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StartseiteEssay und DiskursDichtung und Alter (1/2)04.09.2011

Dichtung und Alter (1/2)

1. Verwandlungen

Die dichterischen Darstellungen des hohen Alters lassen - bei aller Vielfalt - eine einzigartige Grundhaltung erkennen: das Bedürfnis und die Fähigkeit moderner Dichter, in den Hochbetagten sich selbst zu entdecken.

Von Judith Klein

Albert Camus
Albert Camus

Das hohe Alter wird von einer zweiten Realität gleichsam umspielt: von den Deutungen und Beschreibungen, die wir von ihm geben. An ihnen liegt es, was das hohe Alter, das eigene und das der anderen, für uns sein wird und welches Gesicht wir ihm zuwenden. Um es zu begreifen, ist die Kenntnis der Fakten nützlich, wie sie sich in Statistiken, in wissenschaftlichen Forschungen und Diagnosen niederschlägt, doch aufschlussreicher und kostbarer sind die Texte der Dichter. Sigmund Freud, der Begründer der Psychoanalyse, wusste um ihren Vorsprung. Vor über hundert Jahren schrieb er:

Wertvolle Bundesgenossen sind aber die Dichter, und ihr Zeugnis ist noch anzuschlagen, denn sie pflegen eine Menge von Dingen zwischen Himmel und Erde zu wissen, von denen sich unsere Schulweisheit noch nichts träumen lässt.

Als Dichter werden nicht nur diejenigen bezeichnet, die Poesie verfassen, sondern all diejenigen, die vergängliche Erfahrungen, Empfindungen und Fantasien in unvergängliche Worte verwandeln und die sich leidenschaftlich der Sprache verschreiben - kurz: "überragende Geister auf dem Gebiet der Literatur", wie der britische Literaturwissenschaftler und Schriftsteller John Bayley es ausdrückte. Indem sie von der Welt neue fremdartige Bilder entwerfen, reißen sie uns aus herkömmlichen Vorstellungen heraus und zeigen uns Wege zu einer neuen Praxis.

Ihre Texte sind in mancher Hinsicht realistischer als Wissenschaft oder Alltagswissen, denn sie zeigen die Phänomene in ihrer jeweiligen Besonderheit und Einzigartigkeit und scheuen sich nicht, der Trauer der namenlos Untergehenden Ausdruck zu verleihen.

In dem Gedicht "May my heart always be open to little birds" richtet der amerikanische Dichter Edward E. Cummings einen alterslosen Wunsch an sein Herz. Die ersten Zeilen lauten:

immerdar möge mein herz kleinen vögeln / offenstehn denn sie sind das geheimnis des lebens / was sie auch singen ist besser als wissen / wenn menschen sie nicht mehr hören dann sind sie alt

Nicht das numerische Lebensalter, sondern das Nicht-mehr-Hören-der-Vögel definiert hier das Altsein. Es ist der Verzicht darauf, die Vögel singen zu hören oder ihnen dabei zuzuschauen, wie sie hoch in den Himmel fliegen, der alt sein lässt. Umgekehrt erscheint das Hören-der-Vögel als ein Zeichen für Jungsein - ob Jungsein der Alten oder Jungsein der Jungen.

Solche Gedanken wollen nicht unbedingt die Unterscheidung der Lebensalter aufheben, sie relativieren sie jedoch und schützen die Hochbetagten davor, auf ein bestimmtes, ihnen allein vorbehaltenes unveränderliches Wesen festgelegt und mit dem Stigma des Todes gezeichnet zu werden. Sie entsprechen einer Empfehlung, die Friedrich Nietzsche - vielleicht in Reaktion auf Arthur Schopenhauers strikter Scheidung der Lebensalter - aussprach:

Die Kürze des Lebens sollte uns vor dem pedantischen Scheiden der Lebensalter bewahren - als ob jedes etwas Neues brächte.

