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StartseiteBüchermarkt"Die Ängste haben sich nie geändert"30.12.2010

"Die Ängste haben sich nie geändert"

John Irving über sein Werk und seinen Roman "Letzte Nacht in Twisted River"

Auch John Irvings nunmehr zwölfter Roman "Letzte Nacht in Twisted River" ist wieder ein Buch voller dramatischer Ereignisse und Verwicklungen. Er hat erneut seine Albträume in eine Geschichte gegossen, denn so oft er auch über sie schreibt, er kann sie nicht vertreiben.

Von Johannes Kaiser

Cover: Letzte Nacht in Twisted River  von John Irving (Diogenes Verlag)
Cover: Letzte Nacht in Twisted River von John Irving (Diogenes Verlag)

"Meine Mutter war Souffleuse am Theater einer Kleinstadt. Ich wuchs hinter der Bühne auf und zwar mit Hunderten von Stücken, bevor ich alt genug war, meinen ersten richtigen Roman zu lesen. Als ich dann anfing, Romane zu lesen, waren das die Romane aus dem 19. Jahrhundert. Alle von ihnen lang, alle hatten ein Plot. Ich war nicht erfahren genug, um die komplizierteren Sachen würdigen zu können, die mit dem Schreiben einhergehen, die Sprache, die Stimme, aber ich konnte die Struktur sehen, die Architektur. Ich konnte sehen, dass es einen Plot gibt. Shakespeare hat ein Plot, Sophokles hat ein Plot. Jahrhunderte, bevor irgendjemand den ersten Roman schrieb, hatte das Theater schon Plots. Heute ist es nicht mehr so. Wenn ich nur die Romane 20. Jahrhunderts gelesen hätte, dann wäre ich nie Schriftsteller geworden."

John Irving hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er Sprachexperimente, Dekonstruktivisten, Psychonabelschau und ähnliche literarische Egotrips ablehnt. Er ist davon überzeugt, dass die Leser aufregende Geschichten lieben, schicksalhafte Wendungen, Tragik und Humor und deswegen ist denn auch sein nunmehr zwölfter Roman "Letzte Nacht in Twisted River" wieder ein Buch voller dramatischer Ereignisse und Verwicklungen. Irving hat erneut seine Albträume in eine Geschichte gegossen, denn so oft er auch über sie schreibt, er kann sie nicht vertreiben.

"Wenn das eine Möglichkeit wäre, sich seiner Ängste zu entledigen, dann funktioniert das offensichtlich nicht. Wenn das als Therapie wirken sollte, dann versagt sie, weil sich die Ängste nie geändert haben: Es geht immer um die Furcht, ein Kind zu verlieren oder denjenigen, den man liebt. Es gibt stets eine brutalen Unfall oder eine Gefahr, die den Figuren droht."

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Danny, dem wir beim Heranwachsen zuschauen. Allerdings führt er zusammen mit seinem Vater Domenico, einem Koch kein normales Leben. Seit 1954, seit seinem zwölften Lebensjahr sind die beiden auf der Flucht vor einem durchgeknallten Sheriff aus einem Holzfällercamp tief in den Wäldern New Hampshires. Dort war Dannys Vater Koch. Allerdings hatte er seinem Sohn damals verschwiegen, dass er mit seiner Küchengehilfin Jane ein Verhältnis hatte.

Als Danny eines Nachts aus dem Schlafzimmer seines Vaters röhrende, sehr beunruhigende Geräusche vernahm, befürchtete der Junge, ein Bär sei ins Haus eingedrungen und über seinen Vater hergefallen. In Panik griff er sich eine der schweren Küchenpfannen, stürmte ins Schlafgemach und schlug auf die dunkle, massige Gestalt ein, die sich da über seinen Vater beugte. Sein Hieb war so heftig, dass Jane tot zu Boden stürzte.

Eine Katastrophe, war sie doch auch die Geliebte des Polizisten und der galt als ausgesprochen nachtragend und rachsüchtig. Der Koch wusste, dass er sofort verschwinden musste und dabei half ihm sein bester Freund Ketchum, ein knorriger Holzfäller. Den plagen, seit Dannys Mutter nach einem nächtlichen Gelage im Eis des Flössersees einbrach und ertrank, heftige Schuldgefühle. Fortan sieht er es als seine Pflicht, den Koch und seinen Sohn stets dann zu warnen, wenn der Polizist ihnen nahe kommt. Und doch weiß man als Leser schon von Anfang an, dass das nicht gut gehen kann.

