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StartseiteHintergrundGetrennt, geordnet - aber nicht immer verwertet27.08.2017

Deutschland und sein MüllGetrennt, geordnet - aber nicht immer verwertet

Deutschland ist stolz auf sein Image als Recycling-Weltmeister. Durch Online-Shopping, Plastikflaschen- und Coffee-to-go-Kultur produzieren die Deutschen allerdings auch viel Müll. Ein neues Gesetz soll die Verwertung effizienter machen - und auch den Online-Versandhandel dazubringen, einen Recycling-Beitrag zu leisten.

Von Dieter Nürnberger

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Grün, braun, schwarz, gelb: So geht Mülltrennung, wie hier in Stuttgart praktiziert. (dpa / picture alliance / Bernd Weißbrod)
Neues deutsches Verpackungsgesetz gegen die Müllflut: Ab 2019 müssen Verpackungshersteller Mengen und Material der Verpackungen registrieren lassen. (dpa / picture alliance / Bernd Weißbrod)
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"Jetzt gehen wir mal hier in die Maschinenhalle rein, da haben wir zwei große Kanalballenpressen. Hier wird zum Beispiel gerade PET verpresst, und auf der anderen Seite Papier verpresst. Macht natürlich ein bisschen Lärm. Die werden dann zu solchen Ballen verpresst."   

Joachim Lange ist Geschäftsführer des traditionsreichen Berliner Recyclingunternehmens "Bartscherer". Ein mittelständischer Betrieb mit 160 Mitarbeitern. Seit 1921 wird hier Müll verwertet. Ungefähr 50.000 blaue "Bartscherer"-Tonnen stehen in der Hauptstadt. Und die Berliner befüllen sie mit Sekundärrohstoffen: Papier, Pappe und Plastik, welches zurück in die Stoffkreisläufe geführt werden soll, um natürliche Ressourcen einzusparen.

Das Herzstück des Recyclingbetriebs ist die Sortieranlage. Hier werden verschiedene Papiere und Pappen voneinander getrennt. Auf einem überdimensionalen, ruckelnden Sortiertisch - ein mechanischer Prozess, teils auch noch per Hand. Es geht um Sortenreinheit - Geschäftsführer Joachim Lange:  

"Nehmen wir mal an - Kataloge  oder so. Was aus sehr hochwertigem, holzfreiem Papier hergestellt worden ist.  So etwas wird bei uns sortenrein verarbeitet, also verpresst. Und dann der entsprechenden Papierindustrie wieder zur Verfügung gestellt. Da darf also kein Graukarton, keine geleimten Buchrücken dabei sein. Man kann fast die gleichen Weißegrade wieder herstellen, wie es vorher war."

Zwei Drittel deutschen Hausmülls werden recycelt

Deutschland ist Recycling-Europameister, das zeigen Zahlen der Europäischen Umweltagentur. Viele Experten verwenden sogar den Titel des Weltmeisters. Zwei Drittel des Hausmülls werden hierzulande recycelt, so die Statistik. Eine wesentliche Grundlage dieses Erfolgs ist die Verpackungsverordnung, die 1991 in Kraft trat. Clemens Stroetmann war damals Staatssekretär im Bundesumweltministerium unter Klaus Töpfer. Er gilt als einer der Väter der Verpackungsverordnung, Stroetmann spricht von einer Erfolgsgeschichte: 

"Als die Verpackungsverordnung 1991 in Kraft trat, hat man uns eher belächelt. Was ist der Grüne Punkt? Wenn wir heute zurückschauen, dann stellen wir fest, dass das Grundprinzip - nämlich Produktverantwortung umzusetzen und die diejenigen, die etwas herstellen, zu verpflichten, nach Gebrauch diese Sachen zurückzunehmen - mittlerweile in zahlreichen Ländern der Welt als System der Ressourcenschonung betrachtet wird."   

Zu einem damals schon vorhandenen öffentlich-rechtlich betriebenen Entsorgungssystem kam ein privates hinzu, getragen von Unternehmen des Handels und der Verpackungsbranche: das Duale System mit dem Grünen Punkt. Umfragen zeigen: 90 Prozent der Deutschen kennen das Symbol, welches jährlich auf rund 460 Milliarden Verpackungen gedruckt wird. Diese sollen im gelben Sack oder der gelben Tonne entsorgt werden.

