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StartseiteMarkt und MedienDer Vorläufer des RIAS06.02.2016

DIASDer Vorläufer des RIAS

Vor 70 Jahren, am 7. Februar 1946, nahm der "DIAS", der Drahtfunk im amerikanischen Sektor, in Berlin-Schöneberg den Betrieb auf. Das Programm entwickelte sich im Laufe der Jahre als RIAS ("Rundfunk im amerikanischen Sektor") zu einem beliebten Potpourri aus Agitation, Information und Unterhaltung.

Von Michael G. Meyer

RIAS-Logo (Deutschlandradio / Bettina Straub)
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Der "Rundfunk im amerikanischen Sektor", kurz RIAS, war einer jener Sender, denen im Informationskampf des Kalten Krieges eine übergeordnete Rolle zukam. Denn Aufgabe des Senders war es, Hörer im anderen Teil Deutschlands, der DDR mit Informationen zu versorgen, die sie in ihren eigenen Medien nicht, oder nur gefärbt bekamen. Der Vorläufer, der "DIAS", Drahtfunk im amerikanischen Sektor, ging am 7.Februar 1946 auf Sendung.

"Ich glaube an die Unantastbarkeit und an die Würde jedes einzelnen Menschen. / Ich glaube, dass allen Menschen von Gott das gleiche Recht auf Freiheit gegeben wurde. / Ich verspreche, jedem Angriff auf die Freiheit und die Tyrannei Widerstand zu leisten, wo auch immer sie auftreten mögen."

Stimmen und Sätze aus fünf Jahrzehnten. Was heute ein wenig pathetisch klingt, war so etwas wie das Glaubensbekenntnis des Senders: stets für die Freiheit und die Erlangung derselben einzutreten. Jeden Sonntag, pünktlich um zwölf Uhr mittags, sendete der RIAS die Freiheitsglocke und jene Sätze. Für Hörer in West, vor allem aber in Ostdeutschland. Das Freiheitsbekenntnis des RIAS war so etwas wie das Markenzeichen, das sich auch in den Jingles seiner Programme wiederfand, und zwar als:

"Eine freie Stimme der freien Welt. "

Doch aller Anfang im zerstörten Nachkriegs-Berlin war schwer.

"Da sind wir also, liebe Hörer! Und wir begrüßen Sie! Nicht mit einer feierlichen Eröffnungsansprache seien Sie unbesorgt. Obwohl uns ein bisschen feierlich zumute ist, bei dieser ersten Begegnung. Im stehengebliebenen Teil einer Ruine ein paar kahle, weniger als kahle Räume, in eine komplette Radiostation zu verwandeln, das ist heutzutage keine Kleinigkeit."

So begrüßte der damalige Gründungintendant Franz Wallner-Basté die Hörer. Am 7.Februar 1946 ab 17 Uhr sendet der "DIAS – der Drahtfunk im amerikanischen Sektor" erstmals aus einem kleinen kargen Studio im ehemaligen Fernmeldeamt in Berlin-Schöneberg. Der später zu Berühmtheit gelangte RIAS-Theaterkritiker Friedrich Luft erkannte rückblickend an, dass die ersten Sendungen weitgehend ohne Publikum stattfanden. Interessierte Hörer mussten das Programm via Telefonkabel empfangen:

"Der Drahtfunk, an dem wenige angeschlossen waren., war ja zu Beginn nichts anderes als ein Sprechen ins Leere, Hörer hatten wir damals so gut wie keine."

