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StartseiteBücher für junge Leser"Das gute Buch existiert weiter"29.10.2016

Deutschen Jugendliteraturpreis - Bilderbuch"Das gute Buch existiert weiter"

Ein gutes Bilderbuch sollte immer zwei Erzähler haben, den Schriftsteller und den Illustrator, sagte der Autor Edward van de Vendel im DLF. Wenn der Illustrator kein Erzähler sei, dann werde es kein gutes Bilderbuch. Van de Vendel wurde für "Der Hund, den Nino nicht hatte" mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Edward van de Vendel und Rolf Erdorf im Gespräch mit Ute Wegmann

Ute Wegmann (Moderation) und der Schriftsteller Edward van de Vendel mit seinem Übersetzer Rolf Erdorf auf der Frankfurter Buchmesse 2016 (v.l.) (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)
Ute Wegmann (Moderation) und der Schriftsteller Edward van de Vendel mit seinem Übersetzer Rolf Erdorf auf der Frankfurter Buchmesse 2016 (v.l.) (Deutschlandradio / Jelina Berzkalns)

Auf der Buchmesse in Frankfurt, auf der Flandern und die Niederlande Gastland waren, habe ich mit dem niederländischen Schriftsteller Edward Van de Vendel und seinem Übersetzer Rolf Erdorf gesprochen. Beide gewannen in diesem Jahr den Deutschen Jugendliteraturpreis in der Sparte Bilderbuch mit dem Titel "Der Hund, den Nino nicht hatte", zusammen mit dem jungen Illustrator Anton van Hertbruggen.

Edward Van de Vendel ist nicht nur Kinderbuch-, Jugendbuch- und Bilderbuch-Autor, sondern auch Lyriker und Songwriter. Geboren in Leerdam, lebt er in Rotterdam. Vor 20 Jahren erschien sein erstes Kinderbuch. Mehr als 50 Bücher sind in 16 Sprachen erschienen. 15 Titel in Deutschland. Alle übersetzt von Rolf Erdorf.

Rolf Erdorf hat als Wortefinder, manchmal sicher auch als Erfinder und Vermittler zwischen den Sprachen und Kulturen seinen Platz und feiert in diesem Jahr sein silbernes Berufs-Jubiläum: 25 Jahre übersetzt er aus dem Niederländischen. Er kennt sich aus in der niederländischen und flämischen Kultur und vor allem in der Kinder und Jugend-Literatur.

Übersetzt hat er neben Edward Van de Vendel die Schriftsteller Jan de Leeuw, Wouter van Reek, Dolf Verroen, Erna Sassen, Karlijn Stoffels und viele andere.

Die Niederlande haben eine lange, reiche Tradition herausragender Kinderbuchautoren. Annie M.G. Schmidt, Toon Tellegen oder Guus Kuijer , der bei uns bekannt ist durch seine Polleke-Bücher und zuletzt durch die "Bibel für Ungläubige". Guus Kuijer hat einmal gesagt: "Ein gutes Kinderbuch ist mit dem Herzen eines Kindes und mit der Hand eines Erwachsenen geschrieben."

Ich habe Edward Van de Vendel gefragt, was für ihn ein gutes Kinderbuch ausmacht?

"Es muss lustig oder spannend sein, und für mich auch gefühlvoll"

Van de Vendel: Eigentlich ist meine Definition ganz ähnlich mit seiner Definition. Wenn man Kinder fragt, dann sagen sie immer, es soll lustig sein, lustig und spannend. Und vielleicht auch ein bisschen traurig. Und wenn man Erwachsene fragt, sagen sie, es soll original sein. Der Stil, die Sprache soll original sein. Ich glaube, dass man die vier Kriterien vereinen muss. Es muss lustig oder spannend sein, und für mich auch gefühlvoll. Ein Abenteuer, aber das muss einen psychologischen Boden haben. Und man muss es schreiben und gestalten wie ein Künstler, wie ein erwachsener Künstler: Ganz nah an den Kindern, aber mit allem, was man von einem Künstler erwarten kann.

