Seit 03:05 Uhr Weltzeit
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 03:05 Uhr Weltzeit
StartseiteEuropa heuteDeutschland - das wenig geliebte Vorbild für Frankreich18.04.2012

Deutschland - das wenig geliebte Vorbild für Frankreich

Serie zu den Präsidentschaftswahlen (Teil 3)

Deutschland und Frankreich, gemeinsam stark in der Eurokrise: So gefielen sich die Staatslenker Merkel und Sarkozy in den letzten Monaten. Lernen könne man von Deutschland, schwärmte Sarkozy - und muss im Wahlkampf ernüchtert sehen, dass nicht alle Wähler seiner Meinung sind.

Von Ursula Welter

Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel - politisch innig zugetan - zum Missfallen der Sozialisten. (picture alliance / dpa / Ian Langsdon)
Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy und Bundeskanzlerin Angela Merkel - politisch innig zugetan - zum Missfallen der Sozialisten. (picture alliance / dpa / Ian Langsdon)

Linke wie rechte Politiker haben den Weg der deutsch-französischen Freundschaft beschritten, stellte Staatspräsident Nicolas Sarkozy im vergangenen Jahr klar. An seiner Seite stand da die Bundeskanzlerin, Angela Merkel, zu Besuch in Paris. Die französische Innenpolitik hatte Anlass zu dieser Klarstellung gegeben.

Deutschland verdient sein Vermögen zu unseren Lasten, hatte Arnaud Montebourg von den Sozialisten gerade gesagt und die Kanzlerin mit Bismarck verglichen:

Die Politik spreche gerade viel von Germanophobie, hieß es im Radio, "Sind wir antideutsch?" lautete eine beliebte Fragestellung. Es werde ein wahrer Kult um das deutsch-französische Verhältnis betrieben, beklagte auch Vincent Giret von der linksliberalen Zeitung "Liberation" in einem Interview.

Was war geschehen? Nach der Sommerpause löste nicht nur ein Krisentreffen der Europäer das andere ab. Frankreichs Bevölkerung lernte auch etwas über seine Nachbarn: keine Rede, kein Vortrag, keine Erklärung, in der nicht vom Vorbild Deutschland die Rede war. Die konservative Regierung Fillon begründete ihre Sparbeschlüsse damit, Staatspräsident Sarkozy wurde nicht müde, Gerhard Schröder zu loben. Ein Sozialdemokrat habe in Deutschland Großes geleistet, Schröder habe es mit Hartz IV vorgemacht, auch Frankreich brauche solche Reformen, in Deutschland handelten die Gewerkschaften verantwortungsbewusster und die duale Berufsausbildung sei ohnehin nachahmenswert.

"Denken Sie nicht auch, dass es meine Aufgabe ist zu schauen, was um uns herum geschieht und zu sagen, seht, bei denen hat es funktioniert?"

Nach deutschem Vorbild will Sarkozy deshalb die Mehrwertsteuer anheben, um die Lohnnebenkosten zu entlasten. Ein Gesetz, das die Sozialisten im Falle des Wahlsieges wieder rückgängig machen wollen. Sarkozy habe die Opposition gleichsam gezwungen, gegen das deutsche Modell in Stellung zu gehen, sagen die politischen Beobachter in Frankreich. Präsidentschaftskandidat Sarkozy lässt von der Idee jedoch nicht ab, es Deutschland nachzumachen. Von einem gemeinsamen Wahlkampfauftritt Angela Merkels mit Nicolas Sarkozy ist allerdings keine Rede mehr, Paris habe nicht um einen Termin gebeten, heißt es diplomatisch in Berlin. Die Zurückhaltung könnte ein Indiz sein, dass das stete Deuten auf deutsche Erfolge auch Wählerstimmen kosten kann.

"Die Deutschen lachen doch schon," schimpft dieser Elsässer. "Wann immer sie das Fernsehen anmachen, sehen Sie Sarkozy, der von Merkel spricht. Aber wir wohnen doch nicht in Deutschland, wir wohnen in Frankreich, Frau Merkel hat genug bei sich zu tun, sie soll bleiben, wo sie ist, wir sind groß genug."

"Letzte Woche habe ich gelesen, dass ein deutscher Minister gesagt hat, wir sollten unser Atomkraftwerk abschalten. Wo kommen wir dahin, werden wir jetzt von denen herumkommandiert?"

Angesichts solcher Wählermeinungen sehen sich Frankreichs Sozialisten in ihrer Kritik an Deutschland bestärkt: Die Hartz-IV-Reformen hätten viele Deutsche arm gemacht und Angela Merkel treibe es mit ihrer Haushaltsstrenge zu weit. Francois Hollande will den europäischen Fiskalpakt in seiner jetzigen Form nicht mittragen, und er sieht sich darin einig mit den deutschen Sozialdemokraten.

Kritik an Deutschland sei nicht gleichzusetzen mit Germanophobie, sagt Jérome Fourquet vom Forschungsinstitut IFoP, das im Auftrag der Deutschen Botschaft in Paris nach Spuren einer Aversion gegenüber Deutschland suchen sollte.

Das Verhältnis der Franzosen zu den Deutschen sei mehr von Respekt geprägt, denn von Sympathie.

Weitere Teile der Serie:
Teil 2: Auf Stimmenfang bei Frankreichs Jungwählern
Teil 1: Europa als französisches Wahlkampfthema

13 Fragen zur Präsidentenwahl in Frankreich (Quelle: Französische Botschaft in Deutschland)

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk