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StartseiteInterview"Die Variante mit dem Stimmenkauf ist leider die wahrscheinlichste"09.11.2015

DFB-Affäre"Die Variante mit dem Stimmenkauf ist leider die wahrscheinlichste"

Der Linken-Sportpolitiker André Hahn hat die Aufklärungsarbeit des DFB in der Affäre um die WM-Vergabe an Deutschland als halbherzig kritisiert. Bei der heutigen Präsidiumssitzung müsse Präsident Wolfgang Niersbach die Vorwürfe aus der Welt schaffen oder die Konsequenzen ziehen, sagte Hahn im DLF.

André Hahn im Gespräch mit Mario Dobovisek

(picture alliance / ZB / Matthias Hiekel)
Linken-Politiker André Hahn (picture alliance / ZB / Matthias Hiekel)
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Der Linken-Politiker Hahn erklärte, man zweifele zunehmend an den Institutionen IOC, FIFA und DFB. Es sei Aufgabe der Politik, auf eine rückhaltlose Aufklärung zu dringen. Niersbach müsse sich umfassend erklären oder die Konsequenzen ziehen, womit Hahn den Rücktritt meinte. Bisher habe es in der Affäre nur Ausflüchte und halbherzige Erklärungen gegeben, sagte Hahn, der Mitglied im Sportausschuss des Bundestags ist.


Das Interview in voller Länge:

Mario Dobovisek: Die ganze Geschichte klingt ziemlich verworren. Deshalb versuche ich, mich in einer Kurzzusammenfassung. Der Chef des Sportartikel-Herstellers Adidas gibt dem Deutschen Fußballbund, dem DFB 6,7 Millionen Euro, damit dieser dann das Geld an den Weltfußballverband, die FIFA weiterleiten kann, angeblich, um dafür weit höhere Subventionen zu kassieren, und zwar für die Weltmeisterschaft 2006, das Sommermärchen. Wir erinnern uns. Die Steuerfahnder werfen dem DFB inzwischen vor, die Millionen falsch in seiner Steuererklärung deklariert zu haben, und ermitteln. Von all dem will der jetzige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach nichts gewusst haben.

Dumm nur, dass der "Spiegel" auf einem Briefentwurf seine Handschrift entdeckt haben will. Dabei geht es nach dem WM-Zuschlag offenbar um die Rückzahlung, die Rückerstattung der 6,7 Millionen an den damaligen Adidas-Chef.

Der Druck auf Wolfgang Niersbach, er wächst. Beim Notfalltreffen des Verbandspräsidiums muss er heute Antworten liefern.
Am Telefon begrüße ich André Hahn von der Linkspartei. Er ist Mitglied im Sportausschuss des Bundestages und sportpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Ich grüße Sie, Herr Hahn.

André Hahn: Ja! Schönen guten Morgen.

Dobovisek: Sie sind selbst Fußballfan, haben Sie oft öffentlich gesagt. Macht das in diesen Tagen überhaupt noch Spaß?

Hahn: Ja. Fußball ist trotzdem noch eine wundervolle Sportart. Aber man zweifelt natürlich zunehmend an den Institutionen. Das Ansehen des IOC hat heftig gelitten, der FIFA-Vertrauensverlust ist enorm und nun auch noch der Deutsche Fußballbund. Insofern hält sich das mit dem Spaß in Grenzen und natürlich ist es jetzt Aufgabe der Politik, auch darauf zu drängen, dass wirklich rückhaltlos aufgeklärt wird. Denn der DFB hat ja schon jetzt durch die Hinhaltetaktik der letzten Wochen einen massiven Vertrauensverlust erlitten. Das kann und das darf nicht so weitergehen.

"In erster Linie ist natürlich Herr Niersbach gefordert"

Dobovisek: Wer könnte denn aufklären?

Hahn: In erster Linie ist natürlich Herr Niersbach gefordert. Wenn man sich daran erinnert, dass er noch vor wenigen Wochen als UEFA- oder gar FIFA-Präsident gehandelt worden ist, da redet heute niemand mehr davon, und inzwischen steht ja selbst die sicher geglaubte EM 2024 in Deutschland wieder infrage. Dann zeigt das, wie tief das Ansehen des DFB binnen kürzester Zeit gesunken ist, und deshalb muss sich Herr Niersbach heute gegenüber dem Präsidium umfassend erklären. Er muss die Vorwürfe aus der Welt schaffen, oder aber die Konsequenzen ziehen.