Wegmann: Wie sind Sie zur Kinder- und Jugendliteratur gekommen?

Van de Vendel: Ich bin nie zur Kinder- und Jugendliteratur gekommen, ich war immer schon da. Ich hab Kinderliteratur gelesen, als ich klein war, meine Mutter hat mir vorgelesen. Danach war ich Grundschullehrer und ich hab sehr gerne vorgelesen. Wissen Sie, die Stille, die entsteht, wenn man ein Abenteuer vorliest – alle Kinder sind dort, wo die Geschichte ist, aber gleichzeitig in der Klasse – es gibt diese spezielle Art der Stille, wenn jeder konzentriert ist, und diese Stille – ich hab eine Stille-Sucht, eine Erzähl-Stille-Sucht.

Für mich ist die Kinderliteratur hoffnungsvoll und froh, aber auch realistisch und unterscheidet sich nicht sehr von der Erwachsenenliteratur. Vielleicht ist sie ein bisschen hoffnungsvoller. Und ich, ich bin ein Softy. Ich mag dieses Universum.

Wegmann: Rolf Erdorf, viele renommierte Schriftsteller/innen wie Ted van Lieshout, Sjoerd Kuyper, Karolijn Stoffelns, Edward Van de Vendel begannen ihre Karriere in den 80er- und 90er- Jahren. 

Auch in Deutschland erlebten wir damals einen Aufschwung: Verlagsneugründungen, Bücher mit Leinenrücken und Lesebändchen. Herausragende Werke kamen aus Skandinavien, der USA, Großbritannien. Bei uns brillierten Cornelia Funke, Kirsten Boie, Jutta Richter. Andreas Steinhöfel schrieb die ersten Geschichten. Sie haben diese Zeit als den "Garten Eden" bezeichnet. In welcher Zeit leben wir denn heute?

"Die goldene Zeit ist überhaupt nicht vorbei"

Erdorf: Ich weiß nicht, ob sich das geändert hat. Die äußeren Umstände sind etwas schlechter für Verlage, die wirtschaftliche Situation, man merkt, das Verlage gekauft werden, zusammengelegt werden, dass die Kollegen 2. Klasse nach Frankfurt (zur Messe) fahren müssen, früher fuhren sie 1. Klasse. Aber von Wirtschaft hab ich keine Ahnung. Für mich zählen die Bücher, wie gut sind die Bücher, wie qualitätsvoll sind die Autoren. Und ich bin kein Anhänger davon, zu sagen: Das goldene Zeitalter waren die Achtzigerjahre und die sind jetzt vorbei. Es gibt neue, junge Autoren, die noch nicht so lange schreiben wie Anna Woltz oder Gideon Samson. Und deshalb habe ich keine Abenddämmerungsgefühle und denke nicht, die goldene Zeit ist vorbei. Die goldene Zeit ist überhaupt nicht vorbei. Und in diesem Jahr feiern wir einfach.

Wegmann: Nun kennen Sie sich ja sehr gut aus in der Szene. Gibt es einen Unterschied zwischen Deutschland und den Niederlanden?

Erdorf: Es gibt sicherlich einen Unterschied, was das ganze Feld angeht. Die Rahmenbedingungen in den Niederlanden und in Flandern sind besser.

Wegmann: Was heißt das?

Erdorf: Weil mehr gemacht wird. Wenn man alleine sieht, was die als Gastland getan haben, was die alles auf die Beine gestellt haben, wie viele Multiplikatoren sie zu sich nach Hause geholt haben. Und alle kommen zurück und haben viel gelernt. Wie das organisiert ist. Oder wenn ich an die Kinderbuchwoche denke und das Kinderbuchwochengeschenk, das dieses Jahr auch ins Deutsche übersetzt wurde: "Krieg und Freundschaft" von meinem guten alten Freund Dolf Verroen. Was mich ungeheuer freut. Das können die gut. Da können wir uns eine Menge abgucken. Wir sind natürlich durch die Bundesländer und die aufgeteilte Kulturhoheit zersplitterter in Deutschland. In den Niederlanden ist das zentraler organisiert und funktioniert gut.