Was auch daran lag, dass es technisch so schwierig war, das neue Programm zu empfangen. In einer Broschüre hieß es damals:

"Ziehen Sie einen isolierten Verbindungsdraht, zum Beispiel Klingeldraht von der Antennenbuchse ihres Rundfunkgerätes zum Kabel des früheren Fernsprechanschlusses. Falls der Telefonapparat noch vorhanden zum einen seiner blanken Metallteile. Waren Sie nicht selbst Fernsprechteilnehmer, so war es vielleicht ein anderer Hausbewohner, oder Nachbar. Dann müssen Sie den Draht mit dessen Kabel verbinden. Wenn nötig, holen Sie sich beim nächsten Funkhändler, Techniker oder Bastler Rat. Nun stellen Sie ein: Auf Langwelle 1875 Meter, gleich 165 Megahertz, oder 1204 Meter, gleich 249 Kilohertz, und: Sie sind empfangsbereit!"

Wie viele Menschen genau dieser Aufforderung Folge leisteten, ist nicht überliefert. Am Anfang werden es nicht mehr als 1000 bis 2000 Hörer gewesen sein. Das Programm wurde von ohnehin nur täglich von 17 bis 24 Uhr gesendet.

Die Gründung des "DIAS" war eine Reaktion auf einen politischen Zwist zwischen Ost und West. Der "Berliner Rundfunk" arbeitete unter sowjetischer Leitung bereits seit Mai 1945 aus dem Westteil der Stadt, dem "Haus des Rundfunks", wo früher der Reichsrundfunk beheimatet war. Eigentlich sollten die westlichen Alliierten ebenfalls an dem Sender beteiligt sein, doch man konnte sich nicht einigen über Programmfarbe und Finanzen. Die Sowjets mauerten. So beschlossen die Amerikaner, einen eigenen Sender zu gründen, erzählt die Historikerin Petra Galle, die eine Dissertation über die Anfangsjahre des RIAS verfasste:

"Die amerikanische Militärverwaltung, da gab es unterschiedliche Fraktionen, man war sich nicht sicher, wie soll man das einschätzen, die sowjetische Position, sind sie bereit zu verhandeln, sind sie nicht bereit zu verhandeln, und man hat letztlich eine sehr kleine Lösung gefunden, nämlich, dass man den Drahtfunk aufgebaut hat nur für den amerikanisch besetzten Sektor in Berlin. Das wurde dann schnell ausgeweitet, aber das war der Beginn, man wollte die Sowjets nicht provozieren."

Die Geschichte des Drahtfunk DIAS sollte allerdings nur einen Sommer lang dauern. Am 5.September 1946 endete jedenfalls die Übertragung per Drahtfunk – aus dem "DIAS" wurde der "RIAS", der "Rundfunk im amerikanischen Sektor". Berlins erster Bürgermeister nach dem Krieg Arthur Werner sprach an jenem Tag des Neustarts die Grußworte. Und diese waren geprägt durch eine gewisse Weltläufigkeit. Und all das inmitten von bitterster Nachkriegsnot, gewissermaßen auf dem Nullpunkt deutscher Geschichte.

"Wir leben auf einem völlig internationalen Pflaster, und werden dadurch ganz von selbst zu modernen, kosmopolitischen Menschen. () Die internationale Atmosphäre Berlins erfährt nunmehr eine neue Nuance, durch die Inbetriebnahme eines amerikanisch kontrollierten Rundfunksenders."

Der RIAS setzte Anfangs jedoch nicht so sehr auf eine bunte Programmfarbe, womit man den Sender späterhin assoziierte. Unterhaltung, leichte Musik – all das kam erst später, erläutert Petra Galle:

"Das war am Anfang ein stark bildungsbürgerlich geprägter Sender, mit ja übrigens auch nur ganz wenigen Stunden, in denen gesendet worden ist."

"Man hat ganz klar versucht, ein Programm mit Bildungsinhalten, Wort und ernste Musiklastig, aufzubauen, Unterhaltungskultur ist massiv gefördert worden ab 1948, und hat dann auch die Farbe des RIAS wesentlich mitgeprägt."