Dobovisek: Also gehen?

Hahn: Ja ich kann mir das gar nicht anders vorstellen. Wenn der handschriftliche Vermerk auf dem vom "Spiegel" veröffentlichten Dokument aus dem Jahr 2004 tatsächlich von Herrn Niersbach stammt, dann hätte er die Öffentlichkeit belogen, als er behauptete, dass er erst im Sommer dieses Jahres von dem Millionentransfer an die FIFA beziehungsweise Herrn Dreyfus erfahren hat. Und wenn dann auch noch die umstrittene Steuererklärung des DFB seine Unterschrift tragen sollte, dann kann er aus meiner Sicht nicht länger im Amt bleiben und sollte den Weg frei machen für einen Neuanfang an der Spitze des DFB.

"Grundsätzlich kann eine Ethikkommission sinnvoll sein"

Dobovisek: In der Politik ist das ja immer ganz einfach, wenn man gemeinsam nicht weiterkommt. Dann gibt es irgendwann einen Untersuchungsausschuss, der tagt jahrelang und dann gibt es Ergebnisse und mal gucken, was dann passiert. Wie ist es im Sport? Da gucken wir mal auf eine Ethikkommission, eine Anwaltskanzlei, ein Sondertreffen des Präsidiums. Trauen Sie dem Aufklärungswillen des DFB?

Hahn: Ich will zunächst mal was zur Ethikkommission sagen. Ich denke, man muss aufpassen, dass es sich dabei nicht um ein Ablenkungsmanöver handelt, um weiter Zeit zu gewinnen. Das ist ja oft so beim Einsetzen diverser Arbeitsgruppen. Grundsätzlich kann eine Ethikkommission sinnvoll sein, wie sich auch bei der FIFA gezeigt hat. Man kann ja auch fragen, warum es so was beim DFB eigentlich nicht schon längst gibt.

Es dürfen dann dort aber nicht nur Verbandsfunktionäre berufen werden, sondern man braucht auch externen Sachverstand, und ich denke, es sollte auch die Politik vertreten sein. Wir haben im Sportausschuss ja nur wenig Möglichkeiten der Aufklärung. Es ist ja der Versuch gemacht worden, Herrn Niersbach in den Sportausschuss zu holen, auch den früheren Bundesinnenminister Otto Schily. Beide sind zur letzten Sportausschuss-Sitzung nicht erschienen und insofern brauchen wir Aufklärung. Wir haben zwar den Schatzmeister des DFB zum Beispiel auch im Ausschuss gehabt.

"Diese Dokumente müssen schnellstens auf den Tisch"

Dobovisek: Sie reden über Reinhard Grindel.

Hahn: Richtig, über Reinhard Grindel. Er hat ja Zugang zu den Unterlagen. Er könnte viel mehr zur Aufklärung beitragen, als er es bisher getan hat.

Dobovisek: Aber er schweigt?

Hahn: Ja, er hält sich zurück, möglicherweise auch aufgrund eigener Ambitionen, die er hat, sollte Herr Niersbach gehen müssen, auf die Nachfolge. Aber das kann ja kein Grund sein.

Wir müssen drängen, dass die Unterlagen auf den Tisch kommen. Wir haben das im Sportausschuss getan. Meine Fraktion, die Linken haben gefordert, dass alle Protokolle, alle Unterlagen auf den Tisch kommen. Denn im Organisationskomitee beziehungsweise im Aufsichtsrat vor allen Dingen war die Bundesregierung ja hochrangig vertreten. Da muss es Protokolle geben. Da war Herr Schily dabei, da war später nach dem Regierungswechsel Wolfgang Schäuble, der jetzige Finanzminister, in diesem Gremium.

Diese Dokumente müssen schnellstens auf den Tisch, denn ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass Millionentransfers an all den Gremien vorbei stattgefunden haben.

Dobovisek: Die Politik im Sport, der Sport in der Politik. Wie kann es da eine unabhängige Aufklärung geben?

