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StartseiteInterview"Die akuten Strahlenschäden sind nur im Nahbereich zu erwarten"12.03.2011

"Die akuten Strahlenschäden sind nur im Nahbereich zu erwarten"

Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Strahlenschutz zur möglichen Kernschmelze

Er gehe davon aus, dass die Kernschmelze im Atomreaktor Fukushima 1 bereits eingesetzt habe, so Edmund Lengfelder. Die Größe der Gefahrenzone sei entscheidend davon abhängig, in welche Richtung der Wind wehe, sagte das Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Strahlenschutz.

Edmund Lengfelder im Gespräch mit Gerwald Herter

Warnschild vor Radioaktivität (Stock.XCHNG)
Warnschild vor Radioaktivität (Stock.XCHNG)

Gerwald Herter: Ich bin nun mit Edmund Lengfelder verbunden. Er ist Strahlenmediziner und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Strahlenschutz. Herr Lengfelder, eine Explosion, Einsturz eines Gebäudes, wie erklären Sie sich das, was da in Fukushima passiert?

Edmund Lengfelder: Man muss hier unterscheiden, der Einsturz des Gebäudes, der Hülle von diesem Siedewasserreaktor, das ist ja eine Sache. Aber es kam wohl – und das ist nachgewiesen – inzwischen durch die Freisetzung von Cäsium zum Abriss von Kühlleitungen, zur schweren Beschädigung von Kühlleitungen. Den Medien entnehme ich, dass auch die Stromversorgung für die Pumpen nicht mehr da ist. Der Reaktor wird ja über Meerwasser gekühlt, das heißt, ich gehe davon aus, dass inzwischen die Kernschmelze bereits angefangen hat einzutreten.

Herter: Radioaktivität soll ausgetreten sein, darüber gibt es zumindest einen Bericht. Sie sprechen von Cäsium, wie gefährlich ist das? Die japanischen Behörden sagen, über eine Zone von zehn Kilometer hinaus gebe es keine Gefahr.

Lengfelder: Das ist entscheidend davon abhängig, wohin der Wind weht. Es ist zu erwarten, dass die Freisetzung nach einer vollen Kernschmelze über zehn bis 20 Stunden läuft, vielleicht sogar noch länger, wenn das Gebäude, die Hülle des Gebäudes zerstört ist, und in dieser Zeit kann der Wind irgendwohin drehen, und zehn Kilometer ist die erste Stufe einer Evakuierung. Wir wissen aus unseren Erfahrungen, in Tschernobyl, wo wir seit 20 Jahren tätig sind, wissen wir, dass dort auch in einer Entfernung sogar von 400 Kilometern für einige Jahre ein Sperrgebiet ausgewiesen wurde. Inzwischen ist das wieder besiedelt. Und die Flächen dazwischen sind weitgehend wenig belastet. Also man kann aus der Entfernung nichts sagen. Ich gehe davon aus, dass die japanischen Behörden die Evakuierungen über zehn, 20, 30 Kilometer auch weitertreiben müssen, um die Bevölkerung zu schützen.

Herter: Was könnten Schäden sein, die hier entstehen, abgesehen von Langzeitschäden?

Lengfelder: Die akuten Strahlenschäden sind nur im Nahbereich zu erwarten, und das wissen wir auch aus Tschernobyl, dass die Schutztruppen, die Liquidatoren, die Leute, die Feuerwehrleute, das technische Hilfspersonal, die sich im Nahbereich aufhalten, sie akute Strahlenschäden kriegen können. Und dann, die Bevölkerung selber wird das Risiko bekommen über das radioaktive Jod, was ja sehr stark und sehr früh freigesetzt wird. Das führt zu Schilddrüsenkrebs und anderen schweren schädlichen Erkrankungen. Das könnte aufgefangen werden über die sogenannte Jodblockade, wenn, bevor die radioaktive Wolke die Bevölkerung erreicht, sie mit stabilem Jod versorgt werden. Ob die Japaner das machen, ich unterstelle das mal, weil sie ja bei etwa 60 Atomkraftwerke betreiben, dass sie auf so was vorbereitet sind. Aber das sind nur Mutmaßungen, ich habe keine originären Daten und Informationen.