Wegmann: Edward, Sie behandeln die kleinen großen Themen des Lebens: Familie und Großvater-Enkel-Liebe in "Großvater, Kleinvater", das Erwachen des Dus, der ersten Liebe in "Zwei Millionen Schmetterlinge", Angst und Mut in "Die Taube, die sich nicht traute", Alltagsgeschichten in der Stadt, zu Hause, am Meer in den Gedichten um "Superguppy", Sehnsucht in "Der Hund, den Nino nicht hatte", das Buch, mit dem Sie den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen haben. Sie sind sehr nah an ihren Hauptfiguren, Angst, und Sorgen oder Wünsche werden plastisch und fühlbar. Wie vollzieht sich ein Schreibprozess? Was ist zuerst da?

"Die Geschichte hat viele Richtungen"

Van de Vendel: Manchmal sind die Themen am Anfang nicht da. Es fängt an mit einer Hauptfigur oder mit einem Satz. Beides ist möglich. Entweder hab ich eine Hauptfigur wie einen Jungen mit einem Hund. Oder ich habe den Satz: "Nino hatte einen Hund, den er nicht hatte." Es hat einfach mit dem Satz angefangen und ich hab gar nicht gewusst, was ich damit gemeint habe. Das hab ich etwas später erfunden. Die Geschichte hat viele Richtungen. Aber es gibt immer eine Richtung, wo man das Herz spürt. Wo man weiß: Das ist eine richtige Geschichte. Die kann lustig sein, aber es rührt an etwas Wesentliches. Etwas Wesentliches soll immer da sein. Ich mag wesentliche Geschichten, aber auch leichte Geschichten. Bei Nino ist die Geschichte am Anfang ein bisschen traurig, aber das Ende ist fantastisch und er hat eine Lösung für alles.

Wegmann: Woran erkennen Sie, Rolf Erdorf, sofort, dass es ein typischer Edward Van de Vendel Text ist?

Erdorf: Oh, ....

Van de Vendel: Schwierige Frage.

Erdorf: ... ich bin etwas älter als Edward und habe wirklich das große Glück, dass ich alles übersetzt habe, was auf Deutsch erschienen ist, auch für verschiedene Verlage. Und Edward macht immer was anderes und ich muss immer hinterher. Zum Beispiel, dass ich Gedichte übersetze und es auch offensichtlich kann, das hätte ich ohne Edward nicht gewusst. Er hat mir beigebracht, dass man auch in Prosatexten auf Rhythmus achtet. Dadurch, dass er auf vielen Hochzeiten tanzt, Lyriker, Songwriter ist, da muss ich immer hinterher. Und ich bin ihm unendlich dankbar dafür, weil ich ganz ganz viel gelernt hab und auch, weil er sehr viel Vertrauen in mich hat. 

Wegmann: Sind Sie beide im Gespräch während einer Übersetzung?

Erdorf: Nicht immer, und wenn am Ende. Ich muss das nicht unbedingt haben. Mein Dialog, meine Auseinandersetzung ist mit dem Text. Edward ist jemand, der ganz gut Deutsch kann. Er legt den Finger darauf, wenn er merkt, da hat sich was verschoben. Er merkt, das ist nicht genau das, was er gemacht hat. Er sagt mir nicht, wie es auf Deutsch heißt, aber er sagt: Hier ist was passiert. Und das stimmt immer. Da ist er pingelig, auch bei den Gedichten. Da guckt er sehr genau. Und auf der anderen Seite lässt er mir Freiheiten. Das heißt: Er hat Vertrauen und erwartet nicht, dass ich das alles wortwörtlich übersetze, dann wäre es eine treue Übersetzung und wir hätten ein holländisches Deutsch. Das, was man anders machen muss, um was Gleichwertiges, was Ebenbürtiges hinzubekommen, das gestattet er mir auch. Es ist wirklich ein sehr schönes, selbstverständliches Verhältnis. So selbstverständlich, dass wir manchmal gar nicht reden müssen über ein Buch. Wir kennen uns natürlich auch lange.