Der RIAS hatte, seitdem er nicht mehr auf Drahtfunk sendete, einen größeren Einfluss auf die Meinung der Hörerschaft. Anfangs, so Petra Galle, sei es hauptsächlich um das Anknüpfen an demokratische Traditionen gegangen und das Aufklären über nationalsozialistische Verbrechen. Viele der Mitarbeiter kamen aus einer eher links-liberalen Tradition. Und doch, es gab seitens der amerikanischen Militäradministration Eingriffe ins Programm, analysiert Petra Galle:

"Das war auch beabsichtigt, von Anfang an war klar, man würde nicht den Deutschen freie Hand lassen, sondern es gab eine Vorzensur, das wurde gelockert, relativ schnell, das Programm ist bestimmt worden mit Zustimmung von amerikanischen Kontrolloffizieren. ... allerdings kam es zu Auswüchsen politischer Art, 48/49, Hetzsendungen auch.., das ist nicht von allen mitgetragen worden, da gab es auch Unruhe im Funkhaus selbst, aber... man... muss davon ausgehen, dass die Zustimmung so groß war, dass eine eingreifende Kontrolle mal stattgefunden hat, aber nicht die Regel gewesen ist, weil es nicht notwendig war."

Der RIAS war in den Anfangsjahren, zugespitzt formuliert, eher ein Interventions - denn ein Informationssender: Sendungen wie "Berlin spricht zur Zone, Aus der Zone – für die Zone und Werktag der Zone" waren den Machthabern im Ostteil Deutschlands ein Dorn im Auge. Störsender sollten verhindern, dass der Empfang in der DDR allzu gut war. Bis 1953 gab es sogar eine Sendung, in der gezielt ostdeutsche Spitzel namentlich enttarnt und verraten wurden. RIAS-Mitarbeiter gaben regelmäßig auch Informationen an den amerikanischen CIC, das Counter Intelligence Corps weiter.

Eine besonders kuriose Sendung, sowohl im rundfunktechnischen, als auch im politischen Sinne, entwickelte der damalige Redakteur Hanns-Peter Herz, der von 1946 bis 1966 beim RIAS war. Herz, der 2012 verstarb, hatte an sich die Fähigkeit zum Live-Kommentar entdeckt. Diese Fähigkeit setzte er beim RIAS bereits frühzeitig ein:

"Und habe dann im Frühprogramm, das ich mitkonstruieren durfte für den RIAS, Sendungen erfunden, die sich auf interessante rundfunktechnische Weise mit dem Osten auseinandersetzten, wir haben uns in das Programm von Radio DDR eingeblendet, und ich habe das kommentiert live, was die gerade gesendet haben. Und das hat dazu geführt, dass sie manche Kommentare einfach nicht mehr gebracht haben, und dass die Kommentatoren auch nicht mehr live auf den Sender durften im Osten, sondern dass sie ihre Kommentare vorher irgendwem zur Zensur vorlegen mussten, während wir immer mehr in Livesendungen übergegangen sind, und die Livesendungen auch dazu beigetragen haben, die Menschen im Osten sozusagen an unserem Leben etwas mehr teilhaben zu lassen, als das mit Konservensendungen der Fall war."

Gerne würde man heute noch hören, wie das geklungen hat, Gegenpropaganda live im RIAS- Programm, doch jene Sendungen sind leider nicht mehr erhalten. Redakteur Herz erinnerte sich, dass er damals stolz darauf war, ein "Kalter Krieger" genannt zu werden. Leitsätze für die Programmgestaltung habe es aber nicht gegeben, sagte Herz. Eine gewisse politische Grund-Einstellung gerade in den Anfangsjahren sei aber durchaus üblich gewesen bei den Programmachern des RIAS:

"Alle, die ich kenne, die im RIAS gearbeitet haben auch zu meiner Zeit, hatten eine gewisse Mission und haben sich als Missionare im politischen Sinne auch gefühlt, in dem sie das, was sie geglaubt haben, öffentlich vortrugen. Und die Kritik an den Systemen im Osten, aber auch an manchen im Westen äußerten, um im Sinne einer Vorbereitung der Wiedervereinigung im Geistigen zu arbeiten.