Herter: Die Mannschaften, die dort im Atomkraftwerk arbeiten, müssen also mit Verbrennungen rechnen, mit ganz akuten Folgen. Wissen Sie, ob Japan genug Kapazitäten hat, um solche Strahlenschäden zu behandeln?

Lengfelder: Wenn es nur 20 oder 30 solcher Verunfallter sind, dann hat Japan auf jeden Fall die Möglichkeit, sie angemessen zu behandeln. Ob es mehr sind, da kann ich nur spekulieren, das möchte ich im Moment nicht tun. Ich fürchte nur, dass durch die Kernschmelze, nachdem der Reaktor nicht mehr gekühlt werden kann, alles, was an mobilen radioaktiven Stoffen in dem Reaktor drin ist, freigesetzt wird und dann über den Wind es weitergeweht wird in die Richtungen. Und bei der dichten Besiedlung von Japan, denke ich, sind da Zigtausende von Menschen betroffen.

Herter: Der Großraum Tokio, dort wohnen 35 Millionen Menschen in diesem am dichtesten besiedelten Gebiet der Erde, auch dieser Raum wird betroffen sein?

Lengfelder: Wenn der Wind entsprechend steht, Tokio ist nach meiner Kenntnis rund 300 Kilometer entfernt, ist es durchaus möglich, dass der Wind die Wolke dorthin weht, und dann sind natürlich Millionen von Leuten in Abständen von 20, 30, 50, 100 Kilometern davon betroffen. Es wird keine akuten Strahlenschäden geben, die also sofort behandelt werden müssen, aber das Krebsrisiko, das wird ganz deutlich ansteigen, wie wir in den vergangenen 20 Jahren in der Aufarbeitung der Tschernobyl-Folgen nachgewiesen haben.

Herter: Sie haben eben von einer Reichweite von bis zu 400 Kilometern gesprochen, erfahrungsgemäß muss man also davon ausgehen, dass die Radioaktivität, zumindest Spuren und schwächere Radioaktivität, auch andere Länder erreichen werden.

Lengfelder: Von Japan aus geht es natürlich zunächst einmal nach Russland und nach Süden hin, also das dichtest besiedelte Land der Erde, die Japaner, die werden wohl großflächig damit zu kämpfen haben. Bezogen jetzt auf Europa sehe ich derzeit überhaupt keinen Anlass, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen, wie wohl wir mit unseren feinen Messgeräten das messen können. Aber eine Gefahr für die Bevölkerung schließe ich völlig aus.

Herter: Der Bundesumweltminister hat gestern auch gesagt, dass es praktisch auszuschließen sei, das würde dem entsprechen. Herr Lengfelder, letzte Frage: Sie haben von Tschernobyl gesprochen, ist es nicht zu früh, diese Katastrophe jetzt mit der Katastrophe in Japan zu vergleichen?

Lengfelder: Nun, der Vergleich fängt schon damit an, dass eine unkontrollierte Freisetzung da ist, und wenn man 20 Jahre so wie wir mit unserem Otto Hug Strahleninstitut Tschernobyl-Folgen beurteilen kann, aufgrund eigener Messungen, aufgrund eigener Untersuchungen, aufgrund des gemeinsamen Betriebs einer Klinik in Weißrussland, dann können wir diese Erfahrungen schon übertragen, auch wenn der Reaktortyp ein bisschen anders ist. Aber das spielt hier keine Rolle.

Herter: Es geht um die Folgen, Herr Lengfelder.

Lengfelder: Es geht um die Folgen. Es wird eine große Menge Radioaktivität freigesetzt, die über den Wind verweht wird, auf die Menschen einwirkt. Die Menschen stehen in der Radioaktivität, in dieser Wolke, werden bestrahlt, nehmen das in den Körper auf durch die Atmung, dann auch mit der Nahrung, und deswegen sind da sehr viele vergleichbare Vorgänge zu beurteilen.

Herter: Soweit Edmund Lengfelder von der Gesellschaft für Strahlenschutz über die Folgen des schweren Zwischenfalls in Japan. Vielen Dank, Herr Lengfelder!

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