Van de Vendel: Es ist ganz einfach: ER kann alles. Wirklich. Du sagst, wir haben über ein Wort geredet. Vielleicht in den 15 oder 17 Jahren zwei Mal.

Erdorf: Och, Superguppy, da haben wir über ein paar Sachen geredet.

Van de Vendel: Okay, okay: Vier Mal.

Wegmann: Wo wir jetzt schon bei Superguppy sind, Sie erwähnen den Gedichtband. Wollen wir vielleicht ein Gedicht hören, Rolf Erdorf.

Erdorf: FISCH

Van de Vendel: FISH auf Niederländisch.

Wegmann: Vielen Dank.

Erdorf: Es gibt eine Kritik, die mich sehr gelobt hat, für diese wundervolle Übersetzung "wasserwortetaub und menschenstimmenstill". Und das ist zufälligerweise im Niederländischen ganz genau so. Da ist wenig übersetzerische Leistung drin und trotzdem klingt es wunderschön auf Deutsch und auf Niederländisch. 

Wegmann: Es gibt ja verschiedene Schulen des Übersetzens: Die wörtliche Übersetzung. Und die, die den Text dem Leser entgegenbringt. Wie viel Freiheit erlauben Sie sich?

"Übersetzen ist immer ein Abwägen"

Erdorf: Was nötig ist. Es gibt kein Rezept. Jedes Buch ist anders und ich muss für jedes Buch meine Methode anpassen. Die Methode ist nicht wichtig, das Ergebnis ist wichtig. Ich bin so genau wie es geht und so frei wie nötig. Am Anfang fängt man bei der Form an, beim Reim oder so, aber dann kommt man nicht weit. Da muss man dahin zurück, wo der Dichter sich etwas vorgestellt hat, bis zu seinem ersten Gedanken. Danach hat er die Form gefunden, das heißt, die Form kommt zuletzt. Beim Gedicht ist die natürlich sehr wichtig. Übersetzen heißt nicht nur, den Inhalt übersetzen, es ist immer ein Abwägen: Was ist unbedingt notwendig, was ist eventuell verzichtbar. Opfere ich mal einen Reim, weil es sonst gedrechselt wird, oder wo muss es drin bleiben, weil es das Wesentliche eines Gedichtes ist. Und dann bin ich beim Konzept, dem Abstrakten dahinter und nicht bei der Form oder beim Reim. Die Form kommt zuletzt.

Wegmann: Edward Van de Vendel, manchmal sind die Rollen festgelegt: Großvater ist Großvater. Nino ist ein Junge. Lena in "Lena und das Geheimnis der blauen Hirsche" ist ein Mädchen. Aber in vielen Geschichten gibt es nur ein Ich und ein DU. Alles offen. Ein Mekka für Illustratoren. Während Ingrid Godon, die bekannt ist für ihre sensiblen und ausdrucksstarken Menschen und Porträtbilder, Großvater und Enkel malt, skizziert Matthias de Leeuw mit filigranem Strich die ebenso filigrane Beziehung zwischen Lena und ihrem aggressiven Bruder. Carll Cneut und Fleur de Weel nehmen sich die Freiheit, uns in eine Fabelwelt zu führen. 