Während Edward Cummings den Gesang der Vögel höher schätzte als das Wissen der Menschen, gilt anderen Dichtern das Wissen und vor allem das Wissen-Wollen als der höhere Wert. Das sind zwei Sichtweisen, die das Geheimnis des Glücks - diesseits entfremdender Lebensbedingungen und Institutionen und unabhängig vom Alter - enthüllen. Von jungen Hundertjährigen, die Neues über die Welt erfahren möchten, berichtet Galilei in dem Stück "Leben des Galilei" von Bertolt Brecht:


Und es ist eine große Lust aufgekommen, die Ursachen aller Dinge zu erforschen: warum der Stein fällt, den man loslässt, und wie er steigt, wenn man ihn hochwirft. Jeden Tag wird etwas gefunden. Selbst die Hundertjährigen lassen sich noch von den Jungen ins Ohr schreien, was Neues entdeckt wurde.

Diese Szene aus den Anfängen der Neuzeit ist erfüllt von der Lust am Forschen und von der Freude am Wissen, die auf die Hundertjährigen übertragen wird: Mögen sie schwerhörig sein, ihr Intellekt ist keineswegs abgestumpft, sie nehmen am Gegenwärtigen teil, offenbar bis zur letzten Sekunde, was eine der Bedingungen dafür ist, dem Tragischen des hohen Alters zu entgehen, so jedenfalls Ludwig Hohl, der Schweizer Dichter.

In Brechts eigenem Jahrhundert herrschten Zustände, die jenen Optimismus Lügen straften - Zustände, wie Werner Bergengruen sie im Jahre 1944 in dem Gedicht "Die letzte Epiphanie" gleichnishaft bezeugt hat, das dem inneren Widerstand gegen die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschland entsprungen ist. Das lyrische Ich, vielleicht ein Gott, nähert sich einem geliebten Land in Gestalt gedemütigter, unterdrückter, ausgegrenzter und mit dem Tod bedrohter Menschen und erlebt dort jede Art von Gewalt, von Verfolgung und Mord. In der dritten Strophe heißt es:

Ich kam als zitternde geistesgeschwächte / Greisin mit stummem Angstgeschrei. / Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte, / und nur meine Asche gabt ihr frei.

Bergengruen gedenkt hier der Hochbetagten als Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik, gehörten sie doch, innerhalb der Opfergruppen, zu den Schwächsten; viele retteten sich in Wahn und Selbstmord, wenn sie nicht von den Schergen sofort vernichtet wurden. Doch das Gedicht kann auch als Anklage gegen alle gesellschaftlichen Verhältnisse gelesen werden, in denen eine Kluft zwischen der verängstigten gebrochenen Kreatur und den tatkräftigen mächtigen Bevölkerungsteilen klafft.

Dem Gedicht Bergengruens ist ein Gedicht des britischen Dichters Wystan Hugh Auden, "Old People's Home" (Altersheim), zur Seite zu stellen, das sich auf die Situation der alten Menschen in den westlichen Demokratien bezieht. Es geht auf die sechziger Jahre zurück, als sich dort gesonderte Institutionen zu ihrer Aufnahme und Pflege auszubreiten begannen.

In dem Gedicht bilden die Bewohner eines Altersheims einen grotesken Zug der Ungeliebten, Ausgestoßenen, Unvermissten, der herannaht, ohne dass sich auch nur ein einziges Gesicht aufhellen würde: Auf die geistig noch Fähigen und körperlich Beweglichen, die ihre "Freiheit" mit dem Wissen um ihr Los und mit einem "mürrischen Wesen weit über Tränen hinaus" bezahlen, folgen die auf Rädern Rollenden und die Einsamen, die sich "in der Vorhölle der Vergessenheit" aufhalten, und zuletzt die "ausweglos Unzulänglichen, so sündlos, / so unbekümmert, unansprechbar wie die Pflanzen (sie parodierend) / Denen sie lächerlich nachgeraten".

