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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Analyse einer Selbstinszenierung11.04.2011

Die Analyse einer Selbstinszenierung

Bettina Stangneth: "Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders", Arche Verlag

Die Historikerin Bettina Stangneth wehrt sich in ihrem Buch dagegen, Eichmann auf die Rolle des Organisators zu reduzieren. Sie hinterfragt die Legende des "Schreibtischtäters" - wie Eichmann nach seiner Verhaftung sein Bild derart ins Harmlose wenden und entpolitisieren konnte.

Von Jochanan Shelliem

Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann am Schreibtisch in seiner Zelle im Gefängnis Ramle in Israel. (picture alliance / dpa)
Nazi-Kriegsverbrecher Adolf Eichmann am Schreibtisch in seiner Zelle im Gefängnis Ramle in Israel. (picture alliance / dpa)

Die Philosophin Stangneth kommt von der Lügentheorie, geht also der Wirkungsgeschichte Eichmanns nach: Wie konnte der Leiter des "Judenreferats" im Reichssicherheitshauptamt so viel Macht an sich reißen, dass es ihm gelang, die Deportation und Ermordung von sechs Millionen Juden in Europa derart voranzutreiben und nach seiner Verhaftung sein Bild derart ins Harmlose zu wenden und zu entpolitisieren. Bettina Stangneth geht es in ihrem Buch stets um das Phänomen Eichmann. Günstig dabei, der aktuelle Reichtum der Materialgrundlage, die Eichmann hinterließ, zumal seit 1998 Tondokumente aus Buenos Aires zugänglich sind, wie Bettina Stangneth ausführt.

Von Eichmann existieren mehr Dokumente, Selbstzeugnisse und Zeitzeugenberichte als von allen anderen führenden Nationalsozialisten. Nicht einmal Hitler oder Goebbels haben mehr Material produziert.

In das Zentrum ihrer Arbeit stellt die Autorin dabei das Material aus Argentinien, die sogenannten "Sassen-Papiere" und ihre Wirkungsweise in der Bundesrepublik. Zeitzeugenberichte aus dem Dritten Reich und Pressemeldungen über Eichmanns Aufstieg zu Reinhard Heydrichs erstem Mann belegen seinen ungebrochenen Antisemitismus, für den die Judenvernichtung erstes Anliegen ist. Eichmanns Aussage in Argentinien, vier Jahre vor seinem Prozess zeigen einen Mann, der sich nicht verändert hat und zwölf Jahre nach Kriegsende im Kreis der Kameraden auf seine mörderischen Verdienste pocht. 1957, drei Jahre vor seiner Entführung, wehrt sich der Organisator der europaweiten Gasmorde und Deportationen im Kreis nationalsozialistischer Revisionisten in Buenos Aires gegen die Schmälerung seiner Verdienste um das Dritte Reich. Er müsse ganz ehrlich sagen, so Eichmann im Hause Willem Sassens, wäre es ihm gelungen, von den 10,3 Millionen Juden, die der Historiker Korherr als reichsdeutsche Bevölkerung ausgewiesen habe, genau diese Zahl an Juden zu töten, dann wäre er, Adolf Eichmann, befriedigt. Dann wäre der Feind wirklich vernichtet gewesen, so Eichmann. Bettina Stangneth hat die Tonbandaufnahmen aus dem Hause Sassen mit den Abschriften, die nach Eichmanns Verhaftung in Westdeutschland aufgetaucht sind, verglichen und analysiert.

"Sassen, der Verleger Eberhard Fritsch und Eichmann haben abgesprochen miteinander, dass das, was sie dort gemeinsam auf Tonband aufgenommen haben und was dann abgetippt worden ist, veröffentlicht werden soll, in dem Moment, wo Eichmann entweder tot ist oder in die Hände der Israelis fällt, ausdrücklich, das war ein Vertrag."

