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Die Absurdität des Alltags

Jakob Heins tragikomischer Roman "Herr Jensen steigt aus"

Von Michael Opitz

Auch seinen Job als Briefträger verliert Herr Jensen.
Auch seinen Job als Briefträger verliert Herr Jensen. (AP)

" Ich suchte jemand, der seinen Fernseher aus dem Fenster schmeißt. Der das nicht macht, weil er hysterisch ist, der das nicht macht, weil er irgendeine theatralische Geste vollziehen will, sondern ich suchte jemanden, der in aller Ruhe darüber nachdenkt und dann seinen Fernseher nimmt und ihn aus dem Fenster schmeißt. Und das ist Herr Jensen. Und so habe ich den quasi kennen gelernt. Und dann habe ich eben gedacht, ach ja, dann weißt du auch, wo der herkommt und warum das alles so ist. Und als ich das dann so geschrieben hatte, wusste ich auch - in etwa - wie das weiter geht. Und dadurch kam dieses Buch zustande. "

So beschreibt Jakob Hein, wie er auf die zentrale Figur seines Romans Herr Jensen steigt aus gestoßen ist. Herr Jensen, ein eigentlich stiller Mensch, der immer unauffällig blieb, der getan hat, was von ihm erwartet wurde, der nie an die Spitze strebte, sondern zufrieden war mit einem Platz im Mittelfeld, dieser schüchterne Mensch, der keine Freundin und auch keine Freunde hat, wirft eines Tages seinen Fernseher aus dem Fenster und die vier in seinem Besitz befindlichen Videorecorder gleich hinterher. Damit beendet Herr Jensen, der überzeugt war, ein besonderes Talent zum Fernsehen zu besitzen, seine Zeit als Fernsehnutzer, weil er genug hat von den sinnlosen Sendungen, die man ihm täglich zumutet.

Der unkonventionellen Art, wie sich Herr Jensen seines TV-Gerätes entledigt, ist alles andere als ein Wutausbruch - Herr Jensen ist nach monatelangen Analysen des Fernsehprogramms zu der Überzeugung gekommen, dass es den größeren Zusammenhang, in dem er die Sendungen vermutete, die weder Informationen noch Ratschläge vermitteln, die keine Geschichten erzählen, dafür aber Personen präsentieren, die über keine Fähigkeiten verfügen, dass es diesen größeren Zusammenhang tatsächlich nicht gibt. Mehr noch, Herrn Jensen wird deutlich, dass er sich angesichts der Werte, die ihm das Medium vermittelt, außerhalb der gesellschaftlichen Norm bewegt. Er hat kein Geld, keine Freunde, ist nicht schön, kennt nicht die aktuelle Musik, auch nicht die modischen Trends und hat vor allem keine Arbeit.

" Also ich glaube, ich habe den das erste Mal vor zweieinhalb Jahren getroffen, wie gesagt, als ich diese Geschichte schrieb, und habe dann mich sofort rangesetzt und immer weiter dessen Geschichte erzählt und gesponnen und dann mit dem Verlag darüber gesprochen, der daran sehr interessiert war und dann hatte ich eine Knieverletzung und war quasi an meine Wohnung gebunden, was für mich im Vergleich zu meiner sonstigen Arbeitsrealität ein Privileg war und ich konnte dann den "Herrn Jensen" zusammenführen und zu Ende führen. "

Im Zentrum von Jakob Heins Buch steht ein arbeitsloser Briefträger. Herr Jensen hat zwar Abitur gemacht und auch einige Semester studiert, aber er verfügt über keinen Abschluss. Und da er sich gern in den Bereichen bewegt, die ihm vertraut sind, ließ er seinen Ferienjob als Postzusteller zu seinen Hauptberuf werden. Nie hat er sich etwas zu schulden kommen lassen, war immer pünktlich und mit seinem Job zufrieden. Aber dann wird ihm gekündigt. Kurioser Weise muss ihm gekündigt werden, weil die Post betriebsbedingte Kündigungen vermeiden will. Denn obwohl Herr Jensen zehn Jahre bei der Post arbeitete, war er dort nie als regulärer Mitarbeiter beschäftigt.

" Herr Jensen kennt das Leben nur als eine Reihe von Verpflichtungen. Also, er ist in so einen Job rein gewachsen als Briefträger über eine Ferientätigkeit, wo er dann eben dabei geblieben ist.
Er hat ja auch keine Erwartung in dem Sinne, er nimmt ja immer das, was ihm vorgesetzt wird und insofern würde er jetzt auch nicht darauf kommen, aufzubegehren. Wogegen er aufbegehrt ist sinnlose Sachen zu machen. Vielmehr er fragt dann immer, ob es da auch einen Sinn gibt, weil, das interessiert ihn. Und da stellt er auch schon aus Versehen unbequeme Fragen.
Und in dem Moment, wo so eine unklare Anforderung an ihn gestellt wird, dass er jetzt etwas machen soll, da sagt er: Nein, ich mache nichts! "

Mit dieser alles andere als kleinlaut geäußerten Antwort auf die Frage, was Herr Jensen macht, steht er in der Tradition jener berühmten Figur aus Hermann Melvilles Erzählung Bartleby. Mit Gleichmut, aber stets konsequent wiederholt Bartleby den Satz: "I would prefer not to", ich möchte lieber nicht, wenn er als Schreiber in einer Kanzlei Aufgaben erledigen soll, die er nicht mag. Bartleby rebelliert still, aber entschieden. Schließlich wird er entlassen, wohnt aber noch im Büro, auch, als die Kanzlei längst verzogen ist, man verhaftet ihn und zu guter Letzt stirbt Bartleby, weil er die Nahrungsaufnahme verweigert. Diese mit Konsequenz gelebte Haltung einer Verweigerung wird zum moralischen Vorwurf gegenüber seinem früheren Arbeitgeber, denn Bartleby wollte nichts mehr als frei sein in seinen Entscheidungen. Jakob Heins Herr Jensen steht in der Tradition von Bartleby, denn auch er versteht es, sich zu widersetzen.