In "Zwei Millionen Schmetterlinge" sind die Protagonisten eine Elefantenfamilie. Der flügge Junge zieht in die Welt hinaus und begegnet verschiedenen Wesen, alle herrlichst in bunte Stoffe gekleidet, mit schicken Hemden, gestreiften Jacken, Samtnahthosen und Tüllkragen. Ein Panorama einer anderen Zeit. Von Ihrem Text aus betrachtet, weiß man nicht, ob es Menschen oder Tiere sind. Fleur de Weel hat die Kinderstimme aus "Superguppy" in ein schwarzes Terrierkind verwandelt. Wie war das für Sie, die Interpretationen und Erweiterungen zu sehen? Sie geben den Text ab, und dann kommen nicht Kinder, sondern Elefanten und ein Terrierkind.

"Jetzt weiß ich ein bisschen besser, wie ein gutes Bilderbuch ist"

Van de Vendel: Wissen Sie, für ein Kind ist ein Elefant nicht nur ein Elefant. Wenn es eine Geschichte gibt, wo der Elefant etwas Spannendes erlebt, dann ist das Kind auch der Elefant. Tiere sind sehr nah an Kindern. Kinder sind Tiere. Wir könnten auch eine Geschichte über einen Tisch schreiben, wenn ich ihm Gefühle gebe und es richtig mache, identifizieren sich die Kinder mit dem Tisch. Es macht mir nicht so viel aus, ob das ein Junge ist oder ein Elefant. Ich glaube sogar, dass die Geschichte einfacher wird, weil es ein Elefant ist. Es ist ein Elefant und es ist ein Ich. Die Kinder haben die Wahl.

Und bei "Superguppy" hat Fleur van de Weel das Hundejunge in den Mittelpunkt gestellt und damit hat sie alle Gedichte verbunden. Für mich gibt es immer eine Kinderstimme, hier ein Junge oder Mädchen von etwa sechs oder sieben Jahren, die die Gedichte laut denkt. Sie hat ein bisschen Humor – mein Deutsch entzieht sich mir heute, flieht vor mir –: Und alle Kinder, egal ob Mädchen oder Jungen, können dieser Hund sein.

Wegmann:  Bei dem nominierten Buch, dem Preisträgerbuch "Der Hund, den Nino nicht hatte" (Red: Nino, der Junge, der sich einen Hund fantasiert, weil er den Vater, einen Piloten, und einen Freund vermisst. Als er einen echten Hund bekommt, fantasiert er sich andere Tiere, weil der echte Hund mit seinem Eigenleben weniger seine Bedürfnisse erfüllen kann.), bei diesem großformatigen Bilderbuch fällt der sehr knappe Text auf, der ohne die großartigen Bilder von Anton van Hertbruggen nicht funktionieren kann. (Red: Bilder, die vom Setting und in ihrer Expressivität und Farbgebung als herbstlich-amerikanisch bezeichnet werden können.) War das Ihre Absicht, den Text so weit zu reduzieren, um dem Illustrator, Anton van Hertbruggen, einen gebührenden Freiraum zu lassen?

Van de Vendel: Ja! Freiraum ist ein schönes Wort für dieses Buch. Ich hatte schon einige Bilder von Anton gesehen und habe gedacht, das ist ein so wunderbares Talent, der soll eigentlich alles machen, was er will. Und er hat gesagt: Ich möchte die Landschaft von Nordamerika oder Skandinavien machen. Oder so etwas. Und ich dachte, wenn ich das mit meinen Worten präge und da drauf bin, dann ist das zu viel. Und ich habe schon viele Bilderbücher gemacht, aber jetzt weiß ich ein bisschen besser, wie ein gutes Bilderbuch ist. Das Bilderbuch soll immer zwei Erzähler haben: den Schriftsteller und den Illustrator. Und wenn der Illustrator kein Erzähler ist, und nichts von der Geschichte zu sich nimmt, dann wird es kein gutes Bilderbuch.

