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StartseitePolitische Literatur (Archiv)"Deutschland ist kinderfeindlich"18.02.2008

"Deutschland ist kinderfeindlich"

Christa Müller fordert Erziehungsgehalt für Mütter

Mit ihren Wahlerfolgen hat die Partei Die Linke die politische Landschaft aufgemischt. Ihr Hauptthema, soziale Gerechtigkeit, hat sich als so zugkräftig erwiesen, dass mittlerweile alle Parteien an ihrem sozialen Profil feilen. Wenn es nach Christa Müller, der familienpolitischen Sprecherin der Partei im Saarland geht, soll sich das mit der Familienpolitik wiederholen. Kostas Petropulos hat ihr nicht unumstrittenes Buch gelesen.

Die Linke hat mit den Wahlerfolgen in Niedersachsen und Hessen die politische Landschaft verändert.  (AP)
Die Linke hat mit den Wahlerfolgen in Niedersachsen und Hessen die politische Landschaft verändert. (AP)

"Deutschland ist kinderfeindlich. Und am kinderfeindlichsten sind die deutschen Politiker, allen voran die Ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Ursula von der Leyen. Aber sie war es nicht, die damit begann. Die Ausbeutung der Familien setzte bereits Ende der fünfziger Jahre ein."

Dieses vernichtende Urteil über die bundesdeutsche Familienpolitik der letzten Jahrzehnte stellt Christa Müller an den Anfang ihres neuen Buches "Dein Kind will dich. Echte Wahlfreiheit durch Erziehungsgehalt". Müllers Votum dürfte die Leserschaft nicht weiter überraschen, da es von der familienpolitischen Sprecherin der saarländischen Linkspartei stammt. Allerdings ist es doch weitaus mehr als das Gepoltere aus einer Oppositionspartei, die nach ihrem Siegeszug in Ostdeutschland auch im Westen zum Machtfaktor werden will.

Die Diplomvolkswirtin stützt sich nämlich bei ihrem Urteil auf Studien renommierter Experten, die sie ausführlich zitiert. Was ihr Buch so ungewöhnlich macht, ist das flammende Bekenntnis zur bürgerlichen Kleinfamilie und das uneingeschränkte Lob der Familien- und Hausarbeit. Damit stellt Christa Müller selbst die CDU-Bundesfamilienministerin in den Schatten. Ob Geburtenrückgang, Kinderarmut, Vernachlässigung von Kindern, Bildungsversagen oder Jugendkriminalität – all diese Phänomene hängen für die Mutter eines Kindes letztlich mit der schwindenden Leistungsfähigkeit der traditionellen Familie zusammen. Sie sei nämlich gleich von mehren Seiten unter Druck geraten. Wenn etwa Eltern ihre Kinder schlagen, dann wegen Überforderung:

"Arbeitslosigkeit, Schulden, Existenzsorgen, ein zu niedriges Einkommen erschweren vielen Familien das tägliche Leben. Manche Eltern haben auch selbst nie erfahren, wie sich das Leben in einer friedlichen, einander zugeneigten Familie vollzieht. Und die äußeren Lebensbedingungen machen es heutzutage den Familien nicht leichter, Kinder aufzuziehen."

Dazu zählt Christa Müller etwa den praktisch kaum zu begrenzende Medien- und Computerspielkonsum von Kindern. Hinzu kommt ein allgegenwärtiger Konsumdruck, dem sich selbst die ärmsten Familien kaum entziehen könnten.

"Und noch eine zusätzliche Gefahr kann die Kindheit bedrohen: die Ganztagsbetreuung in Krippen, Kindergärten, Schulen und Horten und die damit verbundene Trennung der Kinder von ihren Eltern und Geschwistern."

Die politisch forcierte Fremdbetreuung von Kindern und Jugendlichen ist für die passionierte Mutter der wichtigste Risikofaktor überhaupt, der eine gesunde Entwicklung des Nachwuchses gefährde. Ausführlich zitiert Müller internationale Studien und Fachleute, um ihre ablehnende Haltung zu untermauern.

"Man kann es drehen und wenden, wie man will: Die jüngere Bindungsforschung kommt eindeutig zu dem Ergebnis, dass Kinder in den ersten drei Lebensjahren eine intensive, liebevolle und zuverlässige Einzelbetreuung durch ein- und dieselbe Person benötigen, am besten die Mutter oder den Vater."