" Eigentlich entdeckt ja Herr Jensen, dass er nie drin war. Und dann beschließt er, dass er dann auch gucken kann, was er draußen machen kann. Er ist kein Rebell, er ist niemand, der sich auflehnt, aber er stellt fest, durch intensive Studien, dass er gar nicht drin ist und ist darüber auch irgendwo enttäuscht. "

Nachdem ihn die Gesellschaft ins Abseits befördert hat, nimmt Herr Jensen die ihm zugewiesene Rolle des Nichtstun an, wehrt sich aber entschieden gegen Schulungsmaßnahmen, die ihm sinnlos erscheinen. Er wird zu einem Kurs fit for gastro geschickt, während er auf dem Arbeitsamt einem arbeitslosen ausgebildeten Kellner begegnete, den sich keine Gaststätte leisten kann, weil er zu teuer ist. Der Kellner wiederum wird fit für logistic gemacht, um in einen Arbeitsbereich integriert zu werden, aus dem Herr Jensen gerade ausgesondert wurde.

" Genau der sollte ja den Fernseher aus dem Fenster werfen. Nicht schon wieder ein sinnloser Rebell, der sich auflehnt und dem dann Schreckliches widerfährt, sondern ich suchte genau jemanden der ruhig ist, der bei sich bleibt und der dann irgendwie probiert, weiter zu kommen. Und es war natürlich auch klar, dass er nicht sehr viel Glück dabei haben kann, weil es eigentlich nicht geht, weiter zu kommen. "

Jakob Hein gelingt es mit der Figur von Herrn Jensen die absurden Mechanismen gegenwärtiger Realität aufzuzeigen - die Entsorgung seines Fernsehers ist der Beginn von Herrn Jensens Rückzug aus der Gesellschaft, der mit seiner selbst vollzogenen Auslöschung endet. Herr Jensen hört auf mitzuspielen, nachdem er vom Mitspielen ausgeschlossen wurde. Doch er ist alles andere als der klassische Spielverderber, aber er wird zunehmend in der Rolle, die er nicht selbst gewählt hat, zu einer gesellschaftlichen Herausforderung.

Jakob Hein schickt seinen Herrn Jensen durch die bundesdeutsche Wirklichkeit, und es wird offenbar, wie absurd es in wichtigen Bereichen zugeht. Herr Jensen, dessen Schicksal eigentlich tragisch ist, wirkt dennoch komisch. Weil er sich mit dem Nichtstun abfindet, erweist er sich als eine permanente Herausforderung für jene, die zu viel arbeiten müssen. Diese Komik, macht seine Tragödie aus. Oder: Diese Tragödie ist voller unfreiwilliger Komik.

Mit dem Nichtstun findet sich Herr Jensen ab, da er für sich keine Alternative erkennen kann. Doch darf er zu dieser Einsicht eigentlich nicht kommen, obwohl nicht nur er weiß, dass ihm dieser Platz in der arbeitsteilig eingerichteten Gesellschaft vorbehalten bleibt. Er akzeptiert sein Dasein und stellt nur eine Forderung: man möchte ihn in Ruhe lassen. Doch gerade durch den stillen Protest, zu dem sich Herr Jensen wie Bartleby entschließt, fordert er die Gesellschaft moralisch heraus.

" Es gibt keine reale Figur, aber es gibt trotzdem so ein Gefühl bei mir, den eben getroffen zu haben, weil es dann eben so ein Glücksfall war. Ich merkte, dass Herr Jensen sehr, sehr viele Fragen stellt, die auch bei mir schwelen, aber ich mich nicht traue zu stellen, weil ich ja die Antwort eigentlich schon weiß. Aber Herr Jansen fragt sie und insofern war mir der sehr sympathisch und dadurch ist schon so ein Gefühl, dass man den getroffen hat. Ich hab auch eine große Fürsorglichkeit für den gespürt beim Schreiben, die ich gegenüber mir nicht habe. Also, wenn ich jetzt sozusagen autobiografischer schreibe, da gibt es nicht so viel Respekt vor der Figur Jakob Hein, aber vor dem Herrn Jensen, da wollte ich auch, dass der vernünftig wahrgenommen wird, ich wollte den keinesfalls verbraten oder als verrückt darstellen. "

Es ist seltsam, mit diesem Herrn Jensen. Er wird als Bedrohung empfunden, als er nichts mehr tut und nur noch in seinem Sessel in seiner Wohnung sitzt. Doch die Leute, die gewaltsam in seine Wohnung eindringen, und ihn in seiner Ruhe stören, geben vor, dass der Grund ihres Eindringens eine von ihm ausgehende Gefahr wäre.

Jakob Hein: "Herr Jensen steigt aus"
(Verlag Piper)

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