Erdorf: Ich finde das Verhältnis Text und Bild spannend. Schreibe ich einen Bilderbuchtext, der fertig ist, der ohne Bilder auskommt, dann kann der Illustrator Deko dazu malen und ist fertig. Ein guter Bilderbuchtext ist ein Text, der ohne die Bilder nicht sein kann, der alleine nicht fertig ist. Und bei "Der Hund, den Nino nicht hatte" ist das so. Wir hatten eine Kritik, die sagte: Traumhaftes Bilderbuch, aber der Text fällt dahinter zurück. Und da muss man einen gestandenen Autor haben, der das Selbstbewusstsein hat, denn plötzlich glänzt vielleicht der sehr junge, sehr talentierte Illustrator. Und der Autor steht im Hintergrund.

Wegmann: Edward, Sie haben eine literarische Form erfunden: die Slash-Reihe.

"Das Buch sollte ein Film sein"

Van de Vendel: Die Slash-Reihe, das sind Romane, wo es einen Schriftseller und einen Erzähler gibt. Der Erzähler ist ein Junge oder Mädchen zwischen 17 und 25 Jahren, die eine spezielle Lebensgeschichte haben. Slash heißt, wir arbeiten zusammen an dem Buch. Der Jugendliche als Erzähler und wir haben viele Gespräche und viele Interviews. Und wenn das fertig ist, schreibt der Autor seinen Roman. Also es ist ein Roman, der auf einer wirklichen Geschichte basiert.

Wegmann: So haben Sie  "Der Glücksfinder" geschrieben, über den afghanischen Jungen Hamayun und seine Flucht vor den Taliban nach Europa. Jetzt gerade ist ein neuer Band in Deutschland erschienen: "Krebsmeisterschaft für Anfänger" – hier haben Sie mit Roy Looman zusammengearbeitet, der seinen Kampf gegen den Krebs von der Zeit vor der Erkrankung bis zur Diagnose und der Behandlung und dem Umgang der anderen mit ihm und all den Veränderungen erzählt. Ein ehrliches Buch, wie auch schon "Der Glücksfinder". Ein wichtiges Buch, weil es zeigt, dass man eine solche Krankheit nie alleine hat. Wie sehr verändert sich Ihr Stil, Ihre Sprache, wenn Sie mit jemandem zusammenschreiben?

Van de Vendel: Sehr viel.

Erdorf: "Der Glücksfinder", der Titel alleine, da ist ganz viel Poesie in diesem Buch, die aus der Familie kommt. Auch aus dem Islam. Die Großmutter bleibt mit dem Säugling zurück und hat ein Ritual, wobei sie Rosenblätter verstreut und sagt: Allah hat wunderbare Pläne mit eurem Leben, das weiß ich ganz genau. Und das hat Edward daher. Und die Qualität liegt darin, das auch zu sehen. Auch da ist er wieder ein Stück weit zurückgetreten, wo ich nur sagen kann. Chapeau!

Wegmann: Heißt das, Edward Van de Vendel, Sie benutzen auch sprachliche Bilder, die Sie normalerweise nicht benutzen würden?

Van de Vendel: Ja, denn Anoush, die Hauptfigur im "Glücksfinder" liebt Filme und er ist in seiner Erzählung auch sehr filmisch und sehr sinnlich. Ich habe immer gedacht, das Buch sollte ein Film sein. Und bei dem anderen Buch "Krebsmeisterschaft für Anfänger", da war es vor allem der Ton. Darf ich mal den ersten Satz vorlesen, da hören wir, dass dieser Ton ganz anders ist als meiner, denn Roy ist sehr direkt. Sehr sehr sehr direkt.

So fängt es an: (Edward Van de Vendel liest den Anfang von "Krebsmeisterschaft für Anfänger")

Wegmann: Edward Van de Vendel, wie viel ist denn fiktionalisiert bei der Geschichte?

"Dass man so etwas übersetzen darf, ist ein unglaubliches Glück"

Van de Vendel: Nichts. Nichts. Die Geschichte ist eine Geschichte mit so vielen Geheimnissen. Eigentlich habe ich einiges Private weggelassen. Und wenn es mal eine Passage gibt, die nicht 100 Prozent so war, dann hat Roy gesagt: Es war nicht so, aber es war doch so. Das Gefühl war das gleiche.