Und dann bezieht das Gedicht uns, die Lesenden, in den Zug mit ein:

Doch so wie es jetzt ist, / wir alle wissen was uns erwartet, sie aber waren die Ersten, / Die Generation die verschwindet, nicht zu Haus sondern fortgeschickt, / in nummerierte überfüllte Haft, verdrängt aus dem Gewissen / Wie ein ärgerliches Gepäckstück.

Ähnlich düster sind drei kurze Erzähltexte, die Albert Camus, Zeitgenosse Audens, in sehr jungen Jahren den Beziehungen zwischen Jung und Alt gewidmet hat. Sie wurden 1937 in den Erzählband "L'envers et l'endroit" (Licht und Schatten) aufgenommen und 1959 auf Deutsch veröffentlicht. Es sind Familienszenen ohne Licht, in denen das Ewiggleiche der Lieblosigkeit herrscht. Hier fällt der oft zitierte Satz:

Am Ende eines Lebens ist das Alter wie ein ständiges Würgen im Hals.

Ein "allwissender" Erzähler bringt dieses Würgen, das hier eher den psychischen und existenziellen Bedingungen als den gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet ist, in Dialogen und inneren Stimmen zum Ausdruck. Verantwortlich für die Kluft zwischen Jung und Alt sind auf der einen Seite Egoismus, Vergnügungssucht und Streben nach Selbstverwirklichung, auf der anderen Seite ein gewisses Selbstmitleid und Starre im Einklagen von Zuwendung. Über den jungen Mann aus der Erzählung Ironie, der sich vorübergehend einer leidenden alten Frau zugewandt hat, heißt es:

Er (...) sah sich dem schrecklichsten Unglück gegenüber, dem er je begegnet war: eine hilflose alte Frau, die man im Stich lässt, um ins Kino zu gehen. Er wollte fort, entkommen, er wollte es gar nicht wissen, versuchte, seine Hand zu befreien. Eine Sekunde lang empfand er einen glühenden Hass auf die alte Frau und hatte Lust, sie schallend zu ohrfeigen.

Der junge Camus zeigt die Ausweglosigkeit der Situation: Die Rettung der alten Frau ist greifbar nah; sonnenklar ist, worin sie bestünde: in Nähe und Zuneigung. Doch diejenigen, die ihr das schenken könnten, entziehen sich, zornig ob der Zumutung oder bereits in Gedanken ganz woanders. Die alte Frau umklammert ihren Rosenkranz, doch Umklammern ist nicht Umarmen oder Umarmt-Werden; das "Alleinsein mit Gott" ist enttäuschend:

Gott war ihr zu nichts nütze, er löste sie nur aus der Gemeinschaft der Menschen und überantwortete sie der Einsamkeit. Sie wollte die Menschen nicht verlassen. Darum fing sie an zu weinen.

In der zweiten Erzählung, die um einen alten Mann kreist und in der Jung und Alt ebenfalls einander fremd sind, heißt es:

Bald blieb er allein, trotz der Anstrengungen und der Lügen, mit denen er seine Erzählung spannender gestalten wollte. Rücksichtslos waren die Jungen gegangen. Wieder allein. Nicht mehr angehört werden: Das ist das Schreckliche, wenn man alt ist. Man verurteilte ihn zum Schweigen und zur Einsamkeit. Man bedeutete ihm, dass er bald sterben musste. Und ein alter Mann, der bald stirbt, ist unnütz, sogar lästig und störend. Soll er machen, dass er fortkommt.