(Programmausschnitt) Wir alle sagen: Wer herüberkommt, hat eine Entscheidung für Deutschland gefällt. Ich weiß, dass die Herren beim staatlichen Rundfunkkommittee, die dieser Sendung zuhören, jetzt schon das Stichwort an den Rand schreiben: Da können wir wieder einen Kommentar machen, wie der RIAS abwirbt -nun, dann sage ich Ihnen nur eins: Das ist Abwerbung für Deutschland, und Abwerbung für Deutschland ist die Pflicht jedes anständigen Menschen in diesem Lande. Abwerbung für Deutschland, für unsere geliebte Heimat."

Diesen Kommentar sprach Hans-Peter Herz Anfang der sechziger Jahre, anlässlich eines Prozesses in der DDR gegen ein paar Männer, die der "Abwerbung" bezichtigt wurden.

Doch gehen wir noch einmal zurück an die Anfänge der Nachkriegszeit: Eine erste Bewährungsprobe, was die Berichterstattung betrifft, stellte sich für den Sender 1948.  Die Sowjets blockierten knapp 11 Monate lang den Westteil Berlins, eine Boykottmaßnahme als Antwort auf die in den Westzonen vorgenommene Währungsreform. Die Berliner mussten von den Westalliierten aus der Luft versorgt werden. Im November 1948 unternahmen die beiden RIAS-Reporter Jürgen Graf und Peter Schultze in einem der sogenannten "Rosinenbomber" einen Flug über Berlin:

"Ganz tief unter uns bleibt jetzt Gatow liegen, wir müssen jetzt ungefähr eine Höhe von 900 bis 1000 Metern erreicht haben, ich schaue herunter, die Maschine fliegt jetzt noch mal eine große Kurve über West-Berlin, und es ist komisch, liebe Hörer, hier von oben zu sehen, jetzt in diesem Augenblick zu sehen, welche Gebiete Strom haben, man sieht ganze Bezirke, fast quadratisch abgezirkelt in hellem Lichterglanz erscheinen und andere wiederum im Dunkeln gehüllt."

Die Blockade dauerte bis zum Mai 1949.  Da die Stromversorgung in dieser Zeit noch knapper war, als bereits in den Jahren zuvor, versorgte der RIAS die Bevölkerung in dieser Zeit per Lautsprecherwagen mit Informationen. Reporter Jürgen Graf und Sprecher Rudolf-Günter Wagner erzählten, dass sie oft auf eine überaus dankbare Hörerschaft trafen:

"Ich glaube, daran liegt auch das einzige Positive an den ganzen Stromsperrengeschichten, dass wir dadurch zu einer großen Familie zusammengewachsen sind. / Ja, das kann man wirklich sagen, also wir haben Beweise bekommen, dass Menschen uns, die wirklich selber sehr wenig haben, dass sie uns mit Geschenken überhäufen, dass sie uns Briefe schicken, dass sie mit einer rührenden Liebe, man kann schon fast nicht mehr von Sympathie reden, mit einer rührenden Liebe an uns hängen, das ist wunderbar und großartig. / Auch heute sind wieder Hunderte an der Uhlandstraße erschienen, um den neuesten Nachrichten von Rudolf Günter Wagner zu lauschen."

Und so sind die Berliner auch am 10.Mai 1949 zu der Nachricht gekommen, dass die Blockade nun bald vorbei sein würde:

"Achtung, Achtung hier ist RIAS Berlin! In Kürze hören Sie ein Kommuniqué der vier Großmächte über die Aufhebung der Berliner Blockade! In den Hauptstädten der vier Großmächte wurde um 14 Uhr offiziell bekannt gegeben, dass die Blockade Berlins und die Gegenblockade am 12.Mai aufgehoben werden."