Hahn: Unabhängige Aufklärung ist natürlich zum Beispiel auch durch Gerichte möglich. Ich habe dort Vertrauen, dass auch die Staatsanwaltschaft ihre Arbeit ordentlich macht.

Wir haben natürlich immer das Problem, dass der Sport für Politik durchaus interessant ist, für Politiker interessant ist. Der Sportausschuss will schon eine Lobby für den Sport sein und es wäre ja auch eigentlich verrückt, wenn im Sportausschuss nur Leute säßen, die vom Sport gar keine Ahnung haben. Aber man muss aufpassen, dass es keine Interessenkollisionen gibt und dass man, wenn Aufklärung notwendig ist - das ist vielleicht ja auch in diesem Fall -, auch um Steuergelder geht, die der DFB erhalten hat, zum Beispiel im Vorfeld für den Bau von Stadien und so weiter, dass dann auch die Politik kontrolliert, dass die Institution, der man Steuergelder anvertraut, dann auch insgesamt sauber mit dem Geld umgeht, und da gibt es jetzt beim DFB erhebliche Zweifel.

"Ich fand die Pressekonferenz, die Herr Niersbach gegeben hat, wirklich unterirdisch"

Dobovisek: Erkennen Sie bei FIFA und DFB überhaupt ein, nennen wir es mal, Unrechtsbewusstsein?

Hahn: Nein, ich kann das im Moment nicht erkennen. Ich fand auch die Pressekonferenz, die Herr Niersbach gegeben hat, wirklich unterirdisch. Er hat ja keine Frage wirklich beantworten können. Ich persönlich bin auch sehr enttäuscht darüber, dass Franz Beckenbauer, der für viele Fußballfans ja ein Idol ist, ...

DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (dpa / picture-alliance)DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (dpa / picture-alliance)

Dobovisek: Der Kaiser.

Hahn: Ja, der Kaiser, wenn man ihn als Kaiser bezeichnen will. Das ist ja sein Spitzname. Aber er schweigt zu den Vorgängen bis heute weitgehend und er hätte es ja in der Hand, seinen Freund Wolfgang Niersbach womöglich zu entlasten, aber nur dann, wenn er endlich alle Karten auf den Tisch legt. Er ist damals durch die Welt gereist. Er hat viele Gespräche geführt, auch mit FIFA-Mitgliedern, die an der Abstimmung beteiligt gewesen sind. Und dass er schweigt und Angst hat vor Ansehensverlust möglicherweise, zeigt mir, dass an den Sachen weit mehr dran ist, als der DFB bis jetzt einzuräumen bereit war.

"Das sind für mich alles Ausflüchte und halbherzige Erklärungsversuche"

Dobovisek: Wir lernen: viele schweigen. Sie tun es nicht, Herr Hahn. Kommen wir deshalb auch mal zurück zum Stein des Anstoßes: auf diese 6,7 Millionen Euro vom Adidas-Chef an den DFB, von dort aus an die FIFA und so weiter und so fort, mit ordentlicher Rendite zurück. Wonach klingt das für Sie?

Hahn: Ja, das sind für mich alles Ausflüchte und halbherzige Erklärungsversuche, die ja dann auch wahlweise wieder geändert werden. Zunächst war ja die Aussage, es ging um die Eröffnungsgala. Da sollte sich der DFB finanziell beteiligen. Spätestens als klar war, dass die Eröffnungsgala gar nicht stattfindet zur Weltmeisterschaft, hätte man das Geld ja zurückfordern müssen, was offensichtlich überhaupt nicht geschehen ist. Und es macht auch keinen Sinn, dass man Geld an eine Institution gibt, um Geld von dort wieder zurückzubekommen. Es ist ja auch in anderen Finanzgeschäften bei Fördergeldern und so weiter so, dass eine Kommune beispielsweise oder ein Land einen Eigenanteil zu tragen hat, wenn es vom Bund Geld bekommt. Aber man zahlt nicht vorher erst an den Bund und kriegt dann die größere Summe wieder zurück. Das heißt, die FIFA hätte ja sagen können, da kostet etwas 25 Millionen und ihr müsst einen Eigenanteil zahlen und wir überweisen euch demzufolge eben nur 19 oder 18 Millionen und den Rest müsst ihr dazulegen.