"Es ist eine Verfolgungsgeschichte. In einer Verfolgungsgeschichte wird jeder gefangen. Ist es die Geschichte einer Flucht und die Leute fliehen vor einem Schurken, dann wird der sie natürlich finden. Wir wissen, dass der Cowboy sie finden wird. Sie wissen nur nicht, wann und wie lange es dauern wird und wie es geschehen wird. Ich möchte, dass Sie als Leser wie ein Pferd mit Scheuklappen sind. Der Leser sieht nur geradeaus und folgt dem Pfad. Ich weiß, was da hinten wartet. Ich bin derjenige, der Ihnen die Scheuklappen angelegt. Sie folgen den Handlungen, Sie sind das Pferd. Ich weiß, wo es hingeht, ich weiß, was Sie nicht sehen und das liegt nur daran, dass ich mir so etwas wie eine Karte mache, einen Straßenplan."

John Irvings Protagonisten führen uns nach Boston, denn nach Vermont, Iowa und Ontario. Es dauert jeweils einige Jahre, bis der Sheriff auf ihre Spur kommt. Ketchum, der weiterhin im Holzfällercamp bleibt, auch als es schon längst geschlossen ist, kann sie bis auf das letzte Mal jeweils rechtzeitig warnen. Der Holzfäller ist eine Figur wie aus dem Wilden Westen: gradlinig, unbeugsam, ungehobelt, niemandem untergeordnet, stets auf seine Freiheit bedacht: ein Prototyp des ländlichen Amerikaners:

"Ketchum ist eine wunderbare Figur. Ich liebe ihn. Ich bin mir aber nicht so sicher, ob ich gerne in einem Land leben würde, das er regiert. Das könnte ein furchterregender Ort sein. Es gibt im ländlichen Amerika eine Menge Menschen, die das Gefühl haben, dass das Leben, wie es einmal war, vorbei ist und genauso wie Ketchum glauben, dass jeder, der für irgendetwas verantwortlich ist, vom Gouverneur bis zu Sägemühlenbetreiber, ein Idiot ist. Jeder, der irgendetwas betreibt, ist dumm, jeder, der für irgendetwas verantwortlich ist, macht seinen Job schlecht. Das kommt automatisch. Es geht um eine Art von idealistischer und naiver und dummer, ahnungsloser Vorstellung von Freiheit, aber das ist sehr realistisch. Der freiheitsliebende Instinkt ist in den Vereinigten Staaten stets vorhanden. Es ist ein großes Land und niemand aus einem Teil des Landes stimmt mit irgendjemand anderem aus einem anderen Teil überein. Leute aus Newark halten die Leute aus New Hampshire, was gleich um die Ecke liegt, für dumm und verrückt und die Leute aus der Hampshire denken, dass die Leute aus Newark keine Ahnung von dem haben, was sie machen. Und fragen Sie jemanden aus Newark über die Menschen in Kalifornien: Für die ist das Ausland. Was man in Kalifornien denkt, hat nichts mit dem zu tun, was man in Maine oder in Massachusetts denkt."

Bei aller Kritik an der derzeitigen Verfassung der USA hat John Irving seine Romane nie als politische Kommentare zu aktuellen Ereignissen verstanden und selbst der 11. September ist quasi nur ein Hintergrundrauschen im neuen Roman, etwas, das die Protagonisten nebenbei wahrnehmen, das sie aber nicht weiter berührt. Es ist nicht ihre Welt, die da zerbricht. Für sie stehen ganz andere Dinge auf dem Spiel. 40 Jahre sind der Koch und Danny auf der Flucht, wechseln immer wieder ihre Namen und Identitäten. Aus dem Koch wird ein Restaurantbesitzer, aus seinem Sohn ein gefeierter Schriftsteller.

"Seit 20 Jahren wusste ich, dass dieser kleine Junge, zwölf Jahre alt, der mit seinem Vater aus dieser Siedlung fliehen muss, ein Schriftsteller werden würde. Ich wollte ihm eine Kindheit und eine Form von Ängstlichkeit geben, die dazu führt, dass er in seiner Fantasie glücklicher wird als im wirklichen Leben. Als Schriftsteller gleicht er mir von allen Figuren in meinen Romanen am meisten. Ich habe ihm so genau, wie es mir möglich war, meine Schreibmethode, meinen Schreibprozess gegeben. Ich habe ihm meine Ausbildung als Schriftsteller verpasst. Er hat dasselbe Alter wie ich. Er besucht dieselben Schulen wie ich, aber, und das ist wichtig, nichts an seinem Leben gleicht meinem. Seine gesamte Persönlichkeit und sein Leben sind das Gegenteil von meinem. Er ist eine der traurigsten, der unglücklichsten Gestalten, die ich jemals geschaffen habe. Ich hatte von vornherein vor, ihn zu einem Schriftsteller zu machen, wie ich einer bin, aber psychologisch, emotional, politisch und von der Art des Lebens, das er führt, sollte er jemand sein, dem all das zustößt, was mir nie zugestoßen ist, wovor ich aber immer Angst habe."

