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StartseiteCampus & Karriere"Es wäre schade, ein solches Band zu zertrennen"18.07.2016

Deutsche Wissenschaftler in der Türkei"Es wäre schade, ein solches Band zu zertrennen"

An der Marmara-Universität in Istanbul lehren und forschen auch deutsche Wissenschaftler. Nach dem fehlgeschlagenen Putsch seien alle sehr verunsichert, sagte Wiebke Bachmann vom DAAD-Informationszentrum im DLF. Die Lage sei aber ruhig. Politisch positionieren werde sich der DAAD nicht: "Für uns ist einfach der Austausch wichtig", sagte Bachmann.

Wiebke Bachmann im Gespräch mit Manfred Götzke

Blick auf die Marmara-Universität in Istanbul. Im Vordergrund liegt der Hafen mit Containern. (imago / Westend61)
"Wir haben zahlreiche, vielfältige Kooperationen zwischen deutschen und türkischen Universitäten", betonte Wiebke Bachmann vom DAAD-Informationszentrum im Interview mit dem Deutschlandfunk. (imago / Westend61)
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Wiebke Bachmann: Nun, ich habe spät in der Nacht am Freitagabend einen deutlich verstärkten Luftverkehr wahrgenommen, und die Nacht war dann so, es kamen Flugzeuge über die Häuser geflogen, es waren Schüsse zu hören, Sirenen zu hören, die Flughäfen wurden gesperrt. Insofern war klar, dass viel im Gange ist, und wir sind natürlich zu Hause geblieben.

Manfred Götzke: Ich erreiche Sie heute an der Universität in Istanbul, an der Marmara-Universität. Ist da jetzt Business as usual?

Bachmann: Es sind derzeit Semesterferien, insofern ist wenig an den Universitäten zurzeit los und wenig Betrieb.

"Für uns ist im Moment im Vordergrund, dass sich die Situation beruhigt"

Götzke: Fast 9.000 Beamte wurden heute entlassen ist eine aktuelle Meldung. Müssen Erdogan-kritische Wissenschaftler nun auch befürchten, von diesen, ich sage mal, sogenannten Säuberungen betroffen zu sein, dem zum Opfer zu fallen?

Bachmann: Derzeit kann man an den Universitäten keine weitere Entwicklung wahrnehmen. Das ist sicherlich etwas, was man erst mal abwarten muss. Die Situation hat sich insgesamt sehr beruhigt in der Stadt. Wir müssen natürlich die Lage weiter beobachten.

Götzke: Wie offen kann man den Erdogan kritisieren an den Hochschulen in Vorlesungen, in Seminaren?

Bachmann: Es gibt Wissenschaftler, die sich mit politischen Fragen beschäftigen, genauso wie bei uns, und es gibt welche, die das nicht tun. Wie offen sich jeder äußern möchte, das ist sehr unterschiedlich.

Götzke: Sie sagen das sehr vorsichtig. Meine Frage wäre, inwieweit man auch befürchten muss, entlassen zu werden, Probleme zu bekommen, wenn man, ja, die Entwicklung auch anders beurteilt als es die AKP tut im Moment an der Hochschule.

Bachmann: Also ich glaube, ganz wichtig ist es, erst mal festzuhalten, dass sicherlich keiner, so wie ich das beobachten konnte, hier an dem Putschversuch irgendwie unterstützend beteiligt gewesen ist, weder die Hochschulen noch Wissenschaftler, noch Studierende. Insofern ist für uns im Moment im Vordergrund, dass sich die Situation beruhigt und alle sicherlich erst mal froh sind, dass die Instabilität erst mal vorbei ist.

Götzke: Was prognostizieren Sie für die nächsten Tage. Wie wird das Leben und die Arbeit an der Hochschule weitergehen. Was vermuten Sie da?

"Natürlich guckt man, wie die Entwicklung weitergeht"

Bachmann: Ich glaube, dass alle sehr verunsichert sind. Nach so einer Unruhe ist das auch völlig klar, und natürlich guckt man, wie die Entwicklung weitergeht. Das wird zu beobachten bleiben. Dazu kann man sicherlich noch nicht viel sagen zu dem derzeitigen Zeitpunkt.

Götzke: Die Kritik an der Politik des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, die ist ja auch jetzt in Deutschland relativ hochgekocht. Inwieweit denkt man auch beim Deutschen Akademischen Austauschdienst über Konsequenzen nach, ob man möglicherweise auch die Türkei verlassen muss?

Bachmann: Wir betreiben hier eine ganz starke Bemühung um einen Wissenschaftleraustausch, und das ist etwas, was mit den Entwicklungen auf politischer Ebene nicht viel zu tun hat. Was in unserem Fokus steht, ist, dass wir den Austausch zwischen Wissenschaftlern, zwischen Studierenden fördern. Wir betreiben sozusagen eine wissenschaftler-akademische Diplomatie, sage ich mal, und für uns ist das auf jeden Fall sehr wichtig, hier in dem Land zu sein und Wissenschaftlern den Austausch zu ermöglichen weiterhin.

Götzke: Kann man das denn trennen, Wissenschaft und Politik?

"Unsere akademische Arbeit ist auf sehr guten Füßen"

Bachmann: Auf jeden Fall. Wissenschaft ist eine individuelle Forschung und wissenschaftliche Leistung, und die ist in jeder Situation immer wichtig, auf neutralem Boden irgendwie am Austausch beteiligt werden zu können. Gerade da ist es wichtig, dass internationale Länder Kontakt ermöglichen.

Götzke: Also Sie würden sagen, jetzt erst recht diesen Austausch weiter intensivieren, statt zu sagen, wir müssen uns hier eher distanzieren, wir müssen hier vielleicht, weil wir mit den politischen Gegebenheiten nicht einverstanden sind, müssen wir vielleicht auch die Türkei verlassen, stattdessen sagen Sie, jetzt erst recht.

Bachmann: Der DAAD positioniert sich hier gar nicht politisch, sondern für uns ist einfach der Austausch wichtig, und unsere akademische Arbeit ist in der Türkei seit Langem, also seit langen, langen Jahren auf sehr guten Füßen. Wir haben zahlreiche, vielfältige Kooperationen zwischen deutschen und türkischen Universitäten, und es wäre wirklich schade, ein solches Band zu zertrennen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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