Freitag, 15.12.2017

Die Affäre SchiwagoSpielball der Supermächte

Dem Kreml enthielt der Roman "Doktor Schiwago" entschieden zu viel Regimekritik, daher sollte er in der Sowjetunion nicht erscheinen. Die CIA hingegen wollte das Werk in die UdSSR schmuggeln, um zur Zeit des Kalten Krieges Widerstand im Ostblock zu fördern. Peter Finn und Petra Couvée dokumentieren den Wettlauf um das Manuskript in "Die Affäre Schiwago".

Von Sabine Adler

Yuri Schiwago (Omar Sharif) nimmt in dem Film "Doktor Schiwago" von 1965 Lara Antipova (Julie Christie) in den Arm. (dpa / Kultur)
Szene aus dem Film "Doktor Schiwago" von 1965 (dpa / Kultur)
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Kann ein Buch zum Buch, das Millionen Mal verkauft wurde, das ein noch größeres Filmpublikum hatte - kann die "Affäre Schiwago" enthüllen, was noch nicht bekannt und heute von Bedeutung ist? Es kann. Sorgfältig fächern die Co-Autoren Peter Fynn und Petra Couvée im ersten Drittel den historischen Hintergrund auf, schildern den Wettlauf, wer das 433-Seiten-Manuskript als erster drucken durfte. Das ist mehr oder weniger bekannt. Doch wenn, wie im Untertitel angekündigt, ab dem achten Kapitel endlich die Sprache auf die Central Intelligence Agency kommt, die CIA, wird das Buch nicht nur spannend, sondern unerwartet aktuell.

Unerwartet aktuell

Denn der amerikanische Geheimdienst, genau: Dessen Abteilung Soviet Russia Division, hatte sich vorgenommen, "Doktor Schiwago", der in der Sowjetunion nicht erscheinen durfte, auf Russisch herauszubringen und in seine Heimat zurück zu schmuggeln. Damit mitten im Kalten Krieg der Verdacht nicht sofort auf die USA fiel, sollte das Buch in Europa gedruckt werden, weshalb die CIA Kontakt mit dem niederländischen Geheimdienst aufnahm.

"Dieses Buch hat großen Propaganda-Wert. (…) Wir haben die Gelegenheit, dafür zu sorgen, dass sowjetische Bürger sich zu fragen beginnen, was an ihrer Regierung falsch ist, wenn das literarische Glanzstück jenes Mannes, der als größter lebender russischer Schriftsteller gilt, nicht einmal für sein eigenes Volk in seinem eigenen Land in seiner Muttersprache erhältlich ist."

Der Roman über den Arzt und Dichter Juri Schiwago, seine Liebesbeziehungen vor bis nach der Oktoberrevolution, zeichnet eine Zeit nach, die geprägt war von der Brutalität der Revolutionäre, die Tod, Gewalt und Hunger verbreitet und die Kunst ausgelöscht hatten. Mit seiner neuen Liebe Lara flieht Schiwago vor den Rotarmisten und dem Krieg, doch die Zweisamkeit währt nur kurz.

Unerwünschte Kritik an Oktoberrevolution

Die Kritik an der Oktoberrevolution, der sowjetische Schriftsteller ausnahmslos zu huldigen hatten, und Pasternaks Religiosität galten als Ketzerei im sozialistischen Realismus. Der Staatsverlag Goslitisdat ließ das Manuskript in der Schublade verschwinden.

Der CIA ging es nicht nur um "Doktor Schiwago", der Geheimdienst wollte viele wichtige Werke westlicher Literatur in das Sowjetreich bringen. Zehn Millionen Bücher kamen bis zum Zerfall der UdSSR ins Land. Fast alle im Gepäck westlicher und russischer Reisender. 1000 Titel ließ die CIA auf Russisch drucken, darunter George Orwells "Farm der Tiere", Wladimir Nabokows "Pnin" oder James Joyce "Porträt des Künstlers als junger Mann". Werke, die keinen Totalangriff auf den Kommunismus starten, sondern die Überlegenheit des Westens demonstrieren sollten.