Auch in späteren Jahren gelte es, Eltern und Kindern genügend gemeinsame Zeit zu ermöglichen. Ganztagskindergärten und Ganztagsschulen wie sie die Regierung in schönster Eintracht mit den Wirtschaftsverbänden vorantreiben würden, seien da der falsche Weg. Statt das gesamte Familienleben an die Bedürfnisse der Arbeitswelt anzupassen, käme es darauf an, wieder ausreichend Raum für Familien- und Hausarbeit zu schaffen. Davon würden nicht nur die Kinder profitieren, sondern ebenfalls die gesamte Volkswirtschaft. Erwerbs- und Familienarbeit, so das Credo der saarländischen Volkswirtin, seien gleichwertig und müssten deshalb beide bezahlt werden. Deshalb ihr radikaler Vorschlag:

"Alle Familien erhalten für die Fürsorge und Erziehung, die sie ihren Kindern angedeihen lassen, ein leistungsgerechtes sozialversicherungspflichtiges Erziehungsgehalt."

Es soll im ersten Lebensjahr des Kindes 1600 Euro monatlich betragen und bis zum 20. Lebensjahr auf 500 Euro absinken. Nicht nur mit der Höhe und der Zahldauer geht Christa Müller weit über das hinaus, was bislang politisch jemals diskutiert worden ist. Hinzu kommt ihre Vorstellung von einem ausgeprägten Kontrollsystem, das ein optimales Erziehungsklima für alle Kinder in ihren Familien sicherstellen soll. Ist das nicht gewährleistet, soll der Staat viel leichter als bisher massiv eingreifen können.

"Wenn sich herausstellt, dass die leiblichen Eltern kein ausreichendes Interesse an ihrem Kind haben oder überfordert sind, sollten sie davon überzeugt werden, es zur Adoption freizugeben oder zumindest dauerhaft in eine ausgewählte Pflegefamilie zu geben."

Spätestens hier kommen dem Leser doch große Zweifel an Christa Müllers Bekenntnis zum Grundsatz der Wahlfreiheit bei der Kinderbetreuung. Mit ihrem Erziehungsgehalt gäbe es für Eltern tatsächlich keinen wirtschaftlichen Zwang mehr, die eigenen Kinder in die Hände anderer zu geben, vor allem nicht in die Obhut staatlicher Krippen. Aber in Kombination mit dem von Müller geforderten Aufsichts- und Kontrollsystem würden die staatsfernen, privaten Gestaltungsfreiräume der Familien doch erheblich eingeschränkt.

Selbst der Titel ihres Buches lässt bei genauerem Hinsehen diese Widersprüchlichkeit erkennen. Einerseits "echte Wahlfreiheit durch Erziehungsgehalt" andererseits der mahnende Appell an die Leserschaft: "Dein Kind will dich". Zusammen mit der grundsätzlich ablehnenden Haltung gegenüber der Krippenbetreuung gibt es für Müller im Grunde keine echte Alternative zur Kinderbetreuung in der Familie – vorzugsweise durch die Frauen. Diese Haltung ist durchaus schlüssig, wenn die leidenschaftliche Mutter ihr ideales Familienmodell beschreibt:

"Wenn sich die Familie für die Vollerwerbstätigkeit des in der Regel besserverdienenden Ehemannes entscheidet und sich die Ehefrau auf die Hausarbeit spezialisiert und dem Mann ‚den Rücken freihält’ führt dies im Normalfall zu optimalen Ergebnissen für den Haushalt. Sie unterstützt ihren Mann durch berufliche Beratung, die Pflege sozialer Kontakte, sie schafft für die Familie ein gemütliches Zuhause und trägt damit zu deren Motivation bei."

Dieses klassische, konservative Frauen- und Familienverständnis hat ganz selbstverständlich seine Existenzberechtigung. Es ist jedoch nicht verallgemeinerbar. Schließlich gibt es heute viele Frauen und Männer, die sowohl erwerbstätig sein wollen, als auch den Alltag ihrer Kinder miterleben möchten. Umso wichtiger ist es, Rahmenbedingungen in der Gesellschaft und Arbeitswelt zu schaffen, die Raum für alle Modelle des Zusammenlebens mit Kindern lassen.

Fazit: Mit ihrem gutbegründeten Konzept eines Erziehungsgehaltes macht Christa Müller zweifellos einen Vorschlag, der der familienpolitischen Debatte im Lande einen neuen, kräftigen Impuls geben könnte. Allerdings zeigt ihr Buch zugleich, was die unverzichtbare Voraussetzung dieser Debatte sein muss: Die Bereitschaft, die Vielfalt der Lebensmodelle von Eltern und Kindern in unserer modernen Gesellschaft anzuerkennen und zu respektieren.


Christa Müller: Dein Kind will dich. Echte Wahlfreiheit durch Erziehungsgehalt
Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2007
176 Seiten, 18,90 Euro

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