindergarten Französisch, zahlreiche Betriebe arbeiteten grenzüberschreitend.


Das Interview in voller Länge:

Friedbert Meurer: Der Hartmannsweilerkopf ist eine Bergkuppe im Elsass wie viele andere auch, nicht mehr, nichts Besonderes, im Ersten Weltkrieg war er strategisch auch gar nicht besonders wichtig, und trotzdem sind auch hier in den Schützengräben im Ersten Weltkrieg fast 20.000 Soldaten elendiglich zugrunde gegangen. Gestern war dort Gedenken an den Ersten Weltkrieg mit den beiden Präsidenten Deutschlands und Frankreichs, und dabei war auch die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, sie ist auch Bevollmächtigte der Bundesrepublik für die deutsch-französischen kulturellen Beziehungen. Guten Morgen, Frau Kramp-Karrenbauer!

Annegret Kramp-Karrenbauer: Hallo, guten Morgen, Herr Meurer!

Meurer: Gestern bei der Gedenkfeier, was hat Sie denn da am meisten beeindruckt?

Kramp-Karrenbauer: Am meisten beeindruckt hat mich die Friedensbotschaft, das Engagement etwa von deutschen und französischen Jugendlichen, die dort in einem Seminar von über einer Woche gemeinsam gearbeitet haben. Und es hat mich auch beeindruckt, dass es kein deutsches oder kein französisches Gedenken war, sondern ein wirkliches gemeinsames Gedenken an die Opfer des Ersten Weltkrieges.

Meurer: Sie sind selbst in Völklingen aufgewachsen, das liegt direkt im Saarland an der französischen Grenze. Wie präsent war da für Sie in Ihrer Jugend die Erinnerung, das Gedenken an den Ersten Weltkrieg' Spielte das überhaupt noch eine Rolle?

Kramp-Karrenbauer: Nein, das spielte wenig eine Rolle. Man merkt das hier in der Großregion bei uns, sowohl mit Blick auf Luxemburg als auch mit Blick auf Frankreich, dort hat der Erste Weltkrieg eine ganz andere Bedeutung. In Frankreich sind sehr viel mehr Opfer in diesem Weltkrieg zu beklagen gewesen als im Zweiten, bei uns ist das anders. Und man merkt jetzt, in diesem Jahr beim 100-jährigen Gedenken, dass sich hier auch in Deutschland etwas in der Betrachtungsweise verändert hat. Und insofern ist das in diesem Jahr schon eine andere Situation als in den Jahren vorher.

Meurer: Was glauben Sie, hat sich in Deutschland an der Betrachtungsweise geändert, wie Sie sagen?

Kramp-Karrenbauer: Also ich glaube, dass wir vorher den Ersten Weltkrieg vor allen Dingen wahrgenommen haben als sozusagen Vorläufer für die Ereignisse zum Zweiten Weltkrieg. Es war so – mit dieser Erkenntnis bin ich auch in der Schule groß geworden – die Schuldfrage sehr eindeutig immer festgelegt. Ich glaube, dass in diesem Jahr sowohl durch neue historisch-wissenschaftliche Thesen und Bücher und durch dieses Datum 100 Jahre der Erste Weltkrieg in seiner Singularität, das, was er ausgemacht hat, auch was das Leiden der Menschen anbelangt hat, auch bei uns noch mal deutlicher hervorgetreten ist.

Meurer: Spielt die Schuldfrage noch eine Rolle?

Kramp-Karrenbauer: Nein, die Schuldfrage spielt, soweit ich das beurteilen kann, keine Rolle, also gestern auf dem Hartmannsweilerkopf war das überhaupt nicht zu spüren. Bei der ein oder anderen Gedenkveranstaltung auf französischer Seite, in der Grenznähe, gibt es natürlich schon den Hinweis, dass es Franzosen gab, die damals nach ihrem eigenen Empfinden gezwungen waren, gegen die eigene Heimat zu kämpfen. Wir haben ja elsässische Familien, wo zum Beispiel ein Teil sozusagen auf der deutschen Seite kämpfen musste, der andere auf der französischen. Also das sind ganz spezielle Biografien, gerade hier in den Gebieten entlang der Grenze.

Meurer: Eine Folge letzten Endes ist die deutsch-französische Freundschaft, manche sagen aber, irgendwie ist es vielleicht doch nur eher eine Kopfgeburt der Politiker, wie sehr wird das denn überhaupt im Alltag noch mit Leben ausgefüllt, wenn Franzosen und Deutsche eigentlich doch eher Englisch lernen als jeweils die andere Sprache?

