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Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteHintergrundDie Achillesferse der privaten Altersvorsorge13.12.2012

Die Achillesferse der privaten Altersvorsorge

Niedrige Zinsen sorgen für Probleme bei Versicherern

Ob klassische Lebensversicherung oder private Rentenversicherung: Durch den von Niedrigzinsen betroffenen Kapitalmarkt steigt die Gefahr einer dauerhaft schleichenden Entwertung der Altersvorsorgevermögen. Denn in vielen Fällen liegt die Inflationsrate höher als die Nominalverzinsung.

Von Caspar Dohmen

Wenn die Inflationsrate unter der Nominalverzinzung liegt, ist die reale Verzinsung positiv.  (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Wenn die Inflationsrate unter der Nominalverzinzung liegt, ist die reale Verzinsung positiv. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Am 18.Juni 1583 schloss der Brite Walter Gybbons den ersten bekannten Vertrag für eine Risikolebensversicherung ab. Sollte Gybbons innerhalb eines Jahres sterben, verpflichteten sich 16 sogenannte Underwriter an den Ratsherrn Richard Martin 382 Pfund auszuzahlen. Seitdem hat sich das Versicherungsgeschäft ziemlich verändert, vor allem durch die Einführung mathematischer Methoden. Moderne Versicherer sind vor allem mit drei Aufgaben beschäftigt: Erstens berechnen sie Wahrscheinlichkeiten. Sie fragen sich beispielsweise, wie alt werden Männer und Frauen, die heute geboren werden? Wie wahrscheinlich ist es, dass ein Fliesenleger, Ingenieur oder eine Verkäuferin ihren Beruf vor Erreichen der Rente nicht mehr ausüben kann? Solche Aufgaben beherrschen Versicherer gut.

Zweitens müssen die Versicherer die Prämien der Kunden so kalkulieren, dass sie damit ihr Geschäft betreiben und Schäden begleichen können und möglichst noch einen Gewinn erzielen. Drittens müssen sie die Gelder der Kunden möglichst sicher und gewinnbringend anlegen. Das ist umso wichtiger, als die Versicherer im 19. Jahrhundert angefangen haben, Sparprodukte mit Garantien für das Alter zu verkaufen wie die klassische Lebensversicherung oder private Rentenversicherung.

Doch neuerdings gibt es Zweifel daran, dass die Versicherer ihre Verpflichtungen erfüllen können. Bei der Jahrespressekonferenz des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft drehten sich im November fast alle Fragen der Journalisten um die Lage der Lebensversicherung. Die Lebensversicherung sei sicher, das klinge ja fast so wie die Rente ist sicher, bemerkt eine Journalistin. Eine andere fragt, ob den der Zustand der Lebensversicherer wirklich so besorgniserregend sei? Verbandschef Rolf-Peter Hoenen hält dagegen:

"Die Garantien, die wir den Versicherten gegeben haben, halten wir ein, die Versprechen werden erfüllt."

Gleichzeitig räumt er jedoch ein:

"Das Niedrigzinsthema ist ein großes Problem für die Lebensversicherer, eine große Herausforderung."

Gerne verweisen Versicherungsvertreter auf Probleme in der gesetzlichen Rente. Den Kunden rechnen sie aus, wie viel Geld sie sparen müssen, damit sie im Alter ihren Lebensstandard aufrecht erhalten können. Versorgungslücken nennen dies die Verkäufer von Altersvorsorgeprodukten. Sie bieten Produkte an, mit denen diese Sparer ihre Versorgungslücken angeblich schließen können. Ein Renner sind Versicherungsprodukte mit garantierter Verzinsung. Insgesamt besitzen die Deutschen 93 Millionen solcher Verträge.

Doch jetzt müssen die privaten Versicherer selbst unangenehme Fragen beantworten. Laut einer Analyse des Bundesfinanzministeriums besteht bei jedem fünften der rund hundert Lebensversicherer in Deutschland die Gefahr, dass er den Kunden bald nicht mehr die garantierten Zinsen bezahlen kann. Diese schwanken je nach Abschluss des Vertrages zwischen 1,75 und vier Prozent. Zudem gab es bereits Berichte darüber, einzelne Versicherer wollten möglicherweise eine Aussetzung der Garantiezinsen beantragen. Das wies die Versicherungslobby zurück, ungewöhnlich scharf.