Es wäre aufschlussreich, das hier dargestellte psychische Elend mit dem Bild zu vergleichen, das Camus einige Jahre später von dem Leben in einem Altersheim im Hinterland von Algier gezeichnet hat. Die alte Mutter des Ich-Erzählers in "L'Étranger" (Der Fremde) hat dort vor ihrem Tod in einem Kreis von Menschen gelebt, die ihr zu Freunden geworden sind, sie hat sogar einen Gefährten gefunden. Abends legt sich Frieden auf die Seelen:

Dort, auch dort, rings um das Altersheim, in dem Leben erloschen, war der Abend wie eine melancholische Atempause. Dem Tod so nahe, hatte Maman sich dort befreit gefühlt und bereit, alles noch einmal zu leben.

"Der Fremde" wirft einen nachsichtigen, milden Blick auf das gemeinschaftliche Leben der Hochbetagten im Kreis anderer alter Menschen, während die drei Erzählstücke aus "Licht und Schatten" das Familientheater mit seinen Machtbeziehungen und Egoismen kritisch beleuchten.

Der Schweizer Dichter Ludwig Hohl hat zwischen 1933 und 1938 die Erzähltrilogie "Drei alte Weiber in einem Bergdorf" geschrieben, die zunächst in einem Kleinstverlag erschienen ist - ein Büchlein, das für das Thema Alter und hohes Alter äußerst wertvoll ist.

Zwei der drei Frauen gelten in dem Dorf als kindisch, sie ziehen verächtliche Blicke auf sich. Der junge Ich-Erzähler teilt zunächst diese Ansichten der Mehrheit, doch dann geht er eigene, ungewohnte Wege und sucht den Weg der alten Frauen zu kreuzen. Er beschreibt die Gestalt, die Gebrechen und das Verwachsensein jeder Einzelnen mit der Landschaft, er gibt ihre Stimme wieder, in der sich - für den, der hinhört - ihre Seele ausdrückt. Das, was er von den alten Frauen lernt, verwandelt schließlich nicht nur den Blick, den er auf sie wirft, sondern auch seinen Blick auf die Welt und auf sich selbst. In Gesellschaft der Frau, die er "die Wuchtige" nennt, erhalten die "banalen Dinge des Gebrauchs" ein "neues" Leben; in ihren Händen gewinnen sie den Wert zurück, den sie einst besaßen:

Ein Klumpen Brot, einige Gramm Butter verwandelten sich in ihrer Hand, gewannen wirklich ein neues Leben, wieder ein Leben! Für uns banale Dinge des Gebrauchs, wurden sie nun wie der Kunstgegenstand in der Hand des Kenners, der das kostbare Stück mit sicherem Blick und raschem Griff aus der Menge der Wertlosigkeiten hervorgehoben hat und emporhält.

Philosophen haben nach Möglichkeiten gesucht, den Tod oder wenigstens die Furcht vor dem Tod zu überwinden. So hat Emil M. Cioran herausgefunden, dass die Wahrnehmung oder die Empfindung von Leere, die alles und also auch den Tod in Unwirklichkeit taucht, ihn bezwingen könnte. Darüber hinaus hat er festgestellt, dass die lange Gegenwart des Todes in unserem Leben zu Abnutzungs- und Ermüdungserscheinungen führe: Er werde gleichsam ausgedörrt, schrumpfe dahin, so dass die Obsession des Todes einer "geläuterten Liebe zum Leben" Platz mache.

Ludwig Hohls Erzählung weist einen anderen Weg: das Verwinden des Todes durch die Einheit mit den Dingen der Welt, durch das In-die-Welt-Eingehen. Über "die Wuchtige" heißt es:

Sie sah ihren eigenen Tod nicht anders als ein Ding unter Dingen an. Ungeheure Sache, für uns. Diese Alte hatte (...) jenen Ort noch inne, den nur die höchsten Geister in seltenen Fällen wieder erreichen: Sie war ganz in die Welt eingegangen - was der einzige sichere Weg zur Überwindung des Todes, der Furcht vor dem Tod ist. Von diesem Tag an war eine Änderung eingetreten in meiner Einstellung zu ihr: Ich sah sie von nun an in einer ganz anderen Weise alt, als uralt, nicht ein Jahrhundert, sondern Jahrtausende alt.