Aus den Beschränkungen und Entbehrungen der Blockade- Zeit erschufen die Programmacher sogar so manchen Einfall für Unterhaltungssendungen. Der Kabarettist Günter Neumann präsentierte zu Weihnachten 1948, also mitten in der Blockadezeit, erstmals die Sendung "Der Insulaner", eine Mischung aus Kabarett, Comedy und Satire. Auch hier wurden oft und gerne der Osten und seine politischen Strukturen persifliert. Mangelwirtschaft, Behördenwillkür und starre Verhältnisse im Osten waren Ziel des Spotts. 132 Mal trat die Truppe der "Insulaner" öffentlich auf, und die Sendung wurde eines der Markenzeichen des RIAS. Sie lief noch lange weiter im Programm, bis 1964. Edith Scheuber sang die Titelmelodie der Sendung:

"Der Insulaner verliert die Ruhe nicht, der Insulaner liebt keen Jetue nich"

Das Programm des RIAS bestand zur Hälfte aus Wort- die andere Hälfte aus Musiksendungen. Daran sieht man schon, wie stark man auch auf Zerstreuung setzte. Nicht nur die "Insulaner" waren das überaus beliebte und programmprägende Unterhaltungs-Highlight des RIAS, auch andere Sendungen erreichten viele Hörer und Fans. Hans Rosenthal, der spätere Unterhaltungsshow- Moderator des ZDF begann seine Karriere 1948 im RIAS.

"Spaß muss sein. Quiz, Musik und gute Laune, am Mikrofon: mit Hans Rosenthal. Also Sie fahren jetzt durch Berlins Hauptstraßen an einer bestimmten Stelle wird Bräutigam Fritsch halten lassen und allein aussteigen on draußen wird er Sie dann beschimpfen und Sie müssen versuchen, ihn wieder mit lieben Worten zurückzuholen."

Spaß und Unterhaltung mussten auch deswegen sein, weil die Zeiten weiterhin unruhig waren und Ablenkung nur allzu gern angenommen wurde.    Am 17.Juni 1953 kam es in der DDR zu einem Arbeiteraufstand, der sich hauptsächlich gegen von der SED beschlossene erhöhte Arbeitsnormen richtete. Am selben Tag rief der Berliner DGB-Vorsitzende Ernst Scharnowski über den RIAS erstmals dazu auf, die Ostdeutschen sollten ihre auf die Straße gehen. Hat der RIAS schon im Vorfeld zum Volksaufstand beigetragen? Durchaus, sagt die Hamburger Historikerin Schanett Riller, denn schon in den Wochen vor dem 17.Juni wurden immer wieder die Arbeitsnormen im Programm diskutiert und der RIAS rief dazu auf, langsamer zu arbeiten, also die Vorgaben zu konterkarieren. Die Proteste selbst hatte man aber in ihrer Heftigkeit offenbar nicht vorhergesehen, so Schanett Riller:

"Am 17.Juni selbst war der RIAS völlig überrascht davon, welches Ausmaß der Protest eingenommen hat, und hat sehr deeskalierend berichtet. Es gab eine Delegation ostdeutscher Arbeiter, die in den RIAS gekommen ist, und eine Erklärung über den Funk verlesen wollte, die erhielten aber keine Sendezeit, weil man viel zu viel Angst hatte, dass das Ganze in die Luft fliegt."

Reporter Jürgen Graf berichtete über die Demonstrationen am 17.Juni 1953.

"Lasst das Schießen sein, treibt es nicht auf die Spitze! Schüsse am Potsdamer Platz. Wir können von hier aus nicht beobachten, wohin geschossen wird, und ob diese Schüsse aus russischen oder von Karabinern der Volkspolizei stammen,"

Kurz darauf wurden die Aufstände niedergeschlagen.

In Zeiten des Kalten Krieges war beiden Seiten in Ost und West klar, dass Geheimdienste stets mitspielten bei der Information und Desinformation. Selbst vor Entführungen schreckte die ostdeutsche Staatssicherheit nicht zurück, ein besonders kurioser Fall betraf den Ost-Agenten Gerhard Beck. Er sollte eine junge RIAS-Mitarbeiterin namens Lisa Stein entführen, sie zuvor mit vergifteten Pralinen bewusstlos machen. Doch das Attentat misslang. Geplant war, Stein in einem Schauprozess anzuklagen. Stattdessen wurde Gerhard Beck festgenommen und in West-Berlin vor Gericht gestellt.