Wegmann: Das ist ein sehr ehrliches, ein sehr berührendes Buch. Wie viel Biografisches oder Autobiografisches oder Echtes braucht eine Geschichte, um zu berühren?

Van de Vendel: Autobiografisches will ich nicht sagen. Und Echt muss nicht so passiert sein. Man kann etwas erzählen und das fühlt sich wie echt an. Es ist nah an echten Gefühlen. Es gibt immer einen Kern in einem Buch, in einer Erzählung, eigentlich in allem, wo man sagt: Jetzt steht etwas auf dem Spiel. Und das muss es immer geben.

Wegmann: Welches Buch von Edward hat Ihnen, Rolf Erdorf, beim Übersetzen am meisten Spaß gemacht?

Erdorf: Ja, ich glaube, es sind doch die Gedichte. Es gibt ein neues Buch gerade aktuell über Tod: "Überall & nirgends" von Bette Westera & Sylvia Weve. (Red: Goldenen Griffel und Woutertje Pieterse Prijs).

Ich hätte mich nie getraut, das Buch zu übersetzen, wenn ich vorher nicht "Superguppy"-Gedichte übersetzt hätte. Als Übersetzer ist man davon abhängig, was man in die Hand bekommt. Dass man so etwas übersetzen darf, ist ein unglaubliches Glück. Wir leben als Übersetzer und Verleger von der Fantasie der Autoren.

Wegmann: Wir sprechen über Literatur, über Gedichte. Aber in der literarischen Welt herrscht ein großes Jammern, zum Teil ein berechtigtes Jammern über die zunehmende Verflachung der Inhalte und Stile durch das in den Vordergrund Rücken kommerzieller Interessen, die den Raum für literarische Bücher verengen. Ihre Meinung?

Kommerzielle Bedürfnisse sind gemachte Bedürfnisse

Van de Vendel: Ich bin eigentlich ziemlich optimistisch, denn wie wir jetzt auch wieder alle Schallplatten drehen, wird das Buch immer da bleiben. Ich denke, dass es kein Problem gibt. Oberflächlichkeit hat es immer gegeben.

Erdorf: Ich kann mich dem nur anschließen. Es gibt ein Bedürfnis nach tatsächlichen Sachen, wie auch beim Essen. Und so ist das mit Büchern. So ist es auch bei dem Buch "Überall & Nirgends", das ist ja kein leichtes Thema (Red: Tod), aber es trifft ein tatsächliches Bedürfnis, und kommerzielle Bedürfnisse sind gemachtes Bedürfnisse. Es gibt Dinge, die man wirklich braucht und die sind in Büchern, die keine Produkte sind. Deshalb hab ich keine Angst. Dass das nicht die 100.000er Auflagen holt, das ist so, das war schon immer so. Aber dass das gute Buch weiter existiert, da bin ich absolut sicher.

Wegmann: Mit diesem hoffnungsvollen Ausblick auf die Zukunft des guten Buches endet das Büchermarktgespräch mit dem Schriftsteller Edward Van de Vendel und seinem Übersetzer Rolf Erdorf, aufgenommen auf der Deutschlandfunkbühne während der Frankfurter Buchmesse 2016.

Wir sprachen über das diesjährige Preisträgerbuch des Deutschen Jugendliteraturpreises in der Sparte Bilderbuch, "Der Hund, den Nino nicht hatte", über den Gedichtband "Superguppy" und den neuen Roman "Krebsmeisterschaft für Anfänger". Alle Titel, Illustratoren und Verlage finden Sie auf unserer Webseite: deutschlandfunk.de

Hier können Sie die ganze Sendung noch einmal anhören oder nachlesen. Jetzt hören Sie die Kollegen von Forschung aktuell. Ihnen zuhause und unterwegs ein schönes Wochenende wünscht Ute Wegmann.

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