Die Erzählung endet mit einer einzigartigen Würdigung des hohen Alters:

"Die Magie dieses wuchtigen, steinartigen und rauen Weibes, dieser burgartigen Figur, ruhte in ihrem Alter; einem Alter, das so ungeheuer war, dass es als Brücke diente hinüber zu einer ganz andern Zeit, die man sonst nur denken konnte und die hier dem äußeren Auge sichtbar wurde, der Zeit, da der Mensch noch unendlich mühsam und in einer schwer zu beschreibenden Einheit mit den Dingen lebte."

Die zweite Frau des Büchleins wird "Die Stille" genannt:

Still ist alles an ihr, so still, dass man sie lange Zeit nicht, dann erst wahrnimmt, wenn einmal die äußere Welt selber sich zur Stille neigt. (...) Indessen ist ihr Äußeres durch sein Gebrechen auffallend und nicht zu verwechseln: beim Gehen trägt die Frau den Rumpf in rechtem Winkel zu den Beinen, nahezu waagrecht; nur des Rumpfes oberer Teil folgt einer etwas ansteigenden Linie, einer steileren der Kopf."

Der Dichter hält sie nicht in dieser Gebrechlichkeit gefangen, er lobt vielmehr ihre "feierlich klare, hohe, singende Stimme", mit der sie zuweilen in "seltsamen", in "farbigen" Worten spricht: "langsam erstehende Worte, die immer sehr wenige bleiben werden".

Wie "die Wuchtige" offenbart "die Stille" sich in ihrem Verhältnis zu den Dingen. Mit ihrem Garten ist sie nicht nur unzertrennlich verbunden, der Garten scheint "eine Eigenschaft von ihr" zu sein. Sucht sie ihn auf, verschwindet sie in ihm, wird zu einem Teil von ihm.

Der Erzähler beobachtet, wie sie am Brunnen steht:

Ich sah sie (...) mit zarter Hand nach dem Wasserstrahl greifen: mit so zarter, scheuer Hand, als ob es gälte, einen Schmetterling zu fassen, ohne seine Flügel zu verletzen.

Wen hätte er je nach einem Wasserstrahl wie nach einem kostbaren verletzlichen Ding greifen sehen und dann Staunenerregendes sagen hören? "Wasser gibt es viel, viel in Turra." Die Leute im Dorf hatten getuschelt, "man dürfe nicht darauf hören, was sie berichte; die sei nämlich ganz kindisch". Doch der Erzähler lauscht und vergleicht ihre zarten Worte und Gesten mit dem Verhalten der anderen Dorfbewohner:

Nie äußerte sonst jemand etwas Derartiges im Dorfe! Sondern sie kamen nur alle und holten Wasser, Eimer um Eimer voll, und redeten von den Zinsen, den Märkten und sahen erst dann, wenn das Wasser einmal nicht floss, wieder auf den Brunnen, und schalten.

Die Erzählung ist eine der Verwandlungen. Man gelangt von Überraschung zu Überraschung bis hin zu der letzten poetischen Offenbarung. Am späten Abend spaltet der Erzähler Holz vor dem Haus. Die alte Frau nähert sich, ihr Schlurfen ist zu hören. Sie hält inne. "Gut ist dieses Holz", sagt sie zu dem, der das Holz hackt und der sich wundert:

Die Stimme tönt angenehm in der Nacht, sagte ich mir, aber man kann es mit dem besten Willen jetzt und von dort aus nicht sehen, ob das Holz gut ist.

Die dritte Alte, "die Furchtbare" genannt, wohnt in einer verwahrlosten Hütte am Rande des Ortes. Sie ist von allen Alten des Dorfes die Ärmste und Verrufenste, eine Bettlerin. "In Lumpen gehüllte (...) greuliche Puppe", "verwitterte und schmutzige graue Lehmfigur", "beinahe schon das Gestaltlose", nennt sie der Erzähler:

Mehr als einmal sah ich sie am Straßenrand stehen, erinnernd an einen schmutzigen, verwischten, abschmelzenden Schneemann im Frühling, aber mit grauenerregendem Blick.