Seit dem Zweiten Weltkrieg konnten die deutschen Lebensversicherer die Stärke ihres Geschäftsmodells ausspielen, bei dem es sich im Kern um ein Zinsarbitragegeschäft handelt. Denn die Verträge laufen lange, häufig über Jahrzehnte. Das ermöglicht es den Versicherern, festverzinsliche Papiere mit langen Laufzeiten zu kaufen. Dafür gibt es gewöhnlich deutlich höhere Zinsen als für kurzfristig laufende Anlagen. Diese Arbitrage nutzen die Versicherer. Durch die geschickte Wahl der Einkaufszeitpunkte konnten Versicherer häufig eine ansprechende Rendite für ihre Kunden erwirtschaften. Der Vergleich zur Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung fällt zugunsten der privaten Produkte aus. Das sagt Reiner Will, Geschäftsführer der auf Versicherungen spezialisierten Kölner Ratingagentur Assekurata.

"Also rückblickend, wenn man Beitragsrenditen sich anschaut, dann liegen die sicherlich für über einen so langen Zeitraum noch doppelt so hoch."

Andere Experten sehen und sahen das anders. Der Bund der Versicherten bezeichnete die Lebensversicherung in einer gemeinsam mit der Hamburger Verbraucherzentrale herausgegeben Broschüre 1982 sogar als "legalen Betrug". Zur Begründung hieß es: Die Kapital-Lebensversicherung sei zu neunzig Prozent überhaupt keine Versicherung, sondern ein langfristiger Sparvertrag mit einer Rendite, die oft unter der Inflationsrate liege und dann gleich Null sei. Die Klage der Versicherungswirtschaft wegen "verletzender Äußerungen" lehnte das Landgericht Hamburg ab. Kritik gab es seitdem regelmäßig von Verbraucherschützern, beispielsweise an der Praxis der Ausschüttung. Zweifel an der Stabilität der Lebensversicherer gab es jedoch nicht – bis zur Jahrtausendwende.

Traditionell legen Versicherer nur einen geringen Teil der Versichertengelder in Aktien an. Es ist die Sahne auf dem Anlagekuchen, der aus festverzinslichen Papieren besteht. Die galten als solide und sicher. Und als die Versicherer doch einmal höhere Risiken eingingen und mehr Geld in Aktien anlegten, ging es prompt schief. Die Lebensversicherer mussten Milliarden auf ihre Kapitalanlagen abschreiben, und mit der Mannheimer Lebensversicherung ging sogar erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder ein deutscher Lebensversicherer pleite.

"Im Jahr 2003 ist damals in der Aktienmarktkrise die Mannheimer Lebensversicherung von dieser Auffanglösung, die Protektor Lebensversicherungsgesellschaft übernommen worden. In dem Fall hat auch kein Kunde Geld verloren, weil Protektor hat alle Garantien übernommen."

Protektor, zunächst von der Branche gegründet, ist mittlerweile zu einem gesetzlich geregelten Sicherungsfonds ausgebaut worden. Seit dem Platzen der Börsenblase verschärfte die Aufsicht die Regeln für die Kapitalanlagen von Versicherern. Deswegen investierten diese noch mehr in festverzinsliche Papiere. Mit dem heutigen Mix kennt sich Norbert Heinen aus, der Chef der Württembergischen Versicherung:

"Die typische Verteilung in der Lebensversicherungs-Branche dürfte ungefähr so sein, dass zwischen 80 und in manchen Fällen vielleicht sogar 85 Prozent der Kapitalanlagen in festverzinslichen Wertpapieren steckt. Dann gibt es einen Anteil, der so um die fünf Prozent im Branchenmittel liegen dürfte, der in Immobilen steckt. Die direkten Investments in Aktien und Beteiligungen sind in einer Größenordnung drei bis fünf Prozent, also deutlich zurück gegangen."

Doch auch bei den "Festverzinslichen" gibt es ein Problem, die niedrigen Zinsen. Dazu Reiner Will von der "Assekurata":

"Die Zinsen, gerade für festverzinsliche Wertpapiere mit einer guten Qualität, die sind gesunken, sehr deutlich gesunken. Zum Teil bis auf Null, wenn man mal sich Bundesleihen anschaut. Wenn ich das Kapital der Kunden am Kapitalmarkt immer nur zu niedrigeren Zinsen anlegen kann, dann sinken die Erträge, also schlichtweg: wir haben ein Ertragsthema in der Lebensversicherung."