Ein Barista legt den Deckel auf einen Einweg-Kaffeebecher voller Kaffee. (imago/Westend61)Kaffeebecher "to go", Einwegplastikflaschen und Getränkedosen haben im Umweltministerium Handlungsbedarf ausgelöst. (imago/Westend61)

Dafür zahlt der Verbraucher eine kleine Gebühr beim Einkauf, im Gegenzug verpflichten sich die Hersteller und Händler, für eine fachgerechte Sammlung, Entsorgung und Wiederaufbereitung des Hausmülls zu sorgen. Auch das ein Erfolgsmodell, welches inzwischen in mehr als 20 Ländern Europas als Vorbild gilt.

Doch sind die Deutschen nicht nur Europa- oder gar Weltmeister im Recyceln. Sie produzieren auch deutlich mehr Müll als die meisten anderen Länder. Zwölf Kilogramm pro Woche und Einwohner oder insgesamt gut 45 Millionen Tonnen Haushaltsmüll pro Jahr. Tendenz steigend: Vor allem Verpackungsmüll vom Online-Shoppen, Kaffeebecher "to go", die Einwegplastikflaschen und Getränkedosen haben im Umweltministerium Handlungsbedarf ausgelöst.

Unter Federführung von Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) wurde deshalb lange mit den Bundesländern über ein Gesetz verhandelt, das die alte Verpackungsverordnung zu Jahresbeginn 2019 ablösen wird. 

"Damit werden wir mehr Glas, Papier und nicht zuletzt mehr Kunststoffe aus unseren Abfällen dann auch wiedergewinnen. Wir setzen zweitens mehr Anreize für einen sparsamen und ressourcenschonenden Umgang mit Verpackungsmaterial. Je ökologischer und recyclingfähiger eine Verpackung ist, desto weniger Lizenzgebühren sollen die Unternehmen im Dualen System zahlen. Es gibt also einen finanziellen Anreiz, dort besser zu werden." 

Neues Gesetz - ein zahnloser Tiger?

Nicht nur der Bundesrat, auch die Kreislaufwirtschaft mit ihren knapp 270.000 Beschäftigten und rund 70 Milliarden Euro Umsatz hatte eigene Vorstellungen zum Gesetz. Peter Kurth, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft, BDE:  

"Da geht es um Mengen, da geht es auch um die Auslastung von Müllverbrennungsanlagen. Natürlich geht es auch um Geld - na klar. Das ist ein Wirtschaftszweig, und wir wollen alle die ökologische Weiterentwicklung unserer Wirtschaft."

Jährlich müssen rund 400 Millionen Tonnen an Abfällen umweltgerecht verwertet und entsorgt werden. Die deutsche Kreislaufwirtschaft sei leistungsfähig, sagt Kurth.  

"Wir haben insgesamt eine gute Struktur. Wir haben aber auch Entwicklungen, die eher besorgniserregend sind. Wenn ich mir die mineralischen Abfälle anschaue - also die Bauabfälle - dann haben wir hier mit deutlich über 200 Millionen Tonnen pro Jahr den größten Abfallstrom. Und wir haben die Besonderheit der Verpackungsabfälle, die in der Tat stark zunehmen." 

Gemessen an der deutschen Müllvermehrung macht das neue Gesetz nun keine Quantensprünge: Im Mittelpunkt stehen vor allem Recyclingquoten. So soll bis 2022 beispielsweise die Vorgabe für Kunststoffverpackungen von derzeit 36 auf 63 Prozent steigen. Oder für Metalle von heute 60 auf 90 Prozent.

Vor allem aber soll die Mehrwegquote im Getränkebereich wieder steigen. Denn diese lag 2004 noch bei rund 66 - 2015 nur noch unter 44 Prozent. Trotz Einführung eines Pfandes auf Einweg-Getränkeverpackungen wie Dosen oder Plastikflaschenflaschen im Jahr 2003. Damals unter dem grünen Umweltminister Jürgen Trittin, der sich penibel an die Vorgabe der Verpackungsverordnung hielt, die da hieß: Fällt die Mehrwegquote unter einen bestimmten Wert, damals 72 Prozent, muss ein Pfand für Einweg her.

Ruf nach 20-Cent Strafabgabe auf Einweg-Getränke (dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck)Discounter wie Aldi oder Lidl bieten nur noch Einwegflaschen an - logistisch sei das einfacher. (dpa / picture alliance / Bernd Wüstneck)

Im neuen Gesetz wurde eine Quote nun überhaupt erst auf Druck des Bundestages verankert - und mit lediglich 70 Prozent ist die neue Mehrwegquote sogar etwas geringer als vorher. Clemens Stroetmann, der einstige Staatssekretär im Umweltministerium, ist heute Geschäftsführer der "Initiative Mehrweg". Er hält das Gesetz denn auch zumindest in diesem Punkt für einen zahnlosen Tiger:

"Jetzt haben wir die Mehrwegquote drin. Aber sie ist eine unverbindliche Quote und im Gegensatz zur "VerpackV" 1991 bleibt sie ohne Sanktionen, wenn sie verfehlt wird."