Und doch kam es 1955 in Ost-Berlin zu einem Schauprozess gegen fünf DDR-Bürger, die Informationen an RIAS-Mitarbeiter weitergaben. Der sogenannte "RIAS-Prozess" endete mit Schuldsprüchen und einem Todesurteil. Schanett Riller:

"Die Urteile, derer die in diesen Prozessen angeklagt wurden, standen vor den Prozessen fest, ein Mann wurde per Fallbeil hingerichtet, andere erhielten lebenslange Zuchtstrafen. Im DDR-Rundfunk wurden diese Prozesse übertragen und sehr propagandistisch ausgeschlachtet, der RIAS hat dagegen gesendet, weil er diesen Prozess gegen Gerhard Beck, diesen Entführer von Frau Stein mitgeschnitten hat, und da eben auch die Prozessausschnitte von der anderen Seite dagegensetzen konnte und dann noch mal richtigstellen konnte, wie der Verlauf wirklich war."

Der RIAS war als Sender in der Front-Stadt Berlin stets am Puls der Weltpolitik. Das zeigte sich auch am 13.August 1961, als Berlin durch den Bau der Mauer getrennt wurde. RIAS- Reporter berichteten von den Bauarbeiten der Mauer an der Sektorengrenze:

"Die Polizisten von drüben in ihrer Arbeitskleidung, die Ostpolizisten, die Ostfeuerwehr, sie blicken hierüber, ja sie lächeln sogar dabei, wie sie den Pressluftbohrer in die Erde bohren und einer schaute mich an und es war in seinem Gesicht zu lesen: Ja, höre nur das Geräusch, ich mache es extra für Dich, damit Du es auch auf dein Tonband bekommst."

Mit dem Bau der Mauer wurde die Rolle der westlichen Sender, und namentlich auch des RIAS noch einmal wichtiger. Denn da nun die Bürger der DDR nicht mehr in den Westen reisen konnten, blieb ihnen auch der Kontakt zu Freunden und Familie in der Bundesrepublik und in West-Berlin verwehrt. Zwei Jahre dauerte die komplette Kontaktsperre zwischen Ost und West. Und erneut wurden im RIAS politische Differenzen zwischen der amerikanischen und der deutschen Sichtweise deutlich, analysiert Schanett Riller:

"Das Programm des RIAS bestand immer darin, dass sie eine Meinungsvielfalt zeigen, Falschmeldungen aus der DDR richtigstellen, oder andere Sichtweisen danebenstellen und das ist halt im Laufe der Jahre immer gleichgeblieben. Zum Zeitpunkt des Mauerbaus, wo ja klar war, die Interessen Berlins sind nicht unbedingt die gleichen Interessen, die Washington hat, nämlich Washington war aus auf eine friedliche Koexistenz und Berlin hat natürlich ein Überlebensinteresse seine Freiheit zu erhalten, und da hat Kennedy die Interessen Amerikas auf Westberlin beschränkt. Das ist natürlich dann ein Widerspruch zu dem, was die Berliner gerne gewollt hätten. Das wurde im Programm auch gesagt, am Tag des Mauerbaus haben die RIAS-Redakteure on air geschimpft, dass die Westmächte versagt haben, Kritik geübt, dass zu spät reagiert wird und gar nicht reagiert wird.