Danny chaotische, promiskuitive Frau lässt ihn mit seinem Sohn sitzen. Als der als Student bei einem Verkehrsunfall stirbt, bricht für ihn die Welt zusammen. Und dann wird auch noch sein Vater erschossen. Nichts davon ist John Irving zugestoßen. Was sie dagegen gemeinsam haben, sind Romane mit ähnlichen Themen, die zu Bestsellern werden, ist der Drehbuch-Oscar und sind die Ansichten über das Schreiben. Nach dem tragischen Tod seines Sohnes sinniert Danny über das Leben und die Literatur nach.

"Hatte die Tragödie, die dem Schriftsteller 'im wirklichen Leben' widerfahren war, ihn die Bedeutung der Literatur neu überdenken lassen ... .?
Derlei Fragen machten Danny schier wahnsinnig, doch er erwartete zu viel von den Journalisten; den meisten fehlte die Phantasie, sich vorzustellen, dass irgendetwas Glaubhaftes in einem Roman 'komplett ausgedacht' war. Und diejenigen Journalisten, die sich selbst schriftstellerisch betätigten, waren Anhänger von Hemingways leidigem Diktum, man solle nur über das schreiben, was man kenne. Was war das für ein Blödsinn? Romane sollten von Menschen handeln, die man kennt? Wie viele realistische, aber lähmend langweilige Romane waren diesem albernen und völlig uninspirierten Ratschlag zu verdanken?"
... der Beruf eines Schriftsteller (bestand) gerade darin, einen Geschichte auf wahrhaftige Weise von A bis Z zu erfinden ... denn Geschichten aus dem wahren Leben waren nie so vollständig, so in sich geschlossen, wie es Romane sein konnten."


Deutlicher kann man wohl kaum Irvings Verachtung für jene Kritiker und Literaturwissenschaftler ausdrücken, die jedes Buch nach autobiografischen Krümeln durchforschen. Irvings Romanfigur hält davon genauso wenig wie ihr Erfinder. Der Schriftsteller hat Danny auch seine Überzeugung mitgegeben, einen Roman erst beginnen zu können, wenn er dessen letzten Satz kennt, mit anderen Worten weiß, wie er endet. Danny und eben auch Irving können nur schreiben, wenn sie die Geschichte und ihre Verwicklungen, ihre Entwicklung, ihre Ereignisse kennen:

"Ich kann mir nicht vorstellen, wie ich das hätte machen sollen, wenn ich nicht alles schon kennen würde, bevor ich anfange. Ich sage mir: Hier ist das Ende der Geschichte. Das wird geschehen und so werden sich die Leute am Ende der Geschichte fühlen. Wie weiß ich das? Ich muss ja die Handlung in Sätze fassen, ich höre die Stimmen, höre, wie sie klingen: sind sie traurig, glücklich, pessimistisch, optimistisch, bleiben sie den Roman über gleich? Es ist wie ein Stück Musik. Man kennt die letzte Note. Man schreibt auf etwas hin und das gibt eine enorme Menge Selbstvertrauen zu wissen, was einen am Ende der Geschichte erwartet."

Es wäre nun allerdings ein Irrtum zu glauben, John Irvings Romane wären voraussehbar. Gerade weil er offenkundig genau weiß, was er will, kann er ihnen so viele unverhoffte Wendungen geben, eine Spannung aufbauen, die über 730 Seiten hält. Das ist ihm nicht in jedem Roman gelungen, aber bei "Letzte Nacht in Twisted River" schafft es der Schriftsteller wieder einmal, seine Leser mit auf eine Abenteuerreise ins Land menschlicher Tragik und Überlebenswillens zu nehmen. Und so wird der letzte Satz des Romans tatsächlich zur bescheidenen Hoffnung.

"Er hatte so viel verloren, was ihm lieb gewesen war, doch Danny wusste, dass Geschichten Wunder waren – sie ließen sich einfach nicht aufhalten. Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seine Lebens erst begann ... "


John Irving: Letzte Nacht in Twisted River
Übers. Hans. M. Herzog,
Diogenes Verlag Zürich 2010,
732 Seiten, 26,90 Euro

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