Man überweist aber nicht an den, der einem dann Geld gibt, zunächst eine eigene Summe. Das ist in sich überhaupt nicht schlüssig und deshalb glaube ich, dass die Variante mit dem Stimmenkauf leider, füge ich hinzu, die wahrscheinlichste ist.

Dobovisek: Klingt eher nach Bestechung, nach Untreue und weniger nach bloßer Steuerhinterziehung. Wegen der wird aber ermittelt. Reicht das?

Hahn: Ja man könnte sich wünschen, dass dort noch andere Ermittlungsverfahren eingeleitet wären. Nur nach Lage der Dinge - ich bin kein Jurist - sind aber diese Straftatvorwürfe inzwischen verjährt, sodass man sich jetzt auf die Steuerfrage konzentriert. Das gibt die Möglichkeit, die Unterlagen einzusehen, das gibt die Möglichkeit, Zeugen zu vernehmen, und dann kann man auch sich ein Bild machen, was damals gelaufen ist. Strafverfolgung ist in diesen Dingen schwierig, wenn die Verjährung eingetreten ist.

Aber umso wichtiger ist eine politische Aufklärung, damit klar wird, wer Verantwortung hatte und wer heute auch gegebenenfalls zur Verantwortung gezogen werden muss, wenn nicht mehr strafrechtlich, dann politisch oder durch den Verlust seiner Ämter.

"Wir brauchen klare Kriterien für die Vergabe von Sportgroßveranstaltungen"

Dobovisek: Es waren ja Journalisten, die diesen Fall ins Rollen gebracht haben. Es waren die Kollegen hauptsächlich vom "Spiegel". Wo bleiben, wenn Sie so sagen, dass Sport und Politik eng miteinander verflochten sind, wo bleiben denn die Politiker, die schon hätten vorher darauf gucken können, zum Beispiel im Sportausschuss?

Hahn: Der Sportausschuss hat einen Abschlussbericht damals bekommen - ich habe dem Bundestag ja da noch lange nicht angehört -, einen Abschlussbericht bekommen der Bundesregierung, der natürlich dokumentiert hat, wie toll das alles war.

Das ist ein interessantes buntes Buch. Da sieht man auch viele Bilder, welche Politiker dort involviert gewesen sind. Aber der DFB ist formal dem Sportausschuss nicht rechenschaftspflichtig - deshalb, weil er für seine laufenden Geschäfte als Profiverband keine Fördergelder aus der Sportförderung des Bundes erhält. Nur die Verbände müssen regelmäßig Rechenschaft legen.

Aber er ist natürlich ein sehr großer Verband, ein prominenter Verband, und es sind ja auch Leute aus dem Umfeld der Politik in den Gremien des DFB, im Präsidium, eben auch als Schatzmeister beispielsweise. Von daher ist die Politik dort schon drin. Aber es reicht offenbar nicht und es gibt dann eine Verselbstständigung, wenn man möglicherweise überhaupt nur noch durch Korruption an Sportgroßveranstaltungen kommt. Da muss man aus meiner Sicht auch den Finger drauflegen.

Wir brauchen klare Kriterien für die Vergabe von Sportgroßveranstaltungen. Es kann nicht mehr so sein, dass ein paar alte Herren in der FIFA unter sich auskungeln, wer die nächste Weltmeisterschaft austrägt. Da geht es um Milliardengeschäfte auch für die Fernsehrechte, und insofern ist es ja schon ein erster richtiger Schritt, dass das künftig nicht mehr die FIFA-Exekutive macht und entscheidet, sondern dass die Vollversammlung auch in offener Abstimmung darüber die Entscheidung trifft, und dann sieht man ja auch, wer wie abgestimmt hat. Das ist immer noch keine Garantie, dass es künftig ohne Stimmenabsprachen geht, aber es ist ein Schritt zu mehr Transparenz und den begrüße ich und diese Transparenz sollte nun endlich auch der Deutsche Fußballbund walten lassen.

Dobovisek: Der Linkspolitiker André Hahn, Mitglied im Sportausschuss im Bundestag. Vielen Dank für das Gespräch.

Hahn: Ja, sehr gern.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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