Noch erzielen die Versicherer laut Assekurata auf das angelegte Geld ihrer Kunden eine Rendite von durchschnittlich 3,9 Prozent. Weil sie die Ersparnisse ihrer Versicherten nur mit durchschnittlich 3,2 Prozent verzinsen, existiert hier noch ein ausreichender Puffer. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist: der Puffer schrumpft. Denn immer mehr gut verzinsliche Papiere laufen aus. Neu einkaufen können die Versicherer nur niedrig verzinsliche Papiere. Jetzt zeigt sich der Konstruktionsfehler der deutschen Lebensversicherung. Sie taugt nicht für eine anhaltende Phase niedriger Zinsen.

Den Versicherern bleibt nichts anderes übrig, als die laufende Gesamtverzinsung für die Policen zu kürzen. Sie besteht aus zwei Komponenten: dem gesetzlichen vorgeschriebenen Garantiezins und einer von dem jeweiligen Versicherer bestimmten Komponente. Marktführer Allianz hat diese laufende Verzinsung nun um 0,4 Prozentpunkte auf 3,6 Prozent gesenkt. Das war mehr als Experten erwartet haben. Zuvor hatte der sechstgrößte Anbieter Ergo die Verzinsung sogar um 0,6 Prozentpunkte auf 3,2 Prozent gesenkt. Und die laufende Garantieverzinsung einer Versicherung bezieht sich ohnehin nur auf den Sparanteil einer Police von 80 Prozent. 20 Prozent der Beiträge zieht der Versicherer nämlich vorher ab, beispielsweise für die Verwaltung und Provision für die Verkäufer.

Wenn Lebensversicherer Albträume haben, dann denken sie an Japan. Dort sind Anfang des Jahrtausends sieben Lebensversicherer in Konkurs gegangen. Rainer Will sieht Parallelen bei der Entwicklung in Deutschland:

"Also im Grunde ist es eine ein bisschen ähnliche Situation, die sich jetzt bei uns auftut, nämlich eine negative Zinsmarge, das heißt, also die Garantien, die man Kunden gewährt hat, waren höher als die Zinsen, die man am Kapitalmarkt erwirtschaften konnte."

Wer die Ursachen der Krise der japanischen Lebensversicherer verstehen will, sollte in die Achtziger Jahre zurückblicken. Damals beschlossen die fünf führenden Wirtschaftsmächte eine Abwertung des Dollar sowie eine Aufwertung des japanischen Yen und der D-Mark. Die japanische Notenbank senkte darauf die Zinsen, um die Binnenkonjunktur am Laufen zu halten. Aufgrund der Politik des billigen Geldes explodierte die Konjunktur in Japan. Aktienkurse und Immobilienpreise schossen in die Höhe. Die Lebensversicherer gaben Kunden großzügigere Garantien.

"Man hat Anreize gesetzt in einem boomenden Markt, man hat höhere Garantien den Kunden gegeben, in der Spitze in 1989 sechseinhalb Prozent, also deutlich mehr noch als hier bei uns, einzelne Gesellschaften sogar vielleicht bis zu zehn Prozent."

Dann platzte die Immobilienblase und viele Banken gerieten in Schwierigkeiten. Die japanische Notenbank stützte die Banken und senkte sukzessive die Zinsen. Zehn Jahre nach dem Platzen der Blase waren die Zinsen 1999 dann bei Null. Die japanischen Lebensversicherer saßen in der Falle, weil sie die Garantien ihrer Kunden nicht mehr bedienen konnten.

"Dann entpuppte sich diese Nullzinsproblematik natürlich für die lang laufenden Lebensversicherungen als Bumerang, und diese negative Zinsmarge kam zum Tragen, und im Jahr 2001 bis 2002 sind dann sieben Lebensversicherungsgesellschaften in Konkurs gegangen."

Niedrige Zinsen gibt es bis heute in Japan. Versicherungschef Norbert Heinen vergleicht dies mit der aktuellen Situation in Europa.

"Ich denke die japanische Entwicklung hat durchaus Parallelitäten zu dem, was wir aktuell rund um den Euro erleben, eine Verschuldungs- und Wirtschaftskonstellation, die zur Stützung einer lahmenden Konjunktur auf eine dauerhaft niedrige Zinspolitik gesetzt hat, mit der Folge, dass man eben Altersvorsorgevermögen entwertet hat."