Dieser subversive Akt mit Hilfe der Literatur war eine Antwort auf die ideologische Kriegsführung des Kremls, die das US-Außenministerium 1948 als die raffinierteste und effektivste der Geschichte ansah. Der sowjetischen Propaganda wollten die Vereinigten Staaten ihre Werte entgegensetzen, erarbeitet wurden Empfehlungen zur Unterstützung und Förderung des Widerstands im Ostblock.

Widerstand im Ostblock fördern

Der ehemalige Moskau-Korrespondent Peter Finn von der "Washington Post" und die Dozentin an der Sankt Petersburger Universität Petra Couvée zeichnen die Hochzeit des Kalten Krieges nach, in die die für Pasternak wichtigsten Schaffensjahre fallen.

Beeindruckend wird geschildert, wie unbeirrt und beharrlich der in der Sowjetunion berühmte Übersetzer von Shakespeare und Goethe an seinem Epos schrieb. Trotz der tiefen Gewissheit, dass die Leser zu Hause dieses Werk auf absehbare Zeit nicht in die Hände bekommen würden.

Zitat:

"In der Sowjetunion wird der Roman nicht erscheinen. Er geht nicht mit den offiziellen Kulturrichtlinien konform."

Zehn Jahre arbeitete er an "Doktor Schiwago". Zuletzt in der Tauwetter-Periode nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin, die für alle, auch für die mit vielen Privilegien verhätschelten sowjetischen Schriftsteller, immer noch lebensgefährlich war. In der Pasternak schließlich zu Grunde ging, verraten von den Kollegen, gehetzt und herabgewürdigt von den Funktionären und den ihnen hörigen Parteijournalisten, beschimpft von Lesern, die das Buch nicht kannten, da es erst zu Gorbatschows Glasnost-Zeit für jedermann zugänglich war. Der Kreis der Glücklichen, denen ein Exemplar der CIA-Schiwago-Ausgabe in die Hände fiel, blieb überschaubar.

Gehetzt, herabgewürdigt, beschimpft

Der Westen reagierte größtenteils euphorisch auf das Epos, die Parteisoldaten dagegen ballten die Fäuste in der Tasche. Als die Schwedische Akademie Boris Pasternak 1958 zum Literaturnobelpreisträger auserkor, brach der Tsunami los.

Pasternak sollte die Ehrung ausschlagen, was er nicht tat. Prompt wurde er vom Schriftstellerverband ausgeschlossen. Der Verfasser des Textes der sowjetischen Nationalhymne, Sergej Michailkow, schlug seine Ausweisung vor. Die Presse diffamierte den Literaturnobelpreisträger als Schwein, Unkraut und Judas, der die Kugel verdiene, dessen Schicksal es sei, vom Volk verachtet zu werden. Pasternak antwortete:

"Sie werden die Zeit erleben, in der man die jetzigen Vorgänge anders betrachtet."

Er erwog den Suizid gemeinsam mit seiner Geliebten Olga Iwinskaja und lehnte den Preis schließlich ab. Anderthalb Jahre später starb der Autor in der Künstlerkolonie Peredelkino bei Moskau, seine Ehefrau folgte völlig verarmt 1966, die Geliebte und deren Tochter Irina kamen in den Gulag.

Weder der Kreml noch die CIA hatten sich mit Ruhm bekleckert, als sie Boris Pasternak und sein Alter Ego "Doktor Schiwago" zum Spielball der Supermächte machten. "Die Affäre Schiwago" zeigt eindrücklich, wie bitter der Auserwählte zahlen musste.

Peter Finn und Petra Couvée: "Die Affäre Schiwago. Der Kreml, die CIA und der Kampf um ein verbotenes Buch" 
Theiss-Verlag, 384 Seiten, 29,95 Euro.

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