Auch dieser "Gestaltlosen" öffnet er seine Tür. Sie sagt kaum eine Silbe, versteht vielleicht nichts, doch an gewissen Tagen bricht ein ungeheurer Wortschwall aus ihr heraus wie aus einem wütenden, verwundeten Stier. So zart und feierlich singend die Stimme "der Stillen" ist, so schrecklich dröhnend die "der Furchtbaren". Eines Tages brüllt sie den Dorfgeistlichen, der ihr einmal das Abendmahl verweigert hatte, mit eherner Stimme an:

"Hää - Halunke? - Hat Gott dich hier eingesetzt?"

Als der Erzähler sie zum letzten Mal erblickt, wird sie einem Baum oder einem Artefakt ähnlich:

Noch regten sich ihr strähniges Haar und Lappen an ihr, die sich zu lösen schienen, aber bald glich sie nur noch einem zerzausten Baum, wenn der Wind seine Arme, bestehend aus Gespinst und Gezweig, lässig bewegt, oder einer müden kleinen Mühle.

Die drei alten Frauen leben in fast noch vormodernen Verhältnissen: Man holt sich das Wasser am Brunnen, man hackt das Holz, mit dem geheizt wird. Doch seltsamerweise machen heutige Hochbetagte - sei es im praktischen Leben, sei es in den Texten der Dichter - nicht selten Erfahrungen, die denen der drei alten Weiber des Bergdorfs nicht unähnlich sind: Sie werden von der gesellschaftlichen Umwelt verkannt und als senil und kindisch abgestempelt; sie fühlen sich, falls ihr Wahrnehmungs- und Vorstellungsvermögen noch wach ist und die Welt noch zu ihnen gelangt, zu den kleinen Kindern, den Tieren, den Pflanzen und den Dingen hingezogen; sie empfinden Glück beim Lauschen auf einen Laut, beim Blick auf eine Blume oder einen Baum.

Dem Tod schauen sie vielleicht nicht gerade wie einem Ding unter Dingen ins Auge, doch er ist gleichsam dahingeschrumpft, "ausgedörrt" - "Hintergrund mit verblichenen Farben", hat Camus ihn genannt und gefragt:

Wenn alles vorbei ist, erlischt der Lebenshunger. Ist es das, was man Glück nennt?

Das Leben lässt sich in Schrift umwandeln, was seine Auslöschung zwar nicht unterbindet, doch Überlieferung entbindet. Die französische Schriftstellerin Hélène Cixous schreibt in "Ève s'évade" (Ève entschwindet), einem im Jahre 2009 veröffentlichten Hymnus an ihre fast hundertjährige Mutter:

"Wenn ich nicht alle ihre Leben abgeschrieben hätte, würde nichts davon übrig bleiben, nicht einmal Asche. Doch alles ist aufgeschrieben. Alles ist ausgelöscht. Abgelegt in dunklen Heften. (...) Das Buch, das sie nun ist, richtet sich an Dutzende Nachkommen."

Als "maquillée d'éloignement", als "mit Ferne geschminkt", bezeichnet die Schriftstellerin ihre Mutter und fragt:

"Maman, wo spulst du dich ab, in welch gläsernem Wald, vielleicht in einer Stadt? Gehst du deiner Wege, gebrechliche Elfe, gerufen in die Kindheit eines Lebens, dessen Bilder und Rhythmen wir nicht kennen?"

