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StartseiteKommentare und Themen der WocheWM-Sommermärchen mit Nachspiel27.05.2018

DFB-Funktionäre angeklagtWM-Sommermärchen mit Nachspiel

Es sei nicht überraschend, dass die Staatsanwaltschaft Frankfurt in der Sommermärchen-Affäre Anklage gegen Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger erhoben habe, kommentiert Gunther Latsch vom "Spiegel". Wirklich überraschend sei hingegen, mit welchem beinahe kindischen Trotz die DFB-Funktionäre darauf reagiert hätten.

Von Gunther Latsch, der "Spiegel"

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Fans schwenken 2006 im Stadion in Stuttgart deutsche Fahnen (picture alliance / dpa /  Tony Marshall)
Im Oktober 2015 kam durch einen Bericht des "Spiegel" die Sommermärchen-Affäre ins Rollen (picture alliance / dpa / Tony Marshall)
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Nun ist es also amtlich: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat Anklage erhoben; gegen Wolfgang Niersbach, Horst R. Schmidt und Theo Zwanziger. Jetzt müssen Richter klären, was die Ermittler für erwiesen halten: Die Frage nämlich, ob die ehemaligen DFB-Funktionäre Steuern hinterzogen haben, als sie eine 6,7-Millionen-Euro-Zahlung beim Finanzamt als Betriebsausgabe des DFB deklarierten. Dabei war das Geld 2005, auf einem Privatkonto des ehemaligen Adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus in Zürich gelandet. Tatsächlich, so die Fahnder, habe der DFB ein privates Darlehen von Dreyfus an Franz Beckenbauer zurückgezahlt, der damals Chef des Organisationskomitees für die Fußball-WM in Deutschland war.

Überraschend ist dies alles nicht. Denn der Sachverhalt war schon im Oktober 2015 unstreitig, als der "Spiegel" die ominöse Millionenzahlung enthüllt und die Sommermärchen-Affäre ins Rollen gebracht hatte. Auch eine vom DFB beauftragte Anwaltskanzlei bestätigte im März 2016 die von dem Magazin gezeichnete Spur des Geldes.

Kindischer Trotz

Wirklich überraschend aber ist der beinahe kindische Trotz, mit dem die Angeklagten Schmidt und Zwanziger auf die Anklageschrift reagierten. Anstatt es dem Mitangeklagten Niersbach gleich zu tun, der lapidar erklärte, vor Gericht werde sich die Haltlosigkeit der Vorwürfe schon erweisen, meldeten sie sich mit ganzseitigen Pressemitteilungen zu Wort.

Schmidt, als geschäftsführender Vize-Präsident des WM OK und Schatzmeister des DFB, tief in die Machenschaften verstrickt, jammerte allen Ernstes, er fühle sich durch die Vorwürfe verletzt. Und blieb bei seiner Behauptung, das Dreyfus-Darlehen an Beckenbauer sei eine Provision gewesen, um einen Zuschuss der FIFA für die WM 2006 in Deutschland zu bekommen.

Eine unsinnige Theorie

Eine Theorie, die der ehemalige FIFA-Generalsekretär Urs Linsi bei seiner Vernehmung in Frankfurt mit überzeugenden Argumenten als Unsinn zurückgewiesen hat. Auch in den Akten der Schweizer Behörden, die in der Affäre ebenfalls ermitteln, findet sich nichts, was Schmidts Erzählung stützen könnte. Im Gegenteil: Auch der ehemalige FIFA-Finanzchef Markus Kattner verwies in seiner Aussage bei der Bundesanwaltschaft in Bern die Provisions-These ins Reich der Fabel.

Schwerer noch wiegen die Aufzeichnungen des Bankiers Hans-Rudolf Wegmüller, der über Jahre Louis-Dreyfus’ Vermögen verwaltete. In den Papieren wird der Kredit durchgängig als Privatdarlehen bezeichnet. Eine Tatsache, die Schmidt auch in der Schweiz zu schaffen machen dürfte, wo gegen ihn wegen des Verdachts der Untreue, der Geldwäsche und anderer Delikte ermittelt wird. Denn Wegmüller hatte seinerzeit keinerlei Grund die Wahrheit zu verschleiern.

Seine Notizen entstanden im Rahmen der in der Schweiz gesetzlich vorgeschriebenen Dokumentation von Bankgeschäften.

Die Argumente, mit denen der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger die Frankfurter Fahnder kritisiert, sind da von anderer Qualität. Etwa, wenn der im WM OK für Finanzen zuständige Ex-Funktionär sich über Fehler der Fahnder mokiert. Die hatten im Verfahren lange Zeit behauptet, eine tatsächlich geplante FIFA-Gala zur WM-Eröffnung sei eine Erfindung, um die Zahlung an Louis-Dreyfus tarnen zu können.

Dass Zwanziger in seiner Erklärung dann aber behauptet, dass die Millionen-Zahlung nur der Beitrag des DFB zur FIFA-Gala gewesen sei, ist ebenso absurd wie das Gerede von Horst R. Schmidt. Schließlich waren Schmidt und Zwanziger selbst 2003 zu Dreyfus gepilgert und hatten ihn vergeblich angebettelt, die Beckenbauer-Schulden zu erlassen. Von einer FIFA-Gala zur WM-Eröffnung war damals nicht die Rede.

Vor diesem Hintergrund zu behaupten, er habe 2005, als er die 6,7-Millionen-Überweisung frei zeichnete, nicht ahnen können, dass das Geld auf einem Dreyfus-Konto landen würde, beleidigt die Intelligenz aller Beteiligten – auch die des Theo Zwanziger.

Ein Geständnis wäre überzeugender gewesen

Ein Geständnis wäre überzeugender gewesen. Schließlich kann man plausibel machen, warum man ein Jahr vor der WM nicht den Mumm hatte, den Fußball-Kaiser Beckenbauer mit seinen Geld-Schiebereien im Regen stehen zu lassen. Auch die Angst, womöglich das WM-Turnier selbst zu gefährden, würden viele nachvollziehen können. Dem Sommermärchen und seinem Zauber, davon bin ich überzeugt, könnte auch ein solches Geständnis nichts anhaben. Schließlich waren die Spiele spannend, das Wetter prima und die Stimmung im Lande entspannt und fröhlich wie niemals zuvor.

Beschädigt wäre nur die Glaubwürdigkeit des DFB und seiner Funktionäre. Aber das ist sie ohnehin.

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