Aus der Perspektive der Versicherer und ihrer Kunden wäre ein schnelles Ende der Niedrigzinsen wünschenswert. Fraglich ist jedoch, ob dies im Sinne der Gesamtgesellschaft sinnvoll wäre. Die Regierungen und Notenbanken haben nach dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 schließlich aus gutem Grund die Märkte mit Geld geflutet, Banken stabilisiert und die Konjunktur angekurbelt. Sie wollten verhindern, dass die Weltwirtschaft in eine Depression wie in den Dreißiger Jahren abgleitet. Damals hatten die Regierungen auf Sparen und Protektionismus gesetzt und damit nicht nur die Wirtschaft abgewürgt, sondern auch das Aufkommen des Faschismus befördert.

Trotzdem lassen die Politiker die Sorgen der Versicherungswirtschaft nicht kalt. So erfüllt ihnen die Bundesregierung einige Wünsche. Darüber ärgert sich wiederum Axel Kleinlein, Chef des Bundes der Versicherten:

"Aktuell sind sieben verschiedene Gesetzes- beziehungsweise Verordnungsprojekte auf dem Weg und werden auch der Reihe nach durchgewunken. Da geht es darum, dass Überschüsse für die Kunden gemindert werden sollen oder einfach auf längere Zeit geparkt werden. Es geht dann darum, dass mit dem Pflege-Bahr ein ganz neues Produkt eingeführt wird, dass Betreuungsgeld in Versicherungen fließen sollen. Es geht dann auch darum, dass über die Lebensleistungsrente von Frau von der Leyen eine Art Zwangsriestern für die Geringverdiener eingeführt wird, der Unisex spült weitere Milliarden in die Geldbeutel der Versicherungsunternehmen."

Durch die Neuregelung stärkt die Politik jedoch die Stabilität der Versicherer und sichert damit auch deren Kundenguthaben. Angesichts der Probleme der Versicherer aufgrund der politisch gewollten Niedrigzinsphase mag dies durchaus richtig sein. Allerdings ist es wegen der großen Intransparenz der Assekuranz schwer zu beurteilen, ob die Versicherer diese und andere Maßnahmen der Politik tatsächlich schon benötigen.

Ohnehin gibt es einen großen Unterschied zwischen Banken und Versicherungen. Die Einlagen auf dem Bankkonto sind durch die Bank selbst nur zu einem geringen Teil gedeckt. Wenn viele Kunden gleichzeitig ihr Geld abheben, gerät eine Bank schnell in eine Notlage. Bei einer Versicherung wäre das anders. Denn die Sparbeiträge der Versicherten sind angelegt. Angenommen, die Lebensversicherten würden massenhaft ihre Verträge auflösen?

"Dann würden natürlich die Lebensversicherer auch ihre Kapitalanlagen realisieren. Da die heute gut realisierbar sind, würden sie natürlich dann Vermögenswerte auch ihren Kunden zur Verfügung stellen. Und insoweit gibt es eine Bedeckung der Verpflichtungen, sodass das durchaus möglich ist. Aber das Unternehmen an sich würde natürlich ein Problem bekommen, weil es so nicht weiterexistieren kann."

Selbst im Falle der Insolvenz einer Versicherungsgesellschaft ist das Geld des Sparers also geschützt. Beim Konkurs eines Unternehmens fließen die Spargelder nicht in die Insolvenzmasse ein. Über den wirtschaftlichen Zustand ihres Versicherers brauchen sich die Versicherten also nicht groß den Kopf zu zerbrechen. Ganz anders sieht es dagegen mit der Inflation aus. Diese Lektion haben die Deutschen in den 1920er-Jahren gelernt. Während der Hyperinflation fiel der Wert des Geldes schneller, als neues Papiergeld nachgedruckt werden konnte. Und bald waren auch die Lebensversicherungen wertlos.