Inzwischen haben Discounter wie Aldi oder Lidl Mehrwegflaschen sogar aus dem Sortiment genommen und bieten nur noch Einweg an - logistisch sei das einfacher. Nur beim Bier funktioniert die Mehrwegquote derzeit noch, sagt Stroetmann. Was auch damit zusammenhänge, dass die Deutschen den Gerstensaft wohl doch lieber aus einer Glas- statt aus einer Plastikflasche genießen. Eine Glasflasche lasse sich rund 70 Mal wiederbefüllen, das spart unter anderem auch CO2 ein - ein wichtiges ökologisches Argument, sagt Stroetmann, neben anderen:  

"Nämlich, dass Einwegverpackungen - ökonomisch betrachtet - immer auf Zentralisation und große Entfernungen gehen. Und Mehrwegverpackungen mittelständische Strukturen voraussetzen. Mehrweg schafft Arbeitsplätze. Das sind Entwicklungen, die nicht immer hinlänglich beachtet werden, auch nicht mit dem neuen Verpackungsgesetz."

Man müsse konsequenter gegen den wachsenden Anteil von Einweg-Getränkeverpackungen vorgehen, sagt auch Thomas Fischer, Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft bei der Deutschen Umwelthilfe:

"98,5 Prozent der in Verkehr gebrachten Einweg-Plastikflaschen werden wieder zurück in die Supermärkte gebracht - aufgrund des Einwegpfandes. Aber nur durchschnittlich 30 Prozent der alten Flaschen werden wieder für die Neuherstellung von Einweg-Plastikflaschen genutzt. Das hat technische Gründe - wenn man mehr als 30 Prozent Recyclat für diese Plastikflaschen einsetzen würde, dann würden sie furchtbar hässliche Gelb- und Grauverfärbungen bekommen. Deshalb macht man das nicht. Das heißt: Diese Einweg-Plastikflaschen bestehen nach wie vor zum größten Teil aus fossilem Rohöl und Neumaterial. Aus einer alten Plastikflasche wird eben nicht eine neue Einweg-Plastikflasche."

Immerhin will das neue Verpackungsgesetz die Orientierung für die Kunden erleichtern. Da seit 2003 sowohl auf Mehrweg und auch auf Einweg Pfand erhoben wird, blicken viele nicht mehr durch und stehen etwas ratlos vor den Rückgabeautomaten im Supermarkt. Ab 2019 soll in den Supermärkten direkt am Verkaufsregal ein Hinweis angebracht werden. Doch nicht direkt auf der Flasche, wie es sich die "Initiative Mehrweg" und die Deutsche Umwelthilfe gewünscht hätten.

Wenn in Deutschland der Müll abgeholt wird, kommt nicht nur ein Müllwagen, sondern gleich mehrere. Ein Entsorger holt Glas ab, ein anderer Papier oder den Biomüll aus der braunen Tonne. In der Diskussion ist seit Jahren auch eine orange Wertstofftonne. Nicht nur wie bisher Verpackungen mit Grünem Punkt könnten dann eingeworfen werden, sondern auch stoffgleiche Produkte und Haushaltsgegenstände, etwa Kleiderbügel oder Kochgeschirr.

In vielen Kommunen gibt es die orange Tonne schon, doch bundesweit und flächendeckend kann sie nicht gesetzlich eingeführt werden. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks:        

"Das hätte ich gerne gesehen, war aber in der Tat nicht durchsetzbar. Weil sich Private und Kommunen nur noch über die Frage gestritten haben, wer diese Säcke und Tonnen denn abholen darf. Und das Abholen ist natürlich mit dem Geld, was man damit verdient, verbunden. Und deswegen war dort einfach keine Einigkeit zu erzielen."

Kaum zu durchschauende Müllbürokratie

Das Hickhack zwischen kommunalen und privaten Entsorgern haben die Kritiker des deutschen Entsorgungssystems von Anfang an beobachtet. Die Städte und Gemeinden haben ihr Müllentsorgungs-Monopol nicht ganz freiwillig aufgegeben, zudem hoben die Kartellbehörden die marktbeherrschende Stellung des Dualen Systems wieder auf. Inzwischen hat das Duale System Deutschland regional unterschiedliche Wettbewerber. Das hat zwar generell zu Preissenkungen bei der Entsorgung geführt, doch entsprechend zahlen Verbraucher in den Kommunen unterschiedlich hohe Gebühren.  