Der RIAS beschäftigte sich in den Jahren danach auch mit ganz alltäglichen Fragen der deutschen Teilung. Erst im Dezember 1963 trat das Passierscheinabkommen zwischen der DDR und der West-Berlin in Kraft. Zunächst konnten Westberliner nur rund um die Weihnachtsfeiertage zu Besuchen nach Ost-Berlin reisen. Es gab viele Fragen, und der RIAS beantwortete sie in Sondersendungen:

"Der UKW Sonderdienst auf Kanal 24, UKW 94,3, meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen einige Mitteilungen machen, es geht um die Besuche in der ‚Sperrzone', danach werden wir ja immer wieder gefragt, solche Besuche sind nicht möglich, wenn ein Ostberliner in der Sperrzone wohnt und seine Angehörigen ihn aufsuchen wollen, müssen Sie einen Treffpunkt im Ostsektor vereinbaren. Gucken Sie mal in einem Verzeichnis nach, suchen Sie sich einen schönen Punkt aus, im Friedrichshain, oder denken Sie an Café Warschau, Café Prag, Café Berlin, Sie werden schon etwas finden, es wird Ihnen schon etwas einfallen."

Der RIAS begleitete in den darauf folgenden Jahren und Jahrzehnten die Ereignisse, die weit über Berlin und der DDR hinaus Thema waren: Den Einmarsch der Sowjets in die CSSR 1968 etwa.    Und die Zeiten blieben spannend: Polen und die Solidarnosc-Bewegung.

Die Veränderungen in der Sowjetunion unter Gorbatschow. Und natürlich berichtete auch der RIAS am 9.November 1989 live von der Bornholmer Straße in Berlin, jenem Ort, wo als erstes die Mauer fiel:

"Vorhin haben sie noch einzeln durchgelassen, dann haben sie das Tor aufgemacht und jetzt können wir so wie wir waren ohne alles hier gehen, ohne Kontrolle ohne alles nichts, hab nicht mal einen Ausweis bei."

All die Umbrüche in der DDR, die ersten freien Wahlen, den Prozess zur deutschen Einheit begleitete der RIAS ausführlich. Nicht nur Deutschland sollte sich grundlegend verändern, auch die Rolle des RIAS stand infrage.

Doch die Medienpolitik wollte, dass die Tradition des RIAS nicht einfach so sang und klanglos untergeht. Dazu war der Sender zu bedeutsam. Man einigte sich, nach langen und komplizierten Verhandlungen, auf einen bundesweiten Sender, der "Deutschlandradio Berlin" getauft, und zusammengefügt wurde aus dem ostdeutschen "Deutschlandsender Kultur" und dem RIAS. Zusammen mit dem Programm des Deutschlandfunks wurde am 17.Juni 1993 die Körperschaft des öffentlichen Rechts Deutschlandradio geschaffen, sie wurde durch einen Staatsvertrag für einen nationalen Hörfunk zwischen Bund und den 16 Bundesländern vereinbart. Der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf:

"Diese beiden für die zurückliegenden 40 Jahre so wichtigen Einrichtungen, Deutschlandfunk und RIAS, gehen in einer neuen Einheit auf. Das heißt, sie gehen in der Einheit in dem Sinn, in dem sie in ihr fortexistieren."

Mit dem Start des Deutschlandradios mit seinen zwei Programmen am 01. Januar 1994 wurde der RIAS Teil der Mediengeschichte. Die Zeit des Kalten Krieges war vorbei, Ost und West sollten nun allmählich auch im Rundfunk zusammenwachsen. Was den Sender in seinem Kern ausmachte, beschreibt Manfred Rexin, langjähriger Leiter des Bildungsprogramms im RIAS:

"Der RIAS war aus meiner Sicht ein anti-totalitärer Sender, der zwei Antis beschrieb: Er war antikommunistisch und er war antinazistisch. Das Bildungsprogramm hat immer großen Wert darauf gelegt, gerade die Zeit vor 1933 und nach 1933 genauer zu beschreiben, mit historischen Originaltönen, wie sie zum Teil noch gar nicht verwendet und ausgewertet worden waren, zu analysieren, und dieses doppelte Nein: Nein zur braunen Diktatur und Nein zur roten Diktatur, das hat dem Sender Profil gegeben."

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