Die Gefahr einer Hyperinflation gibt es heute nicht im Euroraum. Sehr viel realer ist da schon die Gefahr einer dauerhaft schleichenden Entwertung des Altersvorsorgevermögens durch Inflation. Entscheidend ist für den Sparer die Realverzinsung. Sie ergibt sich aus der Differenz zwischen der Inflation und den Nominalzinsen auf ein Sparprodukt. Ist die Inflation niedriger als die Nominalverzinsung, ist die reale Verzinsung positiv, und der Sparer kann sich über einen Wertzuwachs freuen. Dagegen schrumpft das Vermögen, wenn die Inflationsrate über der Nominalverzinsung liegt. Dieses Szenario spricht Axel Kleinlein an.

"Wenn man sich die aktuellen Altersvorsorgeprodukte Branchen übergreifend anschaut, egal ob von Versicherungen, Banken oder Fondsunternehmen: Wer einigermaßen sicher sparen will, der muss im Moment leider eine Wertminderung in Kauf nehmen. Also, wenn ich heute auf eine Pizza verzichte, muss ich bei den jetzigen Produkten damit rechnen, dass ich in 20 Jahren davon gerade noch einmal eine halbe Pizza bekomme. Das heißt, im Moment ist überhaupt keine vernünftige Altersvorsorge für den kleinen Sparer möglich. Das Beste ist es, das Geld zu parken, flexibel zu bleiben, bis die Finanzmärkte sich wieder etwas aufgerappelt haben oder aber bis die Politik sagt, wir wollen mit dieser Niedrigzinspolitik aufhören und wollen vernünftige Marktkräfte wieder zum Wirken bringen lassen."

Manch ein Versicherter denkt bei solchen Aussichten an den Ausstieg aus seiner Lebensversicherung. Dafür gibt es zwei Möglichkeiten: kündigen oder die Police am Zweitmarkt verkaufen. Egal, wofür sich ein Kunde entscheidet, er verliert Geld, beispielsweise die bisweilen immer noch häufig üppigen Schlussgewinnanteile. Wer bislang noch keine Lebensversicherung hat, der sollte derzeit die Finger davon lassen. Das mag manch einem schwerfallen, weil die Versicherer gerade wieder besonders offensiv für ihre Policen werben. Sie veranstalten wieder einmal eine Art Schlussverkauf. Das haben sie immer wieder erfolgreich getan, wenn der Gesetzgeber die Rahmenbedingungen veränderte. Diesmal zwingt sie der Europäische Gerichtshof zur Gleichbehandlung von Frauen und Männern. Künftig gelten gleiche Versicherungstarife.

"Also zunächst kann mal festhalten, dass einzige was sicher ist, ist, dass es teurer wird, nämlich für die Männer bei der Rentenversicherung oder in der privaten Krankenversicherung und für Frauen bei den Kfz-Versicherungen oder der Risikolebensversicherung. Es kann sein, dass das ein oder andere Unternehmen dem jeweils anderen Geschlecht ab Januar dann etwas günstigere Prämien zuschreibt. Das muss aber nicht sein. Das ist dann Goodwill der Versicherungsunternehmen."

Bei der privaten Altersvorsorge wird sich die Gleichberechtigung von Männern und Frauen ziemlich unterschiedlich auswirken. Darauf verweist Versicherungschef Norbert Heinen:

"Pi mal Daumen ist unglaublich gefährlich, weil die Bandbreite zwischen einzelnen Alter, Dauerproduktkombinationen, dürfte zwischen zwei und dreißig Prozent ungefähr liegen, also ist eine Spanne, mit der man als pauschale Aussage relativ wenig anfangen kann."

Für die Verkäufer der Versicherungsbranche ist es jedoch eine willkommene Gelegenheit, bei den Kunden für den Kauf eines Produkts zu werben. Stichtag ist der 20. Dezember. "Keine Zeit verlieren – jetzt noch mit Beitragsvorteilen Versicherungslücken schließen", heißt es in einem Merkblatt des Finanzdienstleisters MLP für seine Kunden. Solche Mitteilungen haben auch viele Versicherer an ihre Kunden geschickt. Doch Verbraucheraktivist Axel Kleinlein mahnt zur Vorsicht:

"Es ist nicht richtig, wenn ein Mann sich jetzt unbedingt für eine Rentenversicherung entscheidet, nur weil der Unisex ab Januar da ist, wenn er diesen Rententarif überhaupt nicht braucht. Deswegen nur dann einen Vertrag abschließen, wenn der Versicherungsbedarf aber auch tatsächlich besteht. Der Unisex spielt da nur eine ganz, ganz nachgeordnete Rolle."

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