Der Ausdruck "mit Ferne geschminkt" widerlegt jeden Gedanken an Unveränderlichkeit: Schminke lässt sich abschminken. Die weit verbreitete Neigung, dem hohen Alter ein Wesen, eine Essenz oder eine Vorhersehbarkeit anzuheften, findet in Hélène Cixous' Hymne kein Echo. Die Mutter verwandelt sich unablässig, sie ist "jeden Tag eine andere":

Unleugbar befinden wir uns in dem unbekannten Leben, in dem die Dinge Metamorphosen erleben. Ich spüre etwas Köstliches und Erschreckendes, mehrmals täglich zog sich mein Herz unter dem Eindruck einer schönen beunruhigenden Überraschung zusammen.

Das, was andere Autoren Entrückung, Abgelöstheit und Indifferenz des hohen Alters oder gar Zerstörung der Persönlichkeit nennen, kleidet Hélène Cixous in ungewohnte Metaphern oder verlebendigt es durch Gegenbilder des Aufblühens, Kämpfens, Weiterlebens:

Ich stelle allmählich fest, dass ihre Persönlichkeit jetzt animalischer ist als letztes Jahr. Sie, die immer darauf bestanden hatte, sich von der Katze zu unterscheiden, wechselt ihr Sein, rollt sich zusammen, sobald es anfängt zu regnen; kommt die Sonne zurück, blüht sie von Neuem auf, ich kann ihr kaum folgen. Es ist, als würde sie mit der Pfote den Fluss Lethe berühren und sie blitzschnell wieder zurückziehen. Am Ende jeder Siesta bläst sie ins Horn, miaut bis zum Himmel. Als ob in ihrem Inneren ein kleines kämpferisches Wesen dem Universum einen Sieg verkünden würde.

Die Kraft gegenüber den Anforderungen der konkreten Welt nimmt ab oder verliert sich, doch rettender Ausgleich stellt sich ein: größere Wachheit, Ekstase, Verzauberung. Wie die kleinen Kinder aufblühen und sich wandeln, so auch die Hochbetagte, wenn auch auf andere Weise:

Gegen Ende wird das Geheimnis des Lebens so stark, dass es von etwas ganz Kümmerlichem am Blühen gehalten werden kann. (...) Man spendet mir Beifall, dachte meine Mutter. Jeden Morgen bin ich aufrecht, immer noch eine Blume!

Eine Blume - doch bereit, sich von interessanten Themen mitreissen zu lassen. Mutter und Tochter betrachten gemeinsam das Bild "Der Traum des Gefangenen" von Moritz von Schwind, das Bezüge zu ihrer Situation hat, leben sie doch in einem ähnlichen Widerspruch wie die Figur des Malers: dem Gefangensein in der Zeit und der Erlösung durch Traum und Fantasie. Das Lesen der Kunst und die Kunst des Lesens lindern den Schmerz über den zukünftigen Abschied, der seine Schatten voraus wirft. In der künstlerischen Spiegelung ihrer Situation setzt sich für sie das Leben fort, das immer schon von Erfindungsgeist und Sprachspielen sprühte.

Im Austausch zwischen den beiden, Tochter und Mutter, nehmen alle Dinge jederzeit neue Farben und Bedeutungen an. Hier herrscht keinesfalls die den Hochbetagten häufig vorausgesagte reine Zuständlichkeit ohne Zukunft oder bloße Befriedigung physiologischer Bedürfnisse - wenn auch der Moment jederzeit eintreten kann, in dem eine große Schwäche "alles fallen lässt".

Aus einer Krise, in der die Mutter fast fortgerissen worden wäre, erwachen beide "neu erblüht", die Mutter von "unerklärlicher Lustigkeit", von "explodierender Vitalität", ein "Feuerwerk". Im Anklang an Dante wird das "Neue Leben" ausgerufen. Eine neue Freiheit ist gewonnen:

Sie ist niemals so frei gewesen. In ihrem Garten wächst kein Pflichtbewusstsein. Sie kaut Magnolienblüten. "Die Küche, das bist du." Ich: die Küche und der Friedhof. Sie segelt nach Èvedorado, an Bord der Magnolia. Im Morgengrauen können Sie sehen, wie sie am Bug sitzt; die Magnolia hat zwei Segel gehisst - so dick wie zwei weiße Scheiben Brot. Ève beobachtet verzückt das Aufsteigen.