Entstanden sei eine kaum noch durchschaubare Müllbürokratie, sagen Kritiker. So gab es beispielsweise immer wieder einzelne Hersteller, die beim Dualen System versuchten, möglichst keine oder nur geringe Mengen an Verpackungen anzumelden - Motto: Das um unser schönes Produkt gewickelte Plastik wiegt doch fast nichts. Trittbrettfahrer, die so ihre Lizenzgebühren für den Grünen Punkt sparten. Es gibt schwarze Schafe, bestätigt auch Peter Kurth, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Entsorgungswirtschaft:     

"Es gibt schon Probleme, was die Mengenmeldung angeht. Dass eben Mengen in den Verkehr gebracht worden sind, auch in der gelben Tonne gelandet sind und von unseren Unternehmen gesammelt und aufbereitet wurden, dafür aber nicht bezahlt wurde. Die sogenannten Lizenzentgelte. Der Vollzug hat hier nicht funktioniert, von daher ist der Ansatz, nun eine zentrale Stelle durch das Verpackungsgesetz zu schaffen, die sich mit dem Vollzug beschäftigt, einer der wesentlichen Fortschritte. Darauf setzen wir große Hoffnungen."

Ab 2019 müssen sich nun sämtliche Verpackungshersteller bei einer zentralen Stelle Verpackungsregister anmelden und Mengen und Material der Verpackungen registrieren lassen. Das gilt auch für Online-Händler, die nun für die Unmengen an Verpackungsmüll mitbezahlen sollen, den sie in Umlauf bringen. Clemens Stroetmann, einer der Väter der deutschen Entsorgungsvorschriften, ist dennoch skeptisch.      

"Im entscheidenden  Organ der zentralen Stelle sitzt mehrheitlich die Vertretung des Handels. Diejenigen, die lizenzierungspflichtig sind, sind am Ende zugleich diejenigen, die die Rahmenbedingungen überwachen, nach denen die Lizenzierungspflicht von Einwegverpackungen erfolgt. Das klingt ein bisschen danach, als wenn man die Kaninchen zu Hütern des Salatfeldes bestellt."

Gesetzgeber und auch der Bundesverband der deutschen Entsorgungswirtschaft hoffen dagegen auf mehr Effizienz, und für Kontrolle seien im Übrigen Umweltbundesamt, Bundesrechnungshof und das Bundeskartellamt zuständig.

Abfallvermeidung umweltfreundlicher als Recycling

Insgesamt befinden die Experten, dass das neue Verpackungsgesetz durch höhere Recyclingquoten und eine bessere Erfassung der Abfallströme wohl den Ruf Deutschlands als Recyclingweltmeister fortschreiben wird. Allerdings ist Recycling nicht per se die beste Lösung, sagt beispielsweise Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe.

"Wenn wir immer über Kreisläufe reden, dann wird zu viel über Recycling geredet. Natürlich kann man Verpackungen recyceln, aber wir haben in Deutschland ein Kreislaufwirtschaftsgesetz. Dort gibt es eine fünfstufige Abfallhierarchie. Und an erster Stufe steht die Abfallvermeidung. Es ist immer umweltfreundlicher, Verpackungen gar nicht erst herzustellen und Ressourcen einzusparen, als sie zu sammeln und zu recyceln. Das verbraucht nämlich auch Energie und Rohstoffe. Deshalb muss man sagen: Eigentlich müssten wir viel mehr über das Vermeiden von Abfällen sprechen."

Die Anreize, Verpackungen leichter und besser recycelbar zu machen, reichten nicht aus, sagt Fischer. Er ist einer der wenigen Experten in Deutschland, der sogar die publizierten Recyclingquoten infrage stellt. Beispiel Verpackungsmüll: Die Europäische Umweltagentur geht davon aus, dass rund zwei Drittel davon recycelt werden, der Rest gehe in Verbrennungsanlagen und werde zur Energiegewinnung genutzt. Fischer bezweifelt das, denn in Deutschland gelte ja schon als "recycelt", was eigentlich erst einmal nur sortiert worden sei. 

"Recycling bedeutet in Deutschland - wenn wir etwas im gelben Sack erfassen und sammeln, dann wird es in einer entsprechenden Anlage sortiert. Da sind Restanhaftungen oder auch Lebensmittel mit dabei, falsch sortierte Sachen, nicht recyclingfähige Ware. Wenn das in eine Verwertungsanlage geht, dann gilt alles, was in die Anlage geht - unabhängig davon, ob es am Ende tatsächlich recycelt wird - als recycelt. Insofern haben wir in Deutschland verzerrte Recyclingquoten, die nicht die Realität widerspiegeln."