Kramp-Karrenbauer: Also das kann ich für unsere Region hier so nicht bestätigen. Wir haben die Situation, dass in unserem verdichteten Arbeitsmarkt zum Beispiel 18 Prozent der Arbeitskräfte aus der französischen Region kommen. Wir haben einen regen Austausch im Handel, im wirtschaftlichen Bereich, und wir haben vor allen Dingen auch einen regen Austausch im Bildungssektor. Das betrifft die Hochschulen, das betrifft die Schulen, wir haben nach wie vor ein ungebrochenes, gerade auf unserer Seite auch ein ungebrochenes Interesse daran, dass wir hier bilingual die Kinder aufwachsen lassen – das merkt man schon im frühkindlichen Bereich –, und wir erleben sicherlich aus der aktuellen Wirtschaftssituation heraus ein zunehmendes Interesse auch an dem Thema berufliche Ausbildung und haben hier zum Beispiel zwischen dem Saarland und Lothringen ganz konkrete Vereinbarungen geschlossen und auch die ersten Betriebe, die ganz bewusst sozusagen grenzüberschreitend ausbilden. Also das ist etwas, was hier den Alltag prägt, was sicherlich nicht so bilingual und binational schon ausgeprägt ist, wie man sich das an der ein oder anderen Stelle wünschen würde. Aber wenn man das vergleicht mit zehn, zwanzig, dreißig Jahren vorher, dann ist die Grenzregionen hier wirklich zusammengewachsen, es wird vieles gemeinsam getan.

Meurer: Sie haben sich vorgenommen, Frau Kramp-Karrenbauer, in der saarländischen Landesregierung, dass in 30 Jahren alle Saarländer Französisch sprechen sollen. Werden da Ihre Saarländer mitmachen?

Kramp-Karrenbauer: Also wir haben Umfragen zu dieser Frankreichstrategie, die sehr erfreulich sind, wo fast 70 Prozent der Eltern gesagt haben, sie wünschen und wollen, dass ihre Kinder sehr früh französisch lernen. Wir haben von rund 460 Kindertagesstätten im Saarland zurzeit rund 200, die bilingual sind, und wir haben eine steigende Nachfrage gerade der Eltern – für die ist das auch ein Qualitätsmerkmal. Wir sind im Moment etwas dadurch begrenzt, dass wir entsprechende muttersprachliche Erzieherinnen suchen, aber wir werden das Schritt für Schritt ausbauen, und die Eltern akzeptieren das, sofern man sie nicht vor die Wahl stellt, soll das Kind Englisch oder Französisch lernen. Und deswegen wollen wir das Erlernen der französischen, der Nachbarschaftssprache ganz nach vorne verlagern in die Kindertagesstätten und in die Grundschulen.

Meurer: Ganz kurz weg von Saarland und der Grenzregion. Insgesamt auf Deutschland betrachtet, weil sie die Bevollmächtigte für die Kulturbeziehungen sind: Geht es da mit dem gemeinsamen Sprachunterricht oder dem wechselseitigen Sprachunterricht ein bisschen den Bach runter?

Kramp-Karrenbauer: Nein, im Gegenteil. Wir haben vor einigen Jahren im sogenannten "Plan de Saarbrück" Maßnahmen festgelegt, um das jeweilige Lernen der Sprache zu stabilisieren, zu fördern. Das hat in Frankreich dazu geführt, dass sich die Zahl der Deutschlerner stabilisiert hat, in Deutschland ist sie insgesamt gestiegen, und es ist zum Beispiel erfreulich, dass nicht nur in den Grenzgebieten, also im Saarland, in Gebieten von Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg da starke Zahlen sind, sondern dass zum Beispiel in Thüringen wir mit die Regionen haben, wo die Zahlen der Französischlerner am stärksten angestiegen ist. Also das Interesse am französischen Nachbarn, am französischen Freund ist da, und die Maßnahmen zeigen auch Wirkung. Es sind allerdings auch Maßnahmen, die auf die lange Sicht angelegt sind und deswegen nie die ganz kurzfristigen Effekte haben. Man braucht dazu auch einen langen Atem.

Meurer: Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, CDU, heute Morgen bei uns im Deutschlandfunk zum Gedenken an den Ersten Weltkrieg und den Alltag und das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen 100 Jahre danach. Frau Kramp-Karrenbauer, danke schön, Wiederhören ins Amt!

Kramp-Karrenbauer: Bitte, auf Wiederhören!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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