Nicht nur das Segelschiff Magnolia ist Teil des Èvedorados, auch die Dinge, die Kleidungsstücke, der Regenschirm, der Pyjama gehören dazu, Beweise für den Bestand der Welt und das Weiterleben. Sie besitzen eine Seele, der die hochbetagte Dame mitfühlend begegnet und um die sie sich sorgt, denn die Gefangenschaft der Dinge in Schränken, Schubladen und Kommoden schmerzt sie:

Die Geschichte meiner Mutter spielt jetzt in einem Land, in dem die Stunden viel langsamer vergehen als unsere. Ihr Zimmer gleicht einem Garten: Andächtig hegt und pflegt sie den Schrank, die Anrichte, die Kleinmöbel. Alles ist durchdacht, abgewogen, die mühsamen, zartfühlenden Gesten sind wohlüberlegt (...). Ein wirklich luxuriöses Land. Die Lebewesen und die Dinge, mit einer neuen großen Bedeutung ausgestattet, ziehen ein geheimnisvolles Licht auf sich, das vielleicht nichts anderes ist als der Glanz der Sichtbarkeit.

Befreit aus der Zwangsjacke der Begriffe und des Kalküls, gewinnen sehr alte Menschen häufig einen neuen Zugang zu den Dingen, die nun wieder, wie in der Kindheit, wirklich gesehen werden - so, "als wären sie die einzigen ihrer Art, ja, überhaupt allein vorhanden", wie Arthur Schopenhauer schrieb. Wenn ihr Seh- oder Tastvermögen noch vorhanden und lebendig ist, werden die Hochbetagten gleichsam zu Sehern - nicht im Sinne des obsoleten Modells der Seher-Dichter, die heilvolle oder unheilvolle Zukunftsvisionen verkünden, sondern im Sinne des Sehens oder Ertastens der allernächsten Dinge.

Wie die Kinder erfahren sie die Dinge weniger von der Seite des Willens und Begehrens her als "von der Seite des Sehens" (Schopenhauer), worin jener "Glanz der Sichtbarkeit" vielleicht seinen Ursprung hat.

Manchmal verbindet sich die Aufmerksamkeit für die allernächsten Dinge mit einer letzten Handlungsmöglichkeit, wie der Schriftsteller Pierre Pachet es in "Devant ma mère" (Vor meiner Mutter) im Jahre 2007 beschrieben hat:

"ein Kleidungsstück glatt streifen, einen Ärmel zurechtzupfen, Knöpfe richtig zuknöpfen. Es kommt mir so vor, als empfinde sie dabei ein letztes Vergnügen, das darin besteht, die Gegenstände ihrer unmittelbaren Umgebung zu behüten, sie zu ordnen und in diesem kleinen kindlichen Königreich zu herrschen, das bedroht, aber doch noch in ihrer Reichweite ist.

Von ihren alten Zielen und Bemühungen sind die Hochbetagten weitgehend befreit, sie spannen sich nicht mehr in die ferne Zukunft, sie haben die Pflicht zur Vorwegnahme der Zukunft - wie die meisten anderen Pflichten - abgeworfen. Doch die "knausrige Zeit", wie der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy es nennt, schrumpft als Zeit ihres inneren Zeitbewusstseins keineswegs zusammen. Ein solches Zusammenschrumpfen erleben allenfalls die sogenannten jungen Alten, die noch um die Reste ihrer Jugendlichkeit, ihrer Potenz, ihrer Gesundheit, ihres Status und ihres Erfolgs kämpfen.

2. Teil "Sprache und Demenz" am 11.9.2011

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