Am 13. Juli 1961 also hält Generalstaatsanwalt Gideon Hausner die Abschrift der Aufnahme vor Gericht in seiner Hand. Doch das Bekenntnis nützt ihm nichts. Denn Hausner verfügt nur über die Kopie des Protokolls von 1957, nicht aber über das Band. Und so kann Adolf Eichmann bei den Vorermittlungen in Israel den Pazifisten geben, der kein Blut sehen kann, den Mahner und die Bürokratenseele, wie ein Ausschnitt aus dem Verhör von Eichmann in Israel vor dem Prozess zeigt. Hier beschreibt Eichmann, wie er in Minsk der Erschießung von Juden beiwohnt. Die Fragen stellt der in Berlin geborene israelische Polizeioffizier Avner Less.

"Eichmann: "Als ich hinkam sah ich aber grade noch, wie junge Schützen, ich glaube, es waren Schützen mit dem Totenkopf auf den Spiegeln, hier in eine Grube schossen. ( ... ) Schossen hinein, und ich sehe noch eine Frau, Arme nach rückwärts, und dann sind mir die Knie abgewankt, und ich bin weg."
Less: "Sie haben nicht in den Graben hineingeschaut?"
Eichmann: "So, ich stand hier. Es wurde geschossen. Ich sehe das und bin weg, bin weg zu ..."
Less: "Der Graben war voll?"
Eichmann: "Bitte?"
Less: "Der Graben war voll mit Leichen?"
Eichmann: "Der war voll. Der war voll. Bin weg, zu meinem Wagen, eingestiegen und bin losgefahren und bin nach Lemberg gefahren. Ich hatte keinen Befehl nach Lemberg zu fahren, das fällt mir jetzt auch noch ein."

Für Bettina Stangneth entlarven diese Aufnahmen die Selbstinszenierung von Adolf Eichmann.

"Less sagt an einer Stelle wunderbar, Eichmann erzählte mir, dass er zu diesen Orten des Grauens reisen musste, er musste zusehen, wie Menschen erschossen werden. Und Eichmann erzählte Less in allen Details, wie grauenhaft es angeblich war, dass er dort stehen musste und dieses Ganze mit ansehen musste und es nicht ändern konnte. Und Less sagt dazu, er hat überhaupt nicht gemerkt, dass er mir damit alles gesagt hat, was ich wissen wollte, wenn nämlich ein Mann aus einer zentralen Instanz der Regierungshauptstadt in seiner Uniform kommt und Zeuge ist einer Massenerschießung, dann autorisiert er diese Erschießungssituation für alle Untergeordneten, die dort stehen und schießen."

Einerseits analysiert Bettina Stangneth in fleißiger Materialarbeit die Selbstinszenierung Adolf Eichmanns. Andererseits bildet sie auf 656 Seiten das gesellschaftliche Umfeld ab, das die Rollen Eichmanns goutiert oder auch fürchtet. Dass die Runde um den Journalisten Sassen sich nicht als klandestine Veranstaltung gibt, verweist auf die klammheimliche Unterstützung der alten Kameraden durch die deutsche Botschaft in Argentinien. Eichmanns offener Brief an Konrad Adenauer, in dem der Massenmörder die Möglichkeiten seiner Rückkehr nach Westdeutschland sondiert, wird ebenso analysiert, wie die Geschäfte Willem Sassens mit dem Interview-Material in Argentinien, das die Angst der braunen Kameraden vor einer Rückkehr des Mitwissers schürt. Wie ein Kriminalroman liest sich die Odyssee der Sassen-Protokolle, die 1960 in Auszügen an Henri Nannens Illustrierte "Stern" verkauft und von Einbrechern aus dem Schreibtisch von Eichmanns Stiefbruder Robert geraubt werden.

Bettina Stangneth zeichnet in ihrem Buch ein facettenreiches Bild der deutschen Nachkriegszeit. Kein Wunder, dass der BND, der aus der Abwehr Ost der Wehrmacht unter Reinhard Gehlen erwachsen ist, wie die Regierung Adenauer seit den Fünfzigern über Eichmanns Aufenthaltsort unterrichtet gewesen ist, an seiner Verhaftung, gar an einem deutschen Eichmann-Prozess aber nicht. "Eichmann vor Jerusalem" – ein Grundlagenwerk, dessen Rezeption eine neue Debatte über die Adenauerrepublik enthält.

Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem. Das unbehelligte Leben eines Massenmörders.
Arche Verlag, 656 Seiten, € 39,90
ISBN 978-3-716-02669-4

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