Lebensmittelabteilung mit Obst und Gemüse (imago/Jochen Tack)Vermeidbarer Müll: Obst und Gemüse wird oft in Plastik verpackt verkauft. (imago/Jochen Tack)

Die Abfallwirtschaft verweist darauf, dass vieles schon erreicht worden sei. Ein Joghurtbecher beispielsweise habe Anfang der 90er-Jahre noch durchschnittlich 7,2 Gramm gewogen, heute seien es nur 4,7 Gramm, immerhin rund ein Drittel weniger.

Angesichts sich verstärkender Müll-produzierender Lebensgewohnheiten beruhigen leichtere Joghurtbecher jedoch nicht jeden. So wird heutzutage Obst und Gemüse in den Supermärkten überwiegend in Plastikverpackungen angeboten. Es gibt zudem immer mehr Singlehaushalte. Die kaufen mehr und mehr Fertigprodukte und kleinere Portionen oder bestellen ihre Lebensmittel gleich gut verpackt beim Onlinehandel. Ein anders gravierendes Beispiel: der Kaffee.

Kaffee wird seit einigen Jahren weniger im Kaffeehaus getrunken, sondern unterwegs. Ein "to go"-Pappbecher mit Plastikdeckel statt des immer wieder verwendeten Porzellans. Dass dies nicht nur Ausdruck von urbaner Lebensfreude ist, rückt erst langsam ins öffentliche Bewusstsein. In Berlin beispielsweise wollen Politik, Wirtschaft, Handel und Umweltverbände die Becherflut jetzt eindämmen. Die Kunden sollen ihren Kaffeebecher mehrmals einsetzen oder am besten einen Mehrwegbecher benutzen - freiwillig. Die Statistiken - allein für Hauptstadt - sind alarmierend genug, sagt Regine Günther, die Berliner Umweltsenatorin:    

"20.000 Becher pro Stunde. Das heißt, es werden ungefähr 460.000 täglich in Berlin verkauft, irre Zahlen. Das müssen wir ändern, und zwar relativ schnell. Wir setzen auf Freiwilligkeit, wir setzen auf eine Bewegung - eben von Einweg hin zu Mehrweg. Und die Berlinerinnen und Berliner sind aufgerufen, hier aktiv mitzumachen."

Berliner Inititiative soll "to-go"-Becherflut stoppen

Überall dort, wo in Berlin ein rotes Logo der Kampagne "Better World Cup" aufgeklebt ist, können Kunden ihren Becher wiederbefüllen lassen. Derzeit machen rund 100 Bäckereien, Cafés oder auch Tankstellen mit. Oft sogar mit einem Rabatt von 20 Cent für umweltbewusste Kunden. Tanja Wielgoß ist Vorstandsvorsitzende der Berliner Stadtreinigungsbetriebe BSR:  

"Da ist quasi 70 Prozent dessen, was man auf der Straße findet, wirklich to-go-Verpackung, ganz ganz viele Becher. Von daher würden wir uns wirklich wahnsinnig freuen, wenn wir hier jetzt eine Bewegung lostreten und viel mehr Becher nicht nur in unseren Papierkörben landen - das wäre schon mal ein erster toller Schritt - sondern tatsächlich gar nicht erst anfallen."

Auch solche kleinen Initiativen prägen derzeit den Müllstandort Deutschland. Die Deutschen gelten international als die Recyclingweltmeister, doch solange ihre Müllmenge weiter steigt, ist dieser Titel zumindest fragwürdig.

Um wirklich nachhaltig zu wirtschaften, müsste weniger konsumiert werden. Es geht somit auch um die etwas aus der Mode gekommene Figur des verantwortungsbewussten Verbrauchers, sagt der Vater der deutschen Verpackungsverordnung, Clemens Stroetmann. Es geht um - ja, genau: Disziplin beim Einkauf und auch beim täglichen Gang zu den Mülltonnen. Stroetmann klingt bei solchen Mahnungen stets etwas oberlehrerhaft. Doch falsch liegt er mit seiner Einschätzung wohl nicht.

"Das ist ein dauernder Prozess: Das wissen wir von unseren Kindern. Wenn wir bestimmte Dinge während der Phase der Erziehung nicht ständig wiederholen, und wenn die Erwachsenen sie dann bei sich selbst nicht ständig wiederholen, dann gerät das eine oder andere, was richtig und sinnvoll ist, in Vergessenheit. Und deshalb muss man immer wieder mit Aufklärungskampagnen dafür Sorge tragen, dass die getrennte Sammlung eine breite Verankerung in der Bevölkerung hat. Und hier kann jeder Einzelne einen ganz wirksamen Beitrag zu einer besseren Umwelt leisten."

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