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StartseiteForschung aktuellDiabetes-Behandlung mit der Pille18.05.2007

Diabetes-Behandlung mit der Pille

Dresdner Forscher kurbeln Kommunikation der Insulin produzierenden Zellen an

Medizin. - Diabetes wird immer mehr zur Volkskrankheit. Mittlerweile sind fast sechs Millionen Deutsche betroffen. Heilbar ist bislang keine der verschiedenen Diabetesformen, doch bei der Therapie gibt es Fortschritte. Auf der 42. Tagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft in Hamburg wurde darüber diskutiert.

Von Frank Grotelüschen

Übergewicht erhöht das Diabetes-Risiko (AP)
Übergewicht erhöht das Diabetes-Risiko (AP)

"”Insulin ist das Hormon, das im Blut den Zuckerspiegel reguliert. Es wird in der Bauchspeicheldrüse produziert, von den so genannten Betazellen. Wenn diese Zellen nicht richtig funktionieren, führt das meist zu Diabetes.""

Professor Michele Solimena leitet das Labor für Experimentelle Diabetologie an der Technischen Universität Dresden. Der Italiener vergleicht die Bauchspeicheldrüse mit einer Autofabrik. Jede Betazelle entspricht einem Fließband. Solimena:

"”Das Unternehmen muss die Autos natürlich nach Bedarf herstellen. Dabei hat es zu berücksichtigen, ob noch Autos auf Lager sind. Wird ein Auto bestellt, schaut man zuerst nach, ob noch ein passendes im Lager steht. Und erst, wenn das Lager halbwegs leer ist, laufen in der Fabrik die Fließbänder an und produzieren neue Autos.""

Ähnlich wie in der Autofabrik geht es auch in der Bauchspeicheldrüse zu: Dort produzieren die Betazellen Insulin und speichern es zwischen. Steigt der Blutzucker im Körper, etwa nach Genuss eines Schokoriegels, wird das Insulin flugs ausgeschüttet. Im Blut sorgt es dann unter anderem dafür, dass Leber und Muskeln den Zucker aufnehmen und verwerten können. Damit das Ganze möglichst reibungslos funktioniert, müssen die Betazellen untereinander kommunizieren – ähnlich wie die verschiedenen Abteilungen in der Autofabrik: Sie müssen sich mitteilen, wann die Zwischenlager leer sind, wann die Betazellen neues Insulin zu produzieren haben und wie viele Betazellen der Körper überhaupt braucht.

Zentral für diese Kommunikation ist ein Protein mit dem spröden Namen ICA512. Das haben Michele Solimena und seine Kollegen in Dresden im Laufe der letzten Jahre herausgefunden. ICA512 hat gleich mehrere Funktionen: Es beeinflusst die Insulinabgabe ins Blut. Außerdem hilft es bei der Steuerung der Insulinproduktion. Und wahrscheinlich trägt es auch dazu bei, dass neue Betazellen in der Bauchspeicheldrüse gebildet werden können. Letzteres steht momentan ganz besonders im Blickpunkt der Forscher, sagt Solimena.

"”Wie können wir die Betazellen dazu bringen, sich im Körper zu vermehren, damit ein Diabetiker mehr Insulin produzieren kann? Der Schlüssel ist, dass wir Proteine wie ICA512 identifizieren, denn sie steuern die Vermehrung der Zellen. Wenn wir diese Proteine kennen, dürfte das bei der Entwicklung von Medikamenten helfen, die in den Signalweg eingreifen und bewirken, dass neue Betazellen entstehen.""

Andere Experten jedoch setzen auf andere Strategien: Sie versuchen Betazellen außerhalb des Körpers züchten, um sie dann in den Patienten einzupflanzen. Heiße Kandidaten dafür sind die embryonalen Stammzellen. Aus ihnen konnten Forscher bereits Zellen gewinnen, die tatsächlich Insulin produzieren. Das Problem: Diese gezüchteten Zellen sind nicht mit Betazellen identisch. Und manche Forscher befürchten, würde man diese Zellen im Körper implantieren, sie unerwünschte Nebenwirkungen zeigen wie etwa Tumore auslösen.

Michele Solimena jedenfalls setzt lieber auf die Pille zum Schlucken, die sowohl die Leistung der vorhandenen Betazellen steigert als auch den Körper dazu bringt, neue Betazellen zu bilden. Beides würde gegen Insulinmangel helfen. Also eine Wunderpille, die Heilung bei Diabetes verspricht – und dazu noch Genuss ohne Reue, weil man nicht mehr befürchten muss, wegen Übergewicht Diabetes zu bekommen? Nein, meint Solimena, ganz so einfach sei die Sache nicht.

"”Es wird keine Pille geben, die gegen die Folgen maßloser Nahrungsaufnahme ankommt. Hier stoßen wir an eine Grenze, die wir mit Medikamenten niemals überwinden können werden.""

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